Erich Arendt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Erich Arendt (* 15. April 1903 in Neuruppin; † 25. September 1984 in Wilhelmshorst) war ein bedeutender deutscher Lyriker und Übersetzer (Pablo Neruda) in der Deutschen Demokratischen Republik.

Leben[Bearbeiten]

1903 bis 1933[Bearbeiten]

Erich Otto Reinhold Arendt war der Sohn eines Schulhausmeisters und einer Waschfrau. Die Lebensbedingungen der Familie waren ärmlich, man wohnte eine Zeitlang in einer feuchten Kellerwohnung. [1] Bereits als Jugendlicher suchte Arendt den Kontakt zu Künstlern, etwa in der Kunsthandwerkersiedlung Gildenhall. Arendt machte das Abitur und besuchte bis 1923 das Lehrerseminar in Neuruppin. Danach arbeitete er als Theatermaler, Fahnennäher, Bankangestellter und Hilfsjournalist. Er unternahm ausgedehnte Wanderungen und Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Spanien.

1925 erschienen erste Gedichte von ihm in Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm. Vorbild Arendts war August Stramm. 1926 trat Arendt der KPD und 1928 dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) bei. Von 1928 bis 1933 war er Lehrer an der reformpädagogischen Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln, wo er im Truseweg 8 mit Käthe wohnte. 1929 kritisierte Johannes R. Becher Arendts Gedichte öffentlich als zu bürgerlich, was Arendt für Monate am Schreiben neuer Texte hinderte.

1933 bis 1950[Bearbeiten]

Erich Arendt, Kommunist und Ehemann einer sogenannten halbjüdischen Frau, floh früh aus dem nationalsozialistischen Deutschland. 1933 emigrierte er mit seiner Frau Käthe (Katja) geborene Hayek in die Schweiz und lebte 1934 bis 1936 mit ihr auf Mallorca, wo er als Hauslehrer arbeitete. Nach dem Franco-Putsch floh er aufs Festland und arbeitete zunächst als Übersetzer für die deutsche Informationspresse der Internationalen Brigaden, bevor er ab 1937 bei deren 27. Division kämpfte.

1939 ging er nach Frankreich, wo er in verschiedenen Lagern interniert wurde. Aus dem letzten Lager bei Bordeaux floh Arendt. Über Paris musste das Ehepaar 1941 vor den siegreichen deutschen Truppen weiter fliehen, nach Kolumbien. Die Engländer internierten Arendt kurze Zeit, da sie ihn für einen Spion hielten. In Kolumbien war Arendt weiter politisch tätig, schrieb sein erstes Buch, verkaufte mit seiner Frau hausgemachte Pralinen und Marzipan und bereiste die Karibik. Doch die politische Lage Kolumbiens änderte sich: Nach einem Attentat auf einen liberalen Politiker durchzog eine Verfolgungswelle das Land, gerichtet auch gegen politische Emigranten.

1950 bis 1984[Bearbeiten]

Grabstein Erich Arendt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, Berlin-Mitte

1950 siedelte Arendt in die DDR über, wo er als freier Schriftsteller lebte. Der Eintritt in die SED wurde ihm verwehrt, und er wurde seit 1957 von der Staatssicherheit überwacht. Er nahm an reformsozialistischen Zirkeln teil und bereitete eine Anthologie expressionistischer Lyrik vor, die von der Zensur verboten wird. Das Schwert über die Greise, die nicht jung werden wollen!, schrieb er 1960 an Johannes Bobrowski aus Ärger über die restriktive Kulturpolitik in der DDR. Auf die Niederschlagung des Prager Frühlings reagierte Arendt später mit resignierten Gedichten.

Arendt reiste weiterhin viel, oft ans Mittelmeer, vor allem nach Griechenland. Der Kalte Krieg und der Bau der Berliner Mauer unter Walter Ulbricht waren traumatische Erfahrungen für den Autor. Als er 1963 nach Brasilien wollte, untersagten es ihm die Behörden. Das einzige Rückzugsgebiet für ihn und seine Frau Käthe wurde ein Haus auf Hiddensee und Reisen nach Nessebar in Bulgarien. Erst nachdem Arendt seine Rente bekam, reiste er, vor großem Publikum lesend, häufiger wieder in den Westen, auch nach Westdeutschland, wo er als ein sich vom SED-Regime distanzierender Intellektueller zunehmend an Popularität gewann.

1976 hatte Arendt den Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet. 1983 widmete die Akademie der Künste Arendt die Ausstellung Dichtung verlangt Mitleben. Dichtung und Landschaft im Leben Erich Arendts.

