Joseph Joachim

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Musiker Joseph Joachim. Für den gleichnamigen Schweizer Schriftsteller siehe Joseph Joachim (Schriftsteller).
Joseph Joachim
Joseph Joachim, 1867.
Die Villa Joachim, Entwurfszeichnung des Architekten Richard Lucae, 1871
Joachim-Quartett mit (v. l. n. r.): Robert Hausmann, Joseph Joachim, Emanuel Wirth und Carl Halir. Bild: Ferdinand Schmutzer

Joseph Joachim (* 28. Juni 1831 im damals ungarischen Kittsee bei Pressburg, heute Burgenland; † 15. August 1907 in Berlin) war ein österreich-ungarischer Violinist, Dirigent und Komponist. Er galt als einer der bedeutendsten Violinisten seiner Zeit.

Leben[Bearbeiten]

Joseph Joachim wurde als siebentes Kind des jüdischen Wollhändlers Julius Joachim (um 1791–1865 Pest) und der Fanny Figdor (um 1791–1867 Wien), Tochter des Wiener Grosshändlers Isak Figdor, in Kittsee im Burgenland geboren. Kittsee gehörte zu den Siebengemeinden und war damals im Besitz der ungarischen Familie Eszterhazy. Joachims Familie war nicht wohlhabend, aber weit verzweigt und unter anderem mit den reichen Wittgensteins in Wien verwandt. 1833 zog die Familie nach Pest.

Obwohl Joachim aus keiner Musikerfamilie stammte, wurde sein Talent früh von Stanislaus Serwaczynski entdeckt und kontinuierlich gefördert. Er wurde als Geige spielendes Wunderkind bezeichnet, trat bereits mit sieben Jahren als Geigensolist auf und wurde schon früh von Felix Mendelssohn Bartholdy gefördert. Er besuchte ab 1838 das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bei Joseph Böhm (1795–1876) und setzte seine Ausbildung von 1843 bis 1849 am Leipziger Konservatorium fort. Beratend zur Seite standen ihm u. a. Ferdinand David und Moritz Hauptmann. 1844 brachte er Beethovens jahrzehntelang vergessenes Violinkonzert in London unter Mendelssohns Leitung zur Neuaufführung, worauf das Werk einen festen Platz im Konzertrepertoire gewann. Von 1848 bis 1850 war er auch Mitglied des Gewandhausorchesters. Nach Mendelssohns Tod 1847 machte er sich auf die Suche nach einem neuen Vorbild und reiste zu Franz Liszt nach Weimar, der sich von seinem Violinspiel beeindruckt zeigte und ihn zum Komponieren ermutigte.

Im Jahr 1849 lernte Joseph Joachim in Weimar Gisela von Arnim kennen, die gleichzeitig auch mit Herman Grimm befreundet war. Es entwickelte sich eine für alle drei Beteiligten teils sehr schmerzhafte Liebesbeziehung, die erst durch die Heirat Gisela von Arnims mit Herman Grimm 1859 ein Ende fand.

1852 bis 1866 war Joseph Joachim Königlicher Konzertmeister in Hannover. Im März 1853 lernte er Clara Schumann, Robert Schumann und über diese Johannes Brahms kennen, dem er bei dessen Violinkonzert D-Dur op. 77 beratend zur Seite stand. Auch Max Bruch wandte sich an ihn, als er nach der Uraufführung seines 1. Violinkonzerts 1866 das Stück überarbeitete. In der endgültigen Fassung griff er Anregungen Joachims auf; sie wurde 1868 erstmals aufgeführt mit Joachim als Solisten.

Im Jahr 1863 heiratete er die Opernsängerin Amalie Schneeweiß. Das Paar hatte drei Töchter und drei Söhne, darunter Johannes Joachim (* 1864), Hermann Joachim (* 1866), Marie Joachim (1868–1918) und Elisabeth Joachim. 1868 zog die Familie nach Berlin. 1869 berief ihn König Wilhelm I. von Preußen zum Gründungsrektor der Königlich Akademischen Hochschule für ausübende Tonkunst, der späteren Musikhochschule Berlin. Seine pädagogische Arbeit prägte die Hochschule entscheidend.

