Lidice

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Lidice
Wappen von Lidice
Lidice (Tschechien)
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Basisdaten
Staat: Tschechien
Region: Středočeský kraj
Bezirk: Kladno
Fläche: 475 ha
Geographische Lage: 50° 9′ N, 14° 11′ O50.14305555555614.19343Koordinaten: 50° 8′ 35″ N, 14° 11′ 24″ O
Höhe: 343 m n.m.
Einwohner: 489 (1. Jan. 2014) [1]
Postleitzahl: 273 54
Kfz-Kennzeichen: S
Verkehr
Straße: KladnoMakotřasy
Struktur
Status: Gemeinde
Ortsteile: 1
Verwaltung
Bürgermeister: Veronika Kellerová (Stand: 2012)
Adresse: ul. 10. června 161
273 54 Lidice
Gemeindenummer: 532584
Website: www.obec-lidice.cz
Lageplan
Lage von Lidice im Bezirk Kladno
Karte

Lidice (deutsch Liditz) ist eine Gemeinde im Okres Kladno in Tschechien. Sie liegt fünf Kilometer östlich von Kladno und 20 km westlich von Prag in der Mittelböhmischen Region. Während des Zweiten Weltkriegs wurden in Lidice 1942 von den Sicherheitsbehörden der nationalsozialistischen Besatzungsmacht nahezu alle männlichen Einwohner ermordet und das Dorf zerstört. Dieses Verbrechen fand als Teil der Racheaktionen nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 statt. Nach dem Krieg wurde Lidice 300 m vom alten Ort entfernt neu aufgebaut. An der Stelle des früheren Lidice befinden sich heute eine Gedenkstätte und ein Museum.

Geschichte[Bearbeiten]

Vom Mittelalter bis zur Okkupation[Bearbeiten]

Lidice wurde im Jahre 1306 im Zuge einer Erbteilung erstmals urkundlich erwähnt und gehörte zu Beginn des 14. Jahrhunderts verschiedenen Prager und Kuttenberger Bürgern. Für das Jahr 1309 ist die Existenz eines „castrum Luticz“ belegt. 1415 erwarb Petr Meziříčský aus Prager Altstadt Teile des Dorfes und schlug sie seiner Herrschaft Makotřasy zu. Im Verlauf der Hussitenkriege wurden Meziříčskýs Besitzstände durch einige tausend Aufständische aus Louny, Žatec und Slaný geplündert, als diese zur Unterstützung ihrer Bundesgenossen nach Prag zogen.

Rathaus, Mai 2005

Nach Meziříčskýs Tod folgten mehrere Besitzerwechsel. 1470 erwarb Jetřich Bezdružický von Kolowrat Makotřasy und später Buštěhrad. Er vereinigte den Besitz und bis 1713 gelangte ganz Lidice zur Herrschaft Buštěhrad. Zu den weiteren Besitzern gehörte Franziska Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg. Nach dem Tod ihrer Tochter erbte der bayrische Kurfürst Maximilian Josef die Ländereien. Unter seiner Herrschaft begann in der Umgebung der Abbau von Kohle. 1805 übergab Maximilian die Herrschaft Buštěhrad dem Erzherzog Ferdinand, dieser übergab es 1847 an Ferdinand den Gütigen und wurde dadurch Eigentum der kaiserlichen Höfe. Bis zur Ablösung der Patrimonialherrschaften im Jahre 1848 gehörte Lidice zur Herrschaft Buštěhrad.

Der Ort in der Talmulde des Lidický potok wurde von der Pfarrkirche St. Martin des Älteren überragt, deren barocke Neugestaltung 1732 der Baumeister Václav Špaček leitete. Mit dem industriellen Aufschwung von Kladno verdienten sich viele der Bewohner seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dort ihren Lebensunterhalt als Berg- und Hüttenleute. Nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei gehörte Lidice ab 1939 zum Protektorat Böhmen und Mähren. Im Jahre 1942 bestand Lidice aus 102 Häusern und hatte 503 Einwohner. Es gab 14 Höfe, eine Mühle, drei Lebensmittelläden, drei Wirtshäuser, zwei Metzgereien und die Kirche.