Erich Arendt, nach einem Schlaganfall an sein Haus gefesselt, starb am 25. September 1984. Zuletzt lebte er in Wilhelmshorst; sein 1971 in den Westen übersiedelter Freund Peter Huchel hatte Arendt sein dortiges Haus überlassen. Arendt wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin bestattet. In seiner Grabrede sagte Richard Pietraß über Arendt:

Der Kinderlose verzettelte sich nicht in Möglichkeiten seiner Dauer, setzte ganz in die Verwandlung seines Lebens in Dichtung. So gibt er seine Erfahrung nur in der Poesie weiter, die allein seine Witwe ist, seine Erbin. [2]

Werk[Bearbeiten]

Das Interesse Arendts an fremden Ländern prägt sein Werk: Seine Gedichte reflektieren seine Eindrücke vom Spanischen Bürgerkrieg, von der postkolonialen Gesellschaft Kolumbiens und der Naturgewalt der Tropen, schließlich seine Begeisterung für Mythen und Landschaft der Ägäis. Der keiner Schule zuzuordnende eigenwillige Autor sah sein Ideal von Gesellschaft und Literatur verkörpert in der seit Jahrtausenden jeder Fremdherrschaft trotzenden, im Grunde sich selbst organisierenden Bevölkerung der griechischen Inseln. Fremde Landschaft, fremde Mythen und fremde Literatur bildeten für Arendt gemeinsam eine unverzichtbare Inspirationsquelle, die ja unbedingt von allen Seiten auf einen einströmen muß, von Ost, West, Süd und Nord, um produktiv zu bleiben. [3]

Erich Arendt fand die ihm eigene lyrische Ausdrucksweise erst relativ spät, im letzten Drittel seines Lebens. Die Schwierigkeit eine adäquate lyrische Form zu finden und bei ihr zu bleiben - von den spätexpressionistischen Anfängen über die an der Weimarer Klassik geschulten sozialistisch-realistischen Texte zu den freien, oft dunklen Gedichten des Spätwerks, wurde zu einer Aporie des traditionellen Werkbegriffs mit der Weigerung, die einzelnen Texte zu einem Ende kommen, fertig werden zu lassen. [4] Dazu passt, dass Arendt von einzelnen Gedichten an die vierzig verschiedene Versionen schrieb. Die Fachkritik hat Einflüsse von Friedrich Hölderlin, Saint-John Perse und Paul Celan bei Arendt festgestellt und seine Gedichte als sensuell vital, zugleich intellektuell distanziert, surrealistisch metaphernreich und zugleich zutiefst klassisch in ihrer Gestaltung beschrieben. [5]

Seine Poetik beschreibt Manfred Schlösser als

Entfesselung der assoziierenden Phantasie, der visuellen Umsetzung rhythmisch-musikalischer Vorstellungen, vom Gedanken der Zerstückelung, der Zertrümmerung von zusammenhängenden Bildern oder Satzstrukturen, Zeilen, ja Worten, der Absolutsetzung des Einzelwortes. [6]

Zitat[Bearbeiten]

Dichtung verlangt Mitleben. Sie ist kein leichtfertiges, leicht fertiges Spiel zu großem Zeitvertreib. Immer bleibt ein Rest, der rational schwer zu fassen und nicht bewusst zu schaffen ist, ein Geheimnisvolles, das aus dem Unbewussten herkommt und mitschafft. [7]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Lyrik[Bearbeiten]

  • Trug doch die Nacht den Albatros. Rütten & Loening, Berlin, 1951
  • Bergwindballade. Gedichte des spanischen Freiheitskampfes. Dietz, Berlin, 1952
  • Tolu. Gedichte aus Kolumbien. Insel, Leipzig, 1956 (2., überarbeitete Auflage Insel, Leipzig, 1973)
  • Über Asche und Zeit... Volk und Welt, Berlin, 1957
  • Gesang der sieben Inseln. Rütten & Loening, Berlin, 1957
  • Flug-Oden. Insel, Leipzig, 1959
  • Unter den Hufen des Winds. Ausgewählte Gedichte 1926-1965. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1966
  • Ägäis. Insel, Leipzig, 1967
  • Aus fünf Jahrzehnten. Auswahl von Heinz Czechowski. Hinstorff, Rostock, 1968
  • Gedichte. Auswahl von Gerhard Wolf. Reclam, Leipzig, 1973
  • Feuerhalm. Insel, Leipzig, 1973
  • Memento und Bild. Insel, Leipzig, 1976
  • Zeitsaum. Insel, Leipzig, 1978
  • Starrend von Zeit und Helle. Gedichte der Ägäis. Reclam, Leipzig, 1980
  • Das zweifingrige Lachen. Ausgewählte Gedichte 1921-1980. Auswahl von Gregor Laschen. Claassen, Düsseldorf, 1981
  • Entgrenzen. Insel, Leipzig, 1981

Prosa[Bearbeiten]

