Neujahrsansprache

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Unter der Neujahrsansprache versteht man die über Rundfunk oder Fernsehen ausgestrahlte Rede eines Staatsoberhaupts oder Regierungschefs zum Jahreswechsel. Die Ansprachen sind in der Regel nur wenige Minuten lang und enthalten einen staatstragenden Rückblick auf das vergangene und eine Vorschau auf das kommende Jahr. Funktionsträger von Kirchen (z.B. Bischöfe oder der Papst) halten ebenfalls eine Neujahrsansprache (auch Neujahrspredigt genannt).

Neujahrsansprache in Deutschland[Bearbeiten]

Neujahrsansprachen gab es im Deutschen Reich, im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus[1]

Von 1949 bis 1969 hielt in der Bundesrepublik Deutschland der Bundespräsident die Neujahrsansprache, seit 1970 der Bundeskanzler. Umgekehrt hielt bis 1969 der Kanzler, seit 1970 der Präsident die Weihnachtsansprache. Die ersten Neujahrsansprachen wurden im Radio ausgestrahlt, ab 1952 erstmals im Fernsehen. In der DDR hielten die Staatsratsvorsitzenden die Neujahrsansprachen, 1962 zum Beispiel im DDR-Fernsehen Walter Ulbricht.[2]

Besondere Berühmtheit erlangte die TV-Neujahrsansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl, die das Erste Deutsche Fernsehen am 31. Dezember 1986 ausstrahlte: Statt der aktuellen Aufzeichnung wurde die Rede vom Vorjahr 1985 gesendet – nach Angaben des Ersten und des Norddeutschen Fernsehens aus Versehen. Der Sender holte die Ausstrahlung der korrekten Fassung vom 31. Dezember 1986 am 1. Januar 1987 nach.[3] CSU-Generalsekretär Gerold Tandler vermutete, es habe sich um eine „bewusste Sabotage“ gehandelt, „die ganz systematisch vorbereitet wurde“. CDU-Generalsekretär Heiner Geißler konnte sich nicht vorstellen, dass daran ein „Redakteur namens Zufall oder ein Techniker namens Versehen“ schuld sei.[4]

Das Gleiche widerfuhr dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck mit seiner Radio-Neujahrsansprache 2009/2010: Auf SWR1 war die Rede vom Vorjahr zu hören; auch diese Verwechslung wurde vom verantwortlichen Sender mit menschlichem Versagen erklärt.[5]

Theodor Heuss, erster Bundespräsident, begann seine Silvester 1950 gehaltene Neujahrsrede mit der Feststellung, er spreche mit einigem Zögern zu den Deutschen: "Der Mensch, in aller Welt ist es so, überschreitet die Jahresgrenze in einer Mischung von rückschauender Sentimentalität und verwegenem Optimismus - besitzen wir Unbefangenheit und Kraft, zu solcher Schwebelage der Gefühle etwas Eigenes zu sagen?"[6]

Neujahrsansprache in Österreich[Bearbeiten]

In Österreich hält der Bundespräsident die Neujahrsansprache. Der Bundespräsident spricht am 26. Oktober, dem österreichischen Nationalfeiertag zum Volk. Die Neujahrsansprache wird am 1. Januar jeden Jahres nach der ZIB 1 bzw. vor der ZIB 20 in beiden ORF-Programmen ORF 1 und ORF 2 ausgestrahlt.

Neujahrsansprache in der Schweiz[Bearbeiten]

Die Neujahrsansprache des jährlich neu gewählten Schweizer Bundespräsidenten markiert den Beginn seiner Amtszeit. Die erste Neujahrsansprache wurde am 1. Januar 1935 von Rudolf Minger gehalten, der zehn Minuten nach Mitternacht das Schweizervolk grüsste.[7] Erst 1941 wurde erneut eine Neujahrsansprache vom Schweizer Rundfunk übertragen; seitdem wurde die Ansprache jährlich gehalten.[8]

Als bekannteste Neujahrsansprache gilt die unfreiwillig komische Erklärung von Bundespräsident Adolf Ogi zum 1. Januar 2000, die er neben einem Tannenbäumchen stehend vor dem Lötschbergtunnel in Kandersteg hielt.[9]

Neujahrsansprache in Dänemark[Bearbeiten]

