Gwardeiskoje (Kaliningrad)

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Siedlung
Gwardeiskoje
Mühlhausen, Kr. Preußisch Eylau

Гвардейское
Föderationskreis Nordwestrussland
Oblast Kaliningrad
Rajon Bagrationowsk
Gegründet Anfang des 14. Jahrhunderts
Frühere Namen bis 1946: Mühlhausen
Bevölkerung 564 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Zeitzone UTC+3
Telefonvorwahl (+7) 40156
Kfz-Kennzeichen 39, 91
OKATO 27 203 804 001
Geographische Lage
Koordinaten 54° 29′ N, 20° 38′ O54.48333333333320.633333333333Koordinaten: 54° 29′ 0″ N, 20° 38′ 0″ O
Gwardeiskoje (Kaliningrad) (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Gwardeiskoje (Kaliningrad) (Oblast Kaliningrad)
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Lage in der Oblast Kaliningrad‎

Gwardeiskoje (russisch  Гвардейское, deutsch Mühlhausen, Kreis Preußisch Eylau) ist ein Dorf im Südwesten der russischen Oblast Kaliningrad und gehört zum Rajon Bagrationowsk. Der Ort ist Sitz der Landgemeinde Gwardeiskoje.

Geographische Lage[Bearbeiten]

Gwardeiskoje liegt 30 Kilometer südlich von Kaliningrad und zehn Kilometer nördlich von Bagrationowsk (Preußisch Eylau). Durch den Ort verläuft die russische Fernstraße A 195 (ehemalige deutsche Reichsstraße 128), die die Oblasthauptstadt mit der Kreisstadt verbindet und weiter in das heute polnische Staatsgebiet als Landesstraße 51 nach Bartoszyce (Bartenstein) und Olsztyn (Allenstein) führt.

Die nächste Bahnstation von Gwardeiskoje ist das vier Kilometer nordwestlich gelegene Moskowskoje (Schrombehnen) an der russischen Staatsbahnlinie von Kaliningrad mit Endhalt in Bagrationowsk (ehemalige Bahnstrecke Königsberg (Preußen) - Rastenburg (heute polnisch: Kętrzyn) - Lyck (Ełk) - Prostken (Prostki) der Ostpreußischen Südbahn).

Ortsname[Bearbeiten]

Die Ortsbezeichnung Mühlhausen kommt in Deutschland häufig und im ehemaligen Ostpreußen auch mehrfach vor. Ebenso verhält es sich mit dem russischen Ortsnamen Gwardeiskoje.

Geschichte[Bearbeiten]

Der vor 1945 Mühlhausen genannte Ort wurde in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gegründet und ist damit eine der ältesten Siedlungen in Natangen. 1414 wurde sie schon als „kleine Stadt“ bezeichnet.

Ab 1468 war Mühlhausen im Besitz derer von Kuenheim, nachdem es der Orden dem aus dem Elsass stammenden Ritter und Landrichter Daniel von Kuenheim († 1507) für treu geleistete Dienste übertragen hatte. Sein Enkel Georg Wilhelm von Kuenheim war mit Margarethe Luther, einer Tochter des Martin Luther, verheiratet (an ihrer Wiege soll der Reformator das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ 1534 gedichtet haben).

Im Jahre 1645 ging das Gut Mühlhausen an die Familien von Kalckstein über.

Am 7. Mai 1874 wurde aus der Landgemeinde Mühlhausen und dem Gutsbezirk Knauten (heute russisch: Prudki) der Amtsbezirk Knauten gebildet. Im Mai 1930 wurde diesem Amtsbezirk die Landgemeinde Vierzighuben (Tambowskoje) hinzugefügt. Als am 1. Juni 1936 die Gemeinde Knauten in die Gemeinde Mühlhausen eingegliedert wurde, erhielt der Amtsbezirk Knauten die Umbenennung in Amtsbezirk Mühlhausen. Bis 1945 bildeten die beiden Gemeinden Mühlhausen und Vierzighuben diesen Amtsbezirk.

Im Jahre 1910 zählte Mühlhausen 585 Einwohner. Die Zahl stieg bis 1933 auf 968 und betrug 1939 noch 941.

Bis 1945 gehörte Mühlhausen zum Landkreis Preußisch Eylau im Regierungsbezirk Königsberg in der preußischen Provinz Ostpreußen. Mit Übernahme durch die sowjetische Administration erhielt der Ort 1946 die Bezeichnung Gwardeiskoje und gehört heute zum Rajon Bagrationowsk in der Oblast Kaliningrad.

Dorfsowjet/Dorfbezirk Gwardeiski 1947–2008[Bearbeiten]

Der Dorfsowjet Gwardeiski (ru. Гвардейский сельский Совет, Gwardeiski selski Sowet) wurde im Sommer 1947 eingerichtet. Nach dem Zerfall der Sowjetunion trug die Verwaltungseinheit die Bezeichnung Dorfbezirk Gwardeiski (ru. Гвардейский сельский округ, Gwardeiski selski okrug). Im Jahr 2008 wurden im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung die verbliebenen neun Orte des Dorfbezirks in die neu gebildete Landgemeinde Gwardeiskoje eingegliedert.

