Tauben im Gras

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Tauben im Gras ist der erste Roman aus Wolfgang Koeppens Trilogie des Scheiterns. Marcel Reich-Ranicki nahm ihn in den 20 Bände umfassenden Kanon deutschsprachiger Romane auf. Tauben im Gras erschien 1951 und schildert einzelne, miteinander zunächst scheinbar nicht verwobene, auf 103 bzw. 105 Erzählsequenzen[1] aufgeteilte Episoden in einer deutschen Großstadt in Bayern in der Nachkriegszeit. Im Verlauf des Romans wird jedoch deutlich, auf welche Weise die verschiedenen Erzählsequenzen und Handlungsstränge miteinander verknüpft sind.

Personen[Bearbeiten]

Ein auffallendes Merkmal dieses Romans ist, dass es keinen dominierenden Protagonisten gibt. Stattdessen treten mehr als dreißig Personen in der Geschichte auf (Deutsche und US-Amerikaner; Männer, Frauen und Kinder; Hochgebildete und „Pöbel“). Nur wenige von ihnen sind aber tief entwickelte Charaktere.

Die folgenden Figuren spielen für die Handlung wichtige Rollen:

  • Philipp, der frustrierte Schriftsteller, der sich nicht mehr ausdrücken kann. Er ist isoliert, wird als Außenseiter der Gesellschaft dargestellt und findet am Leben keine Freude mehr. Philipp kann sich nur schwer zum Handeln aufraffen, da er, ein moderner Hamlet, durch seinen Hang zur Grübelei daran gehindert wird. Philipp wird von vielen Kritikern als ein Selbstbildnis Koeppens betrachtet.
  • Emilia, Philipps Ehefrau, war vor dem Krieg eine reiche Erbin. Heute besitzt sie einige Häuser, die niemand erwerben will und nur Kosten und Ärger verursachen. Daneben gehören ihr einige Antiquitäten, die sie nach und nach verkauft. Den größten Teil ihres mobilen Vermögens hat Emilia im Krieg und durch die Währungsreform verloren. Sie trinkt viel und gerät im Zustand der Alkoholisierung außer Kontrolle.
  • Odysseus Cotton ist ein dunkelhäutiger Amerikaner, wohl ein Soldat, der als Tourist die Stadt besichtigen will. Er ist das Gegenbild zu Philipp: Er handelt, er bewegt sich und ist aktiv, und die wichtigsten Ereignisse im Roman haben mit ihm zu tun. Odysseus verbringt die meiste Zeit mit
  • Josef, dem Gepäckträger vom Bahnhof. Josef ist der einzige stabile Charakter im Buch: Er macht sich zwar noch Gedanken über seine Vergangenheit als Mitläufer während der NS-Zeit, aber das scheint ihn, den eher schlichten Dienstmann, in seinem praktischen Leben nur wenig zu beeinträchtigen. Im Verlauf der Romanhandlung wird er erschlagen. Ob Odysseus als Täter entlarvt wird, lässt der Erzähler offen.
  • Washington Price ist wie Odysseus dunkelhäutig, ein amerikanischer Soldat, der in der Stadt stationiert ist. Washington ist die Figur mit dem stärksten positiven Idealismus in der Erzählung: Er glaubt fest an die Verwirklichbarkeit seiner Träume von einer Welt ohne Rassendiskriminierung, in der „niemand unerwünscht“ ist.
  • Carla, Washingtons deutsche Geliebte und Tochter von Frau Behrend, wird, wie die meisten weiblichen Figuren in dem Roman, eher negativ beschrieben. Sie ist eine schwache Frau, die sich von Washington abhängig macht. Als sie Washingtons Kind abtreiben will, gelingt es Washington noch, die Abtreibung zu verhindern. Durch die bedingungslose Liebe von Seiten Washingtons kann Carla zunächst ihr Leben wieder in Ordnung bringen, bevor sie am Schluss zusammen mit Washington zum Opfer rassistischer Ausschreitungen wird. Zwölf Jahre zuvor hat sie mit 18 Jahren geheiratet; aus dieser Ehe ist der inzwischen elf Jahre alte Sohn Heinz hervorgegangen. Ihren bei der Schlacht von Stalingrad verschollenen Ehemann hat Carla für tot erklären lassen.
  • Kay, 21 Jahre alt, ist die jüngste der Lehrerinnen aus Massachusetts, die die Stadt bereisen. Sie wirkt „so unbefangen, so frisch, sie [ist] von einer Jugend, wie man sie hier kaum noch sieht“. In ihrer unbefangenen, spontanen Art schließt sie sich sowohl Philipp als auch Emilia an.[2]
  • Mr. Edwin ist ein philosophisch veranlagter Dichter, der in die Stadt reist, um eine Rede zu halten. Mit seiner Rede möchte Edwin den europäischen Geist auf die Höhe der Zeit bringen; für sein Publikum ist sein Vortrag aber nur ein gesellschaftliches Ereignis. Edwin erkennt im Verlauf seiner Rede verbittert, dass sein Einfluss auf das Publikum eher gering ist. Ein Pfarrer befürchtet nach der Vorstellung Edwins im Radio, der Dichter sei ein „falscher Prophet“.[3] Einige Kritiker glauben, dass das Vorbild für die Edwin-Figur T. S. Eliot sei. Auch gebe es Bezüge zu Thomas Mann und dessen Figur Gustav Aschenbach in der Novelle Der Tod in Venedig.[4] Wie Aschenbach erliegt der homosexuelle Dichter am Schluss dem Reiz schöner Knaben.

