Günther Gereke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Günther Gereke (1932)

Günther Gereke (* 6. Oktober 1893 in Gruna; † 1. Mai 1970 in Neuenhagen bei Berlin) war ein deutscher Jurist und Politiker (DNVP, CNBL, CDU, GB/BHE, DSP).

Leben[Bearbeiten]

Weimarer Republik[Bearbeiten]

Gereke wurde im Rittergut Gruna geboren. Er studierte nach dem Abitur ab 1912 Rechts- und Staatswissenschaften sowie Nationalökonomie an den Universitäten Leipzig, München, Würzburg und Halle-Wittenberg. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig und wurde im Krieg mehrfach schwer verwundet. Die Erste juristische Staatsprüfung legte er 1915 vor dem Oberlandesgericht Naumburg ab. Nachdem er 1916 in Würzburg sowohl zum Doktor der Rechte als auch zum Doktor der politischen Wissenschaften promoviert worden war, absolvierte er 1918 in Berlin die Große juristische Staatsprüfung. Anschließend schlug er eine Verwaltungslaufbahn ein.

Gereke im Kabinett Hitler; am 30. Januar 1933 in der Reichskanzlei. 1. Reihe sitzend, von links: Hermann Göring, Adolf Hitler, Franz von Papen; 2. Reihe stehend: Franz Seldte, Günther Gereke, Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Wilhelm Frick, Werner von Blomberg, Alfred Hugenberg

Ab 1919 war Gereke Landrat des Kreises Torgau; im selben Jahr wurde er Abgeordneter für die DNVP im Provinziallandtag der Provinz Sachsen. 1921 war er „wegen seiner nationalen völkischen Gesinnung“[1] an die Regierung Hannover, wo er bis 1923 als Regierungsrat tätig war, gewechselt. Er schied aus dem Dienst, um das Familiengut in Pressel-Winkelmühle in der Dübener Heide zu bewirtschaften. Er gründete den preußischen Landgemeindeverbund, der später zum gesamtdeutschen Landgemeindeverbund mit seinem Vorsitz (bis 1933) wurde.[2] Der Landgemeindeverbund war seinerzeit ein Gegengewicht gegen den Deutschen Städtetag unter dessen Vorsitzenden Konrad Adenauer. Des Weiteren wurde er zum Vorsitzenden des Kreislandbundes und zum Bezirksvorsitzenden der östlichen Landbünde der Provinz Sachsen gewählt und folgte einem Ruf an die Landwirtschaftliche Hochschule Berlin, wo er über Staats-, Verwaltungs- und Genossenschaftsrecht las. Nebenbei betätigte er sich im Stahlhelm-Bund sowie im Wehrwolf, für den er zum Gauvorsitzenden im Elbe-Estergau gewählt wurde.

Von Mai 1924 bis 1928 war er Mitglied des Reichstages für die DNVP, die er 1929 verließ. Anschließend war er an der Gründung der Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei (CNBL) beteiligt, zu deren stellvertretendem Vorsitzenden im Reich er gewählt wurde. Zudem wurde er Präsident des Deutschen Landgemeindetags und zum Bevollmächtigten zum Reichsrat für die Provinz Sachsen sowie stellvertretendes Mitglied des Preußischen Staatsrates und Mitglied des Reichswirtschaftsrates.

