Wilhelm Heitmeyer

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Wilhelm Heitmeyer (2010)

Wilhelm Heitmeyer (* 28. Juni 1945 in Nettelstedt) ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialisation und war von 1996 bis 2013 Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Seit 2013 ist er Senior Research Professor am IKG der Universität Bielefeld.

Leben[Bearbeiten]

Heitmeyers Vater war Schriftsetzer und fiel im Zweiten Weltkrieg, die Mutter war Arbeiterin in einer Zigarrenfabrik und führte danach einen Lebensmittelladen.[1] Nach dem Besuch des Wittekind-Gymnasiums Lübbecke studierte Heitmeyer Erziehungswissenschaften und Soziologie in Bielefeld. Die Promotion erfolgte 1977, die Habilitation 1988.

Er war vor seiner Hochschullehrer-Karriere als Schriftsetzer in der Druckindustrie und kurzzeitig als Hauptschullehrer tätig.

Bis zu seinem Austritt wegen der Asylpolitik seiner Partei 1992 war er Mitglied der SPD.[2]

Heitmeyer ist seit 1968 verheiratet. Seine Frau und er haben zwei Töchter.

Forschungsschwerpunkte[Bearbeiten]

Heitmeyers sozialwissenschaftliche Forschungsinteressen gelten seit 1982 der empirischen Forschung zu Rechtsextremismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, ethnisch-kulturellen Konflikten, sozialer Desintegration. Dazu hat Heitmeyer zahlreiche Projekte mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschsft (DFG) durchgeführt. Mitte der 80er Jahre forschte er als einer der ersten zu rechtsextremistischen Orientierungen bei Jugendlichen und zur Gewalt in Fußballstadien. Bereits Mitte der 1990er Jahre untersuchte er fundamentalistische Orientierungen bei muslimischen Jugendlichen. Seit einigen Jahren gilt das Interesse auch der Gewalt im Globalen Süden.

Heitmeyer gründete 1996 das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung und leitete es bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden 2013. Gemeinsam mit Douglas Massey (Princeton), Steven Messner (Albany), James Sidanius (Harvard) und Michel Wieviorka (EHSS Paris) gab er als Chefredakteur von 2008-2014 das ''International Journal of Conflict and Violence'' heraus.

Die Theorie, die Heitmeyer in seinem Werk vertritt, ist die Theorie Sozialer Desintegration, die er in den 1990er Jahren mit Mitarbeitern entwickelt hat, um Gewalt, Rechtsextremismus und ethnisch-kulturelle Konflikte zu erklären. Diese Theorie ist auch als „Bielefelder Desintegrationsansatz“ in den Sozialwissenschaften bekannt und bildet u.a. die theoretische Basis für das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Unter Desintegration werden die nicht eingelösten Leistungen gesellschaftlicher Institutionen und Gemeinschaften verstanden, die in der Gesellschaft zur Sicherung der materiellen Grundlagen, der sozialen Anerkennung und der persönlichen Unversehrtheit dienen. Die Grundthese der Theorie lautet, dass mit dem Grad der Desintegrationserfahrungen und -ängste auch das Ausmaß und die Intensität der genannten Konflikte zu- und ihre Regelungsfähigkeit abnimmt.

Das Konzept enthält drei Dimensionen von Lebenssphären und ist unterteilt in zwei Ebenen, eine objektive (Teilhabe etc.) und eine subjektive, der Anerkennung. Man versteht im Desintegrationsansatz unter sozialer bzw. gesellschaftlicher Integration von Individuen und Gruppen ein gelungenes Verhältnis von Freiheit und Bindung, in dem drei spezifische Problemstellungen in adäquater Weise gelöst werden:

  • In der sozialstrukturellen Dimension muss die Teilhabe an materiellen Gütern (Arbeits-, Wohnungs- und Konsummärkte) zur Gewährleistung der Reproduktion gesichert sein. Dies ist die individuell-funktionale Systemintegration und erzeugt die Chancen auf positionale Anerkennung.
  • In der institutionellen Dimension, als Vergesellschaftung, muss der Ausgleich zwischen konfligierenden Interessen (Fairness, Gerechtigkeit, demokratisch-rechtsstaatliche Verfahren) gesichert sein. Dies ist die kommunikativ-interaktive Sozialintegration und stellt die Chancen zur moralischen Anerkennung dar.
  • In der personalen Dimension, der Ebene der Vergemeinschaftung, muss die Herstellung emotionaler, expressiver Beziehungen, Sinnstiftung und Selbstverwirklichung gesichert sein. Dies ist die kulturell-expressive Sozialintegration und stellt Chancen zur emotionalen Anerkennung dar.