All diese Figuren sind mit Tauben im Gras vergleichbar: „Die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier [...] vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind.“[5]

Inhalt[Bearbeiten]

Am Tag nach einer Orgie in seinem Haus bereitet sich der Filmschauspieler Alexander auf die Dreharbeiten zum Film „Erzherzogliebe“ vor, der die Zuschauer die Leiden des Krieges vergessen lassen soll. Derweil wird seine Tochter Hillegonda von der Kinderfrau Emmi, die das Kind „von den Sünden der Eltern befreien“ will, in eine Kirche gebracht (Sünden als „Komödiantenkind“[6]). Philipp, der zur Enttäuschung seiner Frau Emilia trotz des Auftrags von Alexander, ein Drehbuch zu schreiben, nicht schriftstellerisch tätig werden kann, hält sich eine Nacht in einem Hotel in der Fuchsstraße auf, wo sich auch sein Haus befindet. Die Kommerzienratserbin Emilia versorgt das Paar durch den Verkauf wertvoller Antiquitäten, die in dem verfallenden Haus, in dem sie lebt, übrig geblieben sind.

In derselben Straße befindet sich das Café Schön, der Treffpunkt US-amerikanischer schwarzer Soldaten wie Odysseus und Washington. Der Baseball-Spieler Washington hält eine treue Liebesbeziehung mit Carla. Carlas Mutter, Frau Behrend, missbilligt ihre Beziehung zu einem „Neger“.

Den Vortrag Edwins, des bekannten US-amerikanischen Schriftstellers, wollen Dr. Behude, der Psychiater Philipps und Emilias, Alexander, dessen Gattin Messalina, aber auch Lehrerinnen aus Boston hören, die sich auf einer Studienreise befinden. Philipp, der auf Empfehlung der geschäftstüchtigen Anne verschiedene Verdienstmöglichkeiten probiert, scheitert beim Verkauf von Patentklebern und übernimmt den Auftrag der Zeitung „Neues Blatt“, Edwin zu befragen, ob er vermute, dass im Laufe des Sommers der 3. Weltkrieg ausbrechen werde.