  • Streifzüge durch Bolivien. Dietersche, Leipzig, 1927
  • Tropenland Kolumbien. Brockhaus, Leipzig, 1954
  • Inseln des Mittelmeeres. Von Sizilien bis Mallorca. Mit Katja Hayek-Arendt. Brockhaus, Leipzig, 1959
  • Griechische Inselwelt. Mit Katja Hayek-Arendt. Brockhaus, Leipzig, 1962
  • Säule, Kubus, Gesicht. Bauen und Gestalten auf Mittelmeerinseln. Verlag der Kunst, Dresden, 1966
  • Griechische Tempel. Insel, Leipzig, 1970
  • Reise in die Provence. Tagebuchnotizen aus dem Jahre 1929. Agora, Berlin und Darmstadt, 1983
  • Spanien-Akte Arendt. Aufgefundene Texte Erich Arendts aus dem Spanienkrieg. Hinstorff, Rostock, 1986

Übersetzungen[Bearbeiten]

Pablo Neruda[Bearbeiten]

  • Der große Gesang. Volk und Welt, Berlin, 1953
  • Holzfäller, wach auf! Hymnus auf den Frieden. Insel, Leipzig, 1955
  • Die Trauben und der Wind. Volk und Welt, Berlin, 1955
  • Spanien im Herzen. Mit Stephan Hermlin. Volk und Welt, Berlin, 1956
  • Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung. Insel, Leipzig, 1958
  • Elementare Oden. Volk und Welt, Berlin, 1959
  • Aufenthalt auf Erden. Claassen, Hamburg, 1960
  • Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1963
  • Ode an die Typografie. Institut für Buchgestaltung, Leipzig, 1964
  • Das grausame Feuer. Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, 1966
  • Erklärungen einiger Dinge. Dichtungen. dtv, München, 1971

Andere Autoren[Bearbeiten]

  • Die Indios steigen von Mixco nieder. Südamerikanische Freiheitsdichtungen. Volk und Welt, Berlin, 1951
  • Trauerfarbe Grau – Name GmbH. Satire aus Lateinamerika. Rütten & Loening, Berlin, 1984
  • Rafael Alberti: Stimme aus Nesselerde und Gitarre. Ausgewählte Lyrik. Mit Katja Hayek-Arendt. Rütten & Loening, Berlin, 1959
  • Rafael Alberti: Kriegsnacht im Pradomuseum. Radierung in einem Prolog und einem Akt. Henschel, Berlin, 1969
  • Vicente Aleixandre: Nackt wie der glühende Stein. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1963
  • Jorge de Góngora y Argote: Soledades. Reclam, Leipzig, 1982
  • Nicolás Guillén: Bitter schmeckt das Zuckerrohr. Volk und Welt, Berlin, 1952
  • Nicolás Guillén: Bezahlt mich nicht, dass ich singe. Volk und Welt, Berlin, 1961
  • Miguel Hernández: Gedichte. Poemas. Mit Katja Hayek-Arendt. Kiepenheuer & Witsch, Köln und Berlin, 1965
  • Walt Whitman: Lyrik und Prosa. Mit Helmut Heinrich. Volk und Welt, Berlin, 1966
  • Jorge Zalamea: Der große Burundun-Burunda ist tot. Verlag der Nation, Berlin, 1957

Literatur[Bearbeiten]

  • Arendt, Erich. In: Lexikon sozialistischer deutscher Literatur. Leipzig 1964, S. 72-74
  • Der zerstückte Traum - Für Erich Arendt. Zum 75. Geburtstag herausgegeben von Gregor Laschen und Manfred Schlösser. Agora, Berlin und Darmstadt, 1978
  • Hendrik Röder (Hrsg.): Vagant, der ich bin. Erich Arendt zum 90. Geburtstag. Texte und Beiträge zu seinem Werk. Janus, Berlin, 1993 ISBN 3-928942-04-2
  • Menschen sind Worttiere. Erich Arendt 1903 - 1984. Texte und Bilder anlässlich der 100. Wiederkehr seines Geburtstages. Begleitheft zur Ausstellung Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte Schloss Rheinsberg (15. April - 1. Juni 2003) und Peter-Huchel-Haus Wilhelmshorst (4. - 28. Juni 2003). Redaktion Peter Böthig, Mitarbeit Tilo Köhler. Vacat, Potsdam, 2003 ISBN 3-930752-25-5
  • Leonore Krenzlin, Bernd-Rainer BarthArendt, Erich. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Selbstaussage Arendt. http://www.literaturport.de/index.php?id=26&no_cache=1&user_autorenlexikonfrontend_pi1%5Bal_opt%5D=1&user_autorenlexikonfrontend_pi1%5Bal_aid%5D=174
  2. http://www.historischer-verein-ruppin.de/56.htm
  3. Im Gespräch mit Manfred Schlösser. http://www.complit.fu-berlin.de/institut/forschung/projekte/arendt.html
  4. http://www.complit.fu-berlin.de/institut/forschung/projekte/arendt.html
  5. http://www.agora-verlag.de/index.php?site=person&id=30
  6. http://www.complit.fu-berlin.de/institut/forschung/projekte/arendt.html
  7. http://www.historischer-verein-ruppin.de/56.htm

Weblinks[Bearbeiten]