Emil Julius Gumbel

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Gedenktafel für die deutschen und österreichischen Flüchtlinge in Sanary-sur-Mer, unter ihnen Emil Julius Gumbel

Emil Julius Gumbel (* 18. Juli 1891 in München; † 10. September 1966 in New York) war ein deutsch-amerikanischer Mathematiker und politischer Publizist.

Familie[Bearbeiten]

Emil Julius Gumbel wurde als Sohn von Hermann (* 1857, † 1916), Privatbankier, ab 1887 in München, und Flora (* 1869 Bruchsal, † 1916 München), geb. Gumbel geboren. [1] Seine Großeltern waren Isaak Gumbel (* 15. Dezember 1823 in Stein am Kocher; † 15. Januar 1891 in Heilbronn) und Güta, geborene Stern (* 15. Januar 1829, † 16. September 1897 in Heilbronn). Er heiratete 1930 Marieluise, geborene von Czettritz, geschiedene Solscher (* 1891/92 in Hau; † 1952 in New York City).[2] Sie brachte ihren jüngeren Sohn Harald (* 1921), der sich später Harold nannte, mit in die Ehe, während ihr älterer Sohn Jürgen beim Vater blieb.[3]

Leben[Bearbeiten]

Nach dem Abitur 1910 am Wilhelmsgymnasium München[4] studierte Gumbel in München Nationalökonomie und promovierte am 28. Juli 1914 zum Dr. oec. publ. mit der Arbeit Über die Interpolation des Bevölkerungszustandes. Wenige Tage später meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, doch die reale Erfahrung des Krieges machte ihn bald zum Pazifisten. Unter einem Vorwand ließ sich Gumbel im Frühjahr 1915 vom Kriegsdienst freistellen. Im Herbst 1915 trat er dem pazifistischen Bund Neues Vaterland bei, der sich 1922 in Deutsche Liga für Menschenrechte umbenannte. Bis zum Kriegsende arbeitete er bei der Flugzeugmeisterei am Flugplatz Johannisthal, danach, unterstützt durch Georg Graf von Arco vom Bund Neues Vaterland, bei Telefunken. Nebenbei betätigte er sich politisch. Er war 1917 der USPD beigetreten, mit deren (nach einer ersten Abspaltung des linken Flügels im Jahr 1920) verbliebenen Mehrheit er 1922 in die SPD wechselte.[5] Vor allem aber betätigte er sich parteipolitisch relativ unabhängig als Pazifist auch auf internationaler Ebene.

Zu seinem großen Thema wurden die zahlreichen politischen Morde in den Wirren der Nachkriegszeit. Als Statistiker ließ er dabei die Zahlen für sich sprechen. In zwei Publikationen wies er nach, dass die Zahl der Morde aus dem rechten Spektrum deutlich überwogen – so konnte er aufzeigen, dass im Zeitraum 1919 bis 1922 von 376 politisch motivierte Morden 354 dem rechten Spektrum zuzuordnen waren, lediglich 22 dem linken.[6] Die Einäugigkeit der Justiz in der Weimarer Republik die er aufzeigte, war dabei frappierend: die Mörder aus dem linken Lager wurden mit äußerster Strenge behandelt, zehn Hinrichtungen auf 22 Morde. Mörder aus dem rechten Lager wurden aber mit großer Nachsicht behandelt, bei 354 Morden kam es zu einer einzigen lebenslangen Strafe, keiner einzigen Hinrichtung und insgesamt 90 Jahren Haft – im Durchschnitt vier Monate Haft pro Mord. Viele Morde von rechts blieben dabei gänzlich ungesühnt. Seine Publikationen erreichten recht hohe Auflagen und führten sogar zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Preußischen Landtag, nachdem die Ergebnisse von Gumbels Buch Vier Jahre politischer Mord in einer vom Reichsjustizminister Gustav Radbruch in Auftrag gegebenen Studie bestätigt wurden.

