Jutta Ditfurth

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Jutta Ditfurth bei der ZDF-Talkshow Markus Lanz (2011)

Jutta Ditfurth (Geburtsname Jutta Gerta Armgard von Ditfurth; * 29. September 1951 in Würzburg) ist eine deutsche Sozialwissenschaftlerin, Publizistin und Politikerin.

Als Mitbegründerin der Partei Die Grünen war sie in den 1980er Jahren eine Protagonistin in deren linkem Flügel und von 1984 bis 1989 eine der drei gleichberechtigten ehrenamtlichen Bundesvorstandssprecher der Partei.

Nach der „realpolitischen Wende“ der Grünen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung verließ sie wie viele andere linke Parteimitglieder 1991 aus Protest gegen die geänderte Orientierung der Grünen die Partei und initiierte mit der Ökologischen Linken die Gründung einer explizit ökosozialistischen parteipolitischen Organisation (seit 2000 unter der Bezeichnung ÖkoLinX-Antirassistische Liste), die jedoch nicht über den Status einer Kleinpartei hinausgekommen ist. Ditfurth war von 2001 bis 2008 und ist erneut seit 2011 für die ÖkoLinX Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt am Main.

Leben

Ditfurth entstammt dem Adelsgeschlecht von Ditfurth. Sie ist die Tochter des Arztes und Professors für Psychiatrie [1], jedoch vor allem als Wissenschaftsjournalist bekannt gewordenen Hoimar von Ditfurth und der Fotografin Heilwig von Raven. Ihr Bruder ist der Historiker und Romanautor Christian v. Ditfurth. 1978 versuchte sie, ihren Namen ändern zu lassen, dies wurde abgelehnt. Sie nennt sich Jutta Ditfurth. In einem Interview mit dem Magazin Stern 1999 sagte sie, sie habe auch die Aufnahme in den Adelsverband im Alter von 18 Jahren abgelehnt, da sie von elitärem Denken abgestoßen werde.[2] In ihrem 2013 veröffentlichten Buch "Der Baron, die Juden und die 
Nazis – Reise in eine Familiengeschichte" liefert sie anhand vieler Quellen eine kritische Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte und beschreibt darin unter anderem den Antisemitismus und das einschlägige Wirken von vielen mit ihr verwandten Vorfahren bis hin zur Diktatur des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945.

Ditfurth wuchs zunächst in Würzburg auf, wo sie in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre auch eingeschult wurde. 1960 zog sie mit ihrer Familie nach Hohensachsen an der Bergstraße. Es war der fünfte Umzug der Familie von Ditfurth.[3] Sie ging nach dem Umzug erst in Hohensachsen und später in Weinheim zur Schule.[4] 1964 zog die Familie nach Oberflockenbach im Odenwald in einen von der Mutter entworfenen Bungalow.[5] Im April 1966 wurde sie auf dem evangelischen Mädchengymnasium Elisabeth-von Thadden-Schule in Heidelberg-Wieblingen aufgenommen. Dort bestand sie 1969 die Abiturprüfung.[6] Nach dem Abitur besuchte sie noch ein halbes Jahr bis zum März 1970 ein höheres Töchterheim in Garmisch-Partenkirchen.[7] Danach begann sie in Heidelberg Kunstgeschichte zu studieren.[8]

Jutta Ditfurth studierte Soziologie, Politik, Kunstgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und Philosophie in Heidelberg, Hamburg, Freiburg, Glasgow, Detroit und Bielefeld mit dem Abschluss 1977 als Diplomsoziologin. In der Folge arbeitete sie als Sozialwissenschaftlerin an den Universitäten Freiburg, Bielefeld und Marburg. Im Winter 1977 zog Ditfurth nach Frankfurt am Main und war dort zwei Jahre in unterschiedlichen Firmen und Funktionen tätig. Parallel dazu arbeitete sie als Journalistin und Autorin für Printmedien und Rundfunk, ab 1980 hauptberuflich.