Verschiedene Prozesse verschärfen die Integrationsproblematik in modernen westlichen Gesellschaften:

  • In der sozialstrukturellen Dimension vermindert soziale Polarisierung die Zugangschancen des Einzelnen zu den unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsystemen. Die Individualisierung erhöht zwar die Freiheit des Einzelnen, gleichzeitig wächst aber auch der Druck, sich selbst z.B. auf dem Arbeitsmarkt zu platzieren. Sinkt nun die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs auf dem Arbeitsmarkt, führt dies bei den Verlierern zu Frustration. Es wird ihnen keine positionale Anerkennung mehr zuteil. Wettbewerb, Ökonomisierung, Konkurrenzdenken und Konsumorientierung fördern eigennutzorientiertes Verhalten (Sich-Durchsetzen, soziale Distinktion und Ausgrenzung).
  • In der institutionellen Dimension führt die politische Machtlosigkeit zu einem Rückzug aus öffentlichen Angelegenheiten wie die Beteiligung an der Sicherung von Kernnormen wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness. Damit geht dann ein Verlust moralischer Anerkennung einher.
  • In der sozioemotionalen Ebene führt ambivalente Individualisierung zu einer Destabilisierung von Paarbeziehungen, familiärer Desintegration und gefährdet dadurch die Sozialisation von Kindern (erhöhtes Konfliktpotential, emotionale Überforderung der Eltern), sichtbar auch im Verlust emotionaler Anerkennung.

Seit 2000 untersuchte er mit einer Forschungsgruppe "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit". Wilhelm Heitmeyer hat den Begriff der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" geprägt und das Konzept entwickelt.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnet die Abwertung und Diskriminierung von Menschen allein aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Angehörigkeit zu Gruppen - unabhängig vom individuellen Verhalten. Dazu gehören u.a. Migranten, Juden, Muslime, Homosexuelle, Obdachlose, Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit anderer Hautfarbe. Geforscht wurde dazu u.a. in einem 10jährigen Projekt mit jährlich repräsentativen Bevölkerungsbefragungen zwischen 2002 und 2011, die von der Volkswagenstiftung und dem Graduiertenkolleg der DFG gefördert wurden.
Die Veröffentlichungen sind in jährlichen Büchern "Deutsche Zustände" im Suhrkamp-Verlag und in langjährigen Berichten der ZEIT erschienen.

Kritik[Bearbeiten]

