Paternosteraufzug

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Paternoster im Bundesministerium der Finanzen in Berlin
Schematische Darstellung des Funktionsprinzips
Schematische Darstellung, animiert

Ein Paternosteraufzug, kurz Paternoster, technisch Personen-Umlaufaufzug genannt, ist eine Sonderform einer Aufzugsanlage zur Personenbeförderung.

Beim Paternosteraufzug verkehren mehrere an zwei Ketten hängend befestigte Einzelkabinen (üblicherweise für ein bis zwei Personen je Kabine) im ständigen Umlaufbetrieb. Die Kabinen werden am oberen und unteren Wendepunkt über große Scheiben in den jeweils anderen Aufzugsschacht umgesetzt. Die Beförderung von Personen beim Wendevorgang ist vorgesehen und gefahrlos. Die Beförderungsgeschwindigkeit beträgt ca. 0,20 bis 0,45 Meter pro Sekunde.

Geschichte[Bearbeiten]

Die früher üblichen Sackaufzüge mit vertikalem Endlosförderband hatten ein ähnliches Konstruktionsprinzip. Ebenso gehören frühe, ebenfalls schon Paternoster genannte Becherwerke sowie Bandfördergeräte zu den Vorläufern.

Der heute bekannte Paternoster wurde in England entwickelt. Der erste bekannte Paternosteraufzug der Welt wurde 1876 im General Post Office in London eingebaut. Er entsprach allerdings noch nicht vollständig der späteren Technik und diente dort dem Transport von Paketen. Er vereinte allerdings bereits alle Merkmale der Paternostertechnik, nämlich die ständig zirkulierenden, stets aufrecht stehenden Kabinen (bzw. hier noch Behälter), und er diente dann später auch der Personenbeförderung.

1882 entwickelte der Engländer Hart die Idee eines Umlaufaufzuges für Personen, seinen Cyclic Lift. Aus der Erfindung von Hart wurde J. E. Hall’s Cyclic Elevator, der von der Firma J. E. Hall 1884 erstmals installiert wurde.[1][2] Auch diese Anlage entsprach – beispielsweise mit dem auf nur eine Kette beschränkten Antrieb – noch nicht der späteren Technik.

1886 wurde der neu errichtete Dovenhof in Hamburg eingeweiht. Der mit modernster Technik ausgestattete Prototyp der Hamburger Kontorhäuser besaß bereits zu Beginn auch einen Paternoster. Diese erste Anlage außerhalb von Großbritannien verfügte bereits über die später üblich gewordene Mechanik, wurde aber noch wie die englischen Anlagen mit Dampfkraft angetrieben. Die Paternoster verbreiteten sich bald in den anderen europäischen Ländern.

In Deutschland blieb Hamburg, bedingt durch den wachsenden Handel und die Umgestaltung der Innenstadt zu einer Geschäftsstadt mit modernen Geschäfts- und Kontorgebäuden, eine Hochburg. Bereits im Jahr nach der Einweihung des ersten Paternosters waren es dort 9 Anlagen, und von den 1936 in Deutschland gezählten 679 Anlagen lief etwas mehr als die Hälfte in Hamburg, die dort auch spöttisch als Proletenbagger bezeichnet wurden, wenn für besondere Personen ein eigener, geschlossener Aufzug (Bonzenheber) vorhanden war.[3] Der höchste Paternosteraufzug der Welt befand sich für einige Zeit im 1925 fertiggestellten Hansahochhaus in Köln.

In Österreich ist der Paternoster von 1910 im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz der älteste. Dieser ist auch noch in Betrieb.[4]

In der Schweiz ist nur noch ein öffentlich zugänglicher Paternoster in Betrieb – im Sportgeschäft Vaucher in der Altstadt von Bern.[5]

Herkunft des Namens[Bearbeiten]

Der Name Paternoster steht mit dem katholischen Rosenkranz im Zusammenhang, einer Zählkette für Gebete. Beim Rosenkranz folgt auf zehn kleinere Kugeln für die Ave Marias eine davon abgesetzte für das Vaterunser (lateinisch: Paternoster). Diese Zählkette ist früher auch als Paternosterschnur bezeichnet worden. Darüber hinaus nennt man auch die elfte Kugel, entsprechend dem dazugehörenden Gebet, Paternoster. Auf gleiche Weise sind bei einem Umlaufaufzug die Personenkabinen wie auf einer Schnur aufgefädelt. Die Bezeichnung wurde zunächst von Grubenarbeitern für die Lastenaufzüge verwendet, da diese dem Rosenkranz ähnelten.

