Zusammenbruch der Bronzezeit

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Östlicher Mittelmeerraum und vorderer Orient im 13. Jahrhundert v. Chr.

Der Zusammenbruch der Bronzezeit, genauer die Auflösung oder mindestens die ausgeprägten Veränderungen ihrer sozio-ökonomischen und gesellschaftlichen Integrität, war eine Übergangszeit der Kulturen im Nahen Osten, in Anatolien, in der Ägäis, in Nordafrika, im Kaukasus, auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeerraum, die sich von der Spätbronzezeit bis zur frühen Eisenzeit erstreckte. Es war ein Übergang, der die kollektive Resilienz der einzelnen Kulturen stark herausforderte und von dem Historiker vermuten, dass er gewalttätig, unvorhergesehen und kulturell zerstörerisch war und für einige Zivilisationen einen gesellschaftlichen Zusammenbruch mit sich brachte. Die Palastwirtschaftssysteme der Ägäis und Zentralanatoliens, die die Spätbronzezeit kennzeichneten, lösten sich nach Zerstörung oder Aufgabe der wichtigsten Zentren auf. Für weite Teile Kleinasiens sowie nach traditioneller Definition auch für Griechenland kennzeichnet dies den Beginn der sogenannten Dunklen Jahrhunderte.[1][2] Auswirkungen dieser Prozesse im östlichen Mittelmeerraum blieben nicht ohne Folgen für Handelsnetze (Transportkette, resiliente Lieferketten) für den mitteleuropäischen Raum. Eine besondere Rolle beim Handel nahmen etwa die Mitglieder der Aunjetitzer Kultur ein, deren Ausdehnung von Böhmen bis zur Mittelelbe-Saale-Region reichte.[3]

Zeitlicher Rahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahrzehnten zwischen ca. 1230 und ca. 1150 v. Chr. kam es zur Zerstörung bedeutender mykenischer Zentren und zum Zusammenbruch der zentral gelenkten Palastwirtschaft in Griechenland, dem Zusammenbruch des Hethitischen Großreiches in Anatolien (um 1190/80 v. Chr.) und zur Zerstörung wichtiger Handelsstädte in der Levante im frühen 12. Jahrhundert v. Chr.[4], einer Schwächung des sich nach dem Tod Ramses II. feindlichen Angriffen erwehrenden Neuen Ägyptischen Reiches (siehe u. a. Libyerkrieg) und einer Schwächung des Assyrerreichs ab ca. 1200 v. Chr. Der politisch-administrative Zusammenbruch bedeutete auch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch und eine kulturelle Katastrophe (etwa der Rückgang der Literalität in Griechenland und Zentralanatolien).

In dieser Periode wurden viele Palastzentren und andere bedeutende Städte zwischen Pylos und Tell Kazel gewaltsam zerstört und viele verlassen, einschließlich Hattusa, Pylos und Ugarit.[5] Robert Drews zufolge „wurde innerhalb eines Zeitraums von vierzig bis fünfzig Jahren am Ende des 13. und Anfang des 12. Jahrhunderts fast jede bedeutende Stadt im östlichen Mittelmeerraum zerstört, von denen viele nie wieder besiedelt werden sollten.“[6]

Nur wenige Staaten, insbesondere Assyrien, das Neue Ägyptische Reich (wenn auch stark geschwächt), Elam, sowie manche Regionen, vor allem der sogenannten „mykenischen Peripherie“, in Griechenland, überstanden den Zusammenbruch der Bronzezeit mehr oder weniger unbeschadet. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts v. Chr. wurde auch Elam deutlicher schwächer, v. a. nach seiner militärischen Niederlage gegen Nabû-kudurrī-uṣur (Nebukadnezar I.), der das Babylonische Reich kurz wiederbelebte, bevor er eine Reihe von Niederlagen durch die Assyrer erlitt. Nach dem Tod von Aššur-bel-kala im Jahr 1056 v. Chr. erlebte Assyrien im darauffolgenden Jahrhundert einen Niedergang, und das Reich schrumpfte erheblich. Bis 1020 v. Chr. scheint Assyrien nur die Gebiete in seiner unmittelbaren Umgebung kontrolliert zu haben. Das gut verteidigte Kernland war während des Zusammenbruchs nicht bedroht. Zur Zeit Wenamuns hatte Phönizien die Unabhängigkeit von Ägypten (Neues Reich) wiedererlangt.

