Thea von Harbou

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Thea von Harbou (1935)

Thea Gabriele von Harbou (* 27. Dezember 1888 in Tauperlitz, heute zu Döhlau; † 1. Juli 1954 in Berlin) war eine deutsche Theaterschauspielerin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Sie schrieb die Drehbücher zu einigen der bekanntesten deutschen Stummfilme und führte selbst auch zweimal Regie. Harbou ist neben Leni Riefenstahl eine der bedeutenden Frauen des deutschen Films.

Leben[Bearbeiten]

Fritz Lang und Thea von Harbou in ihrer Berliner Wohnung, 1923 oder 1924. Fotografie von Waldemar Titzenthaler.
Gedenkstein im Geburtsort Tauperlitz

Thea von Harbou, die ihre ersten literarischen und schauspielerischen Gehversuche schon in früher Jugend im Luisenstift[1] in Niederlößnitz bei Dresden unternahm,[2] wurde eine der bekanntesten Unterhaltungsschriftstellerinnen des späten Kaiserreiches und der Weimarer Republik. Ihre Schauspielkarriere führte sie unter anderem an Theater in Aachen, Chemnitz, Düsseldorf und München.

Sie begann ihre Arbeit beim Film als Drehbuchautorin nach dem Ersten Weltkrieg und entwickelte sich schnell zur bedeutendsten Vertreterin ihrer Branche. Sie schrieb für Joe May, Carl Theodor Dreyer, Arthur von Gerlach, Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang. Von 1914 bis 1921 war sie mit dem Schauspieler Rudolf Klein-Rogge verheiratet. Bereits 1918 trennte sie sich von ihm, unterstützte ihn jedoch weiterhin durch die Beschaffung von Engagements in ihren Filmen. Klein-Rogge übernahm die Hauptrolle in dem Zweiteiler Dr. Mabuse, der Spieler (1921), zu dem Harbou das Drehbuch verfasste. Im August 1922 heiratete Harbou Fritz Lang, den Regisseur dieses Films, den sie 1919 durch ihre Drehbuchtätigkeit kennengelernt hatte, und schrieb von nun an alle seine Drehbücher bis zu dessen Emigration 1933. Als weitere, auch heute noch bekannte, gemeinsame Filmprojekte sind der Zweiteiler Die Nibelungen (1924) oder M (1931) zu nennen. Im Gedächtnis bleibt Thea von Harbou vor allem durch den Film Metropolis, für den sie parallel zu ihrem gleichnamigen Roman das Drehbuch verfasste.

Die Arbeitsgemeinschaft Fritz Lang-Thea von Harbou hielt zwar bis zum Jahr 1933, die Ehe brach aber viel früher auseinander. Ein Auslöser für die Trennung war die Liaison von Fritz Lang mit der Schauspielerin Gerda Maurus. Zudem lernte Thea von Harbou beim Schnitt des Films Das Testament des Dr. Mabuse den Inder Ayi Tendulkar kennen, mit dem sie in den folgenden Jahren zusammenlebte. Die Scheidung von Lang und Harbou erfolgte im April 1933. Harbou versuchte sich 1933 und 1934 bei zwei Filmen als Regisseurin (Hanneles Himmelfahrt und Elisabeth und der Narr), kehrte jedoch zu ihrem eigentlichen Metier zurück. In der NS-Zeit war sie eine vielbeschäftigte Autorin. Anfang 1933, nach der Machtübergabe an die NSDAP, wurde sie Vorsitzende des offiziellen, gleichgeschalteten "Verbandes deutscher Tonfilmautoren". 1940 wurde sie NSDAP-Mitglied.[3] Nach kurzer Internierung 1945 im Zuge der Entnazifizierung war sie ab 1948 in Deutschland wieder für den Film im Bereich Synchronisation ausländischer Filme tätig.

Ihre Schriften Gold im Feuer (1916), Adrian Drost und sein Land (1937) und Aufblühender Lotos (1941) wurden in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[4] Der Lotos-Roman zielte auf eine Unterstützung der nationalsozialistischen Indienpolitik gegen Großbritannien.

Bei der Wiederaufführung eines auf ihrem Drehbuch basierenden Filmes stürzte sie im Jahr 1954 beim Verlassen des Kinos. Sie starb am 1. Juli 1954 in Berlin an den Folgen des Sturzes. Sie wurde auf dem Friedhof Heerstraße in einem Ehrengrab des Landes Berlin beerdigt. Die Grabstätte liegt im Feld 6-H-10.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Drehbücher[Bearbeiten]

Romane[Bearbeiten]