Vor- und Nachteile[Bearbeiten]

Vorteile der Paternosteraufzüge gegenüber anderen Aufzügen sind die ohne längere Wartezeit ständige Verfügbarkeit für beide Richtungen (auf- und abwärts), wodurch insbesondere ein schneller Wechsel zwischen nahe beieinander liegenden Stockwerken möglich ist, sowie die sehr hohe Förderleistung ähnlich jener einer Fahrtreppe. Zwar liegt die Geschwindigkeit eines Paternosters mit etwa 0,25 Metern in der Sekunde unter der eines herkömmlichen Aufzuges, doch ist bei gleich geringem Platzbedarf in der Regel kein Aufzug in der Lage, eine ähnlich große Menge an Personen in der gleichen Zeit zu befördern.

Die Weiterfahrt über die öffentlichen Stockwerke eines Gebäudes hinaus ist zwar mancherorts nicht gern gesehen oder gar untersagt, jedoch ist eine Fahrt über die oberen und unteren Endpunkte grundsätzlich ungefährlich, da die Kabine nur umgesetzt, nicht jedoch umgedreht wird. Ein weiterer Vorteil besteht eventuell für Personen, die sonstige Aufzüge wegen der Enge einer vollständig geschlossenen Kabine, wegen der höheren Geschwindigkeit oder wegen der beim Anfahren und Abbremsen wirkenden Kräfte nicht oder ungern nutzen.

Nachteilig ist aufgrund der geringeren Geschwindigkeit die längere Fahrzeit zwischen weiter entfernten Ausstiegen, weshalb ein Einbau in sehr hohe Hochhäuser ausscheidet. Bei stark frequentierten Aufzügen, die bei mehreren Etagen angehalten werden, relativiert sich jedoch die Fahrzeit wieder. Bei einem Paternoster ist zudem der Lastentransport verboten. Auch ist die Unfallgefahr größer, da das Betreten bzw. Verlassen der Kabinen während der Fahrt nicht für jeden Benutzer gleich gut möglich ist. Für behinderte Personen besteht Sturzgefahr, insbesondere ist eine Nutzung durch Rollstuhlfahrer nahezu unmöglich. Auch erfordert das Aus- und Einsteigen ähnlich wie bei einer Fahrtreppe besonders für ungeübte Nutzer eine gewisse Konzentration. Aber auch durch Unachtsamkeit und unvorsichtiges Handeln bestehen Gefahren. So ist das Aussteigen tunlichst zu vermeiden, wenn die Kabine die Etage schon deutlich passiert hat, und das Herausklettern aus einem stehengebliebenen Paternoster kann gefährlich sein, wenn der Paternoster in diesem Moment wieder anfährt. Damit ein Einklemmen verhindert wird, sind manche Paternoster deshalb an den Einstiegen auf Höhe der Fußböden der Stockwerke mit nach oben öffnenden Klappen ausgestattet. Dies verhindert jedoch nur ein Einklemmen bei nach oben fahrenden Kabinen.

Ein weiterer Nachteil ist der gegenüber herkömmlichen Aufzügen verminderte Brandschutz, da sich im Falle eines Brandes das Feuer einfach über mehrere Stockwerke eines Hauses ausbreiten kann. Dies ist bei anderen Aufzügen wegen der zumindest bei neueren Anlagen oftmals als Brandschutztüren fungierenden Einstiegstüren nicht so leicht möglich.