Heinz, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er Washington wegen seines „Reichtums“ und seiner sportlichen Begabung bewundern oder ob er in ihm bloß (wie seine Umwelt) einen „Nigger“ sehen soll, begegnet Ezra. Dieser kommt ihm in Christophers Wagen entgegen. Ezra irritiert Heinz mit dem Eingeständnis seiner jüdischen Identität; er interessiert sich für den Erwerb des von Heinz gefundenen Straßenköters.

Das Baseballspiel mit Washington, das Christopher mit Ezra besucht, beobachten auch Heinz, seine Freunde sowie Odysseus und sein Dienstmann Josef. Um Carla vom gesellschaftlichen Druck zu entlasten, der sie zur Abtreibung des gemeinsamen Kindes drängt, macht sich Washington vom Erzähler nicht kommentierte Gedanken über einen Umzug nach Paris, den auch Carla gutheißt.

Philipp trifft beim Besuch des Hotels, in dem Edwin übernachtet, die Lehrerinnen aus Massachusetts. Die Frauen halten Philipp irrtümlich für einen Freund Edwins. Philipp kann das Missverständnis jedoch aufgrund seiner begrenzten englischen Sprachbeherrschung nicht aufklären. Voll Scham flieht er aus dem Hotel und trifft Messalina, die das Gespräch beobachtet hat. Philipp wird von ihr zu einer Party eingeladen, auf der praktischerweise auch Edwin erwartet wird. Philipp eilt daraufhin durch die Hintertür der Hotelküche zum Hof, wo auch Edwin später eintrifft, der vor Messalina (die er allerdings nicht erkannt hat) aus der Hotelhalle geflohen ist, weil er die Frau furchtbar findet. Die beiden Dichter kommen jedoch aus Scheu nicht ins Gespräch.

Richard Kirsch, ein mit Frau Behrend verwandter US-amerikanischer Einwanderer zweiter Generation und Luftwaffensoldat, staunt über den Stand des Wiederaufbaus der Stadt; das Ausmaß der Kriegsschäden ist offenbar kleiner, als es aufgrund von Medienberichten zu erwarten gewesen wäre. Als Richard in Frau Behrends Haus angekommen ist, wird er von der Tochter der Hausbesorgerin zur Lebensmittelhandlung geschickt. Bei dieser wartet Richard auf Frau Behrend. Die Lebensmittelhändlerin spricht in dem mit Waren gefüllten Laden von der Not in Deutschland, klagt darüber, dass mit den Besatzern auch „Neger“ nach Deutschland eingereist seien, und empört sich über Carlas Verhalten. Frau Behrend streitet sich währenddessen im Domcafé mit ihrer Tochter. Zu einem Gespräch zwischen Richard und Frau Behrend kommt es nicht, da er ein „Fräulein“ kennenlernt, mit dem er ins Bräuhaus geht, und er deshalb an einer Kontaktaufnahme mit Frau Behrend nicht mehr interessiert ist.

Kay trifft Emilia in einem Laden, wo Emilia Schmuck verkaufen wollte. Spontan verschenkt Emilia ihren Schmuck an Kay, die sie gerade erst kennengelernt hat. Am Schluss der Szene küssen sich die beiden Frauen, die sich Messalina in ihren Gedanken zuvor bereits als lesbisches Paar vorgestellt hat.

Während sich Hillegonda Fragen über Gott und die Sünden stellt, hört man vor der Kirchentür das Geräusch von Steinwürfen. Odysseus ist von Susanne, die die Nacht zuvor in Alexanders Haus verbracht hat und die von Messalina als „Dirne“ eingestuft wird, von Odysseus zunächst unbemerkt, bestohlen worden; er wird als nunmehr mittelloser Schwarzer von einer „Meute“ bedrängt, die ihn in einen „Krieg“ Weißer gegen Schwarze verwickelt sehen. Unter ungeklärten Umständen trifft ein Stein Josef am Kopf und verletzt ihn dadurch tödlich. Odysseus flieht mit Susanne und dem Geld, das er Josef zuvor für seine Dienste gegeben und wieder an sich genommen hat.

