Dilma Rousseff

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Dilma Rousseff (Januar 2011)
Die Unterschrift von Dilma Rousseff

Dilma Vana Rousseff [ˈdʒiwmɐ χuˈsɛf] (* 14. Dezember 1947 in Belo Horizonte) ist eine brasilianische Politikerin der gemäßigt linken, sozialdemokratischen Partido dos Trabalhadores und Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie ist seit dem 1. Januar 2011 Präsidentin Brasiliens.

In den brasilianischen Medien und selbst in offiziellen Verlautbarungen wird Dilma Rousseff oft nur „Dilma“ genannt. Die Bezeichnung nur mit einem Vor- oder Spitznamen ist auch bei anderen Persönlichkeiten in Brasilien üblich, auch ihr Amtsvorgänger Lula da Silva wurde häufig nur als „Lula“ bezeichnet.

Leben[Bearbeiten]

Dilma Rousseff wurde 1947 in Belo Horizonte als Tochter von Pedro Rousseff und dessen zweiter Ehefrau Dilma Jane Silva geboren. Ihr Vater stammt aus Gabrowo in Bulgarien, wo er ab den 1920er Jahren aktives Mitglied der Kommunistischen Partei war. 1929 floh er zunächst nach Frankreich und siedelte später nach Südamerika um, wo er sich schließlich in Brasilien niederließ; nach seiner Auswanderung änderte er seinen Geburtsnamen Pétar Russéw (bulgarisch Петър Русев) in Pedro Rousseff. Er war ein enger Freund der bulgarischen Dichterin Elisaweta Bagrjana. Durch ihren Vater hatte Dilma einen Halbbruder namens Ljuben († 2007).

Die Familie von Dilma Rousseff. Von links nach rechts: Ihr Bruder Igor, ihre Mutter Dilma Jane Coimbra Silva, Dilma Rousseff (oben), ihr Vater Pedro Rousseff (Petar Russev) mit der kleinen Zana Lúcia

Da ihr Vater als Anwalt und Unternehmensvertreter in Brasilien erfolgreich war, wuchs Dilma Rousseff in solidem Wohlstand in Belo Horizonte auf.[1] Nach dem Schulbesuch studierte sie zunächst an der Universidade Federal de Minas Gerais Volkswirtschaft, brach dieses Studium aber ab, als sie sich im bewaffneten Widerstand gegen die seit 1964 regierende Militärregierung engagierte (siehe Politik);[1] 1973 wurde sie offiziell durch die Universität exmatrikuliert.

Nach Verbüßen einer Haftstrafe wegen ihrer Untergrundtätigkeit zog Dilma Rousseff nach Porto Alegre. Sie nahm ihr Studium an der Universidade Federal do Rio Grande do Sul wieder auf und schloss 1977 ab. Anschließend arbeitete sie bei der Fundação de Economia e Estatística (FEE), einer Organisation des Bundesstaates Rio Grande do Sul. Ab 1978 studierte sie einen Masterstudiengang in Volkswirtschaft an der Universidade Estadual de Campinas, den sie jedoch genauso wie ihre Promotionsvorhaben nicht abschloss.

Ab Mitte der 1980er Jahre war Dilma Rousseff in unterschiedlichen politischen Funktionen und bei der FEE tätig (siehe Abschnitt Politik).

Dilma Rousseff war zweimal verheiratet, zunächst mit dem Journalisten Cláudio Galeno de Magalhães Linhares, später mit Carlos Franklin Paixão de Araújo. Aus dieser Ehe ging ihre einzige Tochter Paula hervor. Seit 2000 ist Dilma Rousseff von ihrem zweiten Ehemann geschieden. Bis 1999 trug Dilma Rousseff den Nachnamen ihres ersten Ehemanns Linhares; dann nahm sie ihren Geburtsnamen wieder an.

2009 erkrankte sie an einem malignen Lymphom.[2]

Politik[Bearbeiten]

Aktivitäten im Widerstand gegen die Militärdiktatur[Bearbeiten]

Dilma Rousseff begann gegen Ende ihrer Schulzeit, sich für die politische Situation ihres Landes zu interessieren, das seit 1964 eine Militärdiktatur war. Über eigene Beschäftigung mit sozialistischen und marxistischen Theorien sowie den Journalisten Cláudio Galeno Linhares, den sie später heiratete, kam sie Ende der 1960er Jahre zur Partido Socialista Brasileiro und schloss sich dort dem Comando de Libertação Nacional an, das für den bewaffneten Kampf gegen die Militärdiktatur eintrat.