Energiebilanz und Geräuschpegel sind unterschiedlich zu beurteilen. Zwar kann man grundsätzlich sagen, dass ein Aufzug – da er nur fährt, wenn er gebraucht wird – eine bessere Energiebilanz hat als eine Paternosteranlage, die ständig in Betrieb ist bzw. in Bürogebäuden meist nur nachts abgestellt wird. Allerdings verbraucht auch ein Aufzug im Ruhezustand Strom (u. a. durch die Kabinenbeleuchtung, die bei Paternostern zumeist entfällt). Im direkten Vergleich spielen daher die unterschiedlichen Transportleistungen, verschiedenen Arten sowie Technik und Alter der Anlagen eine Rolle. Zudem verursacht die Paternostermechanik mit ihren Treibketten höhere Reibungsverluste, was in der Regel eine stärkere Geräuschentwicklung im Verhältnis zu gewöhnlichen Aufzügen mit sich bringen kann. Auch hier spielen unter anderem die Anlageart, der Einbau, das jeweilige Gebäude und vorhandene Maßnahmen zur Schallisolierung sowie Nutzungshäufigkeit und -zeiten eine Rolle, da das klopfende Dauergeräusch des Paternosters nicht zwangsläufig als störender empfunden wird als das zeitweise auftretende Betriebsgeräusch eines anderen Aufzuges.

Rechtssituation in einzelnen Ländern[Bearbeiten]

Öffentlicher Paternosteraufzug im Rathaus in Wuppertal

Deutschland[Bearbeiten]

Seit 1974 dürfen in Westdeutschland keine neuen Paternosteraufzüge mehr in Betrieb genommen werden. 1994 war eine Änderung der Aufzugsverordnung geplant, die eine Stilllegung der bestehenden Anlagen bis 2004 vorsah. Gegen diese Befristung erhob sich Widerstand, unter anderem durch einen eigens in München gegründeten „Verein zur Rettung der letzten Personenumlaufaufzüge“. Der Bundesrat hob deshalb die geplante Änderung auf, so dass die bestehenden Paternoster bis auf Weiteres in Betrieb bleiben können. Paternosteraufzüge müssen nach dem Stand der Technik betrieben werden. Die entsprechenden Technischen Regeln sind seit 1972 in der TRA 500 („Technische Regeln für Aufzüge – Personen-Umlaufaufzüge“) festgelegt (zuletzt 1985 geändert). In der DDR existierte keine solche Einschränkung. So wurde zum Beispiel im damaligen Haus der Ministerien, dem heutigen Detlev-Rohwedder-Haus, in dem jetzt das Bundesfinanzministerium seinen Sitz hat, 1982 ein Paternoster errichtet. Derzeit sind noch etwa 240 Paternoster in Deutschland in Betrieb.[6]

2009 wurde im Gebäude der Firma Solon (Berlin-Adlershof) ein neuer Paternoster in Betrieb genommen. Das Grundprinzip entspricht ungefähr dem Paternoster, aus juristischen Gründen trägt er jedoch den Namen „Rundlaufaufzug“. Er wurde nur genehmigt, weil in dem Gebäude kaum Publikumsverkehr herrscht und der Aufzug über mehrere Sicherheitsmerkmale verfügt. Seine Geschwindigkeit ist mit 0,15 m/s deutlich geringer als jene klassischer Paternoster. Zusätzlich regelt eine Art Ampel, wann ein- und ausgestiegen werden darf. Lichtschranken halten den Aufzug sofort an, falls Benutzer bei „Rot“ die Kabine betreten oder verlassen wollen.[7]

Nach einem Unfall durch unsachgemäße Bedienung durften die Paternoster im I.G.-Farben-Haus von Juli bis November 2011 von der Universitätsleitung aus nur mehr von Angestellten und Studenten der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität einzeln und mit unterweisendem Berechtigungsschein („Paternoster-Führerschein“)[8] benutzt werden,[9] was durch Sicherheitspersonal überwacht wurde.[10][11] Im November 2011 wurde der „Paternoster-Führerschein“ allerdings wieder abgeschafft, da nun zusätzliche Warn- und Hinweisschilder für die Sicherheit der Paternoster-Benutzer ausreichend sein sollen.[12]

Österreich[Bearbeiten]

Paternoster von Anton Freissler F. Nr. 6295 (1910) im Wiener Haus der Industrie

Einer der bedeutendsten Entwickler von Paternosters in Österreich-Ungarn war Anton Freissler.