Wohl infolge der Analysen politischer Morde wurde Gumbel auch ein Fachmann für nationalistische Geheimorganisationen, die sich aus den Freikorps entwickelten und für viele Morde aus dem rechten Spektrum verantwortlich waren. Insbesondere interne sogenannte Fememorde waren in diesen Organisationen zeitweise an der Tagesordnung. In seinen Büchern Verschwörer (1924) und Verräter verfallen der Feme (1929) (der Titel ist ein Zitat aus dem Statut der Organisation Consul) analysierte er deren Strukturen und machte auch auf die Schwarze Reichswehr aufmerksam. Dies brachte ihm Prozesse wegen Landesverrats ein, die wie die meisten derartigen Prozesse im Sande verliefen und wohl vor allem dazu dienten, missliebige Journalisten und Autoren unter Druck zu setzen.

Obwohl als politischer Aktivist in der mehrheitlich konservativ-monarchistischen Professorenschaft bereits heftig umstritten, wurde Gumbel 1923 in Heidelberg habilitiert. Gumbel war zuerst Privatdozent, dann ab 1930 außerordentlicher Professor für mathematische Statistik an der Universität Heidelberg. Nebenbei hielt er vor allem seine pazifistischen Aktivitäten aufrecht. Als er 1924 auf einer Veranstaltung der Deutschen Friedensgesellschaft zum zehnten Jahrestag des Kriegsausbruchs vom Felde der Unehre sprach, suspendierte ihn die Universität. Die Universität musste die Suspendierung jedoch widerstrebend wieder aufheben, da Gumbel hier und auch später einen gewissen Schutz durch die von der liberalen DDP gestellten badischen Kultusminister genoss. Insbesondere für die mehr und mehr nationalsozialistisch dominierte Studentenschaft war Gumbel ein rotes Tuch. Im Anschluss an seine Ernennung zum außerordentlichen Professor 1930 kam es bei den sogenannten Gumbelkrawallen zu einer Universitätsbesetzung durch nationalsozialistische Studenten und zur polizeilichen Räumung der Universität. Als Gumbel auf einer internen Sitzung der Heidelberger Sozialistischen Studentenschaft in Erinnerung an die Hungertoten des Kohlrübenwinters 1917/18 davon sprach, dass eine Kohlrübe sich besser als Kriegerdenkmal eigne als eine leichtbekleidete Jungfrau, wurde ihm im Sommer 1932 die Lehrberechtigung entzogen. Dabei spielte sicherlich eine Rolle, dass Gumbel Jude war.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 ging Gumbel ins französische Exil. Während in Heidelberg seine Wohnung geplündert und seine Schriften verbrannt wurden, engagierte er sich publizistisch gegen den Nationalsozialismus in Deutschland und unterstützte aus Deutschland nachkommende Emigranten. Ihm wurde im August 1933 durch Nennung auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. 1940 gelang ihm nach dem Einmarsch der deutschen Truppen die Flucht in die USA.

In den 1950er und 60er Jahren kehrte er zu einigen Gastaufenthalten nach Deutschland zurück.[7] Die gewünschte Wiedereinstellung an der Universität Heidelberg blieb ihm verwehrt; so blieb er in den USA, wurde amerikanischer Staatsbürger und nahm 1953 eine Professur an der Columbia-Universität an.