Zum Vortrag Edwins erscheint Philipp verspätet mit Kay, die sich von der Reisegruppe aus Massachusetts zeitweilig abgesondert hat. Die beiden sehen Edwin am Podium, den ein Defekt der Sprechanlage aus dem Konzept gebracht hat. Vor seinem teilweise eingeschlafenen Publikum setzt er nach der Behebung der Tonstörung seine Rede über Literaturgeschichte und die Kritik der Zufälligkeitstheorie Gertrude Steins fort. Die Formulierung „Tauben im Gras“ ("Pigeons on the grass alas") stammt aus deren Gedicht From Four Saints in Three Acts.[7]

Alkoholisierte Bräuhausgäste beginnen, in Richtung des „Negerclubs“, wo Jazzmusik gespielt wird, aus Empörung über Josefs Tod Steine zu werfen. Zu dem anwesenden Pöbel gehört auch Frau Behrend. Im Club halten sich inzwischen neben Odysseus Cotton auch Christopher und Washington Price auf. Nachdem Odysseus und Susanne geflohen sind, werden Washington und Carla als „Taximörder“[8] bezeichnet und mit Steinen beworfen. Auch Richard Kirsch, der die amerikanischen Werte verteidigen will, indem er den Schwarzen hilft, wird mit Steinen beworfen.

Während Emilia sich, über Philipps Abwesenheit frustriert, betrinkt, endet der Versuch eines „one night stands“ für Philipp und Kay enttäuschend. Philipp bekommt von Kay Emilias Schmuck geschenkt.[9] Die beiden hören vor dem Fenster die Hilferufe Edwins, der im „Revier von Oscar Wildes goldenen Nattern“ von Bene, Kare, Schorschi und Sepp, arbeitslosen Jugendlichen, die als Strichjungen arbeiten, mit Fäusten traktiert wird. Die Jugendlichen sehen in Edwin nur „einen alten Freier, einen alten Deppen, eine alte wohlhabende Tante“.[10]

Resümee[Bearbeiten]

Am Schluss des Romans ist Josef mit Sicherheit tot; vermutlich getötet wurde auch Mr. Edwin. Opfer von Steinwürfen mit ungewissem Ausgang (bleibt es bei Verletzungen oder sterben die Menschen daran?) werden Washington, Carla, Richard Kirsch und Christopher Gallagher. Heinz wird vermutlich direkt von einem Stein getroffen und dürfte damit auch getötet worden sein.[11] Das Leben der vier jugendlichen Mörder und von Odysseus ist wahrscheinlich durch die zu erwartenden Verurteilungen in Strafprozessen verpfuscht.

Die übrigen Deutschen müssen sich weiter durchs Leben lavieren. Emilia und Philipp werden wohl weiterhin von der Substanz leben müssen. Auch die Reicheren (wie Alexander und Messalina) leben kein glückliches Leben und verdrängen ihre innere Leere mit fragwürdigen Aktivitäten.

Figuren wie Emmi bilden keinen Gegenpol, mit dem sich der Leser identifizieren kann und soll. Auch sie sind letztlich traumatisiert und Opfer einer Gottesvergiftung, die Emmi auf die kleine Hillegonda überträgt. Die Lage der deutschen Jugend ist allgemein desolat.

Lediglich die überlebenden Amerikaner (mit Ausnahme von Odysseus und Henriette) können in ein „Normalleben“ mit einem gewissen Wohlstand zurückkehren. Jedoch ist auch dieses von einem offenbar globalen Rassismus (warum es diesen angeblich in Frankreich, Washingtons Traumland, nicht geben soll, lässt der Erzähler im Unklaren) und von der Angst vor einem bald ausbrechenden Dritten Weltkrieg überschattet.

Form und Stil, Ort und Zeit[Bearbeiten]

Der Autor hatte eigentlich vor, den ganzen Roman ohne Punkte zu schreiben, um ihn noch mehr wie einen einzigen Gedanken erscheinen zu lassen. Doch dieses Stilmittel wurde ihm nicht gestattet. Dafür rang er dem Verlag eine Kompromiss-Interpunktion ab. Auch die Kompromiss-Fassung des Textes stellt ein Beispiel für den modernen Roman dar.

Die Lektüre fordert dem Leser einiges an Aufmerksamkeit ab, da in dem Text (typisch für die Montagetechnik) mit harten Schnitten gearbeitet wird, nach denen regelmäßig ein anderer Strang der Geschichte weitererzählt wird. Dem Ende einer Erzählsequenz folgt meistens eine Leerzeile. Außerdem erleichtert zumeist die schnelle Erwähnung von Signalwörtern, vor allem in Gestalt der handelnden Personen, aber auch von Gegenständen (zum Beispiel der „grünen Ampel“ an einer Kreuzung) die Orientierung. Zeitungsmeldungen, die in die Erzählsequenzen hineinmontiert sind, werden in der Erstausgabe des Romans sowie in den Taschenbuchausgaben seit 2007 durchweg in Kapitälchen gedruckt. Der Kursivdruck dieser Textstellen in den dazwischenliegenden Ausgaben des Romans gilt als nicht authentisch.[12]

Der Rezensent des Spiegels beschrieb: „Das Buch ist in einem gehetzten, zufällige Gedankenfetzen aneinanderreihenden Stil geschrieben. Die Darstellung erscheint nicht anders als ein Erbrechen, als ein stoßweises Vonsichgeben des Bodensatzes nie ganz zu verarbeitender Erlebnisse.“[13]

Häufig wird als Romanort München angesehen. So bezeichnet Gustav Seibt den Roman als „kühnste[s] aller München-Bücher“.[14] Tatsächlich jedoch vermied es Koeppen absichtlich, einen Namen zu nennen oder die Stadt eindeutig zu beschreiben, um zu verdeutlichen, dass seine Geschichte in jeder Nachkriegsstadt mit dort stationierten Soldaten der US Army hätte stattfinden können. Gleichwohl hat er billigend in Kauf genommen, dass viele Leser z. B. bei dem Wort „Bräuhaus“ sofort an das Hofbräuhaus in München denken. Auch dass es in der Romanstadt ein Amerikahaus und eine Produktionsstätte für Kinofilme gibt, spricht stark für München.

In Rezensionen werden die Jahreszahlen 1951 und 1949 als erzählte Zeit angegeben. Für das Jahr 1951 sprechen viele eingebaute Zeitungsschlagzeilen, insbesondere die Meldung, dass am Vortag André Gide verstorben sei (was am 19. Februar 1951 geschehen ist), sowie die Tatsache, dass das Lied The Roving Kind erst 1951 veröffentlicht wurde. Einige Rezensenten verlegen die erzählte Zeit in das Jahr 1949, darunter auch die Herausgeber des Suhrkamp-Verlags.[15] Josef Quack sieht in dem Versuch einer exakten Datierung eine Überschätzung der Chronologie, die nicht der Zeitvorstellung des Romans entspreche.[16] Insbesondere passt eine Deutschlandreise von Lehrerinnen, die noch im Amt sind, nicht zur Zeitangabe „Februar“. Bernd W. Seiler präzisiert Quacks Aussage, indem er feststellt: „Koeppens Nachkriegsroman ‚Tauben im Gras‘, obwohl lediglich mit der Zeitangabe 'Frühjahr' ausgestattet, wird in den Rezensionen der 1950er Jahre aufgrund der in ihm zitierten Zeitungsschlagzeilen durchweg auf das Jahre 1951 bezogen, und dies so ausdrücklich, als habe Koeppen diese Jahreszahl selber angegeben. Mit zunehmendem Zeitabstand wirkt das dargestellte Milieu dann interessanterweise älter und wird in die Jahre 1950 oder 1949 vorverlegt, aber ein bestimmtes Jahr ist es noch immer. Es scheint, als werde zeitliche Unbestimmtheit bei öffentlich zu denkenden Handlungen gar nicht ausgehalten“.[17]