In Dänemark wird um 18.00 Uhr mit der Neujahrsansprache von Margrethe II. der Silvesterabend eingeläutet. Die Tradition einer Ansprache des dänischen Monarchen zum Jahreswechsel reicht zurück bis in die 1880er Jahre;[10] seit 1941 läuft die Rede im Radio, seit 1959 live im dänischen Fernsehen. Einen Tag später hält auch der dänische Regierungschef eine Neujahrsansprache, die indessen eher politisch ausfällt. Thorvald Stauning war 1940 der erste Staatsminister, der diese Aufgabe zum ersten Mal übernahm; ab 1946 wurde es mit mehreren Unterbrechungen zur festen Tradition.[11][12]

Neujahrsansprache in Frankreich[Bearbeiten]

Die fünf- bis zehnminütige TV-Neujahrsansprache des französischen Staatspräsidenten („voeux présidentiels“) wird vor den Fernsehnachrichten am Silvesterabend ausgestrahlt. Wie die Ansprache am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, ist auch diese Rede eine Bestandsaufnahme der Lage der Nation.

Zu den formalen Besonderheiten gehört, dass den „voeux présidentiels“ seit 1995 die Marseillaise vorausgeht.[13] Manchmal wird statt der Rede auch ein Gespräch mit Journalisten gewählt – eine Möglichkeit, von der Nicolas Sarkozy seit 2009 keinen Gebrauch gemacht hat. Eine weitere Eigentümlichkeit der an die gesamte Bevölkerung gerichteten Neujahrsgrußadresse des französischen Staatspräsidenten besteht darin, dass ihr während der ersten Januarhälfte weitere folgen, die an ausgewählte politische und gesellschaftliche Gruppen gerichtet sind (Parlamentarier, Streitkräfte, Sozialpartner, Vertreter des Bildungswesens, Journalisten, Ärzteschaft, Kulturschaffende, Landwirte und – erstmals zum Neujahr 2010 – die Bevölkerung der französischen Überseegebiete).[14]

Neujahrsansprache in Russland[Bearbeiten]

In Russland hält der Präsident die Neujahrsansprache. Diese wird am 31. Dezember etwa um 23:55 ausgestrahlt. Durch die geographische Ausdehnung des Landes wird die Ansprache in jeder Zeitzone separat wiederholt. Nach der Ansprache folgt die Ausstrahlung des Bildes der Uhrturmuhr des Moskauer Kremls und des Klingelns der Uhr.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Reichspräsident Hindenburg lobte Hitler am 2. Januar 1934 im Rundfunk. Siehe Frank Möller (Hrsg.): Charismatische Führer der deutschen Nation, Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2004, ISBN 9783486567175, S. 142 [1]
  2. Siehe das Foto von Erwin Schneider fürs Bundesarchiv hier
  3. Vertauschte Neujahrsansprache von Helmut Kohl am 31. Dezember 1986, Arte-Sendung
  4. http://www1.wdr.de/themen/archiv/stichtag/stichtag6182.html
  5. Siehe SWR sendet alte Neujahrsansprache (Memento vom 3. August 2012 im Webarchiv Archive.today), FTD Online, 2. Januar 2010. (abgerufen am 20. Dezember 2010)
  6. [2]
  7. Beitrag in der Radiosendung Rendez-Vous auf DRS 1 vom 31. Dezember 2009 (abgerufen am 1. Januar 2010).
  8. Andreas Kley: „Und der Herrgott, Herr Bundespräsident?“ – Zivilreligion in den Neujahrsansprachen der schweizerischen Bundespräsidenten?. In: Schweizerisches Jahrbuch für Kirchenrecht, Nr. 12, 2007, S. 55–56. (abgerufen am 1. Januar 2010)
  9. Basler Zeitung: Adolf Ogis legendäre Neujahrsansprache vom 1. Januar 2010 (abgerufen am 1. Januar 2010).
  10. Regentens Nytårstaler. Danmarkshistorien.dk, abgerufen am 23. Dezember 2012 (dänisch).
  11. Nytårstaler. Statsministeriet, abgerufen am 23. Dezember 2012 (dänisch).
  12. nytårstale. Den Store Danske, abgerufen am 23. Dezember 2012 (dänisch).
  13. Siehe als Beispiel die Voeux Présidentiels pour 2010 (abgerufen am 20. Dezember 2010)
  14. Siehe Ortwin Ziemer / Thérèse Prosche: Frohes neues Jahr! – Bonne Année! Politische Neujahrsansprachen in Deutschland und Frankreich (PDF; 114 kB). In: Dokumente – Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog Nr. 4/2010, S. 5-7. (abgerufen am 20. Dezember 2010)