Interview mit Jutta Ditfurth auf der Grünen-Wahlparty zur Bundestagswahl 1987

Politisch aktiv war sie seit Anfang der siebziger Jahre im Umfeld der undogmatischen Linken. Ihr Engagement erstreckte sich von der internationalistischen Bewegung über die Frauenbewegung (hier beispielsweise gegen den § 218 – Ditfurth selbst hatte nach eigenen Aussagen zweimal eine Schwangerschaft abgebrochen)[9] bis hin zur Anti-AKW-Bewegung. 1978 war sie Mitgründerin der Grünen Liste Wählerinitiative für Demokratie und Umweltschutz (GLW) und der Grünen Liste Hessen (GLH) sowie 1979/1980 Mitbegründerin der Grünen. Neben Thomas Ebermann und Rainer Trampert war sie eine der bekanntesten Symbolfiguren des linken, „ökosozialistischen“ Flügels der Partei. Sie bezeichnete sich selbst als Radikalökologin und Feministin, ihre Gegenspieler in der oft als Realo-Fraktion benannten Strömung (abgeleitet von „realpolitisch“) um den späteren Außenminister Joschka Fischer zählten sie zu den sogenannten Fundis (abgeleitet von „fundamentalistisch“).

Nachdem sie bei der Bundestagswahl 1990, bei der die westdeutschen Grünen den Einzug in den Bundestag verfehlten, auf der Liste der bayerischen Grünen für den Bundestag kandidiert hatte, verließ sie die Partei im April 1991 aus Protest gegen eine, ihrer Ansicht nach, „Rechtsentwicklung“ der grünen Partei[10].

Danach war sie zeitweise ehrenamtliche Funktionärin der Gewerkschaft IG Medien, so von 1992 bis 1995 eine von drei gleichberechtigten Bundesvorsitzenden der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union.[11]

Sie ist Publizistin und noch vor dem Geschäftsführer Manfred Zieran das in der Öffentlichkeit bekannteste Mitglied der politischen Kleinpartei Ökologische Linke, die sie 1991 mit Zieran und weiteren politischen Freunden gründete. Von 1991 bis 1999 war sie Herausgeberin der Zeitschrift ÖkoLinx der Ökologischen Linken. Von einem linkssozialistischen Standpunkt aus kritisierte sie in Büchern und Reportagen die Politik der Grünen. Sie griff außerdem ihrer Meinung nach rechtskonservatives und rechtsextremistisches Gedankengut an, für das auch linksorientierte neue soziale Bewegungen anfällig seien, was sich in esoterischen und irrationalen Tendenzen äußere. So gebrauchte sie den Ausdruck „Ökofaschismus“ unter anderem für Rudolf Bahro[12] ebenso wie für die Ökologisch-Demokratische Partei, Herbert Gruhl, Franz Alt, Fritjof Capra, Jakob von Uexküll, Hubert Weinzierl, Baldur Springmann sowie die Unabhängigen Ökologen Deutschlands.[13] In einigen Fällen erhoben die Betroffenen Verleumdungsklagen und erreichten eine Schwärzung der Stellen.[14]

Bei der Europawahl 1999 kandidierte Ditfurth als politische Aktion als „Gegnerin des Nato-Krieges mit deutscher Beteiligung gegen Jugoslawien“ auf Einladung eines linken Bündnisses (NAR) in Griechenland auf einer internationalen Liste.

Ende 2000 beteiligte sie sich an der Bildung der Wählervereinigung ÖkoLinX-Antirassistische Liste, für die sie als einzige Vertreterin im April 2001 in das Frankfurter Stadtparlament einzog. Der Stadtverordnetenvorsteher von Frankfurt am Main erteilte ihr im Oktober 2004 eine Rüge, nachdem sie geäußert hatte, Hartz IV zwinge die Betroffenen in einen „Reichsarbeitsdienst“. Zudem hatte sie die darin vorgesehenen Ein-Euro-Jobs als „staatlich verordnete Zwangsarbeit“ bezeichnet.

2007 veröffentlichte sie nach sechs Jahren Recherche eine Biografie über Ulrike Meinhof.[15][16]

Im Mai 2008 legte sie ihr Mandat als Frankfurter Stadtverordnete nieder.[17] Am 27. März 2011 wurde sie erneut in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung gewählt.[18][19]

Politische Positionen

Inhaltlich steht Jutta Ditfurth für eine ökologisch-sozialistische Grundposition, wie sie sie beispielsweise 1996 in ihrem Buch Entspannt in die Barbarei ausgedrückt hat:

„Es gibt eine lange Tradition von Linken, auch wenn sie nicht die Mehrheitslinie bildeten und bilden, die begriffen haben, dass die soziale nicht von der ökologischen Frage zu trennen ist, weil die Wurzel der Ausbeutung des Menschen und der Natur dieselbe ist: die kapitalistische Produktionsweise mit ihrer Profitlogik und ihrem Verwertungszwang.“

Jutta Ditfurth[20]