Massaker und Zerstörung 1942[Bearbeiten]

Bekanntmachung der deutschen Besatzungsmacht vom 10. Juni 1942, abgedruckt in der deutschen Besatzungszeitschrift Der neue Tag am 11. Juni 1942
Lidice, Gelände des vernichteten Ortes, 2001
Lidice nach der Zerstörung 1942
Die Gedenkstätte im Frühjahr 2009
Die Aussicht von der Gedenkstätte aus auf das Gelände des ehemaligen Ortes

Am 27. Mai 1942 wurde Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamts und stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, auf dem Weg zu seinem Büro auf dem Hradschin in Prag durch ein Attentat tschechoslowakischer Widerstandskämpfer im Auftrag der tschechoslowakischen Exilregierung so schwer verletzt, dass er am 4. Juni 1942 starb. Daraufhin leiteten die Nationalsozialisten massive Vergeltungsmaßnahmen gegen die tschechische Zivilbevölkerung ein. Die Behauptung, die Dorfbewohner hätten die Attentäter beherbergt, stellte sich später als falsch heraus.

Am Abend des 9. Juni 1942 umstellten deutsche Polizeikräfte (Angehörige der Gestapo, des SD und der Schutzpolizei unter dem Kommando von SS-Offizieren einer Sonderkommission und des Befehlshabers der Sipo in Prag) mit Unterstützung der tschechischen Gendarmerie Lidice und blockierten alle Zufahrtswege, da dort Beteiligte des Attentats vermutet wurden. In der folgenden Nacht wurden die Dorfbewohner zusammengetrieben. Alle 172 Männer, die älter als 15 Jahre waren, wurden in den Hof der Familie Horák gebracht, wo sie tags darauf erschossen wurden. Die Erschießungen wurden, so der Historiker Stefan Klemp, in erster Linie von Angehörigen der Schutzpolizei vorgenommen.[2] Weitere neun Männer, die auswärts in der Nachtschicht in einem Kohlebergwerk arbeiteten, und sieben schwangere Frauen wurden nach Prag gebracht. Die Männer wurden dort erschossen, während die Frauen ihre Kinder gebären konnten. Die verbleibenden 195 Frauen wurden in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo 52 von ihnen ermordet wurden. Nachdem die sieben Schwangeren entbunden hatten, wurden sie von ihren Kindern getrennt und ebenfalls nach Ravensbrück deportiert.

Der Ort Lidice wurde in Brand gesteckt, gesprengt und schließlich durch Züge des Reichsarbeitsdienstes eingeebnet, um die Gemeinde vollständig von der Landkarte zu tilgen. Die „Räumung“ des Dorfes ordnete der SS-und Polizeiführer Karl Hermann Frank an. Vergleichbar mit dieser „Vergeltungsmaßnahme“ war die vollkommene Zerstörung von Ležáky durch die Besatzungsmacht wenige Tage später.

Weibliche Überlebende kehrten aus der Gefangenschaft zurück und konnten ab 1949 in dem in der Nähe neu errichteten Ort wohnen. Es gab auch zwei ehemalige Einwohner, die in der Zeit in der britischen Armee kämpften.

Schicksal der Kinder von Lidice[Bearbeiten]

Die 98 Kinder des Dorfes wurden in das Lager der „Umwandererzentrale Litzmannstadt“ in der Gneisenaustraße 41 in Litzmannstadt deportiert und nach rassischen Kriterien ausgesondert. Dreizehn dieser Kinder wurden zur Germanisierung in ein Lebensborn-Heim gebracht. Die anderen Kinder wurden zusammen mit elf Kindern aus Ležáky ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort vergast.[3]

Die dreizehn Kinder, die zwecks „Germanisierung“ ausgesondert worden waren, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Bayern wieder aufgefunden, ebenso sechs von den sieben, die nach dem 10. Juni 1942 geboren wurden; das siebte war verstorben.