Neben seinen Büchern publizierte er regelmäßig in der Kulturzeitschrift Die Weltbühne und war Übersetzer und Herausgeber von Schriften Bertrand Russells. Als Mathematiker erwarb er sich einen Ruf als Fachmann für Statistik und war maßgeblich an der Entwicklung der Extremwerttheorie beteiligt, über die er 1958 mit Statistics of Extremes die erste Monographie, sein mathematisches Hauptwerk, verfasste. Nach ihm ist die Gumbel-Verteilung benannt.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Vier Jahre politischer Mord. Berlin 1927. Geleitwort Albert Einstein
  • Vier Jahre Lüge. Neues Vaterland, Berlin 1919
  • Zwei Jahre Mord. Neues Vaterland, Berlin 1921. Ab der 5. Auflage unter dem Titel:
  • (Hrsg.): Die Denkschrift des Reichsjustizministers über „Vier Jahre politischer Mord“. Malik, Berlin 1924 (Reprint 1980 siehe oben).
  • Verschwörer. Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde seit 1918. Malik, Wien 1924.
  • Vom Russland der Gegenwart. E. Laubsche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1927. Geleitwort Albert Einstein[8]
  • Verräter verfallen der Feme. Malik, Berlin 1929
  • „Lasst Köpfe rollen!“ Faschistische Morde 1924 - 1931. Deutsche Liga für Menschenrechte, Berlin 1931[9]
  • Statistics of Extremes. Columbia University Press, New York 1958
  • Vom Fememord zur Reichskanzlei. Lambert Schneider, Heidelberg 1962.

Literatur[Bearbeiten]

  • Arthur D. Brenner: Emil J. Gumbel. Weimar German Pacifist and Professor. Brill u. a. 2001, ISBN 0-391-04101-0 (Studies in Central European Histories 22).
  • Annette Vogt Hg.: Emil Julius Gumbel. Auf der Suche nach Wahrheit. Mit einem Essay der Hg. (S. 9-45) und einigen Quellentexten. Dietz, Berlin 1991 ISBN 3-320-01664-4.
  • Christian Jansen: Emil Julius Gumbel. Portrait eines Zivilisten. Das Wunderhorn, Heidelberg 1991 ISBN 3-88423-071-9
  • Christian Jansen: Die Fremdheit des Weltbürgers im eigenen Land. Leben und Maximen des politisch engagierten Mathematikers Emil Julius Gumbel. In: Eugen Eichhorn, Ernst-Jochen Thiele (Hrsg.): Vorlesungen zum Gedenken an Felix Hausdorff. Reihe: Berliner Studienreihe zur Mathematik, 5. Heldermann, Berlin 1994 ISBN 3-88538-105-2 S. 213–227
  • Klemens Wittebur: Die Deutsche Soziologie im Exil. 1933–1945. Eine biographische Kartographie. Beiträge zur Geschichte der Soziologie, 1. Lit, Münster 1991 ISBN 3-88660-737-2, S. 60f. Zugleich: Universität Münster, Diss. 1989
  • Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg 1386 – 1986. Springer, Berlin 1986, ISBN 3-540-16829-X
  • Emil J. Gumbel, in: Internationales Biographisches Archiv 21/1953 vom 11. Mai 1953, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Brenner (2001), p. 13-14
  2. Die biographischen Angaben zu Marieluise Gumbel sind sehr uneinheitlich. Der Vorname taucht in den verschiedensten Schreibweisen auf, ebenso ist das Geburtsjahr unklar. Als Geburtsname erscheint Czettritz oder von Czettritz. Sie war die Tochter des Generalstabsoffiziers Hermann Czettritz (1865-1946) und seiner englischen Frau Mary Page. Sie starb im November 1952 an einem Krebsleiden.
  3. Brenner 2001, S. 6.
  4. Jahresbericht vom K. Wilhelms-Gymnasium zu München. ZDB-ID 12448436, 1909/10
  5. Gustav Radbruch: Gesamtausgabe. Band 19: Reichstagsreden. C.F. Müller, Heidelberg 1998, ISBN 3-8114-6698-4, S. 182.
  6. Rechnen gegen den Terror in Der Spiegel - Eines Tages; abgerufen am 4. Juli 2012.
  7.  Benjamin Lahusen: Das rechte Auge. In: Die ZEIT vom 9. Februar 2012.
  8. wieder publiziert bei Annette Vogt (Hrsg.) 1991, S. 82-164, siehe Literatur
  9. wieder publiziert bei Annette Vogt (Hrsg.) 1991, S. 48–80, siehe Literatur