Gleichzeitig war er einer der einflussreichsten Musiker seiner Zeit, der das Musikleben im Zweiten deutschen Kaiserreich maßgeblich bestimmte.[1] Zu seinen Schülern gehörten Hans Weisbach, Bronisław Huberman, Arnold Schering, Will Marion Cook, Willy Hess, Maud Powell, Marie Soldat-Röger, Bram Eldering, Karl Klingler, Willem Kes, Leopold Auer, Carl Halir, Hugo Heermann und Willy Burmester. Für seinen besten Schüler hielt er Max Brode.

Das Joachim-Quartett im Jahr 1884. Links Heinrich de Ahna, oben: Hausmann, rechts Wirth, unten Joseph Joachim

Als besonders wichtig galten ihm neben seiner Hochschultätigkeit seine Quartettabende, mit denen er ganz bewusst ein Gegenstück zu Wagners Musikveranstaltungen errichten wollte. Das nach 1879 gegründete und nach ihm benannte Joachim-Quartett (mit Heinrich de Ahna (ab 1897 mit Carl Halir), 2. Violine, Emanuel Wirth, Viola und Robert Hausmann, Violoncello) wurde einer der Hauptrepräsentanten der deutschen Musikkultur zum Ende des 19. Jahrhunderts.

1870/71 ließ er durch den Berliner Architekten Richard Lucae eine herrschaftliche Villa bauen, die Villa Joachim im Berliner Tiergarten.[2] 1895 nahm er zusammen mit Brahms an der Feier zur Eröffnung der Neuen Tonhalle in Zürich teil.

Seine krankhafte Eifersucht führte im Jahr 1884 zur Scheidung von seiner Ehefrau Amalie. Er hatte sie des Ehebruchs beschuldigt, aber selbst seine Freunde Johannes Brahms und Max Bruch ergriffen Partei für die Ehefrau. Der Scheidung ging ein mehrjähriger zermürbender Rosenkrieg voraus.

Joachim hatte sich im Erwachsenenalter protestantisch taufen lassen und musste – wie viele andere – erleben, dass er dennoch von bestimmten Kreisen der Gesellschaft als Jude wahrgenommen wurde. In seine Berliner Zeit fallen zunehmend antisemitische Angriffe von Seiten der Wagnerianer (darunter dem Dirigenten Hans von Bülow) und des Hofpredigers Adolf Stoecker, während der preußische Hof zu ihm hielt.

Nach seinem Tod im Jahr 1907 ehrte die Hochschule Joachim mit einer großen Trauerfeier, für die Otto Lessing eine Büste Joachims schuf. Joachims Grab auf dem Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Friedhof in Berlin-Westend, Fürstenbrunner Weg, ist heute ein Ehrengrab des Landes Berlin.

Instrumente[Bearbeiten]

Im Laufe seiner Karriere spielte oder besaß Joachim eine erstaunliche Anzahl von berühmten Stradivarius: „Korschalk“ (1698), „Jupiter“ (1700), „Morgan“ (1708), „Knoop“ (1714), „de Barrau“ (1715), „Crémonais“ (1715), „Lipinski“ (1715), „Laurie“ (1722), „Arbos“ (1723), „Chaconne“ (1725), „Benny“ (1729), „Tom Taylor“ (1732). Die „Hochstein“ (1715) war später im Besitz von Franz Kneisel und danach von Jascha Heifetz. Die „Elman“ (1722) scheint bereits Mischa Elman gehört zu haben.

Joachim spielte als Hauptinstrument eine Violine von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1714 („ex-Joachim“). Daneben besaß er vier weitere Violinen dieses Geigenbauers (1714 „Dolphin“, 1715 „ex-Alard/Baron Knoop“, 1722 „Laurie“ und 1725 „Chaconne/Hammig“) und eine Violine von G. B. Guadagnini aus dem Jahr 1752 (,,ex-Kneisel") und 1767 („ex-Sennhauser/Joachim“).