Als stellvertretender Vorsitzender vertrat er die CNBL von 1930 bis 1932 im Reichstag. 1932 war er Vorsitzender des überparteilichen Ausschusses zur Unterstützung der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten.[3] Darüber hinaus war er Mitglied des Provinziallandtages der preußischen Provinz Sachsen. Unter Reichskanzler Heinrich Brüning war er Staatskommissar für öffentliche Arbeiten. Dabei war er federführend an den Plänen für Arbeitsbeschaffungsprogramme beteiligt, die in der NS-Zeit aufgegriffen wurden. Im Kabinett von Schleicher wurde Gereke Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung und Ostsiedlungskommissar und behielt dieses Amt auch bis Anfang 1933 über den Regierungswechsel hinaus. Er gehörte somit, wenn auch nur für wenige Monate, dem ersten Kabinett Hitler an.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Im März 1933 wurde er wegen einer angeblich 1932 begangenen Unterschlagung im Amt inhaftiert. Gereke wurde vorgeworfen, im Jahre 1932 als Vorsitzender des überparteilichen Ausschusses, der die Wahl von Hindenburg zum Reichspräsidenten vorbereitete, Spendengelder zweckentfremdet verwendet zu haben. In einem Schauprozess wurde Gereke zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, sein Verteidiger war Carl Langbehn,[4][5] 1936 wurde er erneut verhaftet. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs stand er unter verschärfter polizeilicher Überwachung.[6] Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 kam er bis 1945 zum dritten Mal in Haft.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur wurde er 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht zum Präsidialdirektor bei der Provinzialregierung von Sachsen-Anhalt und Leiter der Innenabteilung ernannt. Im Sommer 1946 übersiedelte er in einem britischen Militärfahrzeug in Offiziersuniform nach Celle und fand zunächst Aufnahme bei seinem Weggefährten aus gemeinsamer CNBL-Zeit, dem Celler CDU-Kreisvorsitzenden Wilhelm Brese in Marwede. Dort trat er der CDU bei und wurde später zum Vorsitzenden des CDU-Landesverbandes Hannover gewählt. 1946/47 war er Mitglied des ersten, noch von der Besatzungsmacht ernannten Landtages von Niedersachsen. Am 9. Dezember 1946 wurde er zum niedersächsischen Innenminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten von Niedersachsen ernannt. Am 12. Februar 1947 wurde er von diesem Amt beurlaubt und am 11. April 1947 entlassen. Vom 9. Juni 1948 bis zum 21. Juni 1950 amtierte er als niedersächsischer Landwirtschaftsminister.

Schon 1946 hatte Adenauer Bedenken gegen die Wahl Gerekes geäußert, weil dieser 1932 in eine Unterschlagungsaffäre verwickelt gewesen sein soll, nahm ihn aber bei einer Sitzung der CDU der britischen Zone noch in Schutz. Anfang 1949 kam es dann zu Auseinandersetzungen und zum Zerwürfnis zwischen Adenauer und Gereke, weil dieser öffentlich die Politik der Unionsparteien im Parlamentarischen Rat kritisierte und nach den Bundestagswahlen eine Große Koalition forderte. Gereke lehnte die Westintegration als Hemmnis für eine Wiedervereinigung strikt ab und bezeichnete die Bundesregierung öffentlich als „Spalterregierung“.[7]

Anfang 1950 fuhr Gereke ohne Absprache mit politischen Freunden nach Ost-Berlin und konferierte im „Gesamtdeutschen Arbeitskreis für Land- und Forstwirtschaft“ mit Walter Ulbricht über die Lieferung von Konserven. Daraufhin wurde er auf Intervention Adenauers im Juni 1950 zum Rücktritt veranlasst, indem man ihn seitens der CDU aus der Reihe der Minister in der Koalition zurückzog. Er blieb zunächst fraktionslos, schloss sich am 5. Oktober 1950 als Abgeordneter dem BHE an, verließ die Partei jedoch wieder, um einem Ausschluss zuvorzukommen. Im November 1950 gründete er die Deutsche Soziale Partei (DSP). Bei der niedersächsischen Landtagswahl 1951 errang die DSP 1,1 % und einen Sitz, den er bis zum 26. Februar 1952 als Mitglied der Fraktion der Unabhängigen (FdU) innehatte.

Im verdeckten Auftrag des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen startete im Mai 1951 der Volksbund für Frieden und Freiheit unter seinem Vorsitzenden Jürgen Hahn-Butry eine Verleumdungskampagne gegen Gereke mit Plakaten und Flugblättern: „Wer Gereke wählt, wählt Moskau“ oder „Ostagent Gereke“. In einem Flugblatt vom Februar/März 1951 behauptete der Volksbund, Gereke habe sich "dem Oberbolschewisten Ulbricht zur Bolschewisierung der Bundesrepublik zur Verfügung" gestellt. Das Flugblatt endet mit dem Aufruf: "Hütet Euch vor Günther Gereke! Fallt nicht auf seinen Schwindel herein. Sorgt dafür, dass diesem gefährlichen Agenten Moskaus das Handwerk gelegt wird!"[8] Gereke wehrte sich mit einer Klage gegen Jürgen Hahn-Butry; Hahn-Butry wurde am 5. April 1952 vom Landgericht Hannover zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, ging aber in Revision. Das Bundeskabinett unter Vorsitz von Bundeskanzler Adenauer interessierte sich für die weitere Entwicklung und ließ sich berichten, so auf der Sitzung am 22. April 1952. Die Hahn-Butry entstandenen Prozesskosten wurden aus dem Geheimetat des Bundeskanzlers, dem sogenannten „Reptilienfonds“, erstattet. Am 2. August 1954 wurde das Verfahren gegen Hahn-Butry ohne abschließendes Urteil eingestellt.[9]