  • Die nach uns kommen. Roman. Cotta, Stuttgart u. a. 1910.
  • Der Krieg und die Frauen. Novellen. Cotta, Stuttgart u. a. 1913.
  • Von Engeln und Teufelchen. Märchen. Cotta, Stuttgart u. a. 1913.
  • Der unsterbliche Acker. Ein Kriegsroman. Cotta, Stuttgart u. a. 1915.
  • Die Masken des Todes. Sieben Geschichten in einer. Cotta, Stuttgart u. a. 1915.
  • Aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Erzählungen. Salzer, Heilbronn 1916.
  • Die deutsche Frau im Weltkrieg. Einblicke und Ausblicke. Hesse & Becker, Leipzig 1916.
  • Die Flucht der Beate Hoyermann. Roman. Cotta, Stuttgart u. a. 1916.
  • Der belagerte Tempel. Roman. (= Ullstein-Bücher. Bd. 88, ZDB-ID 2591030-9). Ullstein, Berlin u. a. 1917.
  • Adrian Drost und sein Land. Roman. (= Ullstein 3 M.-Romane. Bd. 61). Ullstein, Berlin u. a. 1918
  • Das indische Grabmal. Roman. (= Ullstein 3 M.-Romane. Bd. 54). Ullstein, Berlin u. a. 1918
    • Das indische Grabmal. Roman (= Fischer 2705 Bibliothek der phantastischen Abenteuer). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-22705-4.
  • Legenden. Ullstein, Berlin 1919.
  • Die unheilige Dreifaltigkeit. Salzer, Heilbronn 1920.
  • Das Haus ohne Tür und Fenster. Roman. Ullstein, Berlin 1920.
  • Das Nibelungenbuch. Mit 24 Bildbeilagen aus dem Decla-Ufa-Film „Die Nibelungen“. Drei Masken, München 1923.
  • Die Insel der Unsterblichen. Roman. Scherl, Berlin 1926.
  • Metropolis. Roman. Scherl, Berlin 1926.
  • Mann zwischen Frauen. Novellen. Eichblatt, Leipzig 1927.
  • Frau im Mond. Roman. Scherl, Berlin 1928.
    • Frau im Mond. Roman (= Heyne-Bücher 06, Heyne-Science-fiction & Fantasy 4676). Neuausgabe, Taschenbuchausgabe. Mit einem Bildteil und einem Nachwort anlässlich des 20. Jahrestages der 1. Mondlandung am 20. Juli 1969. Heyne, München 1989, ISBN 3-453-03620-4.
  • Spione. Roman. Mit 16 Bildern aus dem gleichnamigen Film. Scherl, Berlin 1928.
  • Liebesbriefe aus St. Florin. Novelle (= Weberschiffchen-Bücherei. Bd. 6). J. J. Weber, Leipzig 1935
  • Aufblühender Lotos. Roman. Deutscher Verlag, Berlin 1941[5]
  • Der Dieb von Bagdad. Steinbock, Holzminden 1949.
  • Gartenstraße 64. Ullstein, Berlin 1952.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karin Bruns: Kinomythen 1920–1945. Die Filmentwürfe der Thea von Harbou. Metzler, Stuttgart u. a. 1995, ISBN 3-476-01278-6 (Zugleich: Essen, Universität, Dissertation, 1993: Thea von Harbou.).
  • Karin Bruns: Talking Film. Writing Skills and Film Aesthetics in the Work of Thea von Harbou. In: Christiane Schönfeld, Carmel Finnan (Hrsg.): Practicing Modernity. Female Creativity in the Weimar Republic. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, ISBN 3-8260-3241-1, S. 139–152.
  • Rolf Burgmer: Harbou, Thea Gabriele von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 7, Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. 645 f. (Digitalisat).
  • Ernst Gortner: Schattenmund. Die kinematographischen Visionen der Thea Gabriele von Harbou. In: Bernd Flessner (Hrsg.): Visionäre aus Franken. Sechs phantastische Biographien. Schmidt, Neustadt an der Aisch 2000, ISBN 3-87707-542-8, S. 65–99.
  • Andre Kagelmann: Der Krieg und die Frau. Thea von Harbous Erzählwerk zum Ersten Weltkrieg. Media Net-Edition, Kassel 2009, ISBN 978-3-939988-04-5 (Zugleich: Köln, Universität, Dissertation, 2008).
  • Andre Kagelmann: Thea von Harbous Erzählung „Der stumme Teich“ aus dem Sammelband ‚Deutsche Frauen. Bilder stillen Heldentums‘. Eine exemplarische Erzähltextanalyse. Auf: www.thea-von-harbou.de vom 21. September 2006.
  • Reinhold Keiner: „Lady Kitschener“ und ihr Autor. Walter Reimanns Filmmanuskripte. In: Hans-Peter Reichmann (Red.): Walter Reimann – Maler und Filmarchitekt (= Kinematograph. Nr. 11). Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-88799-055-2, S. 134–143.
  • Reinhold Keiner: Thea von Harbou und der deutsche Film bis 1933 (= Studien zur Filmgeschichte. Bd. 2). Olms, Hildesheim u. a. 1984, ISBN 3-487-07467-2.
  • Reinhold Keiner: Vergessene Drehbucharbeiten (1944): Das Leben geht weiter. Auf: http://thea-von-harbou.de/ vom 5. April 2007.
  • Ernst Klee: Thea von Harbou. In: Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5.
  • Anna Maria Sigmund: Thea von Harbou. Die Königin der NS-Drehbücher. 27. Dezember 1888 – 2. Juli 1954. In: Anna Maria Sigmund: Die Frauen der Nazis. Die drei Bestseller vollständig aktualisiert in einem Band Aktualisierte Taschenbuch-Gesamtausgabe. Heyne, München 2005, ISBN 3-453-60016-9, S. 865–924.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Thea von Harbou – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thea von Harbou im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. Eine „Niederlößnitzer Perle!“, abgerufen am 22. Juli 2012.
  3. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 215–216.
  4. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone: Liste der auszusondernden Literatur. 2., Nachtrag. Deutscher Zentralverlag, Berlin 1948, S. 104–134, Nr. 2881.
  5. eine romanhafte Unterstützung der zu dieser Zeit angepeilten NS-Indienpolitik, gegen den britischen Kolonialismus. Zu dieser Zeit waren die Deutschen der Ansicht, dass nicht nur Persien, wegen der "Arier", zu ihrem Machtbereich gehört, sondern auch das anschließende Indien. Erst dahinter sollte dann die japanische Machtspäre bei der Neuaufteilung der Welt beginnen