Betroffenen waren vor allem die Kulturen der Mykener, Hethiter, Assyrer, Babylonier, der syrisch-kanaanitischen Kleinstaaten, Zyprer und Ägypter, die vor dem Zusammenbruch auf vielfältige Weise in Handels- und Warenströmen bzw. -austausch miteinander interagierten.

Ökonomie und militärische Technologie in der Spätbronzezeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bronzezeit war die Epoche der Gründung der ersten Städte und Staatsbildung sowie der Entstehung größerer Reiche unter einer zentralen Herrschaft, oft von Dynastien. Die landwirtschaftliche Produktion diente nun nicht mehr nur dem Eigenbedarf (Mehrprodukt), sondern stand auch mit ihren Produkten für die Ernährung jener Menschen zur Verfügung, die in handwerklichen Tätigkeiten beschäftigt waren oder für die Metallgewinnung- und Verarbeitung sowie im Warentransfer tätig wurden oder aber diese gesellschaftlichen Bereiche militärisch schützten. Die sich ausdifferenzierenden, führenden Eliten führten zu von diesen abhängigen Gemeinschaften. Die Herrscher sicherten die eigenen Machtansprüche auch durch militärische Gewalt. In der späten Bronzezeit wurde neben der Administration in den Reichen und Herrschaftsgebieten, der Politik, den Handelsbeziehungen und den Religionen auch die organisierte Kriegsführung zu dem fundamentalen Faktor, der viele damalige Gesellschaften prägte. Unter dem Einsatz von Waffengewalt trugen die Truppen eines Herrschaftsgebietes organisierte Konflikte aus, mit dem Ziel, die (konkurrierenden) Interessen eines der beteiligten Kollektive durchzusetzen.

Nach Mull (2017)[7] wurde die Entdeckung der Kupfer-Zinn-Legierungen – sie löste die zunächst gebräuchliche Arsenbronze und andere Kupferlegierungen ab – zu einem entscheidenden Schritt der kulturellen Weiterentwicklung. Durch die wachsende Nachfrage stand in der frühen Bronzezeit vor allem im östlichen Mittelmeerraum für die Beschaffung der erforderlichen Rohstoffe, deren Verarbeitung und der Verteilung bzw. Verwendung der hergestellten Gegenstände im Austausch mit anderen Gütern der Aufbau von logistischen und organisatorischen Handelsketten im Vordergrund. Hieraus entwickelten sich Wirtschaftszentren, deren wichtige Funktion es war, Handelsströme zu organisieren. Als Ergebnis kam es zur Akkumulation transportablen Reichtums, was Voraussetzung für die Entstehung einer Oberschicht war.

In der Waffentechnologie waren in der späten Bronzezeit neben dem Streitwagen, Kompositbogen und der Streitaxt zum Schutz noch Helme, Schilde und Körperrüstungen (siehe Dendra-Rüstung) vorhanden. Bronzene[8] Schuppenpanzer trugen wahrscheinlich nur Eliteeinheiten wie die Streitwagenabteilungen.[9]

Nach neueren Forschungen der Archäologen Jung und Mehofer standen Gruppen in der Ägäis auch mit der appeninischen Kultur Italiens in engem Kontakt.[10] Darauf weisen Ergebnisse archäometallurgischer Untersuchungen an spätbronzezeitlichen Schwertern und Fibeln in spätmykenischen Fundkontexten hin. Die charakteristischen Hiebschwerter vom Typ Naue II wurden demnach in Italien hergestellt und verbreiteten sich von dort über die Ägäis in den östlichen Mittelmeerraum.