Ortsname Name bis 1947/50 Bemerkungen
Bruski (Бруски) Louisenthal Der Ort wurde 1950 umbenannt und vor 1976 verlassen.
Gwardeiskoje (Гвардейсккое) Mühlhausen Verwaltungssitz
Ljubimowo (Любимово) Wisdehnen Der Ort wurde 1950 umbenannt und vor 1976 verlassen.
Moskowskoje (Московское) Gut Schrombehnen Der Ort gehörte zunächst zu Strelnja und wurde vor 1976 in Moskowskoje umbenannt.
Nekrassowo (Некрасово) Moddien und Wöterkeim Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich um 1980 verlassen.
Newskoje (Невское) Fabiansfelde und Groß Lauth Der Ort wurde 1947 umbenannt.
Ossinowka (Осиновка) Konitten Der Ort wurde 1947 umbenannt, gehörte zunächst zum Dorfsowjet Tischinski und wurde vor 1976 verlassen.
Prudki (Прудки) Knauten Der Ort wurde 1947 umbenannt und gehörte zunächst zum Dorfsowjet Tischinski.
Sergejewo (Сергеево) Klein Lauth Der Ort wurde 1950 umbenannt und gehörte zunächst zum Dorfsowjet Wladimirowski im Rajon Kaliningrad.
Slawjanowka (Славяновка) Romitten Der Ort wurde 1947 umbenannt und gehörte zunächst zum Dorfsowjet Tischinski.
Soldatskoje (Солдатское) Lewitten, Pilgrim und Schwellienen Die Orte wurden 1947 umbenannt.
Starosselje (Староселье) Ortslage vermutlich bei Strelnja
Strelnja (Стрельня) Gut Schrombehnen, Schrombehnen und Schultitten Der Ort wurde 1947 umbenannt. Das ehemalige Gut Schrombehnen wurde vor 1976 als Moskowskoje (wieder) eigenständig.
Tambowskoje (Тамбовское) Karlshof und Vierzighuben Der Ort wurde 1947 umbenannt.

Landgemeinde Gwardeiskoje[Bearbeiten]

Die Lage der Landgemeinde Gwardeiskoje im Osten des Rajon Bagrationowsk

Die Landgemeinde Gwardeiskoje (ru. Гвардейское сельское поселение, Gwardeiskoje selskoje posselenie) wurde im Jahr 2008 eingerichtet.[2] Ihr sind 31 jeweils als „Siedlung“ (russisch: possjolok) eingestufte Ortschaften zugeordnet. Sie gehörten vorher zu den Dorfbezirken Gwardeiski, Nadeschdinski, Orechowski und Tschechowski.

Heutiger Name Name (bis 1946) Heutiger Name Name (bis 1946)
Berjosowka
(Берёзовка)
Groß Sausgarten, Naunienen, Pieskeim
sowie Genditten, Kniepitten, Perkuiken,
Sossehnen und Tolkeim
Ossokino
(Осокино)
Groß Waldeck
Bolschakowskoje
(Большаковское)
Leidtkeim Pessotschnoje
(Песочное)
Gallitten
und Palpasch
Bolschoje Osjornoje
(Большое Озёрное)
Klein Sausgarten Prudki
(Прудки)
Knauten
Borowoje
(Боровое)
Bekarten,
Melonkeim
und Rohrmühle
Rjabinowka
(Рябиновка)
Schmoditten
Dubki
(Дубки)
Neucken Sagorodnoje
(Загородное)
Schloditten
Gwardeiskoje
(Гвардейское)
Mühlhausen Sergejewo
(Сергеево)
Klein Lauth
Iljuschino
(Ильюшино)
Bönkeim und
Johannisberg
Slawjanowka
(Славяновка)
Romitten
Kurskoje
(Курское)
Althof (Wohnplatz) Snamenskoje
(Знаменское)
Kutschitten
Maloje Osjornoje
(Малое Озёрное)
Auklappen Soldatskoje
(Солдатское)
Lewitten,
Pilgrim und
Schwellienen
Marijskoje
(Марийское)
Weißenstein Solnetschnoje
(Солнечное)
Thomsdorf
Minino
(Минино)
Bögen Starosselje
(Староселье)
Moskowskoje
(Московское)
Schrombehnen Strelnja
(Стрельня)
Schultitten
Nadeschdino
(Надеждино)
Lampasch Tambowskoje
(Тамбовское)
Karlshof und
Vierzighuben
Newskoje
(Невское)
Fabiansfelde
und Groß Lauth
Tischino
(Тишино)
Abschwangen
Nowosjolki
(Новосёлки)
Klein Waldeck Tschechowo
(Чехово)
Uderwangen
Orechowo
(Орехово)
Althof,
Kr. Preußisch Eylau