Ditfurth gilt als scharfe Kritikerin des später dominanten Realo-Flügels der Grünen um Joschka Fischer, sie führte ein eigenes Archiv über die Grünen und kritisiert eine Aufweichung und Entstellung der ursprünglichen Ziele der Grünen bis zur Unkenntlichkeit (etwa Friedenspolitik, Anti-AKW-Bewegung) seit 1985. Ihre Abrechnung mit Joschka Fischer und den Grünen veröffentlichte sie 1999 als Fortsetzungsserie im Boulevardmagazin Neue Revue.[21] Statt an einem grundlegenden Wandel in der Gesellschaft seien die Grünen in den 1990er Jahren eher an Machtpositionen und Verteilung von staatlicher Förderung an Freunde (Nepotismus) interessiert gewesen. Zudem habe eine Gruppe aus dem Frankfurter Sponti-Milieu um Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit sowie um die damalige Redaktion der Zeitschrift Pflasterstrand viele der ursprünglichen Grünen aus der Partei vertrieben. Sie nutzte eine Artikelreihe in der Neuen Revue für ihre „Abrechnung mit Junker Joschka“, von dem (nach ihrer Darstellung) auch der Begriff Fundi für parteiinterne Kritiker seines Kurses – wie sie – stammte.[21]

Ebenso kritisiert sie die Grünen-Generation um Oswald Metzger, Matthias Berninger oder Cem Özdemir, die ihrer Meinung nach nichts mehr mit den ursprünglichen Zielen der Grünen zu tun haben. Diese „pragmatischen Jungpolitiker“ hätten auch in der FDP oder CDU Parteikarrieren machen können, so Ditfurth.

Am 12. Dezember 2013, als in Frankfurt eine Gedenktafel zum Auschwitzprozess eingeweiht wurde, überklebte Jutta Ditfurth auf der Tafel der Frankfurter Ehrenbürger den Namen des früheren Chefs der Deutschen Bank Hermann Josef Abs. Der Text auf ihrem Zettel lautete: „Abs war Chefbankier der Nazis und mitverantwortlich für Krieg, KZ, Massenmord, Raub und Versklavung. Max Horkheimer und Fritz Bauer sollen durch die Nähe zu seinem Namen nicht beleidigt werden.“[22]

Veröffentlichungen

Weblinks

 Commons: Jutta Ditfurth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Hoimar von Ditfurth: Innenansichten eines Zeitgenossen. Meine Bilanz. Düsseldorf 1989 (2); S. 230 ff.
  2. Stern: Was macht eigentlich…Jutta Ditfurth?. 25. April 1999
  3. Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. (Autobiographie), S. 51.
  4. Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. (Autobiographie), S. 68.
  5. Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. (Autobiographie), S. 89.
  6. Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. (Autobiographie), S. 102 ff.
  7. Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. (Autobiographie), S. 151 f.
  8. Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. (Autobiographie), S. 157.
  9. Interview mit Cosmopolitan, Ausgabe 8/1988
  10. Ditfurth, Jutta; Das waren die Grünen.Abschied von einer Hoffnung; München 2001(3.Aufl.); S.184 ("Rechtswendung")
  11. 50 Jahre gewerkschaftlich organisierte Journalistinnen und Journalisten, Chronik der dju (PDF-Datei)
  12. Jutta Ditfurth: Ein grüner Adolf? Rudolf Bahro zwischen Esoterik und Ökofaschismus. in Junge Welt, 5. November 1994
  13. Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, ISBN 3-548-75027-3.
  14. so die Zitate betreffend Max Otto Bruker, siehe Zeitschrift Gesundheitsberater, Ausgabe 2/1996, S. 3.
  15. Stern: Ditfurth über Meinhof: „Sie war die große Schwester der 68er“. 18. November 2007
  16. Reinhard Mohr in Spiegel Online: Ditfurth über Meinhof: Terroristen ausmisten. 20. November 2007
  17. Brief an das Wahlamt der Stadt Frankfurt/Main (PDF; 174 kB) vom 26. Mai 2008
  18. Stadt Frankfurt am Main: Stadtverordnetenwahl 2011 in Frankfurt am Main: Eine erste Analyse (PDF; 1,5 MB)
  19. ÖkoLinX-ARL Pressemitteilung (PDF; 67 kB) vom 6. September 2011.
  20. Jutta Ditfurth: Entspannt in die Barbarei. Konkret-Literatur-Verlag, Hamburg 1996, S. 157.
  21. a b Zahltag, Junker Joschka!. Zuerst veröffentlicht in der Neuen Revue. 1999
  22. Frankfurter Rundschau - Georg Leppert: [1], [2], vom 13. Dezember 2013, abgerufen am 13. Dezember 2013.