In Österreich dürfen seit den 1960er Jahren keine neuen Paternoster zugelassen werden. Es gibt auch keine gültigen Normen mehr für diese Art von Aufzügen, weshalb dem Stand der Technik entsprechende Evaluierungen sehr schwierig sind. Da die Sicherheit über dem Denkmalschutz steht, werden alte Paternosteraufzüge demontiert und durch Standardaufzüge ersetzt. Im Jahr 2007 waren in ganz Österreich noch etwa 20 bis 25 Paternoster in Betrieb.[13]

In Wien sind 2013 neben dem vermutlich ältesten noch in Betrieb befindlichen elektrischen Paternoster der Welt im Haus der Industrie aus dem Jahre 1911 mit nur 0,2 m/s Geschwindigkeit, noch sechs weitere Paternoster in Betrieb.[14] (→ Liste)

Sonstiges[Bearbeiten]

Ein (kurzes) filmisches Denkmal wurde dem Paternoster von Doris Dörrie in ihrem Film Männer gesetzt, literarisch verewigte ihn Heinrich Böll in seiner Satire Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und Hans Erich Nossack in Paternoster. Ein literarisches Beispiel für eine kriminelle Paternosterjagd liefert David Lodge in seinem Roman "Ortswechsel".

Eine Legende ist die Vorstellung, dass die Kabinen sich am oberen Ende der Anlage umdrehen und kopfüber wieder hinunterfahren, sodass es sehr gefährlich sei, versehentlich höher als zum obersten Stockwerk zu fahren. Auf Grund dieses falschen Glaubens haben manche Menschen Angst, einen Paternoster zu benutzen. In einem Spot der Mainzelmännchen wurde diese Vorstellung scherzhaft dargestellt, ebenso in einem Film mit Charlie Chaplin. Darüber hinaus wurde mit dieser Vorstellung in der Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ gespielt: Menschen standen vor dem Paternosteraufzug und sahen, dass andere darin kopfüber herunterfuhren. Letztgenannte hatten sich aber – bevor sie gesehen wurden – entsprechend in der Kabine aufgestellt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jan Gympel: Der Aufzug in die kapitalistische Welt. Dem symbolträchtigen Paternoster droht nach 110 Jahren in Deutschland das Ende. In: Der Tagesspiegel (Berlin) vom 18. Dezember 1993, S. 15
  • Falk Jaeger: Doktor Murkes Schauder. Nach 36 Jahren ist erstmals ein neuer Paternoster in Betrieb genommen worden. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Frankfurt am Main) vom 29. September 2009, S. T6

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. The Elevator Museum – Timeline (engl.).
  2. The Elevator Museum – Paternosters (engl.).
  3. Daniel Tilgner: Kleines Lexikon Hamburger Begriffe, Zeiseverlag Hamburg, 2. Aufl. 1999, S. 117.
  4. Prof. Karl König Seite der Industriellenvereinigung am 24. Februar 2006 abgerufen am 16. März 2009.
  5. Kindisches Vergnügen, Der Bund, April 2013.
  6. http://www.flemming-hamburg.de/patlist.htm
  7. [1]
  8. Paternoster-Führerschein, Extra 3, 7. September 2011.
  9. Universität Frankfurt: Mitteilung zur Wiederinbetriebnahme der Paternoster (PDF; 398 kB), Version vom 12. Juli 2011, Abgerufen am 29. Juli 2011.
  10. Regeln für die Paternosterfahrt. In: Frankfurter Neue Presse, 19. Juli 2011. Abgerufen am 29. Juli 2011.
  11. Paternoster: Anleitung zum Liftfahren. In: Frankfurter Rundschau, 15. Juli 2011. Abgerufen am 30. Juli 2011.
  12. Paternoster-Führerschein wieder abgeschafft, Version vom 21. Januar 2011, abgerufen am 28. Februar 2013.
  13. Bedrohte Aufzugsart: Paternoster in Wiener Zeitung vom 27. Dezember 2007, abgerufen am 7. November 2013.
  14. Paternoster vom Aussterben bedroht, wien.orf.at, 14. Dezember 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paternosteraufzug – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien