Arztphobie

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Klassifikation nach ICD-10
F40.2 Spezifische (isolierte) Phobien
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Als Arztphobie (auch Iatrophobie genannt) versteht man die langanhaltende Angst vor Ärzten. Sie gehört zu den phobischen Störungen und führt zu einer Vermeidung oder Hinauszögern des Arztbesuches. Da es keine Einzeldiagnose für eine Arztphobie gibt, richtet sich die Diagnose an der Feststellung einer spezifischen phobischen Störung (F40.2 nach ICD-10).[1]

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Arztphobie gibt es in unterschiedlichen medizinischen Gebieten. Sie kann situationsbedingt, ortsbedingt oder personbedingt sein. Bei einer allgemeinen Angst vor Krankenhäusern und Kliniken wird auch von Klinikangst gesprochen.

Differenzialdiagnostisch müssen Phobien vor einer Erkrankung (Nosophobie) oder vor spezifischen Krankheiten (z. B. die Cardiophobie bei Herzerkrankungen oder die Kanzerophobie bei Krebs) von der Arztphobie unterschieden werden. Die Angst vor Ärzten kann aufgrund von allgemeinen sozialen oder spezifischen Ängsten (z. B. Klaustrophobie oder Berührungsangst) auftreten. Diese Phobien sind damit nicht nur an den Arztbesuch gebunden und damit keine eigenständige Arztphobie. Ängste, die im Alltag selten auftreten, wie die Angst vor Blut, können beim Arzt in Erscheinung treten. Nicht jede Angst vor dem Arztbesuch ist als krankhaft nach ICD 40.2 einzustufen.

Ursachen der Angst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Angst vor Ärzten kann verschiedene Gründe haben. Häufige Gründe sind unter anderem:[2][1][3][4]

Negative Vorerfahrungen aus den eigenen Arztbesuchen oder entsprechend negativen Berichten können die Arztphobie bestärken. Oft liegen den Ängsten verzerrte Erinnerungen zugrunde, so dass sich diese Ängste oft als überhöht erweisen. Eine verzerrte Erinnerung kann z. B. durch eine stärker aufgeprägte Schmerzwahrnehmung im Kindesalter auftreten.[6][7]

Gefahren und Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dadurch, dass der Kontakt mit dem Arzt vermieden (Vermeidungsverhalten) oder hinaus gezögert wird (Prokrastination), kommt es zu keiner oder einer verspäteten Diagnose oder Therapie. Die Krankheit bleibt mit eventuellen Ansteckungsgefahren und Risiken bestehen oder verschlimmert sich sogar. Je nach Krankheit kann so auch ein schwieriger zu behandelndes Stadium erreicht werden. In Extremfällen können irreversible Schäden entstehen. Der körperliche und seelische Leidensdruck steigt bei dem Patienten.

Durch die Arztphobie können wie auch bei anderen Phobien psychosomatische Beschwerden und Panikattacken auftreten. Der damit verbundene Anstieg des Blutdrucks bei Arztkontakt ist als „Weißkittelhypertonie“ bekannt. Eine Überblicksstudie zeigte eine höhere Sterblichkeit und ein höheres Risiko für Herzkreislaufkomplikationen bei dieser Patientengruppe.[8][9][10]

Vorbeugung und Maßnahmen zur Angstreduzierung während des Arztbesuches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patienten haben die Möglichkeit Entspannungstechniken anzuwenden und mit dem Praxispersonal oder dem Arzt über ihre Angst zu reden, damit darauf besser eingegangen werden kann. Ärzte können durch die Anamnese oder die Messung eines Bluthochdrucks nach organischer Ausschließung gezielter auf Patienten mit Ängsten eingehen.[9]

Da besonders Kinder und Jugendliche aufgrund einer entfremdeten und bedrohlich wirkenden Situation an Arztangst leiden, ist es Aufgabe der Pädiatrie Kindern und Jugendlichen mit mehr Feingefühl und Empathie zu begegnen.[11][12]

Durch eine Hypnose oder Narkose können Ängste verringert werden. Auch kann die Unterstützung durch Familie und Freunde hilfreich bei der Angstbewältigung sein.[1] Mithilfe einer Videobrille, die der Patient während der Behandlung aussetzt, kann versucht werden die Angst durch die äußere Wahrnehmung zu isolieren und den Patienten durch den Medieninhalt abzulenken.[13]

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie auch andere phobische Störungen, kann die Arztphobie mithilfe einer Psychotherapie oder Psychopharmaka behandelt werden.[14]

Prävalenz und Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ca. 20 % der Patienten haben einen höheren Blutdruck durch die Angst vorm Arzt („Weißkittelblutdruck“, Weißkittelhypertonie).[15] Etwa 20 % der Deutschen haben Angst vor Zahnärzten.[16] Mehr als jeder Zehnte vermeidet den Besuch beim Zahnarzt aus Angst.[17] Viele Patienten haben Angst vor Untersuchungen und Eingriffen aus den Bereichen Gynäkologie, Urologie, Chirurgie, Neurologie, Innere Medizin und Psychiatrie.[18] Besonders Männer neigen dazu, Symptome zu bagatellisieren und eine Untersuchung oder Vorsorgeuntersuchung hinauszuzögern.[18][19] Laut einer Erhebung des Berufsverbandes der Allgemeinärzte leiden rund zwei Millionen Menschen in Deutschland unter der Iatrophobie.[10]

Besonderheiten in einzelnen medizinischen Fachgebieten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahnmedizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Angst vor Zahnärzten wird auch als Dentophobie oder Odontophobie bezeichnet.[20] Das Hinauszögern einer Behandlung begünstigt die Ausbreitung von Zahnkaries. Statt eines Besuchs wird auf Schmerz- und Beruhigungsmittel zurückgegriffen.[20] Der Psychoanalytiker Sigmund Freud verglich die Angst vor dem Zahnverlust in seiner Traumdeutung mit der Kastrationsangst.[21]