Heitmeyers Ansatz der Desintegrationserfahrung als Auslöser für Rechtsextremismus wird von Forschern wie Roland Eckert, Helmut Willems und Stefanie Würtz widersprochen.[3]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Heitmeyer erhielt eine Forschungsprofessur der Volkswagenstiftung von 2003-2005. Er wurde mit dem Göttinger Friedenspreis 2012 ausgezeichnet. 2014 erhielt er den Innovationspreis des Landes Nordrhein-Westfalen in der Kategorie Ehrenpreis für seine Verdienste um die Konflikt- und Gewaltforschung.[4]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  1. (Hrsg. mit Nils Böckler, Thorsten Seeger, Peter Sitzer): School Shootings: International Research, Case Studies, and Concepts for Prevention. New York, Springer 2013.
  2. (Hrsg. mit Andreas Grau): Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden. Weinheim, BeltzJuventa Verlag 2013.
  3. (Hrsg. mit Peter Imbusch): Desintegrationsdynamiken: Integrationsmechanismen auf dem Prüfstand. Wiesbaden, VS Verlag 2012.
  4. (Zus. mit D. Borstel): Menschenfeindliche Mentalitäten, radikalisierte Milieus und Rechtsterrorismus. In: Malthaner, Waldmann (Hrsg.) Radikale Milieus. Frankfurt a. M., 2012, 339-368
  5. (Hrsg.) Heitmeyer et al. Control of Violence. New York, Springer 2011
  6. (als Hrsg.): Deutsche Zustände.. Folge 1 -10, Frankfurt a. M./Berlin, Suhrkamp 2002 -2011.
  7. Kontrollverluste. Zur Zukunft der Gewalt. In: Heitmeyer/Soeffner (Hrsg.): Gewalt. Frankfurt a. M., Suhrkamp. S. 86-103
  8. (Hrsg. mit John Hagan): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2002. / (mit John Hagan): International Handbook of Violence Research. Dordrecht. Kluwer Academic Publishers 2003.
  9. (Hrsg. mit D. Loch): Schattenseiten der Globalisierung. Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und Regionalismus in westlichen Demokratien. Frankfurt a. M., Suhrkamp 2001. 497-534
  10. (mit R. Anhut): Desintegration, Konflikt und Ethnisierung. Eine Problemanalyse und theoretische Rahmenkonzeption. In: W. Heitmeyer / R. Anhut, Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen.. Weinheim/München, Juventa 2000.
  11. Die Krise der Städte: Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturelle Zusammenleben. Frankfurt a. M., Suhrkamp 1998.
  12. (Hrsg. mit Heiner Bielefeldt): Politisierte Religion. Ursachen und Erscheinungsformen des modernen Fundamentalismus. Frankfurt a. M., Suhrkamp 1998.
  13. (mit J. Müller, H. Schröder): Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland. Frankfurt a. M. Suhrkamp 1997.
  14. (als Hrsg.)Was treibt die Gesellschaft auseinander? Frankfurt a. M., Suhrkamp 1997
  15. (als Hrsg.) Was hält die Gesellschaft zusammen? Frankfurt a. M., Suhrkamp 1997
  16. Entsicherungen Desintegrationsprozesse und Gewalt. In; Beck/Beck-Gerusheim (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Frankfurt a. M., Suhrkamp 1994. S.376-401
  17. (mit Mitarb.) Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie. Erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation männlicher Jugendlicher. Weinheim/München, Juventa Verlag 1992.
  18. (mit J.I. Peter) Jugendliche Fußballfans. Soziale und politische Orientierungen, Gesellungsformen, Gewalt. Weinheim/München, BeltzJuventa Verlag 1988
  19. Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen Weinheim/München, BeltzJuventa Verlag 1987.

Texte in Medien (Auswahl)[Bearbeiten]

  1. Rohe Bürgerlichkeit. In: DIE ZEIT, 39, 2011, S.37
  2. Der Phyrrhussieg von Köln. Die Verhinderung des "Anti-Islamisierungskongresses" birgt Gefahren. In: Süddeutsche Zeitung, 246, 2008, S.13
  3. Ein Land, zwei Gesellschaften. In: DIE ZEIT, 50, 2008
  4. Moralisch Abwärts im Aufschwung. In: DIE ZEIT, 51, 2007, S.14
  5. Wo sich Angst breitmacht. In: DIE ZEIT, 51, 2006, S.21
  6. (Zus. mit S. Hüpping): Auf dem Weg in eine inhumane Gesellschaft. In: Süddeutsche Zeitung, 21./22. Oktober 2006, S.13
  7. Juden, Muslime, Homosexuelle: Die Ablehnung wächst. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10, 2005, S.15
  8. Die verstörte Gesellschaft. In: DIE ZEIT, 51, 2005, S.24
  9. Kontrollverluste. Zur Zukunft der Gewalt. In: Frankfurter Rundschau, 34, 2004, S.9
  10. Feindselige Normalität. In: DIE ZEIT, 11. Dezember 2003
  11. Süchtig nach Anerkennung. (Amok) In: DIE ZEIT, 19, 2002,S.4
  12. Gefährliche Selbsttäuschung. Rechts kommt nicht aus dem Nichts. In: Süddeutsche Zeitung, 30. August 2000
  13. Kontrollverluste und Bedrohungsgefühle. (Autoritäre Versuchungen, Globalisierung, Rechtspopulismus) (Teil 1, 6. Mai; Teil 2, 8. Mai) In: Frankfurter Rundschau 2000
  14. Entwicklungen ernster nehmen (Die vielen Toleranzforderungen sind mit Vorsicht zu betrachten). In: taz, 22. April 1997, S.10
  15. Die Hinwendung zu einer religiös begründeten Gesellschaft. Über islamistisch-fundamentalistische Orientierungen bei türkischen Jugendlichen in Deutschland. In: Frankfurter Rundschau, 56, 1997, S.12

Interviews in Printmedien (Auswahl)[Bearbeiten]

  1. Eliten sind Teil des Problems. In: Berliner Zeitung, 128, 2012, S.8
  2. Die Gesellschaft ist vergiftet. In: DER SPIEGEL, 50, 2011, S.71-72
  3. Wutgetränkte Apathie. In: DER SPIEGEL, 14, 2010, 70-71
  4. Es fehlt die Anerkennung. In: der SPIEGEL (Jahresrückblick 2009), S.180-182
  5. Du Opfer! Sebastian B. und andere "Verlierer" - Ein Gespräch mit dem Soziologen über einen heiklen Begriff. In: Süddeutsche Zeitung, 269, 2006, S.13
  6. Religion ist die letzte Ressource. In: taz, 15 Dezember 2006, S.3
  7. "Er wollte endlich mal stark sein." (Amok in Erfurt). In: SPIEGEL ONLINE, 01. Mai 2002
  8. Das ist halbierte Aufklärung. In: taz, 24. Oktober 2001
  9. Der Staat will nichts wissen. Rechtsextremismus und das riskante Verhalten der Mitte. In: DIE ZEIT, 24. August 2000, S.6-7
  10. Gewalt sucht sich Parolen. In: STERN, 24, 1993, S.29-31
  11. Die Gesellschaft löst sich auf. In: DIE ZEIT, 43, 1992, S.4
  12. Tief in den Alltag eingesickert. Rechtsextremismus und Gewalt. In: DER SPIEGEL, 41, 1991, S.32-33

Berichterstattung in den Medien zur Person (Auswahl)[Bearbeiten]

  1. Der Kämpfer gegen die Menschenfeindlichkeit geht. In: WDR, 14. April, 2013
  2. Gewalten-Teilung. Unruhen, Rassismus, Hassgefühle: Professor Wilhelm Heitmeyer ist Deutschlands wohl bekanntester Konfliktforscher. In: Süddeutsche Zeitung, 23, 28. Januar 2013, S.13
  3. Rette sich, wer kann. Zu Besuch beim Soziologen Wilhelm Heitmeyer. In: taz, 28. Februar 2012
  4. Das personifizierte Frühwarnsystem der Gesellschaft. In: Neue Westfälische, 10./11. März 2012, S.4
  5. Der Vater der Parallelgesellschaft. In: taz, 16.November 2007, S.13
  6. „Der die Gewalt erklärt. Ob Fundamentalismus oder Unterschicht - der Soziologe Wilhelm Heitmeyer erforscht die schwarzen Seiten der Moderne“, DIE ZEIT, 2. November 2006, Nr. 45
  7. Auf Forschungsreise tief im braunen Sumpf. In: Stuttgarter Zeitung, 248, 2000, S.3
  8. Ein Mann macht sich unbeliebt. Wilhelm Heitmeyer erforscht, was die Gesellschaft zusammenhält und wie Gewalt entsteht.In: DIE ZEIT, 2. Januar 1998, S.3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gabriele Goettle: Rette sich, wer kann. In: die tageszeitung, 28. Februar 2012.
  2. Gunter Hofmann: Wilhelm Heitmeyer erforscht, was die Gesellschaft zusammenhält und wie Gewalt entsteht. Seine Ergebnisse sind vielen unheimlich: Den Politikern, den Freunden der Multikultur, den Islamisten. In: Die Zeit, 2. Januar 1998.
  3. Michael Tonn: Individualisierung als Ursache rechtsextremer Jugendgewalt; in Jürgen Friedrichs (Hrsg.): Die Individualisierungs-These, Leske + Budrich, Opladen, 1998, Seite 263 ff.
  4. Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen: Innovationspreisträger 2014 in der Kategorie "Ehrenpreis", abgerufen am 5. März 2014

Weblinks[Bearbeiten]