Paroxetin

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Strukturformel
Strukturformel von Paroxetin
Allgemeines
Freiname Paroxetin
Andere Namen
  • IUPAC: (3S,4R)-3-(1,3-Benzodioxol-5-yloxymethyl)-4-(4-fluorphenyl)piperidin
  • Latein: Paroxetinum
Summenformel C19H20FNO3
CAS-Nummer
PubChem 43815
ATC-Code

N06AB05

DrugBank DB00715
Kurzbeschreibung

weißes bis fast weißes, kristallines, hygroskopisches und polymorphes Pulver (wasserfreies Hydrochlorid) [1]

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Antidepressiva

Wirkmechanismus

selektiver Serotoninwiederaufnahmehemmer

Eigenschaften
Molare Masse 329,37 g·mol−1
Schmelzpunkt

129–131 °C (Hydrochlorid-Hemihydrat) [2]

Löslichkeit
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]

Hydrochlorid-Hemihydrat

07 – Achtung

Achtung

H- und P-Sätze H: 302​‐​315​‐​319​‐​335
P: 261​‐​305+351+338 [3]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [4][3]

Xn
Gesundheits-
schädlich
R- und S-Sätze R: 22​‐​36/37/38
S: 26​‐​36
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
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Paroxetin ist ein antidepressiv wirkender Arzneistoff aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und wurde von GlaxoSmithKline entwickelt. Paroxetin unterliegt der ärztlichen Verschreibungspflicht.

Pharmakologie[Bearbeiten]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten]

Paroxetin wird zur Behandlung von Depressionen, Zwangsstörungen, Panikstörungen, sozialen Angststörungen, generalisierten Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Fibromyalgie eingesetzt.

Wirkmechanismus[Bearbeiten]

Als Arzneistoff der Gruppe der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer erhöht Paroxetin die Serotonin-Konzentration im synaptischen Spalt. Nachfolgend kommt es zu einer Herabregulierung (Down-Regulation) von Serotonin-(5-HT2)-Rezeptoren im Zentralnervensystem (ZNS). Paroxetin wirkt zudem als FIASMA (funktioneller Hemmer der sauren Sphingomyelinase).[5]

Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Unter der Anwendung von Paroxetin können insbesondere folgende Nebenwirkungen beobachtet werden: Appetitstörungen, Störungen des Magen-Darm-Trakts, Schlafstörungen, Verwirrtheit, Halluzinationen, sexuelle Dysfunktion (Impotenz, Unfähigkeit zum Orgasmus, unbemerkter Samenerguss, siehe auch SSRI-bedingte sexuelle Dysfunktion), Schwitzen, Parästhesie (Kribbeln der Haut), Restless-Legs-Syndrom (krampfähnliche Empfindungen in den Beinen) und Gewichtszunahme.

Paroxetin hat keine aktiven Metaboliten und eine relativ kurze Plasmahalbwertszeit von etwa 24 Stunden. Es wird vermutet, dass dies der Grund für häufigere Absetzerscheinungen, im Vergleich zu anderen SSRIs, ist.

Bei Patienten mit Depression erhöht Paroxetin das Risiko suizidalen Verhaltens signifikant.[6] Diese Gefahr besteht vor allem bei Patienten bis ca. 30 Jahren in den ersten Wochen der Einnahme. Eine engmaschige Überwachung der Erkrankten ist deshalb notwendig.[7]

Nach der Einnahme über einen längeren Zeitraum können beim Absetzen des Medikaments erhebliche Absetzerscheinungen auftreten, weshalb ein Ausschleichen über einen Zeitraum von mehreren Wochen bis Monate in den meisten Fällen sinnvoll ist. Es können unter anderem Schwindel, sensorische Störungen (einschließlich Parästhesie, Stromschlaggefühl und Tinnitus), Schlafstörungen (einschließlich intensiver Träume), Agitiertheit oder Angst, Übelkeit, Zittern, Konfusion, Schwitzen, Kopfschmerzen, Durchfall, Palpitationen, emotionale Instabilität, Reizbarkeit und Sehstörungen auftreten. Bei den meisten Patienten sind diese Symptome nur leicht bis mittel, sie können bei einigen Patienten jedoch auch stark ausgeprägt sein. Oft klingen die Symptome nach einigen Wochen ab, sie können jedoch bei einigen Patienten auch zwei bis drei Monate oder länger anhalten. Wenn nach Dosisverringerung oder Absetzen stark beeinträchtigende Absetzerscheinungen auftreten, kann eine langsamere Dosisreduktion bzw. ein langsameres Ausschleichen angezeigt sein.[8]

Hauptartikel: SSRI-Absetzsyndrom

Paroxetin in Schwangerschaft und Stillzeit[Bearbeiten]

Außer den seit Jahresbeginn 2006 bekannt gewordenen Risiken dieser Substanzgruppe (vgl. SSRI und Schwangerschaft) besteht für Paroxetin eine besondere Warnung der FDA vor erhöhten Missbildungsraten.[9] Paroxetin wird wie alle SSRI nach jetzigem Kenntnisstand in der Schwangerschaft nur wenn unumgänglich unter größter Vorsicht und in der geringsten möglichen Dosis angewendet. Nimmt die Mutter während der Schwangerschaft Paroxetin (insbesondere im letzten Drittel), so können beim Neugeborenen bereits innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt Atemnot, Zyanose, Apnoe, Krampfanfälle, instabile Körpertemperatur, Schwierigkeiten beim Trinken, Erbrechen, Hypoglykämie, muskulärer Hypertonus oder Hypotonus, Hyperreflexie, Tremor, ängstliches/nervöses Zittern, Reizbarkeit, Lethargie, Schläfrigkeit, Schlafstörungen und ständiges Schreien auftreten, so dass das Neugeborene ärztlich überwacht wird. Ein abruptes Absetzen von Paroxetin während der Schwangerschaft ist nicht angezeigt (siehe "SSRI-Absetzsyndrom").[8]