Denkmal der Kinder von Lidice, 2001

Gedenkstätte Lidice[Bearbeiten]

Ab dem Jahr 2000 wurde die bestehende Gedenkstätte umfassend renoviert: Die Bildhauerin Marie Uchytilová schuf eine aus 82 Personen bestehende Bronzegruppe. Sie soll an die Kinder aus Lidice erinnern, die nach ihrer Deportation umgebracht wurden, und zugleich ein Denkmal für alle Kinder darstellen, die Opfer von Kriegen sind. Der bestehende Rosengarten wurde mit 23.000 Rosenstöcken neu bepflanzt.

Gedenken an Lidice[Bearbeiten]

Als die Gräuel von Lidice bekannt wurden, haben mehrere Gemeinden den Namen Lidice (bzw. in spanischer Schreibweise Lídice) angenommen. So findet man

  • Lidice in Brasilien, der ursprüngliche Name dieser Kleinstadt in der Nähe von Rio de Janeiro war Vila Parado. Die Umbenennung fand 1944 am zweiten Jahrestag der Zerstörung Lidices statt, in Anwesenheit brasilianischer Honoratioren und einer diplomatischen Vertretung der tschechoslowakischen Exilregierung.
  • San Jerónimo-Lídice in Mexiko-Stadt (D.F.)
  • Lidice im US-Bundesstaat Illinois
  • Lídice de Capira in Panama

Ortsteile mit dem Namen Lidice gibt es in Lima (Peru), Caracas (Venezuela), Regia (Kuba) und Gan Yaoneh (Israel).

  • Auf dem Gelände der Bremer Begegnungsstätte „Lidice-Haus[4] wurde im Rahmen einer internationalen Jugendbegegnung ein Rosengarten zum Gedenken an Lidice angelegt. Anzahl und Anordnung der roten und weißen Rosen stellen eine Symbolik zur Opferzahl und der Topographie des Dorfes dar.
  • Die Christliche Friedenskonferenz organisierte vom 16.-19. Juni 1982 ein Symposium in Kladno, auf dem die politische und moralische Herausforderung des SS-Massakers für das Zusammenleben der Völker erörtert wurde. Referenten aus drei Staaten wiesen in ihren Vorträgen insbesondere unter christlicher Sicht auf die moralische Verantwortung der Bevölkerungen ihrer Länder hin, solche Untaten nie wieder zuzulassen.[5]

Künstlerische Bearbeitungen[Bearbeiten]

Heinrich Mann, der sich in den USA im Exil befand, verarbeitete die Ereignisse um Lidice 1942 in seinem Roman Lidice. Dieser wurde nach einigen Schwierigkeiten 1943 im mexikanischen Verlag El Libro Libre erstmals veröffentlicht, der ein Jahr zuvor von deutschen Autoren im Exil gegründet worden war.[6]

Der tschechische Komponist Bohuslav Martinů schrieb 1943 während seines Exilaufenthalts in den USA ein Mahnmal für Lidice. Es ist ein einsätziges Werk für großes Orchester und zitiert unter anderem Beethovens 5. Sinfonie.

Film[Bearbeiten]

  • „Die Kinder von Lidice“ Dokumentarfilm (ZDF, Deutschland, 1999, 29 Min.), Regie: Manfred Kosmann, Bohumil Neumann. Der Film stellt nach Forschungen der Berliner Journalistin Kerstin Schicha und des Berliner Rechtsanwalts Frank Metzing das Schicksal der Kinder dar, die nach der Zerstörung Lidices von den Nationalsozialisten verschleppt wurden.

