Paulusbriefe

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Paulusbriefe, paulinische Briefe oder Corpus Paulinum werden vierzehn Briefe bzw. Episteln des Neuen Testaments genannt, die nach traditioneller Auffassung den Apostel Paulus zum Urheber haben. Diese Briefe stehen am Anfang der 21 neutestamentlichen Briefe und bilden vom Umfang her mit etwa fünf Sechsteln den Hauptteil.

Verfasserschaft[Bearbeiten]

Von den 13 Briefen, die Paulus als Verfasser nennen, sind sieben gemäß historisch-kritischer Forschung unbestritten paulinisch. Diese allgemein als echt anerkannten Briefe heißen protopaulinische Briefe oder Protopaulinen (siehe Tabelle); sie machen etwa drei Viertel des Umfanges der 13 Briefe aus,[1] da zu ihnen die besonders umfangreichen Briefe (Röm, 1 und 2 Kor) gehören. Der Hebräerbrief nennt keinen Verfassernamen.

Corpus Paulinum Schriften
Protopaulinen
  • der Brief an die Römer
  • der erste Brief an die Korinther
  • der zweite Brief an die Korinther
  • der Brief an die Galater
  • der Brief an die Philipper
  • der erste Brief an die Thessalonicher
  • der Brief an Philemon
proto- oder deuteropaulinisch
(umstritten)
  • der Brief an die Kolosser
Deuteropaulinen
  • der Brief an die Epheser
  • der zweite Brief an die Thessalonicher
Tritopaulinen,
Pastoralbriefe
  • der erste Brief an Timotheus
  • der zweite Brief an Timotheus
  • der Brief an Titus
nachträglich Paulus zugeschrieben
  • der Brief an die Hebräer

Deuteropaulinische Briefe oder Deuteropaulinen werden jene Schriften des Neuen Testaments genannt, die laut Briefpräskript vom Apostel Paulus an christliche Gemeinden oder einzelne Mitarbeiter geschrieben wurden, aber nach der Einschätzung historisch-kritischer Exegeten – aus stilistischen und inhaltlichen Gründen – nicht von Paulus selbst stammen. Demnach gelten sie als Pseudepigraphen.

Meist wird der Epheserbrief als deuteropaulinisch angesehen, sehr oft auch der zweite Thessalonicherbrief, häufig auch der Kolosserbrief: Ihn zählen zahlreiche Forscher zu den Deuteropaulinen, viele andere dagegen halten diesen Brief für einen echten Paulusbrief.[2]

Wenn ein Exeget etwa den Kolosserbrief sowie den 2. Thessalonicherbrief gleichfalls Paulus zuschreibt,[3] dann macht für ihn der deuteropaulinische Rest – von den insgesamt 13 Briefen mit dem Verfassernamen Paulus – nur noch ein Fünftel aus.[4]

Auch die drei Pastoralbriefe werden von der historisch-kritischen Exegese als pseudepigraph betrachtet. Sie haben einen deutlich anderen Charakter als Briefe an Einzelpersonen. Man vermutet, dass sie noch später entstanden und dass sie das bereits weitgehend vollständige Corpus Paulinum voraussetzen. Daher werden sie meist nicht als deuteropaulinisch, sondern als tritopaulinische Briefe oder Tritopaulinen bezeichnet.

Pseudepigraphie ist nicht als Fälschung im heutigen Sinne zu deuten. Wenn ein Mitarbeiter oder Schüler des Paulus einen Brief verfasste und dabei Paulus als Absender angab, so wollte er damit den Brief unter die Autorität des Apostels stellen und ihn der Lehrtradition des Paulus einordnen.

Der anonym überlieferte Hebräerbrief galt in der Alten Kirche oft als Brief des Apostels Paulus und wurde daher in das Corpus Paulinum aufgenommen. Der Brief hat aber keine Verfasserangabe; schon einige Kirchenväter waren der Meinung, dass er nicht auf Paulus zurückgeht, sondern auf einen anderen Verfasser.

Die Briefe an die Epheser, die Philipper, die Kolosser und an Philemon werden Gefangenschaftsbriefe genannt, da Paulus sie als Gefangener (in Rom, Caesarea oder Ephesus) geschrieben haben soll.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Protopaulinen sind vermutlich der älteste verschriftete Teil des Neuen Testaments und zugleich die ältesten erhaltenen frühchristlichen Schriften. Sie wurden wohl noch vor den Evangelien geschrieben. Der 1. Thessalonicherbrief ist nach verbreiteter Auffassung der älteste der Paulusbriefe; er wurde ungefähr im Jahr 49 geschrieben.[5] Er wäre damit zugleich die älteste Schrift des Neuen Testaments. Sehr früh entstandene Sammlungen dieser Briefe zirkulierten in den Gemeinden, die von Paulus gegründet oder besucht wurden. Sie zirkulierten aber bald auch in anderen Gemeinden des frühen Christentums und wurden im Gottesdienst benutzt. Die Sammlung der Paulusbriefe zum so genannten Corpus Paulinum ist eine frühe Form der Kanonisierung. Es gibt Hinweise auf eine redaktionelle Bearbeitung, d.h. einige der Protopaulinen könnten Zusammenstellungen mehrerer ursprünglich selbstständiger Briefe sein. So könnte der verloren geglaubte und in 2. Korinther 7,8-13 EU erwähnte Tränenbrief heute tatsächlich in Kapitel 10 bis 13 des 2. Korintherbriefs erhalten sein.[6] .

