Heinrich Schütz

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Komponisten Heinrich Schütz. Für den deutschen Arzt siehe Heinrich Schütz (KZ-Arzt).
Heinrich Schütz portraitiert von Christoph Spetner um 1660

Heinrich Schütz, in autographen Handschriften immer Henrich,[1] latinisiert Henricus Sagittarius (* 8. Oktoberjul./ 18. Oktober 1585greg. in Köstritz; † 6. November 1672 in Dresden) war ein deutscher Komponist des Frühbarock.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

[Bearbeiten] Kindheit und Jugend

Schütz war das zweitälteste von acht Geschwistern. Er wurde in Köstritz in Ostthüringen geboren; als er fünf Jahre alt war, zog seine Familie mit ihm nach Weißenfels, weil sein Vater dort einen Gasthof übernahm. Dort verbrachte Heinrich Schütz seine Kindheit. 1599 wurde sein musikalisches Talent vom Landgraf Moritz von Hessen-Kassel entdeckt, mit dessen Förderung er nach einer Ausbildung zum Sängerknaben und dem Besuch der Kasseler Hofschule, des Collegium Mauritianums, ab 1607 Jura in Marburg studieren konnte. Gleichzeitig erlernte er das Orgelspiel und die Komposition. Von 1609 bis 1612 trat Schütz dank eines Stipendiums des Landgrafen eine dreijährige Studienreise nach Venedig zu Giovanni Gabrieli an, die er mit der 1611 veröffentlichten Madrigalsammlung Il Primo libro di Madrigali abschloss. Auf seinem Totenbett vermachte Gabrieli einen seiner Ringe Schütz, der seinerseits sein Leben lang für Gabrieli des Lobes voll war und nie jemand anderen als seinen Lehrer bezeichnete.

Als er 1613 wieder nach Kassel zurückkehrte, wurde er zum zweiten Organisten am Hofe des Landgrafen Moritz von Hessen berufen. Daraufhin begab er sich in den Dienst des sächsischen Kurfürsten und ging 1615 nach Dresden zur damals in Deutschland führenden Hofkapelle, wo er die Stelle des Kapellmeisters erhielt; diese hatte er bis zu seinem Lebensende inne. Sein Wechsel nach Dresden war bereits seit 1614 Gegenstand diplomatischer Auseinandersetzungen zwischen dem Landgrafen und dem Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen gewesen, die erst 1619 endeten, als sich der Kurfürst endgültig durchsetzen konnte. Im selben Jahr veröffentlichte Schütz die Psalmen Davids, die er seinem Landesherrn widmete, und heiratete Magdalena Wildeck.

Als Kapellmeister hatte Schütz die Oberaufsicht über die Mitglieder der Hofkapelle, die aus Sängern und Instrumentalisten bestand. Mit ihr war er für alle Musik am Hofe zuständig: geistliche wie weltliche, zur Unterhaltung und zum Gottesdienst ebenso wie zur politischen Repräsentation. Leider sind seine dramatischen weltlichen Werke (Singspiele und Ballette), von denen in der Regel nur die Texte gedruckt wurden, verlorengegangen.

Heinrich Schütz 1627, im Jahr der Entstehung der Dafne

[Bearbeiten] Dreißigjähriger Krieg

1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, dessen verheerende Auswirkungen nicht nur gut ein Drittel der deutschen Bevölkerung das Leben kosteten, sondern auch den fast völligen Zusammenbruch deutscher Kultur verursachten. Schütz schrieb selbst davon, wie „die löbliche Music von den anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läufften in unserm lieben Vater-Lande Teutscher Nation nicht allein in grosses Abnehmen gerathen, sondern an manchem Ort gantz niedergeleget worden“. Er musste seine Ansprüche an Aufführungspraxis und Instrumentarien erheblich verringern, „damit mein von Gott verliehenes Talentum in solcher edlen Kunst nicht gantz ersitzen bleiben sondern nur etwas weniges schaffen und darreichen möchte“ (Widmungsvorrede des ersten Teils der Kleinen geistlichen Konzerte, Leipzig, 1636). Hinzu kam, dass die Pest sich wiederholt verbreitete. Nach dem frühen Tod Magdalenas im Jahr 1625 heiratete Schütz nie wieder. Um den Anschluss an die neuesten Errungenschaften der Musik nicht zu verlieren, besuchte Schütz 1628 zum zweiten Mal Italien, wo er über ein Jahr lang blieb (dass er Claudio Monteverdi begegnete, ist denkbar, aber nicht gesichert). Dort empfing er maßgebliche neue Impulse für sein Werk. Auch das erste Buch seiner Symphoniae sacrae, das er nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1629 veröffentlichte, zeugt von diesem Aufenthalt. Die Dresdner Kapelle sah sich jedoch schon in diesen Jahren mit so großen Schwierigkeiten bei der Versorgung und Bezahlung ihrer Mitglieder konfrontiert, dass Schütz sich immer wieder nach Beschäftigungen außerhalb Dresdens umsah.