Mehofer und Jung (2013)[11][12] sehen in ihren Untersuchungen eine Allianz zwischen italischen Ethnien und zerfallenden mykenischen Staaten. Um 1200 v. Chr. kollabierte die mykenische Palastkultur. Die nachfolgenden mykenischen Staaten orientierten sich u. a. an italischen Ethnien, die eine fortschrittliche Kriegstechnologie entwickelt hatten. Mehofers und Jungs Neubewertung der spätbronzezeitlichen Funde aus Griechenland, Zypern, der Levante und Ägypten zeigt, das etwa die Waffen nicht aus den jeweiligen Regionen stammen, sondern der Urnenfelderkultur Mitteleuropas (etwa 1300–800 v. Chr.) zuzurechnen sind.[13] So zeige sich seit dem 13. Jahrhundert v. Chr. ein nachweisbarer Funktionswandel von den reinen Stich- zu den Hiebschwertern. So waren die in Mitteleuropa und Italien produzierten Griffzungenschwerter des Typs Naue II effektivere Waffen.[14][15] Im östlichen Mittelmeer wurde bis ins 13. Jahrhundert v. Chr. hauptsächlich mit Stichschwertern gekämpft, die funktionell dem neuzeitlichen Rapier oder Degen ähnelten. Die Kriegswerkzeuge des Typs Naue II hingegen konnten sowohl als Hieb- als auch als Stichwaffen verwendet werden.

Nach Tainter (1988)[16] erhöhen Gesellschaften ihre (etwa administrative und ökonomische) Komplexität[17], um neuen Anforderungen innerhalb einer Gesellschaft genüge tun zu können. Die Erhöhung der Komplexität vergrößert prinzipiell aber auch die Kosten ihrer Erhaltung. Innerhalb der bestehenden Bedingungen kann eine Gesellschaft dies bewerkstelligen, weil mit den verbesserten Methoden, Verfahren oder Handelsbeziehungen auch die Effizienz gesteigert werden kann. Darüber hinaus setzt die Suche nach Problemlösungen vielfach Ressourcen frei. Bei einem raschen Kollaps treffen eine Reihe von gesellschaftlichen Problemen, etwa Nahrungsknappheit, Pandemien, Kriege, Umweltkatastrophen in einem engen Zeitfenster eine komplexe Gesellschaft und die gesamtgesellschaftliche Resilienz ist zu erschöpft um eine Lösung zu finden, zumal sämtlichen Bereiche untereinander abhängig sind. Die Abhängigkeit der einzelnen Bereiche, die Verzahnung führt dann zum Kollaps.

Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Robert Drews beschreibt den Zusammenbruch als „die schlimmste Katastrophe in der alten Geschichte, die noch katastrophaler ist als der Zusammenbruch des Weströmischen Reiches“. Kulturelle Erinnerungen an die Katastrophe erzählten von einem „verlorenen goldenen Zeitalter“: Hesiod sprach zum Beispiel von den Zeitaltern von Gold, Silber und Bronze, die von dem modernen, grausamen Zeitalter des Eisens getrennt waren.

