Schachtdeckel

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Steinerner römischer Kanaldeckel aus Vindobona (1. Jh. n. Chr.)
Schachtdeckel in Steinhude/Niedersachsen mit Sachsenross
Schachtabdeckung mit herausgebrochenem Beton
Schachtdeckel in Danzig (Gdańsk)
Schachtdeckel in den USA von 1912
Aus dem Boden gedrückter Schachtabschluss mit Kegelstumpf.
Sphärogussdeckel mit Gelenk
Kleeblattdeckel gemäß EN 124
Versiegelter Schachtdeckel anlässlich des Papstbesuches 2011 in Freiburg im Breisgau

Schachtdeckel, auch Kanaldeckel (umgangssprachlich oft Kanalgitter, Gullydeckel bzw. Gullideckel genannt), sind vorwiegend aus Gusseisen bestehende Verschlüsse für Wartungsschächte von unterirdischen Versorgungsleitungen, größtenteils für Abwasserkänale.

Allgemeines[Bearbeiten]

Bereits die alten Römer entwickelten Kanalgitter, um Passanten zu schützen, aber auch, um Objekte aufzuhalten, die hineinfallen oder hineingeworfen werden könnten. Diese Deckel waren fast immer aus Stein gehauen.

Schachtdeckel können geöffnet werden und ermöglichen so einen Abstieg in den Kontrollschacht bzw. das Kanalsystem. Sie können rückstausicher, gas- und geruchsdicht und/oder wasserdicht ausgebildet sein. Daneben gibt es aber auch Deckel, welche Lüftungsöffnungen besitzen. Diese Öffnungen sind aber sehr klein, so dass größere Gegenstände den Kanal nicht verschmutzen können. Teilweise ist zu diesem Zweck direkt unter dem Deckel ein grobes Sieb, der sogenannte Schmutzfänger, angeordnet.

Die in der EU gültige Norm für Kanaldeckel ist die Europäische Norm EN 124 aus dem Jahr 1994. In Europa wird sie auch außerhalb der EU freiwillig verwendet. In Deutschland ist sie als DIN-Norm DIN EN 124 veröffentlicht.

Material[Bearbeiten]

Ältere Kanaldeckel, oft aus Gusseisen (Grauguss) gefertigt, sind häufig mit dem Stadtwappen verziert. In Deutschland wurden während und nach dem Zweiten Weltkrieg die Deckel mit einem mit Beton gefüllten Kern versehen, um das zu dieser Zeit knappe Metall zu sparen. Diese Bauart (BeGu, Abkürzung von Beton-Guss) wird auch heute noch aus Kostengründen eingesetzt. Die teurere Ganzmetallversion wird in Deutschland heute bei sog. einwalzbaren Schachtabdeckungen (s.u.) oder oft an repräsentativen Orten verwendet. Die Tradition der mit Beton gefüllten Deckel hat sich auch in Nachbarländer Deutschlands, beispielsweise Polen, Tschechien und Österreich übertragen. In Österreich werden aber generell Gussdeckel bevorzugt, da die Betonfüllung bei hohen Belastungen brechen und sich in Folge herauslösen kann.

Eine aus Frankreich kommende Entwicklung sind Kanaldeckel aus dem Material Sphäroguss. Durch die anderen Eigenschaften des Materials sind leichtere Konstruktionen mit Verschlussmechanismen und Gelenk möglich. Die leichtere Konstruktion ist bei Produktion und Transport ressourcenschonend. Aus diesem Grund steigt der Anteil der Kanaldeckel aus diesem Material in Europa stetig.

