Der Mann ohne Eigenschaften

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Der Roman Der Mann ohne Eigenschaften ist das Hauptwerk Robert Musils. Er gilt als einer der einflussreichsten Romane des 20. Jahrhunderts. [1]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Entstehungsgeschichte

Die Arbeit an diesem Roman begann Musil 1921. Der erste Band mit dem ersten Buch des auf drei Bücher angelegten Romans erschien am 26. November 1930, der erste Teil des zweiten Buches 1932. Musil arbeitete bis zu seinem Lebensende 1942 an dem Roman, konnte ihn jedoch nicht vollenden. Der Autor hinterließ ein Konvolut von 12.000 Blättern mit 100.000 Anmerkungen und Querverweisen, aus denen spätere Herausgeber nach eigenem Gutdünken die Fortsetzung des Romans konstruierten. Eine für 2007 geplante CD-Version des Gesamtwerks ermöglicht neue nicht-lineare Lese-Wege durch das unendlich verwobene Material zum Mann ohne Eigenschaften und macht das Werk nachträglich zur Hypertext-Literatur.

[Bearbeiten] Inhalt, Gehalt und Rezeption

Die Handlung setzt ein in Wien im Jahre 1913 und wird im Rahmen der Vorbereitungen zum 70. Thronjubiläum Kaiser Franz Josef I. erzählt. In der stark durch essayistische Exkurse und Reflexionen geprägten Prosa entfaltet Musil ein zeitgeschichtliches Panoptikum, das im Mikrokosmos des Romans den Übergang von der durch Aufklärung und Rationalität geprägten großbürgerlichen Gesellschaft zur modernen Massengesellschaft illustriert. Den Verwerfungen zwischen Individuum und Gesellschaft, welche diesen Prozess begleiten, gilt Musils Hauptinteresse. In einer der Lebensphilosophie und Nietzsche nahestehenden Weise arbeitet er immer wieder Ansätze einer mystischen Lebenshaltung heraus. Der Versuchung der Verabsolutierung des mystischen „anderen Zustands“ steht dabei die vielzitierte Formel der geforderten Verbindung von „Genauigkeit und Seele“ entgegen. Der autornahe Protagonist Ulrich (siehe unten unter Figuren) trägt den Widerstreit von Mathematik und Mystik exemplarisch in sich aus. Notizen Musils zum Romanaufbau sehen den falschen Gegensatz von Genauigkeit und Seele in der griechischen Antike grundgelegt. Auch unter diesem Gesichtspunkt beziehen sich spätere Theoretiker auf dem Feld der Anthropologie nicht selten auf Musils Mann ohne Eigenschaften (so Peter Sloterdijk in seiner Trilogie Sphären) oder werden auf diesen rückbezogen (so Niklas Luhmann aus der Sicht von Robert Spaemann [2]).

Durch den Roman prägte Musil das Wort Kakanien (von „k. k.“ für „kaiserlich-königlich“) als ironische Bezeichnung für die österreichisch-ungarische Monarchie. Dass die sehr ähnliche, aus dem Griechischen stammende Wurzel (Liste griechischer Wortstämme in deutschen Fremdwörtern) kaka- auf deutsch schlecht bedeutet, kann auch als mögliche Wertung Musils verstanden werden.

