Bruderhöfer

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Die Bruderhöfer oder Arnoldleut sind eine neutäuferische Bewegung, die eine an die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde angelehnte Gütergemeinschaft praktiziert. Ihre Entstehung geht auf das Ehepaar Eberhard und Emmy Arnold zurück. Sie waren zeitweilig den Hutterern angeschlossen und erhielten von ihnen den Beinamen Arnoldleut. Seit 1995 sind sie wieder von ihnen getrennt.

Geschichte[Bearbeiten]

Schild im Eingangsbereich des heutigen Bruderhofs in Sannerz
Hauptgebäude des Bruderhofs in Sannerz

Die Bruderhof-Gemeinschaft wurde 1920 von Eberhard Arnold und seiner Ehefrau Emmy in Sannerz (Hessen) gegründet. Ihre geistlichen Wurzeln sehen die Bruderhöfer im Täufertum und in der radikalen Reformation des 16. Jahrhunderts, als Tausende die Großkirchen verließen, um in Gemeinschaft zu leben. Auch das Lebenszeugnis der württembergischen Pfarrer Johann Christoph Blumhardt und Christoph Blumhardt hat das Leben der Gemeinschaft entscheidend geprägt. Weitere Impulse kamen aus der Theologie des religiösen Sozialismus und der Jugendbewegung. Bis heute gehören deshalb viele Lieder, Tänze und Bräuche der Wandervögel zur Tradition der Bruderhöfler.

1926 siedelte die Gemeinschaft nach dem nahegelegenen Sparhof in der Rhön um. Die Gemeinschaft wuchs beständig und umfasste bald etwa 80 bis 100 Erwachsene und Kinder.

In den Jahren 1930 bis 1931 besuchte Eberhard Arnold die Hutterer in Nordamerika, woraufhin sie sich in den 1930er Jahren den Hutterern anschlossen und eine Reihe ihrer Traditionen (zum Beispiel ihre einheitliche Kleidung) übernahmen. Von den Althutterern wurden sie auch als „Arnoldleut“ (nach Eberhard Arnold) bezeichnet.

Seit dem Machtantritt des Hitlerregimes im Januar 1933 ergaben sich erhebliche Nöte und Schwierigkeiten für die Mitglieder, die 1934 zur Gründung des Almbruderhofes im Fürstentum Liechtenstein führten (Almbruderschaft). Am 14. April 1937 umzingelten bewaffnete SS-Männer den Sparhof, trieben alle Mitglieder des Rhönbruderhofs mit vorgehaltenen Waffen zusammen und ließen ihnen 48 Stunden Zeit, um das Land zu verlassen. Drei Mitglieder wurden verhaftet und „der Volkssicherheit wegen“ ins Kasseler Gefängnis gebracht. Grund der Ausweisung aus Deutschland war sowohl ihr Nein zur Gleichschaltungspolitik des Nationalsozialismus als auch ihre Weigerung, Kriegsdienst zu leisten.[1]

Die deutschen Bruderhöfer wanderten über Liechtenstein und Großbritannien, wo nach Kriegsausbruch die Internierung der deutschen Mitglieder drohte, nach Paraguay aus. Paraguay war das einzige Land, das 1941 den circa 350 Bruderhöflern eine Einreisegenehmigung erteilte und die Gründung der Siedlung Primavera (Paraguay) ermöglichte. Nach einer Krise Anfang der 1960er Jahre zogen die Bruderhöfler in die USA, wo sie eine wechselvolle Geschichte der Teilung, Wiedervereinigung und wiederum Teilung mit den hutterischen Schmiedeleut durchliefen. Während dieser Zeit verloren sie durch Ausschluss und Austritt etwa die Hälfte ihrer Mitglieder.

Die Geschichte dieser Krise wird von den Bruderhöfern anders gesehen als von denen, die weggingen oder gehen mussten. Eine grundlegende Aufarbeitung der Trennung ist noch nicht erfolgt.

Ab 1955 bestand auch eine Siedlung der Brüderhöfler auf dem Sinntalhof bei Bad Brückenau. Sie wurde 1961 wieder aufgegeben.

Lehre und Leben[Bearbeiten]

Als Glaubensgrundlage galt von Anbeginn das Apostolische Glaubensbekenntnis. Ebenso grundlegend sind die Lehren Jesu im Neuen Testament, insbesondere der Bergpredigt. Das verpflichtet die Bruderhöfer zu Gewaltlosigkeit, Nächsten- und Feindesliebe sowie Treue in der Ehe. Vorbild ist ihnen das gemeinschaftliche Leben der Urchristen, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird, sowie die Didache. Sie verfügen über keinen Privatbesitz, sondern legen ihre Güter zusammen und teilen alle Güter miteinander. Über eine Gemeinschaftskasse wird jeder versorgt, wie er es nötig hat.

Da Bruderhöfler recht aktiv missionieren, bestehen neben den Hauptniederlassungen in den USA auch kleinere Gemeinschaften in Deutschland, England und Australien. Sie sind heute nur noch zu einem Teil deutscher Herkunft. Seit ihrer Auswanderung in die USA ist deshalb die hochdeutsche Sprache nicht mehr die Regelsprache der Bruderhöfe.

Die Bruderhöfer kennen keine Gemeindeautonomie wie die Althutterer, sondern werden zentral geleitet. Auch fehlt das bewusste Zufallselement bei der Auswahl der Gemeindeleitung. Stattdessen wird die Leiterschaft von den Mitgliedern durch einen möglichst einstimmigen Beschluss eingesetzt.

Im August 2002 kehrten die Bruderhöfer an ihren deutschen Ursprungsort in Sannerz zurück. Im thüringischen Kurort Bad Klosterlausnitz wurde eine Filiale eröffnet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Markus Baum: Stein des Anstoßes. Eberhard Arnold 1883 - 1935, Brendow Verlag Moers 1996, ISBN 3-87067-657-4
  • Ulrich Eggers: Gemeinschaft lebenslänglich. Deutsche Hutterer in den USA, R. Brockhaus Verlag Wuppertal 1992, ISBN 3-417-20395-3
  • J.Heinrich Arnold: Leben in der Nachfolge, Brendow Verlag Moers 1996, ISBN 3-87067-650-7
  • Emmy Arnold: Gegen den Strom. Das Werden der Bruderhöfe, Brendow Verlag Moers 1983, ISBN 3-929412-09-8; überarbeitete Neuausgabe als E-Book v. 2009 als PDF-Dokument (ca. 889 KB)
  • Bob and Shirley Wagoner: Community in Paraguay: A Visit to the Bruderhof, The Plough Publishing House, The Hutterian Brethren Service Committee, Inc. Rifton (NY) 1991, ISBN 0-87486-033-4
  • Elizabeth Bohlken-Zumpe: Torches Extinguished: Memories of a Communal Bruderhof Childhood in Paraguay, Europe and the U.S.A., Carrier Pigeon Press 1993, ISBN 1-882260-01-5
  • Benjamin Zablocki: The joyful community. An account of the Bruderhof - a communal movement in its third generation., University of Chicago Press 1980, ISBN 0-226-97749-8
  • Julius H. Rubin: "The Other Side of Joy: Religious Melancholy Among The Bruderhof", Oxford: Oxford University Press, New York 2000

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. David Hover: Die Auflösung des Rhönbruderhofes in Deutschland. In: Cotswold-Bruderhof (Hrsg.): Der Pflug. Swindon Wiltshire (England), Herbst 1938, S. 89–95.