Söhne und Töchter der Gemeinde[Bearbeiten]

Ehrenbürger[Bearbeiten]

  • Ernst Uhl (* 27. Oktober 1932 in Budapest), evangelischer Theologe und Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche
  • Ernst Froebel (* 29. Oktober 1912 in Berlin; † 19. März 2001), Widerstandskämpfer, Gründer des Arbeitskreises politische Bildung in Berlin-Reinickendorf[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Telavåg: Am 30. April 1942 verschleppte die SS sämtliche Einwohner. Das norwegische Dorf wurde vollständig zerstört.
  • Massaker von Ležáky am 24. Juni 1942. Alle Erwachsenen wurden ermordet.
  • Borova (Albanien): am 6. Juli 1943 wurden alle 100 Gebäude des Dorfes angezündet oder schwer beschädigt. 107 Einwohner wurden durch Feuer oder Erschießung ermordet, der Großteil waren Kinder, Frauen und Ältere.

Literatur[Bearbeiten]

  • Helmut G. Haasis: Tod in Prag: Das Attentat auf Reinhard Heydrich. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, ISBN 3-498-02965-7.
  • Miroslav Ivanov: Der Henker von Prag: Das Attentat auf Heydrich. Ed. q, Berlin 1993, ISBN 3-86124-149-8.
  • Stefan Klemp: Rücksichtslos ausgemerzt“. Die Ordnungspolizei und das Massaker von Lidice (= Villa ten Hompel aktuell. Bd. 17). Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster 2012, ISBN 978-3-935811-14-9.
  • Volker Koop: Dem Führer ein Kind schenken: Die SS-Organisation „Lebensborn“ e. V. Böhlau, Köln 2007, ISBN 978-3-412-21606-1.
  • Vlastimil Louda, J. Bartik, F. Kropac: Lidice – čin krvavého teroru a porušení zákonů i základních lidských práv. Hrsg. vom tschechoslowakischen Innenministerium. Prag 1945 (tschechisch).
  • Jolana Macková, Ivan Ulrych (Hrsg.) Kinderschicksale aus Lidice: Erinnerungen, Zeugnisse, Dokumente. Anhand von Erzählungen und Erinnerungen Lidicer Frauen und Kinder. VEGA-L, Nymburk 2004, ISBN 80-86757-19-6.
  • Uwe Naumann (Hrsg.): Lidice: Ein böhmisches Dorf. Röderberg, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-87682-763-9.
  • Eduard Stehlik: Lidice: Geschichte eines tschechischen Dorfes. V Raji, Prag 2004, ISBN 80-86758-16-8 (Bildband mit Erläuterungen).
  • Peter Steinkamp: Lidice 1942. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens: Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-232-0.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Lidice – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Český statistický úřad – Die Einwohnerzahlen der tschechischen Gemeinden vom 1. Januar 2014 (PDF; 504 KiB)
  2. Stefan Klemp: Rücksichtslos ausgemerzt. Die Ordnungspolizei und das Massaker von Lidice, Münster 2012, Schriftenreihe Villa ten Hompel aktuell 17, ISBN 978-3-935811-14-9; dazu Sven Felix Kellerhoff: Nicht die SS, Polizisten mordeten in Lidice. In: Die Welt, 8. Juni 2012.
  3. Volker Koop: Dem Führer ein Kind schenken – die SS-Organisation „Lebensborn“ e. V. Böhlau, Köln 2007, ISBN 978-3-412-21606-1. S. 155–159
  4. Infos zum Lidice-Haus
  5. Völkerverständigung, Vertrauensbildung, Abrüstung. Materialien des Symposiums aus Anlass des 40. Jahrestages der Ausrottung von Lidice, = Reihe der Studienmaterialien der Christlichen Friedenskonferenz Band VII 1982, Prag
  6. Nachbemerkung in: Heinrich Mann: Lidice, Aufbau-Verlag 1984
  7. Zum Film von 2011
  8. „Das Massaker von Lidice“
  9. Website des Arbeitskreises Politische Bildung