So war er froh, gleich zweimal ein Angebot des Königs Christian IV. von Dänemark und Norwegen anzunehmen, bei großen Hochzeitsfeiern die Musik zu leiten. 1633 bis 1635 und von 1642 bis 1644 war er in Kopenhagen als dänischer Oberkapellmeister tätig. Außerdem arbeitete Schütz auch als musikalischer Ratgeber der Fürstenhöfe in Hannover, Wolfenbüttel, Gera, Weimar und Zeitz. Anlässlich der Trauerfeier für seinen Landesfürsten Heinrich Posthumus Reuß komponierte er 1635/36 die Musikalischen Exequien. 1636 veröffentlichte er in Leipzig den ersten Teil seiner Kleinen geistlichen Konzerte, dem er 1639 einen zweiten Teil folgen ließ. Seine Publikationstätigkeit erreichte Ende der 1640er Jahre ihren Höhepunkt: 1647 erschien der 2. Teil der Symphoniae sacrae, 1648 die Geistliche Chormusik und 1650 der 3. und letzte Teil der Symphoniae sacrae. Seine seit 1645 immer wieder eingereichten Gesuche um die Versetzung in den Ruhestand wurden von Johann Georg I. allesamt abgelehnt; erst nach dessen Tod im Jahr 1656 gewährte sein Sohn Johann Georg II. von Sachsen Schütz einen weitgehenden Rückzug. Als „ältester“ Kapellmeister behielt Schütz seinen Titel allerdings bis an sein Lebensende.

Eine um 1930 – wohl zum Schütz-Jubiläum 1935 – angefertigte Fälschung, die Heinrich Schütz angeblich 1670 portraitiert. [2]

[Bearbeiten] Späte Jahre

Den Lebensabend verbrachte Schütz in seinem Haus in Weißenfels, dem Ort seiner Kindheit. Aus dieser Zeit stammen seine drei Passionen nach Lukas- (um 1664), Matthäus- (1665) und Johannes (1666) sowie seine Weihnachtshistorie (1664). Sein letztes Werk ist die vollständige Vertonung des 119. Psalms (1671), aufgeteilt in 11 Motetten mit anschließendem deutschen Magnificat und einer Vertonung des 100. Psalms. Der 119. Psalm ist der längste in der Bibel, und das gesamte Werk ist durchweg doppelchörig angelegt. Da es seine letzte Komposition sein sollte, wird das Werk landläufig auch Schwanengesang genannt. Schütz starb im hohen Alter von 87 Jahren in Dresden. Er wurde in der alten Dresdner Frauenkirche beigesetzt. Mit ihrem Abriss 1727 ging auch seine Grabstätte verloren.

[Bearbeiten] Musikalisches Schaffen

Titelseite der
Psalmen Davids

Heinrich Schütz gilt als der bedeutendste deutsche Komponist des Frühbarocks. Obwohl zunächst zum Organisten ausgebildet, komponierte er nach frühen Madrigalen in italienischer Sprache vor allem Vokalmusik zu deutschen geistlichen Texten, und zwar für die Hofgottesdienste ebenso wie zur Unterhaltung bei der fürstlichen Tafel. Als seine Hauptaufgabe sah Schütz allerdings die Bereitstellung von Musik zu außergewöhnlichen Anlässen wie großen Hoffesten oder politischen Ereignissen.

Die aus dem Zusammentreffen von Dreißigjährigem Krieg, Seuchen und sozialen Umwälzungen resultierenden schwierigen Lebensumstände trugen mit dazu bei, dass Schütz, der zunächst in eine durchaus glanzvolle Hofhaltung eintrat und bis zum frühen Tod seiner Frau ein glückliches Familienleben führte, später sein Leben als „nahezu qualvolle Existenz“ beschrieb. In seinen Werken haben sich diese Erfahrungen allerdings nur bedingt niedergeschlagen.