Dilma Rousseff war innerhalb der Guerillaorganisation vor allem mit Agitation befasst, war aber zumindest passiv auch an gewalttätigen Aktionen beteiligt. Ab 1969 lebte sie im Untergrund und ging nach Rio de Janeiro. Über Carlos Franklin Paixão de Araújo kam sie zur marxistisch-leninistisch geprägten Guerillaorganisation VAR Palmares. Nach einigen Aussagen soll sie eine der Anführerinnen der Organisation gewesen sein, sie selbst bestreitet dies allerdings.[3]

Im Januar 1970 wurde Dilma Rousseff in São Paulo, wo sie mittlerweile im Auftrag ihrer Organisation lebte, verhaftet. Nach eigenen Angaben wurde sie im Gefängnis 22 Tage lang gefoltert.[4]

1972 wurde Dilma Rousseff aus dem Gefängnis entlassen. Sie zog nach Porto Alegre, wo Carlos Araújo seine Haftstrafe verbüßte. Während sie dort studierte und arbeitete, engagierte sie sich für die einzige legale Oppositionspartei Movimento Democrático Brasileiro, war allerdings nicht Mitglied der Partei. Mit ehemaligen Mitstreitern aus der VAR Palmares traf sie sich regelmäßig zu Diskussionsrunden.

Politische Karriere nach der Militärdiktatur[Bearbeiten]

Nach der Zulassung weiterer politischer Parteien in Brasilien gründete Dilma mit anderen die Partido Democrático Trabalhista (PDT). Sie arbeitete als Beraterin der PDT-Abgeordneten im Parlament von Rio Grande do Sul. Ab 1985 war sie in der Stadtregierung von Porto Alegre für die Finanzen zuständig. Das Amt gab sie 1988 auf, als ihr Ehemann Carlos Araújo als Bürgermeister kandidierte. 1989 war sie kurzzeitig Generaldirektorin des Stadtrates, wurde aber entlassen.

Ab 1990 war sie Präsidentin des Amtes für Wirtschaft und Statistik (Fundação de Economia e Estatística, FEE) von Rio Grande do Sul. 1993 bis 1994 war sie Ministerin des Bundesstaates für Energie und Kommunikation. Anschließend kehrte sie zur FEE zurück.

Ab 1998 war Dilma Rousseff erneut Energieministerin in Rio Grande do Sul. Nach Streitigkeiten in ihrer Partei um die Regierungsbeteiligung trat sie 2000 mit anderen Mitgliedern der PDT zur Partido dos Trabalhadores über, die zu dieser Zeit den Gouverneur des Bundesstaates stellte.

Nach dem Wahlsieg Lula da Silvas bei der Präsidentschaftswahl 2002 wurde sie zur Energieministerin der Bundesregierung ernannt. Im Juni 2005 wechselte sie in das Amt der Kabinettschefin[5]. In beiden Ämtern verfolgte Dilma Rousseff eine auf Wachstum und Stärkung der Industrie ausgerichtete Politik und war damit mitverantwortlich für den Rücktritt von Marina Silva als Umweltministerin der Bundesregierung, die ihre Gegenkandidatin im Präsidentschaftswahlkampf 2010 wurde. Im März 2010 trat sie im Zuge ihrer Präsidentschaftskandidatur vom Amt der Kabinettschefin zurück.

Präsidentschaftswahl 2010[Bearbeiten]

Angela Merkel und Dilma Rousseff bei der Eröffnung der CeBIT 2012
Dilma Rousseff (2010)

Bei der Präsidentschaftswahl 2010 durfte der bisherige Amtsinhaber Lula da Silva nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren. Er schlug seiner Partei Dilma Rousseff als Kandidatin vor. Im Februar 2010 wurde sie von der PT offiziell nominiert.[6] Es war ihre erste Kandidatur überhaupt für ein politisches Amt.

Dilma Rousseff galt im Wahlkampf als spröde und dogmatisch.[7] Zu Beginn des Wahlkampfes lag sie deutlich hinter ihrem Gegenkandidaten José Serra zurück. Durch die Unterstützung des in weiten Teilen des Volkes populären amtierenden Präsidenten Lula konnte sie jedoch in den Umfragen stark zulegen. Ab Juli 2010 führte sie deutlich vor Serra, zeitweise lag sie klar über 50 Prozent. Bei der Wahl am 3. Oktober 2010 verfehlte sie jedoch mit 46,9 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit und damit die direkte Wahl im ersten Wahlgang. Die Stichwahl am 31. Oktober gewann sie mit etwa 56 Prozent der Stimmen.[8] Die Amtsübergabe fand am 1. Januar 2011 statt.