Am 26. Juli 1952 siedelte Gereke in die DDR über. Er begründete seinen Übertritt mit unüberbrückbaren Differenzen zur Bonner Politik und einer Kampagne des Volksbunds für Frieden und Freiheit, namentlich durch Jürgen Hahn-Butry und Eberhard Taubert, die nicht vor seiner physischen Vernichtung zurückschrecken würden, so Gereke auf einer Pressekonferenz des DDR-Informationsamtes in Ost-Berlin. In der DDR wurde er propagandistisch gegen die Bundesrepublik und seinen Kontrahenten Adenauer tätig. Er wurde Mitglied der Blockpartei CDU und saß für diese im Präsidium des Nationalrates der Nationalen Front der DDR. Er war Vorsitzender des Bezirksausschusses der Nationalen Front im Bezirk Frankfurt (Oder). Außerdem widmete er sich von 1953 bis 1969 als Präsident der Zentralstelle für Zucht- und Leistungsprüfungen der Vollblut- und Traberpferde in der DDR der Pferdezucht.

Schriften[Bearbeiten]

  • Ich war königlich-preußischer Landrat. Union-Verlag, Berlin 1970, DNB 456727620.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Der Kurs gegen Adenauer. In: Der Spiegel. Nr. 32, 1950, S. 7–9 (10. August 1950, online).
  •  Aus dem Rezeptbuch. In: Der Spiegel. Nr. 44, 1950, S. 5 (1. November 1950, online).
  •  Martin Schumacher, Katharina Lübbe, Wilhelm Heinz Schröder: M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung, 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. 3. Auflage. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1.
  • Mathias Friedel: Der Volksbund für Frieden und Freiheit (VFF). eine Teiluntersuchung über westdeutsche antikommunistische Propaganda im Kalten Krieg und deren Wurzeln im Nationalsozialismus (= Publizistik im Gardez! Bd. 3). Gardez!-Verlag, St. Augustin 2001, ISBN 3-89796-054-0 (Zugleich: Mainz, Universität, Magisterarbeit, 1999).
  • Friedrich Winterhager: Günther Gereke – der erste Innenminister Niedersachsens – ein Wanderer zwischen den politischen Welten. In: Jahrbuch der Juristischen Zeitgeschichte. JJZG. Bd. 1, 1999/2000 (2000), ISSN 1869-6899, S. 356–368.
  • Friedrich Winterhager: Günther Gereke. Ein Minister im Spannungsfeld des Kalten Krieges. Biografischer Essay. 2., durchgesehene Auflage. Ludwigsfelder Verlags-Haus, Ludwigsfelde 2003, ISBN 3-933022-16-9.
  • Kurzbiografie zu: Gereke, Günther. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Stephan A. Glienke: Die NS-Vergangenheit späterer niedersächsischer Landtagsabgeordneter. Abschlussbericht zu einem Projekt der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen im Auftrag des Niedersächsischen Landtages. Herausgegeben vom Präsidenten des Niedersächsischen Landtages. Durchgesehener Nachdruck der ersten Auflage. Hannover 2012, S. 159 f. (online (PDF; 870 KB)).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. So die Einträge in den Handbüchern des Reichstags für die 2. und 3. Wahlperiode. Im biographischen Eintrag für die 5. Wahlperiode fehlt diese Begründung.
  2. Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.kossa-sachsen.de[3]
  3. Nr. 680 Vermerk des Ministerialrats Wienstein über die Finanzierung des Wahlkampfes für die Wahl des Reichspräsidenten vom 18. Februar 1932 „Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik”
  4. Carl Langbehn: Schutzschrift in der Strafsache gegen den Landrat a. D. Dr. Günther Gereke. Langbehn, Berlin 1933, DNB 361131062.
  5. Arnold Fratzscher: CDU in Niedersachsen. Demokratie der ersten Stunde. Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung, Hannover 1971, S. 59.
  6. Barbara Simon: Abgeordnete in Niedersachsen 1946–1994. biographisches Handbuch. Niedersächsischer Landtag, Hannover 1996, S. 126.
  7. Friedel: Der Volksbund für Frieden und Freiheit. 2001, S. 130–138.
  8. Volksbund für Frieden und Freiheit e.V., Flugblatt ca. Februar/März 1951, zit. nach Friedrich Winterhager: Günther Gereke. Ein Minister im Spannungsfeld des Kalten Krieges. 2002, S. 73.
  9. Friedel: Der Volksbund für Frieden und Freiheit. 2001, S. 130–138.