Schütz führte den neuen, aus Italien stammenden konzertierenden Stil mit obligatem Generalbass in Deutschland ein und vereinigte ihn mit der deutschen Bibelprosa. Seine meisterhafte „Übersetzung“ deutscher Texte in Musik – hier konnte Schütz auf seine Erfahrungen mit dem italienischen Madrigal zurückgreifen – hat seit jeher sein Publikum fasziniert. Neben der Bibelprosa (mit besonderer Bevorzugung der Psalmen) hat Schütz gereimte oder gar strophische Texte eher selten vertont, auch deshalb, weil er deutsche Dichtung nach dem Muster des italienischen Madrigals vermisste und sich nicht dazu in der Lage sah, selbst solche Texte zu schreiben. Gleichwohl hat Schütz mit bekannten Dichtern zusammengearbeitet; die Zusammenarbeit mit Martin Opitz führte zur Entstehung der Pastoralkomödie Dafne (bei der allerdings nicht gesichert ist, ob es sich um eine durchkomponierte Oper oder um ein Theaterstück mit Musik handelte).

Neben dem Stil mit Generalbaß hat Schütz auch noch den älteren generalbaßlosen Stil gepflegt und als Grundlage allen Komponierens hochgeschätzt. Das zeigen nicht nur seine Madrigale, sondern auch die Motetten der Cantiones sacrae von 1625 ebenso wie die Geistliche Chormusik von 1648. Gerade die Verschmelzung beider Stile, die Arbeit mit Elementen des Konzerts ebenso wie mit solchen aus Motette und Madrigal, dabei der virtuose Umgang mit den Vokalstimmen ebenso wie mit den obligaten Instrumenten und die variable Handhabung unterschiedlichster Besetzungen (vom einstimmigen kleinen Konzert bis zu mehrchörigen, klangvollen Werken) zählen zu den besonderen Leistungen des Komponisten, die schon seine Zeitgenossen anerkannten. Eine vollständige Auflistung von Schütz’ Werk findet sich im Schütz-Werke-Verzeichnis von Werner Bittinger.

[Bearbeiten] Rezeption

Zu Lebzeiten wurde Schütz als „parens nostrae musicae modernae“, also „Vater unserer (d. h. der deutschen) modernen Musik“ tituliert. Die erste deutsche Musikgeschichte 1650 nannte ihn „den allerbesten teutschen Componisten“, auf seinem Grabstein wurde er als „seines Jahrhunderts hervorragendster Musiker“ (saeculi sui musicus excellentissimus) bezeichnet. Zu Schütz’ Schülern zählen u. a. Pohle, Weckmann, Theile, Krieger, Vierdanck. Trotz der Wertschätzung durch seine Zeitgenossen geriet er nach seinem Tod rund 200 Jahre lang in Vergessenheit.

Erstmals ausführlicher erwähnt wurde Schütz 1834 in Carl von Winterfelds Monographie über Giovanni Gabrieli. Später machte der Leipziger Chorleiter Carl Riedel Werke von Schütz, vor allem seine Passionen sowie die Sieben Worte, in eigenen Bearbeitungen einem großeren Publikum bekannt. Auch Johannes Brahms hat in Wien einige Werke von Schütz aufgeführt. 1885 begann Philipp Spitta mit der ersten Veröffentlichung von Schütz’ gesammeltem Werk. Eine intensivere Schütz-Pflege, allerdings vor allem auf die Motetten der Geistlichen Chormusik konzentriert, begann in den 1920er-Jahren. Konsequenz war u. a. 1922 die Gründung einer ersten, kurzlebigen Heinrich-Schütz-Gesellschaft. Ihr folgte 1930 eine Neue Schütz-Gesellschaft, die später umbenannt wurde und noch heute als Internationale Heinrich-Schütz-Gesellschaft (ISG) besteht und mit jährlich veranstalteten Heinrich-Schütz-Festen oder Heinrich-Schütz-Tagen die Verbreitung und das Verständnis der Musik von Schütz befördert. Einer ihrer Mitbegründer, Hans-Joachim Moser, legte 1936 eine erste Biographie über Schütz vor, nachdem Erich Müller bereits 1931 eine Edition von Schützens Schriften und Briefen besorgt hatte. 1955 dann begann die ISG mit der Veröffentlichung einer Neuen Ausgabe sämtlicher Werke (Neue Schütz-Ausgabe), die mittlerweile 34 Bände hat (Stand: Dezember 2006) und voraussichtlich bis auf etwa 45 Bände anwachsen wird. 1979 begann die ISG mit der Herausgabe eines Schütz-Jahrbuches, das seither jährlich erschienen ist und wichtige Aufsätze zum Komponisten und seinem Umfeld enthält.