Gründe für runde Form[Bearbeiten]

Die Frage, weshalb Schachtdeckel in den meisten Fällen rund gefertigt werden, wurde durch Einstellungsgespräche bei der Firma Microsoft berühmt. Ursprünglich bestand der Sinn dieser Frage in der Erkenntnis, wie der Kandidat eine Frage mit mehreren „richtigen“ Antworten angeht. Die Frage ließ mehrere Antworten zu, von pragmatischen („Schachtdeckel sind rund, weil Schächte rund sind“) bis hin zu philosophischen:

  • Ein runder Schachtdeckel kann nicht durch die kreisförmige Schachtöffnung fallen, im Gegensatz zu einem quadratischen, wenn dieser über die Diagonale eingeführt wird. Auch ein sogenanntes Reuleaux-Dreieck oder eine Kurve mit konstanter Breite würden diesen Zweck erfüllen, wären jedoch viel aufwändiger in der Herstellung.
  • Runde Schächte haben den Vorteil, dass der seitliche Erddruck einfacher beherrscht werden kann.[1] Deshalb wird oft auch bei Bergwerksschächten mit nicht hölzernem Schachtausbau, Brunnen oder Rohren der Kanalisation diese Form gewählt und Tunnel sind halbrund. Ist der Schacht breiter, führt oft ein Konus zum Deckel. (→Kontrollschacht) Wenig tiefe Telekommunikationsverteiler, in denen man auch mehr Platz braucht, haben dagegen öfter rechteckige Deckel.
  • Tradition
  • Beim Überrollen eines abgedeckten runden Schachtes durch ein Automobil entstehen an dessen Reifen weniger Schäden, da keine Ecken und Kanten vorhanden sind.
  • Angebotene Schachtdeckel werden von Großfirmen hergestellt. Wollte man eine andere Form, müsste man eine teure Sonderanfertigung bestellen.
  • Ein runder Schachtdeckel kann in einer zum Wasserabfluss durch Regen geneigten Straße durch schräggestelltes Abschleifen der Auflage dem Straßenbelag in der Höhe angepasst werden.
  • Runde Schachtdeckel sind trotz ihres Gewichtes auch ohne Hilfsmittel über kurze Entfernung leicht zu transportieren (rollen).

Varianten[Bearbeiten]

Es werden nach EN 124 die Belastungsklassen A (begehbar, 15 kN) bis F (Schwerlast, 900 kN) unterschieden. Im Straßenbereich werden im Allgemeinen Abdeckungen der Klasse D (bis 400 kN) mit Nenndurchmesser (lichte Weite) 600 mm verwendet. Üblicherweise sind die Schachtabdeckungen rund mit einem Nenndurchmesser von 600 oder 800 mm. Je nach Anwendungsfall sind die Schachtabdeckungen mit oder ohne Lüftungsöffnungen, tagwasserdicht oder verschraubt ausgeführt.

In Asphaltstraßen werden oft sog. selbstnivellierende einwalzbare Schachtabdeckungen aus duktilem Guss eingebaut, die nicht direkt auf den Schachtteilen aufliegen, sondern mit der Fahrbahndecke eine Einheit bilden.

Bei anderen Straßen- und Tunnelabdeckungen liegt der Rahmen auf dem Schacht auf und verbindet sich ebenfalls mit dem Straßenbelag (doppelter Halt). Die Abdeckung ist verdrehsicher und für hohe Belastungen bis F 900 ausgelegt. Ebenfalls gibt es eine Diebstahlsicherung und die Lüftungsöffnungen sind 10 mm groß, Ratten und Mäuseschutz. Auf Schmutzeimer kann verzichtet werden.

Sonstiges[Bearbeiten]

In Ländern, in denen Rohstoffmangel herrscht, werden Kanaldeckel oft gestohlen, so dass dort Gefahren für unachtsame Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger bestehen.

Bei Staatsbesuchen werden Schachtdeckel bisweilen versiegelt oder verschweißt, um Attentaten vorzubeugen.

Schachtdeckel in der Kultur[Bearbeiten]

In Hannover gibt es auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs einen Kanaldeckel, aus dem Musik zu hören ist. Es handelt sich um eine von Michael Gehrke realisierte Installation von Reinhard Schamuhn.

Auf dem Bremer Marktplatz befindet sich ein Schachtdeckel, der über einen zentralen Schlitz den Einwurf von Münzen erlaubt („Bremer Loch“). Beim Münzeinwurf wird ein für die Bremer Stadtmusikanten typisches Tiergeräusch abgespielt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schachtdeckel – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wilhelm Leo: Lehrbuch der Bergbaukunde. Druck und Verlag von G Basse, Quedlinburg 1861