[Bearbeiten] Figuren

  • Hauptfigur des Romans ist Ulrich, der im Laufe des Werkes verschiedene Berufsrollen erfüllt, z.B. als Mathematiker, Ingenieur oder politischer Berater. Er erlebt jedoch alle diese Rollen als existentielle Verengungen und bietet deshalb in einem einjährigen „Urlaub vom Leben“ seinen vielberufenen utopischen „Möglichkeitssinn“ auf, um anders und besser Mensch zu werden.
  • Agathe ist Ulrichs Schwester. Im zweiten Teil des Romans entsteht eine mystisch verfremdete inzestuöse Beziehung zwischen Ulrich und Agathe.
  • Walter ist ein Jugendfreund Ulrichs, ein Künstler, der dabei ist, sich im bürgerlichen Leben einzurichten. Von ihm stammt im Roman die Bezeichnung „Mann ohne Eigenschaften“, womit er Ulrich beschimpfen will.
  • Clarisse ist Walters jugendliche Ehefrau, die aber den Geschlechtsverkehr mit ihm verweigert und schließlich sogar ein Kind von Ulrich wünscht. Die Nietzsche-Verehrerin schwelgt für den Wahnsinn und ist selbst offenbar geistig nicht „normal“.
  • Bonadea ist eine Geliebte Ulrichs. Musil spielt mit dieser Figur vor allem die Thematik von Begehren und Moral durch.
  • Graf Leinsdorf ist der Initiator der „Parallelaktion“, welche zur Vorbereitung des siebzigjährigen Thronjubiläum des Kaisers gestartet wurde. Er sieht sich selbst als „Realpolitiker“.
  • Diotima, eigentlich „nur“ Hermine Tuzzi, veranstaltet Salons, bei denen sich Vertreter der verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen in Kakanien treffen, um Ideen für die Parallelaktion zu entwickeln. Vorbild für die Figur der Diotima war vermutlich Eugenie Schwarzwald.
  • Sektionschef Tuzzi ist der Ehemann von Diotima. Er ist ein hoher Staatsbeamter und hält persönlich nicht viel von der in seinem Haus stattfindenden Parallelaktion.
  • Paul Arnheim ist ein einflussreicher Industrieller, Politiker und Intellektueller. Er pflegt eine innige – aber rein platonische – Liebesbeziehung zu Diotima. Vorbild für Paul Arnheim war vor allem Walther Rathenau.
  • General Stumm von Bordwehr, ein heimlicher Verehrer Diotimas. Sein Schicksal wird später von Wilhelm Muster in Die Hochzeit der Einhörner (1981) weitererzählt.
  • Moosbrugger ist ein Sexualmörder, anhand dessen Musil vor allem die Problematik des Freien Willens behandelt.
  • Rachel ist das aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Dienstmädchen Diotimas, das mit Paul Arnheims schwarzem Dienstjungen Soliman eine Affäre hat.
  • Gerda Fischel, Tochter des liberalen jüdischen Prokuristen Leo Fischel, ist eine frühere Geliebte Ulrichs und Anhängerin einer präfaschistischen Jugendsekte. Sie steht unter dem Einfluss des antisemitischen Aktivisten Hans Sepp und des Lebensphilosophen Meingast (Vorbild für letzteren war Ludwig Klages).
  • Schmeisser, radikaler sozialistischer Aktivist
  • Prof. Gottlieb Hagauer, Reformpädagoge, mit Agathe verheiratet, als diese Ulrich kennenlernt (reales Vorbild war Georg Kerschensteiner)
  • August Lindner, Kollege von Hagauer, der Agathe zu einem asketischen Leben bekehren will (reales Vorbild war Friedrich Wilhelm Foerster)

[Bearbeiten] Quellen

  1. Literaturhaus Wien: „Musils Mann ohne Eigenschaften“ ist „wichtigster Roman des Jahrhunderts“
  2. in: Paradigm lost: Über die ethische Reflexion der Moral. Niklas Luhmanns Herausforderung an die Philosophie

[Bearbeiten] Literatur

  • Wilfried Berghahn: Robert Musil. Bildmonographie. Rowohlt, Reinbek 1988
  • Karl Corino: Robert Musil. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003, ISBN 3-498-00891-9
  • Sibylle Deutsch: Der Philosoph als Dichter. Robert Musils Theorie des Erzählens. St. Ingbert [Beiträge zur Robert–Musil–Forschung und zur neueren österreichischen Literatur; Bd. 5]
  • Karl Dinklage (Hrsg.): Robert Musil. Leben, Werk, Wirkung. Wien 1960
  • Eckhard Heftrich: Musil. Eine Einführung. Artemis, München 1986
  • Renate von Heydebrand: Die Reflexionen Ulrichs in Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften". Aschendorff, Münster 1966 - Hervorragende Arbeit über die Bezüge von Ulrichs Gedanken zu philosophischen Strömen seiner Zeit.
  • Kaiser/Wilkins: Robert Musil. Eine Einführung in das Werk. Kohlhammer, Stuttgart 1962
  • Burton Pike: Robert Musil: An introduction to his work Ithaca University Press, 1962
  • Burton Pike und David S. Luft: Precision and soul: essays and addresses/ Robert Musil University of Chicago Press, 1990
  • M.-L. Roth: Robert Musil. Ethik und Ästhetik. Paul List, München 1972
  • Brigitta Westphal: Musil Paraphrasen II / Musil Paraphrases II. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit Musils "Mann ohne Eigenschaften" / An Artist's Approach to Musils "Man without Qualities". Peter Lang, Bern 1999 (Illustrationen von Brigitta Westphal, mit Vorwort von Karl Corino)
  • Roger Willemsen: Robert Musil. Vom intellektuellen Eros. Piper, München 1985
  • Claus Erhart: Der ästhetische Mensch bei Robert Musil. Vom Ästhetizismus zur schöpferischen Moral.. Germanistische Reihe der Universität Innsbruck, 1991, ISBN 3-901064-02-8
  • Villö Huszai: Digitalisierung und Utopie des Ganzen. Überlegungen zur digitalen Gesamtedition von Robert Musils Werk. In: Michael Stolz, Lucas Marco Gisi u. Jan Loop (Hg.): Literatur und Literaturwissenschaft auf dem Weg zu den neuen Medien. Bern: germanistik.ch, 2005

[Bearbeiten] Weblinks

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