Die Zahnbehandlungsphobie ist als psychische Krankheit anerkannt (ICD-10 GM 2006 F40.2), deshalb übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine Psychotherapie bei einem Vertragspsychotherapeuten oder Vertragsarzt mit entsprechender Zusatzausbildung. Ein Zahnarzt darf nur bei gleichzeitiger Approbation als entsprechend ausgebildeter Arzt psychotherapeutischen Leistungen zu Lasten der Krankenkassen erbringen. Die Angst vor Zahnärzten konnte nach einer Untersuchung durch eine Verhaltenstherapie bei rund 80 % der Patienten in Deutschland behandelt werden.[9]

Veterinärmedizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Tiere leiden häufig durch die ungewohnte und bedrohliche wirkende Umgebung beim Tierarzt an Angst und Panik. Ihre Angst kann sich unter anderem durch Einschüchterung, Fluchtversuche, Kratzen mit den Pfoten, Wedeln mit dem Schwanz (bei Katzen) und Geschrei äußern. Da Tiere aus Angst versuchen könnten zu flüchten oder sich zu wehren und so einen Personen- und/oder Sachschaden erreichen würden, ist es Aufgabe der Veterinärmedizin das Tier zu beruhigen, gegebenenfalls zu fixieren und eventuell unter Narkose zu setzen.[22]

Klinikangst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einer Forsa-Umfrage haben 32 % der Frauen und 25 % der Männer Angst vor einem Aufenthalt im Krankenhaus. 81 % der Ängste sind dabei auf die Angst vor Ansteckung durch Keime zurückzuführen (Mysophobie). Außerdem können Ängste über Komplikationen bei einer aufwendigen Operation auftreten. Jeder dritte Betroffene sorgt sich um Medikamentenunverträglichkeit und Nebenwirkungen.[23]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Angst vorm Arzt: „Zusammenzureißen reicht nicht“. In: Spiegel Online. 18. Juni 2018, abgerufen am 18. September 2019.
  2. Arztphobie. In: PSYLEX. Abgerufen am 18. September 2019.
  3. Eva Fiedler Iatrophobie: Was gegen die Angst vor dem Arzt hilft. In: Berliner Zeitung, 9. Mai 2013
  4. M. Hollander, M. Greene: A conceptual framework for understanding iatrophobia. In: Patient Education and Counseling. Elsevier, 10. Juli 2019.
  5. Panik vor dem Pieks. In: Focus Online. Abgerufen am 18. September 2019.
  6. Angst im Krankenhaus: Das unliebsame Gefühl. In: Deutsches Ärzteblatt. 17. September 2010, abgerufen am 23. September 2019.
  7. Die Angst vor dem Arzt. 17. Februar 2011, abgerufen am 23. September 2019.
  8. Jordana B. Cohen, Michael J. Lotito, Usha K. Trivedi, Matthew G. Denker, Debbie L. Cohen, Raymond R. Townsend: Cardiovascular Events and Mortality in White Coat Hypertension: A Systematic Review and Meta-analysis. In: Annals of Internal Medicine. Band 170, Nr. 12, 11. Juni 2019, S. 853–862, doi:10.7326/M19-0223.
  9. a b c Die Angst vor dem Arzt. 17. Februar 2011, abgerufen am 18. September 2019.
  10. a b Iatrophobie - lieber Schmerzen als zum Arzt. WDR, 25. Januar 2017, abgerufen am 18. September 2019.
  11. Keine Angst vorm Kinder- und Jugendarzt! In: kinderaerzte-im-netz.de. Abgerufen am 18. September 2019.
  12. Thomas Hoek, C. Rosenfeld, Günther Heinrich Willital: Tipps und Tricks für den Pädiater: Problemlösungen von A bis Z. Springer-Verlag, 2006, ISBN 978-3-540-31249-9 (google.de [abgerufen am 18. September 2019]).
  13. Mit der Angst im Wartezimmer. netdoktor at GmbH, abgerufen am 18. September 2019.
  14. B. Bandelow et al.: S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. Hrsg.: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. 15. April 2014.
  15. Thomas G. Pickering, Gary D. James,Charlene Boddie et al.: How Common Is White Coat Hypertension? In: JAMA – Journal of American Medical Association. Band 259(2), 8. Januar 1988, S. 225–228, doi:10.1001/jama.1988.03720020027031.
  16. Haben Sie Angst vor dem Zahnarzt? In: Statista. 2019, abgerufen am 22. September 2019.
  17. Gudrun Sartory: Dentalphobie: Wie die Angst vor dem Zahnarzt schwindet. In: Spiegel Online. Abgerufen am 22. September 2019.
  18. a b Angst vor Ärzten - Iatrophobie. Abgerufen am 18. September 2019.
  19. Kalte Hände, Herzrasen, Unruhe: Daher kommt die Angst vorm Arzt. In: RP Online. Abgerufen am 18. September 2019.
  20. a b Zahnarztphobie, Zahnarztangst • PSYLEX. Abgerufen am 18. September 2019.
  21. Gisela Sonnenburg: Iatrophobie: Der Arztbesuch entfällt aus Angst (neues deutschland). Abgerufen am 18. September 2019.
  22. Sabrina Reichel: Keine Angst beim Tierarzt: Medical Training für Hunde. Kynos Verlag, 2016, ISBN 978-3-95464-115-4 (google.de [abgerufen am 18. September 2019]).
  23. Furcht vor Komplikationen: Viele Frauen und Männer haben Klinikangst. In: Westdeutsche Zeitung. Abgerufen am 18. September 2019.