Eine Reihe monokausaler Erklärungen für den Zusammenbruch wurde vorgeschlagen, ohne dass ein Konsens erzielt werden konnte. Wahrscheinlich spielten multikausale Faktoren eine Rolle, darunter Klimaveränderungen (wie Dürre, eventuell durch Vulkanausbrüche verursacht), Invasionen von Gruppen wie den sogenannten „Seevölkern“, innenpolitische Krisen/Machtkämpfe bei Großmächten, Metallknappheit, Weiterentwicklungen bzgl. militärischer Waffen und Taktiken und soziale und wirtschaftliche Krisen, die womöglich zu Aufständen führten.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jared Diamond (2005) nennt fünf wesentliche Gründe, die zu einem Zusammenbruch von Gesellschaften führen können; siehe hierzu Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. 2. Auflage, Fischer, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-596-19258-8.
  2. Joseph Tainter: The Collapse of Complex Societies (= New Studies in Archaeology.). Cambridge University Press, Cambridge (UP) 1990 (Erstausgabe 1988).
  3. Dirk Brandherm: Archäologische Periodisierung zwischen materiellen Kultur und gesellschaftlicher Entwicklung. Die Fallbeispiele El Argar- und westliche Urnenfelderkultur im Vergleich. S. 25–54 In: Dirk Brandherm, Bianka Nessel (Hrsg.): Phasenübergänge und Umbrüche im bronzezeitlichen Europa. (= Band 297 Beiträge zur Sitzung der Arbeitsgemeinschaft Bronzezeit auf der 80. Jahrestagung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung), Rudolf Habelt, Bonn 2017, ISBN (Teiltext [1] Auf: pureadmin.qub.ac.uk) hier S. 35–45
  4. Für das syrische Gebiet siehe Mario Liverani: The Collapse of the Near Eastern Regional System at the End of the Bronze Age: The Case of Syria. In: Michael Rowlands, Mogens Trolle Larsen, Kristian Kristiansen (Hrsg.): Centre and Periphery in the Ancient World. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 1987.
  5. R. Drews: The End of the Bronze Age: Changes in Warfare and the Catastrophe ca. 1200 B.C. Princeton (N.J.) 1993.
  6. R. Drews: The End of the Bronze Age: Changes in Warfare and the Catastrophe ca. 1200 B.C. Princeton (N.J.) 1993, S. 4
  7. Jörg Mull: Mythen und Metalle. Der Trojanische Krieg, die Seevölker und der Kulturbruch am Ende der Bronzezeit. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2017, ISBN 978-3-96023-106-6, S. 15–16; 23; 273–286.
  8. Ernst Pernicka: Die Ausbreitung der Zinnbronze im 3. Jahrtausend. In: Bernhard Hänsel (Hrsg.): Mensch und Umwelt in der Bronzezeit Europas. Oetker-Voges, Kiel 1998, ISBN 978-3-98043-222-1, S. 135–147 (Volltext als PDF Auf: archiv.ub.uni-heidelberg.de).
  9. Jörg Mull: Mythen und Metalle. Der Trojanische Krieg, die Seevölker und der Kulturbruch am Ende der Bronzezeit. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2017, ISBN 978-3-96023-106-6, S. 117–119.
  10. Österreichische Akademie der Wissenschaften: Forschungsbericht (Memento vom 28. November 2012 im Webarchiv archive.today) vom Februar 2008.
  11. Reinhard Jung, Mathias Mehofer: Mycenaean Greece and Bronze Age Italy: Cooperation, Trade or War? In: Archäologisches Korrespondenzblatt. 2013, Band 43, S. 175–193.
  12. Alwin Schönberger: Das Piraten-Puzzle. In: profil. Band 13, 23. März 2009, S. 94–98 (Volltext als PDF Auf: vias.univie.ac.at).
  13. Hartmut Matthäus, Gisela Schumacher-Matthäus: Ein spätbronzezeitlicher Helm von der Insel Zypern. Kulturelle Beziehungen zwischen dem Urnenfelderkreis, Mykenai und Zypern. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. Band 59, 2012, S. 51–84 (Volltext online Auf: journals.ub.uni-heidelberg.de).
  14. Sabine Pabst: Naue II-Schwerter mit Knaufzunge und die Aussenbeziehungen der mykenischen Kriegerelite in postpalatialer Zeit. (= Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. Band 60, 2013 S. 105–152 Volltext online Auf: journals.ub.uni-heidelberg.de.)
  15. Reinhard Jung, Mathias Mehofer: A Sword of Naue II Type from Ugarit and the Historical Significance of Italian-type Weaponry in the Eastern Mediterranean. In: Aegean Archaeology. Band 8, 2005–2006 (2009), S. 111–135.
  16. Joseph Tainter: The Collapse of Complex Societies. (= New Studies in Archaeology.). Cambridge University Press, Cambridge (UP) 1990 (Erstausgabe 1988).
  17. Menschliche Gemeinschaften sind gezwungen ihre Verhältnisse in ihrer Lebenswelt durch eigene Leistungen (Arbeit, Produktion, Kreativität usw.) zu ändern um die notwendigen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Form ihrer Aneignung bleibt dabei variabel, etwa die Organisation der Arbeit (Arbeitsteilung), der Anwendung von Werkzeugen und Technologien und verändert sich mit den sozialhistorischen Gegebenheiten und Bedingungen in dem jeweiligen geografischen Gefüge.
  18. Stefanos Gimatzidis, Bernhard Weninger: Radiocarbon Dating the Greek Protogeometric and Geometric Periods: The Evidence of Sindos. In: Plos One. 27. Mai 2020, S. 1–28 (Volltext online).