Würdigungen[Bearbeiten]

Straßenschildt mit Legende der Joachimstraße in Hannover
  • 1892 wurde in Hannover eine schon um 1845 als Teil der Straße Am Bahnhofe entstandene Straße zu Ehren des Komponisten umbenannt in Joachimstraße (die von 1935 bis 1945 wiederum umbenannt war in Thielenstraße).[3]
  • 1909 wurde am 17. März die im Berliner Ortsteil Grunewald gelegene vormalige Auerbachstraße in „Joseph-Joachim-Straße“ umbenannt. Da in der Zeit des Nationalsozialismus Name, Werk und Leistung des Künstlers totgeschwiegen wurden, erfolgte am 20. März 1939 eine Umbenennung dieser Straße in Oberhaardter Weg. Nach dem Krieg wurde dieser Name beibehalten.
  • 1911 wurde in einer Wandnische der großen Halle der Hochschule für Musik eine von Bildhauer Adolf von Hildebrand modellierte Büste aufgestellt (1936 entfernt).
  • 1967 wurde in Berlin-Wilmersdorf ein Platz „Joseph-Joachim-Platz“ genannt und mit einer Gedenktafel versehen.
  • 1969 gab die Deutsche Bundespost Berlin am 12. September zum Jubiläum 100 Jahre Hochschule für Musik Berlin eine 30-Pfennig-Sonderbriefmarke heraus, die einen Geige spielenden Joseph Joachim auf einer Zeichnung von Adolph von Menzel zeigt (Michel-Nr. 347).
  • 1981 wurde im Juni im Foyer der Universität der Künste Berlin eine Büste Joachims als Zweitguss der im März 1936 von den Nationalsozialisten aus der Hochschule entfernten und unauffindbaren Originalbüste sowie eine dazugehörige Messingtafel enthüllt.
  • 1991 wurde von der Stiftung Niedersachsen der Internationale Joseph Joachim Violinwettbewerb, Hannover gegründet, der Joachim gewidmet ist.
  • 1993 richtete die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar erstmals einen nach Joachim benannten „Internationalen Joseph-Joachim-Kammermusikwettbewerb“ aus, der seitdem alle drei Jahre stattfindet.[4]
Ehrengrab, Fürstenbrunner Weg 69, in Berlin-Westend

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Op. 1 Andantino und Allegro scherzoso für Violine und Orchester in B-Dur
  • Op. 2 Romanze in B-Dur
  • Op. 3 Concert (in einem Satze, G-moll) für Violine und Orchester oder Pianoforte
  • Op. 4 Ouverture „Hamlet“
  • Op. 5 „Lindenrauschen“
  • Op. 6 Ouverture „Demetrius“
  • Op. 7 Ouverture „Henry IV“ (1854)
  • Op. 8 Sinfonie C-Dur (Freie Orchesterfassung von Franz Schuberts Grand Duo für Klavier zu vier Händen, 1855)
  • Op. 9 Hebräische Melodien für Bratsche und Klavier
  • Op. 10 Concert (in ungarischer Weise) für die Violine mit Orchesterbegleitung (1861)
  • Op. 11 Nocturno für Violine und Orchester oder Pianoforte
  • Op. 12 Ouverture „In Memoriam Heinrich von Kleist“ (1861)
Joseph Joachim Briefmarke zum Jubiläum der Hochschule für Musik Berlin

Literatur[Bearbeiten]

