Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus

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RIAS-Logo (2015)

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) ist eine zivilgesellschaftliche Monitoringeinrichtung für antisemitische Handlungen in Berlin.

Zusammen mit jüdischen und nicht-jüdischen Organisationen hat sie ein berlinweites Netzwerk für die Meldung antisemitischer Vorfälle aufgebaut. RIAS wurde im Januar 2015 im Auftrag des Berliner Senats vom Verein für Demokratische Kultur in Berlin (VDK) gegründet und wird seither vom Land Berlin gefördert. Die Meldestelle gilt als das bundesweit erste Projekt seiner Art und als Vorbild für ähnliche Projekte.

Das eigenständig unter der Leitung von Benjamin Steinitz arbeitende Projekt beobachtet und dokumentiert antisemitische Entwicklungen in Berlin. Ziel ist es, auch solche Vorfälle zu erfassen, die nicht in die amtlichen Polizeistatistiken als antisemitische Straftaten einfließen. Hierfür wurde im Juli 2015 ein mehrsprachiges Online-Meldeportal unter www.report-antisemitism.de gestartet, das Berichte von Betroffenen und Zeugen sammelt, systematisiert und auswertet sowie öffentlich macht. RIAS vermittelt ferner Betroffene und Angehörige sowie Zeugen von Antisemitismus bei Bedarf an Beratungsstellen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Berliner Polizei verzeichnete knapp 200 antisemitische Straftaten im Jahr 2014. Die vielen alltäglichen Pöbeleien, Drohungen und Beleidigungen, die nicht in den strafbaren Bereich fallen, wurden in Berlin kaum dokumentiert. Daher hat der Berliner Senat den Verein für Demokratische Kultur in Berlin – Initiative für urbane Demokratieentwicklung e. V. (VDK) beauftragt, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus zu gründen, um fortan antisemitische Entwicklungen in Berlin zu beobachten und zu dokumentieren. Im Jahr 2014 war die Arbeit bei der Beratungsstelle ReachOut des ARIBA e. V. angesiedelt, seit Januar 2015 arbeitet RIAS als eigenständiges Projekt.[1] Am 20. Juli 2015 wurde das Online-Meldeportal unter www.report-antisemitism.de gestartet, das Berichte von Betroffenen und Zeugen sammelt, systematisiert und auswertet.[2] Gemeinsam mit der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) war RIAS offizieller Partner der European Maccabi Games 2015.[3] Seit September 2016 kooperiert RIAS mit dem mitgliederstärksten jüdischen Dachverband, der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).[4]

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erklärte Gründungsziele von RIAS sind die Entwicklung eines Meldesystems für antisemitische Vorfälle in Berlin und den Zugang zu bestehenden Beratungsangeboten für von Antisemitismus Betroffene zu erleichtern. Mit den gemeldeten Fällen soll nicht nur die Voraussetzung für detaillierte Einschätzungen und Lagebilder zu antisemitischen Ausdrucksformen in Berlin geschaffen werden, sondern auch ein stärkeres Engagement der demokratischen Zivilgesellschaft für das Thema erreicht werden.[1]

Kooperationen und Förderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kooperationspartner

Kooperationspartner für die Bearbeitung und Erfassung antisemitischer Vorfälle sind:[5]

  • Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA)
  • ReachOut – Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin
  • Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR)
  • Berliner Register – Register zur Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle in Berlin
  • Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland
  • Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG)

Weitere Kooperationspartner sind:[5]

Förderer

RIAS wird gefördert von:[5]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

RIAS findet bundesweit Beachtung[7][8] und gilt als bundesweites Vorbild: Im Januar 2016 hat in Kassel das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben nach dem Vorbild von und in Kooperation mit RIAS die Informationsstelle Antisemitismus Kassel unter der Leitung von Martin Sehmisch gegründet. Die CDU fordert für Hamburg die Einrichtung einer Meldestelle nach dem Vorbild der Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus.[9][10]

Die Vize-Präsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Maya Zehden, sagte zum einjährigen Jubiläum der Online-Meldestelle: „Fromme Juden verbergen ihre Kippa in der Öffentlichkeit lieber unter anderen Kopfbedeckungen. Denn wenn unvermittelt verbale Angriffe kommen, wird die Kippa schon mal als jüdische ‚Provokation‘ ausgelegt. Der Angriff wird legitimiert als Meinungsäußerung. Die Arbeit von RIAS macht klar, wo Antisemitismus beginnt. Wir Juden in Deutschland können uns nur in diesem Land sicher fühlen, so lange diese Form der Aufklärung stattfindet und Antisemitismus von Zivilgesellschaft und Institutionen aktiv bekämpft wird.“[11]