Kirche[Bearbeiten]

(Kirche und Pfarrerliste siehe Hauptartikel Dorfkirche Gwardeiskoje)

Kirchengebäude[Bearbeiten]

Wiederhergestellte Dorfkirche in Mühlhausen 2011

Die Kirche in Mühlhausen galt vor 1945 als schönste Landkirche Ostpreußens, weil ihre Innenausstattung wie aus einem Guss zwischen 1693 und 1698 von dem Holzbildhauer Isaak Riga und dem Maler Gottfried Hinz ausgeführt wurde.

Die Kirche stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert. Im Kriegsjahr 1945 wurde das Gebäude kaum beschädigt. Danach allerdings wurden die Kunstschätze wie die Bilder der Kirchenpatrone sowie mehrere Gemälde von Lucas Cranach, die Mitglieder der Familie Luther zeigten entwendet.[3] Die Kirche wurde dann als Lagerhalle zweckentfremdet. In der Sakristei richtete man eine Mühle ein, mit der Mischfutter hergestellt wurde. In der Südmauer brach man eine LKW-Zufahrt heraus, und die Fenster wurden zugemauert. Der Gebäudezustand wurde 1992 als „in starkem Verfall begriffen“ charakterisiert.

Im Jahre 1993 wurde die Kirche an die neugeschaffene evangelisch-lutherische Propstei Kaliningrad übergeben. Mit starker Hilfe aus Deutschland wurde das Gebäude so hergerichtet, dass seit 1999 wieder Gottesdienste gefeiert werden können. Der 29 Meter hohe Turm erhielt im Sommer 2010 eine funkgesteuerte Turmuhr. Den einzigen Rest der ehemaligen reichen Innenausstattung bildet ein Teil der Holztonnendecke aus dem Jahre 1695. Diese wurde inzwischen wie ein Wandbild mit dem Titel "Das Jüngste Gericht" aus dem 15. Jahrhundert renoviert.[3]

In der Kirche befindet sich die Grabstätte von Margaretha Luther (* 17. Dezember 1534 in Wittenberg; † 1570), der Tochter von Martin Luther.[4]

Kirchengemeinde[Bearbeiten]

Während vor 1945 die zahlenmäßig wenigen katholischen Kirchenglieder von der Pfarrei in Preußisch Eylau (heute russisch: Bagrationowsk) betreut wurden, war Mühlhausen mit seinen seit der Reformation mehrheitlich evangelischen Einwohnern das Pfarrdorf für ein weit ausgedehntes Kirchspiel. Es gehörte bis 1945 zum Kirchenkreis Preußisch Eylau in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union.

Aufgrund von Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung kam nach 1945 das kirchliche Leben zum Erliegen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1990/91 jedoch kamen einige Russlanddeutsche in das nun Gwardeiskoje genannte Dorf, und es entstand wieder eine evangelische Gemeinde, die das frühere Gotteshaus dann auch in Besitz nahm. Gwardeiskoje ist jetzt Filialdorf der Pfarrei der Auferstehungskirche in Kaliningrad und gehört zur Propstei Kaliningrad innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland.

Kirchspielorte (bis 1945)[Bearbeiten]

Zum Kirchspiel Mühlhausen gehörten vor 1945 neben Mühlhausen selbst:

Name (bis 1946) Russischer Name Name (bis 1946) Russischer Name
Karlshof Tambowskoje Romitten Slawjanowka
Knauten Prudki Schultitten Strelnja
Louisenthal Storkeim Gromowo
Perkuiken Berjosowka Vierzighuben Tambowskoje

Persönlichkeiten des Ortes[Bearbeiten]

mit dem Ort verbunden[Bearbeiten]

  • Caspar Henneberger (1529–1600), Kartograph und Chronist, war von 1560 bis 1589 Pfarrer in Mühlhausen, bevor er nach Königsberg wechselte,
  • Margarethe von Kuenheim (1534–1570), Tochter des Reformators Martin Luther, lebte in Mühlhausen als Gutsfrau von 1555 bis zu ihrem Tode und wurde in einer späteren Familiengruft vor dem Altar der Kirche beigesetzt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gwardeiskoje (Kaliningrad) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. Durch das Закон Калининградской области от 30 июня 2008 г. № 253 «Об организации местного самоуправления на территории муниципального образования "Багратионовский городской округ"» (Gesetz der Oblast Kaliningrad vom 30. Juni 2008, Nr. 253: Über die Organisation der lokalen Selbstverwaltung auf dem Gebiet der munizipalen Bildung „Stadtkreis Bagrationowsk“)
  3. a b Preußische Allgemeine Zeitung vom 9. Oktober 2010
  4. Gäbler Genealogie