In der Textüberlieferung spielt das Corpus Paulinum eine eigene Rolle, denn es wurde zunächst in einem eigenen Handschriftenband zusammengefasst. Entsprechend waren die vier Evangelien gemeinsam als Evangelienhandschrift und die katholischen Briefe zusammen mit der Apostelgeschichte als Corpus Apostolicum im Umlauf, während die Apokalypse lange Zeit umstritten war und eine eigene Textgeschichte hat.

Apokryphe Paulusbriefe[Bearbeiten]

Der Kanon Muratori erwähnt zwei ausdrücklich als Fälschungen bezeichnete Paulusbriefe: den Laodizenerbrief und einen Brief des Paulus an die Alexandriner. Vom Alexandrinerbrief ist nur der Name bekannt. In einigen Handschriften der Vulgata ist ein lateinisch abgefasster Laodizenerbrief enthalten. So befindet sich eine Abschrift beispielsweise im Buch von Armagh, die zugleich in einer Warnung als Fälschung gekennzeichnet ist. Es ist umstritten, ob dieser identisch ist mit dem Laodizenerbrief, der im Kanon Muratori erwähnt wird oder mit ihm zusammenhängt.[7] Unter den Nag-Hammadi-Schriften gibt es das Gebet des Apostels Paulus, das aber gnostische Begriffe verwendet und eindeutig nicht auf Paulus zurückzuführen ist. Der 3. Korintherbrief gilt ebenfalls als Pseudepigraphie. Aus dem vierten Jahrhundert existiert ein fiktiver Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus, der weder auf Paulus noch auf Seneca zurückzuführen ist.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus-Michael Bull: Bibelkunde des Neuen Testaments: die kanonischen Schriften und die apostolischen Väter. Überblicke, Themenkapitel, Glossar. 7. Auflage, Neukirchener Theologie, Neukirchen-Vluyn 2011, ISBN 978-3-7887-2557-0.
  • Hans Conzelmann, Andreas Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament. 14. Auflage, UTB S (Small-Format) 52; Mohr Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 978-3-8252-0052-7.
  • Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. 7. Auflage, UTB 1830; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-8252-1830-0.
  • Claus Westermann: Abriss der Bibelkunde, 13. Aufl. Stuttgart 1991.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Es handelt sich um 73 % des Umfangs, die restlichen 27 % entfallen auf Deutero- und Tritopaulinen (inkl. Kolosserbrief, ohne Hebräerbrief). Umfangangaben der NT-Bücher bei Franz Stuhlhofer: Der Gebrauch der Bibel von Jesus bis Euseb. Eine statistische Untersuchung zur Kanonsgeschichte (= Theologische Verlagsgemeinschaft, Monographien und Studienbücher 335). Wuppertal 1988, S. 38 (Umfangangaben nach Anzahl Zeilen in E. Nestle, K. Aland: Novum Testamentum Graece, 26. Aufl. 1979).
  2. Für David Meade: Pseudonymity and Canon: An Investigation into the Relationship of Authorship and Authority in Jewish and Earliest Christian Tradition, WUNT 39, Tübingen: Mohr, 1986, S. 118, sind Kol und 2 Thess paulinisch: “Although some would want to include Colossians and 2 Thessalonians among the deutero-Paulines, the arguments are so contested that it would not be methodologically sound to assume ... that their pseudonymity is a foregone conclusion”.
  3. wie etwa Werner Georg Kümmel: Einleitung in das Neue Testament. Heidelberg 201980, S. 232 zum 2 Thess: „... gibt keinen Anlaß zum Zweifel an der Echtheit.“, S. 305: „Es spricht darum alles dafür, daß der ... Kol ... als paulinisch anzusehen ist.“
  4. Die vier deuteropaulinischen Briefe machen dann 4,56% vom Umfang aus, die neun protopaulinischen 19%. Siehe Franz Stuhlhofer: Der Gebrauch der Bibel von Jesus bis Euseb. Eine statistische Untersuchung zur Kanonsgeschichte. Wuppertal 1988, S. 38.
  5. Claus Westermann, Abriss der Bibelkunde, S. 195.
  6. Claus Westermann, Abriss der Bibelkunde, S. 187.
  7. Karl August Credner: Zur Geschichte des Kanons, Halle 1847, S. 88.