Anwendung bei Kindern und Jugendlichen[Bearbeiten]

Paroxetin wird bei Kindern und Jugendlichen in der Regel nicht angewendet, da in kontrollierten klinischen Studien kein angemessener Wirksamkeitsnachweis in der Behandlung von Depressionen bei Patienten dieses Alters erbracht wurde. Außerdem wurde in diesen Studien ein erhöhtes Risiko von suizidalem und feindseligem Verhalten festgestellt.[8]

Wechselwirkungen[Bearbeiten]

Die gleichzeitige Anwendung von Paroxetin und MAO-Hemmern ist kontraindiziert. Nach dem Ende der Behandlung mit einem irreversiblen MAO-Hemmer wird die Behandlung mit Paroxetin erst nach zwei Wochen bzw. nach dem Ende der Behandlung mit einem reversiblen MAO-Hemmer erst nach 24 Stunden vorsichtig begonnen, um schwerwiegende Nebenwirkungen zu vermeiden. Zwischen dem Absetzen der Therapie mit Paroxetin und dem Behandlungsbeginn mit einem MAO-Hemmer sollte mindestens eine Woche liegen.

Die gleichzeitige Anwendung von Paroxetin mit Pimozid oder mit Thioridazin ist ebenfalls kontraindiziert.

Da Paroxetin die Serotonin-Konzentration erhöht, kann die gleichzeitige Einnahme von Arzneistoffen mit einer Wirkung auf das Serotonin-System (z. B. Triptane, Echtes Johanniskraut, Trizyklische Antidepressiva, Tramadol, Linezolid, andere SSRI, Lithium, Pethidin) oder mit Serotonin-Präkursoren wie L-Tryptophan oder Oxitriptan die Gefahr eines Serotonin-Syndroms erhöhen.

Paroxetin ist ein irreversibler Hemmstoff des Cytochrom P450 Enzymsystems CYP2D6. Als solcher verstärkt Paroxetin die Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneistoffen, die ebenfalls über dieses Enzymsystem abgebaut werden (z. B. Trizyklische Antidepressiva, Flecainid). Das brustkrebshemmende Arzneimittel Tamoxifen wird erst mittels CYP2D6 in den aktiven Metaboliten Endoxifen umgewandelt. In einer kanadischen Studie zeigte sich bei zusätzlicher Einnahme von Paroxetin eine verminderte Wirksamkeit von Tamoxifen.[10]

Präklinik[Bearbeiten]

Verabreichte man Paroxetin trächtigen Ratten, so traten eine Erhöhung der Anzahl der Totgeburten, eine Erniedrigung des Geburtsgewichts und eine Erhöhung der neonatalen Sterblichkeit auf.[11]

Handelsnamen[Bearbeiten]

Monopräparate

Allenopar (A), Deroxat (CH), Dropax (A), Parexat (CH), Parocetan (A), ParoLich (D), Paronex (CH), Paroxalon (D), Paroxat (D, A), Paroxetop (CH), Seroxat (D, A), Stiliden (A), Tagonis (D), zahlreiche Generika (D, A, CH) [12][13][14]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paroxetin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Europäische Arzneibuch-Kommission (Hrsg.): EUROPÄISCHE PHARMAKOPÖE 5. AUSGABE. 5.0–5.8, 2006.
  2. The Merck Index: An Encyclopedia of Chemicals, Drugs, and Biologicals, 14. Auflage (Merck & Co., Inc.), Whitehouse Station, NJ, USA, 2006; ISBN 978-0-911910-00-1.
  3. a b c Datenblatt Paroxetine hydrochloride hemihydrate bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 18. April 2011 (PDF).
  4. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Gemischen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  5. Kornhuber J, Muehlbacher M, Trapp S, Pechmann S, Friedl A, Reichel M, Mühle C, Terfloth L, Groemer T, Spitzer G, Liedl K, Gulbins E, Tripal P: Identification of novel functional inhibitors of acid sphingomyelinase. In: PLoS ONE. 6, Nr. 8, 2011, S. e23852. doi:10.1371/journal.pone.0023852.
  6. Kraus JE, Horrigan JP, et al. Clinical features of patients with treatment-emergent suicidal behavior following initiation of paroxetine therapy. Journal of Affective Disorders 2010;120:40-47, PMID 19439363.
  7. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): FAQ zu Paroxetin (Version vom 19. April 2010 im Internet Archive)
  8. a b c Seroxat: Fachinformation. Stand November 2009.
  9. FDA: Paroxetine (marketed as Paxil) Information
  10. Kelly CM, Juurlink DN, Gomes T, et al.: Selective serotonin reuptake inhibitors and breast cancer mortality in women receiving tamoxifen: a population based cohort study. In: BMJ (Clinical Research Ed.). 340, 2010, S. c693. PMID 20142325. PMC: 2817754 (freier Volltext). Abgerufen am 14. August 2010.
  11. Deroxat: Fachinformation, Stand Juni 2009.
  12. Rote Liste online, Stand: Oktober 2009.
  13. AM-Komp. d. Schweiz, Stand: Oktober 2009.
  14. AGES-PharmMed, Stand: Oktober 2009.
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