Koeppen selbst legt sich in dem Vorwort zur zweiten Auflage des Romans nicht auf eine genaue Zeitangabe fest: Der Roman spiele „kurz nach der Währungsreform […], als das deutsche Wirtschaftswunder im Westen aufging, als die ersten neuen Kinos, die ersten neuen Versicherungspaläste die Trümmer und die Behelfsläden überragten, zur hohen Zeit der Besatzungsmächte, als Korea und Persien die Welt ängstigten und die Wirtschaftswundersonne vielleicht gleich wieder im Osten blutig untergehen würde. Es war die Zeit, in der die neuen Reichen sich noch unsicher fühlten, in der die Schwarzmarktgewinner nach Anlagen suchten und die Sparer den Krieg bezahlten. Die neuen deutschen Geldscheine sahen wie gute Dollars aus, aber man traute doch mehr den Sachwerten, und viel Bedarf war nachzuholen, der Bauch war endlich zu füllen, der Kopf war von Hunger und Bombenknall noch etwas wirr, und alle Sinne suchten Lust, bevor vielleicht der dritte Weltkrieg kam. Diese Zeit, den Urgrund unseres Heute,“ habe Koeppen geschildert.[18]

Philosophische Grundlagen des Romans[Bearbeiten]

Der Titel des Romans verweist zugleich auf dessen zentrale Aussage: Alles, was geschieht, geschieht zufällig, und die einzelnen Menschen bewegen sich durchs Leben wie „Tauben im Gras“, mit Bewegungsmustern, die für Außenstehende keinen tieferen Sinn erkennen lassen. So wirkt es beispielsweise auf einen Leser, der Homers Odyssee gelesen hat, hochgradig irritierend, dass eine „Odysseus“ heißende Figur sich von einer ausdrücklich mit Kirke verglichenen Figur „bezirzen“ und wie auf einem Floß ins Abseits treiben lässt, anstatt am Ziel festzuhalten, zu seiner Frau Penelope heimzukehren. Zwar kritisiert Edwin, die „Zivilisationsgeister“, die „sich bemühten, das Sinnlose und scheinbar Zufällige der menschlichen Existenz bloßzustellen“, hätten Unrecht, da „doch schon jede Taube ihren Schlag“ kenne und „jeder Vogel in Gottes Hand“ sei[19]; jedoch zeigt Edwins Schicksal am Schluss des Romans, dass Koeppen ihn für naiv hält.

Schnakenbach, der chronisch Schlafsüchtige, bringt den von Edwin kritisierten Gedanken auf den Punkt: „Entweder gab es Gott gar nicht oder Gott war tot, wie Nietzsche behauptet hatte, oder, auch das war möglich und war so alt wie neu, Gott war überall […]. Gott war eine Formel, ein Abstraktum. […]. Wo Schnakenbach auch war, er war die Mitte und der Kreis, er war der Anfang und das Ende, aber er war nichts Besonderes, jeder war Mitte und Kreis, Anfang und Ende, jeder Punkt war es […].“[20]

Der Erzähler kommentiert diese Haltung mit den Worten: „Schnakenbachs Weltbild war unmenschlich. Es war völlig abstrakt.“ Gleichwohl hat es den Anschein, dass Koeppens Umgang mit seinen Figuren genau diesem Weltbild folgt.[21]

Bestätigt wird dieser Eindruck durch eine Aussage Philipps, der als Alter Ego Koeppens gilt: „Massachusetts war genauso fern und genauso nah wie Deutschland, vom Schriftsteller aus gesehen natürlich, der Schriftsteller stand in der Mitte, und die Welt um ihn war überall fern und nah, oder der Schriftsteller war außen, und die Welt war die Mitte, war die Aufgabe, um die er kreiste, etwas nie zu Erreichendes, niemals zu Bewältigendes, und es gab keine Ferne und keine Nähe […].“[22]

