Saul Bellow

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Saul Bellow (* 10. Juni 1915 als Solomon Bellows in Lachine, Québec, Kanada; † 5. April 2005 in Brookline, Massachusetts, USA) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Träger des Nobelpreises für Literatur.[1] Seine mehrfach ausgezeichneten Romane, Erzählungen und Essays verschafften ihm die Anerkennung, neben Bernard Malamud und Philip Roth zu den bedeutendsten Vertretern der jüdisch-amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts zu zählen.[2]

Leben[Bearbeiten]

Saul Bellow und Keith Botsford 1990

Saul Bellow wurde 1915 als Solomon Bellows in Lachine, einem Vorort von Montréal, als Sohn einer jüdischen Immigrantenfamilie aus St. Petersburg geboren, die 1913 ausgewandert war. Die ersten neun Lebensjahre verbrachte Bellow in einem vielsprachigen Armenviertel Montréals, in dem zahlreiche jüdische Einwanderer vornehmlich aus Ost- und Südeuropa lebten. Außer Englisch und Französisch lernte der junge Saul Bellow Hebräisch und Jiddisch, das er auch zu Hause sprach. Er wurde orthodox erzogen und sollte nach dem Wunsch seiner Mutter später talmudischer Schriftgelehrter werden. 1924 zog die Familie nach Chicago um, das Bellow fortan als seine Heimat ansah und zum Schauplatz vieler seiner Werke machte.[3] Er selbst und sein literarisches Schaffen wurden zeitlebens durch das östlich-jüdisch geprägte Großstadtmilieu, in dem er aufwuchs, beeinflusst.

1934 begann er an der Universität von Chicago sein Studium, das er ab 1935 an der Northwestern University fortsetzte. Dort erhielt er 1937 seinen Bachelor in den Fächern Anthropologie und Soziologie und arbeitete anschließend an der University of Wisconsin.[4] Er heiratete die Soziologin Anita Goshkin und arbeitete als Journalist, später als Universitätsprofessor für Literatur. Kurzzeitig war er auch Mitarbeiter der Encyclopædia Britannica. Er gehörte dem internationalen Salzburg Seminar an.

Bereits sein Tagebuchroman Dangling Man erregte 1944 Aufmerksamkeit. Hier kreist das Geschehen um einen jungen Mann, der seine Einberufung erwartet. In seinen Frühwerken beschäftigte den Schriftsteller stark die Vereinsamung des Individuums in der auf Profit fixierten US-Konsumwelt.

Das Hauptthema seiner Werke ist die Situation des männlichen, jüdischen Intellektuellen in den heutigen USA, der ohne religiöse Bindung seinen Weg im Kampf des Lebens sucht, insbesondere verwirrt im Kampf der Geschlechter. Die Schauplätze seiner Romane sind vorwiegend New York und Chicago. Die eigene Minderheitenerfahrung sensibilisierte ihn für soziale Antagonismen; zugleich war er stets ein wacher Diagnostiker kultureller Tendenzen und Veränderungen. In den älteren Jahren des Autors werden die Protagonisten in den Werken zu aktiven, ihr Los meisternden und auf ihre Umwelt einwirkenden Gestalten.

Bellow bildete gemeinsam mit William Faulkner „das Rückgrat der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts“, so die Einschätzung des Autors Philip Roth.[5] Der literarische Durchbruch gelang Bellow bereits 1965 mit dem tragikomischen Roman Herzog, den viele Kritiker für sein bestes Werk halten. Darin setzte er sich mit Philosophen wie Nietzsche und Heidegger (oder auch mit dem schon entfernteren Oswald Spengler) auseinander. Dabei nahm er einen sowohl europäischen wie amerikanischen Blickpunkt ein, suchte damit gewissermaßen zwei Identitäten zu verbinden. Mit Herzog erschloss sich Bellow auch die Leserschaft in Deutschland.

1976 erhielt Bellow den Nobelpreis für Literatur „für das menschliche Verständnis und die subtile Kulturanalyse, die in seinem Werk vereinigt sind“.[6] Kurz zuvor wurde er für den Roman Humboldts Vermächtnis (engl. Humboldt’s Gift) mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Bellow war fünfmal verheiratet, unter anderem mit der Mathematikerin Alexandra Bell. Zum Zeitpunkt seines Todes hinterließ er neben drei Söhnen eine fünfjährige Tochter.

Werke[Bearbeiten]

  • 1944 Dangling Man (Der Mann in der Schwebe)
  • 1947 The Victim (Das Opfer)
  • 1953 The Adventures of Augie March (Die Abenteuer des Augie March)
  • 1956 Seize the Day (Das Geschäft des Lebens)
  • 1959 Henderson, the Rain King (Der Regenkönig)
  • 1964 Herzog (Roman)
  • 1965 A Wen (Das Mal)
  • 1965 Orange Souffle (Orangen-Soufflé)
  • 1965 The Last Analysis
  • 1968 Mosby's Memoirs (Kurzgeschichten)
  • 1970 Mr. Sammler's Planet (Mr. Sammlers Planet)
  • 1975 Humboldt's Gift (Humboldts Vermächtnis)
  • 1976 To Jerusalem And Back. A Personal Account. (non-fiction)
    • deutsch: aus dem Englischen von Walter Hasenclever (nicht aber Walter Hasenclever): Nach Jerusalem und zurück. Ein persönlicher Bericht, Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1979, ISBN 3-548-20017-6.
  • 1982 The Dean's December (Der Dezember des Dekans)
  • 1984 Him With His Foot In His Mouth (Der mit dem Fuß im Fettnäpfchen)
  • 1987 More Die of Heartbreak (Mehr noch sterben an gebrochnem Herzen)
  • 1989 A Theft (Ein Diebstahl)
  • 1989 The Bellarosa Connection (Bellarosa Connection)
  • 1991 Something To Remember Me By (Kurzgeschichten)
  • 1994 It All Adds Up (gekürzt: Wie es war, wie es ist)
  • 1997 The Actual (Die einzig Wahre)
  • 2000 Ravelstein (Ravelstein)

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Verfilmungen[Bearbeiten]

  • 1986: Das Geschäft des Lebens (Seize the day)

Literatur[Bearbeiten]

  • James Atlas: Bellow. A biography. Faber and Faber, London 2000, ISBN 0-571-14356-3.
  • Paul Michael Lützeler: Nachruf auf Saul Bellow. In: Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, Jahrbuch 2005, S. 121–122.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Saul Bellow – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In einigen Quellen wie The Encyclopedia Americana (1971), Lexikon der Weltliteratur (1988) oder Encyclopedia of World Literature (1999) wird der 10. Juli 2015 als Geburtsdatum Bellows angegeben. Vgl. Saul Bellow (1915 - 2005). In: Jewish Virtual Library. Abgerufen am 9. April 2015. Laut Angaben seines Anwalts, der in dem Nachruf der New York Times vom 6. April 2005 zitiert wird, hat Bellows seinen Geburtstag normalerweise im Juni gefeiert: „[...] his birthdate is listed as either June or July 10, 1915, though his lawyer, Mr. Pozen, said yesterday that Mr. Bellow customarily celebrated in June. (Immigrant Jews at that time tended to be careless about the Christian calendar, and the records are inconclusive.)“
  2. Vgl. Martin Schulze: Geschichte der amerikanischen Literatur. Propyläen-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-549-05776-8, S. 546. Siehe auch Franz Link: Saul Bellow. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 - Themen · Inhalte · Formen. Schöningh Verlag, Paderborn u.a. 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 96-120, hier insbesondere S. 96.
  3. Vgl. Wolfgang P. Rothermehl: Saul Bellow. In: Martin Christadler (Hrsg.): Amerikanische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Kröner Verlag, Stuttgart 1972, ISBN 3-520-41201-2, S. 69-104, hier S. 71 und 99. Siehe auch David Galloway: Saul Bellow, "The Gonzaga Manuscripts" (1956). In: In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 168-174, hier s. 168. Vgl. ebenfalls Saul Bellow (1915 - 2005). In: Jewish Virtual Library. Abgerufen am 9. April 2015.
  4. Vgl. Wolfgang P. Rothermehl: Saul Bellow. In: Martin Christadler (Hrsg.): Amerikanische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Kröner Verlag, Stuttgart 1972, ISBN 3-520-41201-2, S. 69-104, hier S. 99f. Siehe auch Saul Bellow (1915 - 2005). In: Jewish Virtual Library. Abgerufen am 9. April 2015.
  5. Das Roth-Zitat ist dem Nachruf Bellows in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. April 2005 entnommen. Siehe Saul Bellow „Rückgrat der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts“. Abgerufen am 8. April 2015.
  6. Siehe Der Nobelpreis für Literatur 1976 - Saul Bellow. Auf: nobelpreis.org. Abgerufen am 8. April 2015.