Präsidentschaft[Bearbeiten]

2011 besuchte Dilma Rousseff als erstes brasilianisches Staatsoberhaupt Bulgarien. Für sie war es zugleich die erste Reise ins Heimatland ihres Vaters. Im Rahmen der Visite erhielt sie die höchste bulgarische Auszeichnung, den Orden „Stara Planina“. Sie besuchte neben der Hauptstadt Sofia auch Weliko Tarnowo und Gabrowo, den Heimatort ihres Vaters, in dem sie Verwandte traf.[9]

Seit Juli 2011 verfolgt sie einen erklärten Anti-Korruptionskurs. Infolgedessen traten bis Anfang Dezember 2011 insgesamt sechs Kabinettsmitglieder nach Korruptionsvorwürfen zurück, darunter Tourismusminister Pedro Novais[10] am 15. September, Sportminister Orlando Silva de Jesus Júnior[11] am 26. Oktober und Arbeitsminister Carlos Lupi am 4. Dezember[12].

Im Juni 2013 brachen landesweite Proteste in Brasilien aus, die sich gegen die Austragung der Fußballweltmeisterschaft 2014, Korruption sowie soziale Missstände richten. Auf die größten Unruhen seit dem Ende der Militärdiktatur reagierte Dilma Rousseff mit dem Versprechen eines „großen Pakts“ für ein besseres Brasilien.

Rousseff kritisierte die von der NSA praktizierte Überwachung von Personen und sagte deshalb einen Termin mit Barack Obama ab.[13] In einer Rede vor der UN-Vollversammlung beschuldigte sie die USA, internationales Recht gebrochen zu haben, und verlangte eine Entschuldigung von Obama.[14]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Dilma Rousseff – Sammlung von Bildern

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Hildegard Stausberg: Brasiliens unbekannte Präsidentin. In: Welt am Sonntag vom 3. Oktober 2010, abgerufen am 6. September 2011
  2. Angeschlagene Lady. In: Der Spiegel 19/2009 vom 4. Mai 2009
  3. Die Passage bezieht sich auf die entsprechende in der englischsprachigen Wikipedia, die unter anderem folgende Quellen zitiert: „Ex-guerrilheira é elogiada por militares e vista como ‚cérebro‘ do grupo.“ Folha de S. Paulo (29.222): Caderno A – Brasil; „Aos 19, 20 anos, achava que eu estava salvando o mundo.“ Folha de S. Paulo (29.222): Caderno A – Brasil.
  4. O Estado de São Paulo: Dilma Rousseff 1970 vor einem Militärtribunal in Rio de Janeiro aufgerufen 4. Dezember 2011 (pt)
  5. Siehe dazu die Beurteilung der US-Botschaft http://wikileaks.gruene-linke.de/cable/2005/06/05BRASILIA1660.html
  6. http://derstandard.at/1266541113870/Lulas-umstrittene-Nachfolge-Favoritin
  7. http://www.welt.de/die-welt/politik/article10038754/Brasiliens-unbekannte-Praesidentin.html
  8. Tribunal Superior Eleitoral: Eleições 2010. Divulgação de Resultados
  9. „Dilma Rousseff besucht ihre Ahnen“ In: Neue Zürcher Zeitung, 5. Oktober 2011, abgerufen am 5. Januar 2012.
  10. Ein weiterer Rücktritt in Brasiliens Regierung. In: Neue Zürcher Zeitung. 15. September 2011, abgerufen am 15. September 2011 (deutsch).
  11. Brasiliens Sportminister tritt zurück. In: ORF. 27. Oktober 2011, abgerufen am 27. Oktober 2011 (deutsch).
  12. Sechster Ministerrücktritt in sechs Monaten. In: Spiegel Online. 5. Dezember 2011, abgerufen am 5. Dezember 2011 (deutsch).
  13. http://www.n-tv.de/politik/Rousseff-sagt-Treffen-mit-Obama-ab-article11387346.html
  14. http://irights.info/webschau/brasiliens-prasidentin-vor-der-un-vollversammlung-prasident-obama-entschuldigen-sie-sich-und-tun-sie-das-nie-wieder/17996
Vorgänger Amt Nachfolger
Luiz Inácio Lula da Silva Präsident Brasiliens
2011–