Einflüsse[Bearbeiten]

Literarische Vorbilder, die Koeppen zu seinem Roman inspiriert haben, sind

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Bungter: Über Wolfgang Koeppens ‚Tauben im Gras‘. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. 87, 1968, S. 535–545
  • Irmgard Egger: Perspektive – Abgrund – Hintergrund: Giovanni Battista Piranesis ‚Carceri‘ bei Wolfgang Koeppen. In: Günter Häntzschel, Ulrike Leuschner (Hg.), Jahrbuch der Internationalen Koeppen-Gesellschaft, 2. München 2003, ISSN 1617-7010, S. 29–50
  • Albert Meier: Pessimismus von links. Wolfgang Koeppens ‚Tauben im Gras‘ im Kontext des bundesrepublikanischen und italienischen Nachkriegsromans. In: Günter Häntzschel, Ulrike Leuschner (Hg.), Jahrbuch der Internationalen Koeppen-Gesellschaft, 2. München 2003, ISSN 1617-7010, S. 135–150
  • Wolfgang Pütz: Wolfgang Koeppen: "Tauben im Gras". Lektüreschlüssel für Schülerinnen und Schüler. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2010, ISBN 978-3-15-015429-8
  • Friedbert Stühler: Wolfgang Koeppen: „Tauben im Gras“. Der moderne deutsche Großstadtroman. Beyer Verlag, Hollfeld 2005, ISBN 3-88805-501-6
  • Horst Grobe: Erläuterungen zu Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. Königs Erläuterungen: Textanalyse und Interpretation, 472, C. Bange Verlag, Hollfeld 2011, ISBN 978-3-8044-1945-2
  • Monika Köpfer: Wolfgang Koeppen: „Tauben im Gras“, Beiheft zur Textausgabe des Werks bei RM Buch und Medien, Reihe: Lesenswert. Deutschsprachige Literatur im Spiegel der letzten hundert Jahre, ohne Nr.; Rheda 2008, ohne ISBN; ASIN B00HMT2LW2 (Textinterpretation)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Josef Quack: Wolfgang Koeppen in der Diskussion. Abschnitt II: Zur Neuausgabe der „Tauben im Gras“. 7. Februar 2007
  2. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, Suhrkamp 2006, ISBN 3-518-41804-1, S. 100
  3. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 186
  4. Hilda Schauer: Denkformen und Wertesysteme in Wolfgang Koeppens Nachkriegstrilogie. Wien (Edition Praesens). 2004. S. 53
  5. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 171
  6. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 14
  7. Gertrude Stein: From Four Saints in Three Acts
  8. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 217 f.
  9. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 226f.
  10. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 224
  11. Koeppen: "Tauben im Gras." 1951, Suhrkamp 2006, S. 218
  12. Josef Quack: Wolfgang Koeppen in der Diskussion. Abschnitt II: Zur Neuausgabe der „Tauben im Gras“. 7. Februar 2007
  13. Atempause auf dem Schlachtfeld Der Spiegel. Heft 52/1951. 26. Dezember 1951
  14. Gustav Seibt: Verlorene Seelen. Süddeutsche Zeitung. 28. Juni 2008
  15. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 2
  16. Josef Quack: Wolfgang Koeppen. Erzähler der Zeit. Königshausen & Neumann, Würzburg 1997, ISBN 3-8260-1379-4, S. 101.
  17. Bernd W. Seiler: Die leidigen Tatsachen. Von den Grenzen der Wahrscheinlichkeit in der deutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert. Stuttgart (Klett-Cotta). 1983. S. 136
  18. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 7
  19. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 215
  20. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 211
  21. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 210
  22. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, S. 103