  • Constantin von Wurzbach: Joachim, Joseph. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Band 10. Verlag L. C. Zamarski, Wien 1863, S. 217–220 (Digitalisat).
  • Andreas Moser: Joseph Joachim: ein Lebensbild. Neue umgearb. und erw. Ausg. in 2 Bänden. Verlag der Deutschen Brahms-Gesellschaft, Berlin 1908–1910
  • Johannes Joachim (Hrsg.): Joseph Joachims Briefe an Gisela von Arnim. 1852-1859. Göttingen 1911
  • Andreas Moser (Hrsg.): Johannes Brahms im Briefwechsel mit Joseph Joachim. Nachdruck der 3. Aufl., Verlag der Deutschen Brahms-Gesellschaft, Berlin 1921
    • Bd. 1. – 3., durchges. und verm. Aufl. 1921
    • Bd. 2. – 2., durchges. und verm. Aufl. 1912
  • Werner Bollert: Joachim, Joseph. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 440 f. (Digitalisat).
  • Günter Weiß-Aigner: Komponist und Geiger. Joseph Joachims Mitarbeit am Violinkonzert von Johannes Brahms. In: Ernst Thomas, Otto Tomek, Carl Dahlhaus (Hrsg.): Neue Zeitschrift für Musik. 135. Jahrgang, Heft 4, Mainz, April 4/1974, S. 232–236
  • Wolfgang Ebert: Brahms und Joachim in Siebenbürgen. In: Othmar Wessely (Hrsg.): Studien zur Musikwissenschaft. Tutzing 1991, S. 185–204 (Beihefte der Denkmäler der Tonkunst in Österreich, Band 40)
  • Peter Jost: Unbequem – Ändern! Leichter! Brahms’ Zusammenarbeit mit den Solisten seiner Konzerte. In: Renate Ulm (Hrsg.): Johannes Brahms – Das symphonische Werk. Entstehung, Deutung, Wirkung. Kassel 1996, S. 179–184
  • Brigitte Massin: Les Joachim. Une famille de musiciens. Fayard, Paris 1999, ISBN 2-213-60418-5
  • Beatrix Borchard: Stimme und Geige: Amalie und Joseph Joachim – Frau und Mann. Biographie und Interpretationsgeschichte. Böhlau Verlag, Wien 2005. (2. Aufl. 2007, ISBN 978-3-205-77629-1) (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte, Band 5)
  • Hans-Rainer Jung, Claudius Böhm: Das Gewandhaus-Orchester. Seine Mitglieder und seine Geschichte seit 1743. Faber & Faber, Leipzig 2006, ISBN 3-936618-86-0, S. 106
  • Michele Calella als Hrsg. (gemeinsam mit Christian Glanz): Joseph Joachim (1831–1907) – europäischer Bürger, Komponist, Virtuose. Mille-Tre-Verlag, Wien 2008
  • Frigge-Marie Friedrich: Joseph Joachim, der Meister der Geige. Roman-Biographie. 2008, ISBN 978-3-938754-12-2
  • Otto Biba, "'Ihr Sie hochachtender, dankbarer Schüler Peppi' Joseph Joachims Jugend im Spiegel bislang unveröffentlichter Briefe", Die Tonkunst, vol. 1, nr. 3, Juli 2007, 200–204.
  • Beatrix Borchard, "Groß-männlich-deutsch? Zur Rolle Joseph Joachims für das deutsche Musikleben in der Wilhelminischen Zeit", Die Tonkunst, vol. 1, nr. 3, Juli 2007, 218–231.
  • Dietmar Shenk, "Aus einer Gründerzeit: Joseph Joachim, die Berliner Hochschule für Musik und der deutsch-französische Krieg", Die Tonkunst, vol. 1, nr. 3, Juli 2007, 232–246.
  • Ute Bär, "Sie wissen ja, wie gerne ich, selbst öffentlich, mit Ihnen musicire! Clara Schumann und Joseph Joachim", Die Tonkunst, vol. 1, nr. 3, Juli 2007, 247–257.
  • Gerhard Winkler (ed.) "Geigen-Spiel-Kunst: Joseph Joachim und der 'Wahre' Fortschritt", Burgenländische Heimatblätter, vol. 69, nr. 2, 2007.
  • Robert W. Eshbach, "Der Geigerkönig: Joseph Joachim as Performer", Die Tonkunst, vol. 1, nr. 3, Juli 2007, 205–217.
  • Robert W. Eshbach, "Verehrter Freund! Liebes Kind! Liebster Jo! Mein einzig Licht. Intimate letters in Brahms's Freundeskreis", Die Tonkunst, vol. 2, nr. 2, April 2008, 178–193.
  • Robert W. Eshbach, "Joachims Jugend", Die Tonkunst, vol. 5, nr. 2, April 2011, 176–190.
  • Robert W. Eshbach, "Joachim's Youth – Joachim's Jewishness", The Musical Quarterly, vol. 94, no. 4, Winter 2011, 548–592

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Joseph Joachim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Berliner Zeitung vom 15. August 2007.
  2. 1910 wurde die Villa zeitweilig vom Fürsten von Hatzfeldt als Palais de ville genutzt; 1919 eröffnete Magnus Hirschfeld mit seinem Mitarbeiter Arthur Kronfeld hier das erste Institut für Sexualwissenschaft.
  3. Helmut Zimmermann: Joachimstraße, in: Die Strassennamen der Landeshauptstadt Hannover, Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1992, ISBN 3-7752-6120-6, S. 132
  4. Internationaler Joseph Joachim Kammermusikwettbewerb der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar.
  5. Ehrenbürger der Stadt Bonn.