Heinrich-Schütz-Stele von Berndt Wilde in Dresden
Briefmarkenblock der DDR (1985) zum 400. Geburtstag

Neben der Neuen Schütz-Ausgabe erscheint, von Günter Graulich herausgegeben, die Stuttgarter Schütz-Ausgabe, die aufführungspraktischen Bedürfnissen stark entgegen kommt.

Das Heinrich-Schütz-Archiv in Dresden wurde 1988 von Wolfram Steude gegründet. [3]

[Bearbeiten] Denkmäler

In Dresden erinnert unweit des Zwingers in der Grünanlage westlich des Zwingerteichs eine Stele an Schütz' Wirken in Dresden. Berndt Wilde schuf das Denkmal 1985, das aus einer Sandsteinstele besteht, an der Bronzeplatten mit Szenen aus Schütz' Zeit dargestellt sind.[4]

[Bearbeiten] Literatur

  • Erich H. Müller: Heinrich Schütz – Gesammelte Briefe und Schriften. Regensburg 1931.
  • Hans Joachim Moser: Heinrich Schütz. Sein Leben und sein Werk. Kassel, 1936.
  • Hans Heinrich Eggebrecht: Heinrich Schütz. Musicus Poeticus. Göttingen 1959, Wilhelmshaven 1984, ISBN 3-7959-0410-2.
  • Otto Brodde: Heinrich Schütz. Weg und Werk. Kassel 1979, ISBN 3-7618-0159-9.
  • Irene Hempel: Heinrich Schütz. Biographische Briefe und Dokumente. Leipzig 1985.
  • Wolfram Steude: Zum gegenwärtigen Stand der Schütz-Ikonographie. In: Schütz-Jahrbuch 1985/86. Bärenreiter, Kassel 1986, ISBN 3-7618-0778-3, S. 50–61.
  • Joshua Rifkin: Henrich Schütz. Auf dem Wege zu einem neuen Bild von Persönlichkeit und Werk. In: Schütz-Jahrbuch 1987. Bärenreiter, Kassel 1987, ISBN 3-7618-0819-4, S. 5–21.
  • Martin Gregor-Dellin: Heinrich Schütz. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. München 1987, ISBN 3-492-02919-1.
  • Mara R. Wade: Heinrich Schütz as Artistic Director of the Great Wedding. In: German Court Culture and Denmark. Harrassowitz, Wiesbaden 1997, ISBN 3-447-03899-3, S. 221–278.
  • Michael Heinemann: Heinrich Schütz. Rowohlt, Hamburg 1994, ISBN 3-499-50490-1.
  • Michael Heinemann: Heinrich Schütz und seine Zeit. Laaber, 1993, ISBN 3-89007-116-3.
  • Michael Heinemann: Heinrich Schütz in Kassel und Venedig. In: Heiner Borggrefe, Vera Lüpkes, Hans Ottomeyer (Hrsg.): Moritz der Gelehrte. Ein Renaissancefürst in Europa. 1997, ISBN 3-932353-04-8, S. 301ff.
  • Schütz-Jahrbuch. Hrsg. von Walter Werbeck in Verbindung mit Werner Breig, Friedhelm Krummacher und Eva Linfield. Bärenreiter, Kassel 1979ff, ISBN 978-3-7618-1684-4.
  • Fritz Roth: Restlose Auswertung von Leichenpredigten und Personalschriften für genealogische und kulturhistorische Zwecke. Band. 2 R 1878.
  • Vladimir Steingard, Elisabeth Sobol (Übers.): Heinrich Schütz: Persönlichkeit, Schaffen, Kompositionsstil: Eine neue Monographie-Konzeption. Monsenstein Vannerdat, MV-Wissenschaft, 2007, ISBN 978-3-86582-530-8.

[Bearbeiten] Filme

  • Ich bin eine rufende Stimme, Heinrich Schütz zum 400. Geburtstag. DEFA Studio für Dokumentarfilme, Gruppe Effekt 1985 Fernsehen der DDR, Darsteller Peter Pauli, Buch Andrea Klonower, Thomas Kuschel, Regie Thomas Kuschel, Kamera Peter Milinski, Produktion Ulrich Möller.

[Bearbeiten] Weblinks

Commons Commons: Heinrich Schütz – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Rifkin 1987, S. 5
  2. Steude 1986, S. 58–61
  3. Wolfram Steude: Das Heinrich-Schütz-Archiv. In: Beiträge zur Musikwissenschaft. Heft 3/1989. Herausgegeben vom Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR im Verlag Neue Musik Berlin (Ost), Seite 207 f.
  4. Kunst im öffentlichen Raum. Informationsbroschüre der Landeshauptstadt Dresden, Dezember 1996.

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