Stimmen aus der Berliner Landespolitik zu RIAS

Der Berliner Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Dirk Behrendt, lobte RIAS: „Zum Kampf gegen Antisemitismus gehört es zunächst, diesen zu erkennen und zu erfassen. RIAS bringt Licht in einen Dunkelbereich antisemitischen Alltags in Deutschland und zeigt, wie wichtig eine unabhängige, zivilgesellschaftliche Beobachtung antisemitischer Vorfälle ist. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zum Kampf gegen Antisemitismus und gilt deshalb auch bundesweit als Vorbild.“[12][13]

Anja Schillhaneck, Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, über das Projekt: „Die Arbeit von RIAS ist sehr wertvoll für die Bekämpfung des Antisemitismus. Durch das niedrigschwellige Angebot an Betroffene richtet RIAS ihren Blick auch auf Vorfälle, die entweder nicht bei der Polizei angezeigt werden oder nicht strafrechtlich relevant sind. Das hilft, um das tatsächliche Ausmaß des Antisemitismus in dieser Stadt besser abbilden und analysieren zu können. Nur wenn wir als politische Entscheidungsträger genau wissen, womit wir es zu tun haben, ist eine effektive und zielgerichtete Bekämpfung dieser gefährlichen Ideologie möglich.“[11]

Dilek Kolat sagte als Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen sowie Stellvertreterin des Regierenden Bürgermeisters: „Je mehr wir über antisemitische Vorfälle wissen, desto besser können wir dagegen vorgehen. Deshalb ist die Arbeit von RIAS so wichtig. Die Meldestelle trägt dazu bei, das Dunkelfeld aufzuhellen, hilft Betroffenen und unterstützt die Arbeit der Polizei. Ich wünsche mir, dass das zivilgesellschaftliche Engagement von RIAS in Berlin und darüber hinaus Schule macht.“[11]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

RIAS gibt jährlich einen Bericht Antisemitische Vorfälle in Berlin, eine Auswertung der Zahlen in Kontexten einschließlich Vergleich der RIAS-Statistiken mit den amtlichen Statistiken zu politisch motivierter Kriminalität sowie eine Auswertung des Qudstag-Marsches heraus.[14]

2015 wurde in erster Auflage die Broschüre „Wir stehen alleine da.“ – #EveryDayAntisemitism sichtbar machen und Solidarität stärken (52 Seiten) heraus.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Gründung der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR), ein Projekt des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin – Initiative für urbane Demokratieentwicklung e. V. (VDK), [2015], abgerufen am 20. August 2017.
  2. Yvonne Hissel: Online-Meldestelle für Antisemitismus: „Die Gefühle der Opfer zählen“. In: taz.de, 29. Juli 2015, abgerufen am 21. August 2017.
  3. Bundesweit einmaliges Meldesystem für antisemitische Vorfälle in Berlin. Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, Pressemitteilung, 16. Juli 2015, abgerufen am 21. August 2017 (PDF; 179 kB)
  4. Simon Brost: Gemeinsam für mehr Licht im Dunkelfeld. In: Neues Deutschland, 30. September 2016, abgerufen am 21. August 2017.
  5. a b c Über uns. Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, abgerufen am 21. August 2017.
  6. Ratschlag für Demokratie. Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung bei der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung auf berlin.de, abgerufen am 21. August 2017.
  7. Bspw.: Berlin: Zahl der antisemitische Vorfälle steigt deutlich. In: welt.de, 8. März 2016, abgerufen am 21. August 2017.
  8. Micha Guttmann: RIAS – Portrait der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus. In: Schalom, Deutschlandfunk, 1. Juli 2016, 15:50 Uhr (6:59 Min.).
    Jens Rosbach: Online-Meldestelle für Antisemitismus. In: DLF-Magazin, Deutschlandfunk, 1. September 2016.
    Thomas Klatt: Meldesystem für antisemitische Vorfälle. In: Aus der jüdischen Welt, Deutschlandfunk Kultur, 7. Oktober 2016.
  9. CDU fordert Meldestelle für Antisemitismus. In: NDR.de, 25. Februar 2017, abgerufen am 21. August 2017.
  10. Parteien stimmen gegen Antisemitismus-Meldestelle. In: welt.de, 31. März 2017, abgerufen am 21. August 2017.
  11. a b c „Die Arbeit von RIAS ist sehr wertvoll“ – Berliner Stimmen zum 1-jährigen Bestehen der Online-Meldestelle für antisemitische Vorfälle. RIAS, Verein für demokratische Kultur in Berlin e. V., 30. Juli 2016, abgerufen am 20. August 2017 (PDF; 291 kB).
  12. Hohe Zahl antisemitischer Vorfälle in Berlin. Sie waren Nachbarn e. V., 23. Februar 2017, abgerufen am 21. August 2017 (Vollzitat).
  13. Martin Krauss: RIAS-Jahresbericht: Anstieg bei antisemitischen Vorfällen. In: Jüdische Allgemeine, 23. Februar 2017, abgerufen am 21. August 2017.
  14. Presse – Publikationen. Website der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, abgerufen am 20. August 2017.