Schurke (Literatur)

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Der Schurke oder Bösewicht ist in der Literatur, im Film und anderen Formen des Erzählens eine Form des Antagonisten (Gegenspieler, Widersacher) des oder der Helden. Im Unterschied zum Antagonisten, der als dialektischer Gegensatz des Protagonisten keine negative Figur sein muss, ist der Schurke eine klar negative Figur und häufig Ausprägung eines Stereotyps.[1]

Entsprechend dieser Definition sind reine Personifikationen des Bösen, wie sie etwa im mittelalterlichen Theater als leibhaftiger Teufel oder Antichrist oder als Vice, das verkörperte Laster im englischen Theater des 16. Jahrhunderts, auftreten, keine literarischen Schurken im eigentlichen Sinn. Die Hauptfigur des ab 16. Jahrhunderts beliebten Gattung des Schelmenromans ist auch kein Schurke, auch wenn seine Handlungen oft moralisch fragwürdig oder verbrecherisch sind, vielmehr sind es in heutiger Terminologie Antihelden, also mit Schwächen und Belastungen gezeichnete unvollkommene und ganz gewöhnliche Menschen, im Gegensatz zu den makellosen Helden des gleichzeitigen Ritter- und des höfischen Liebesromans.

Zahlreiche Beispiele für Schurken in geradezu musterhafter Ausprägung finden sich dann ab Ende des 18. Jahrhunderts in Schauerroman bzw. Gothic Novel, zu deren Standardinventar der Schurke gehört, dem es obliegt, die weibliche Heldin in Gestalt der verfolgten Unschuld (Damsel in Distress) zu bedrohen, ins Unglück stürzen zu wollen oder zu entführen, was wiederum den Helden verpflichtet, die Unschuld aus den Klauen des Schurken zu retten, bekannte Beispiele sind etwa der Mönch Ambrosio in Matthew Gregory LewisThe Monk oder Conte Fosco in Wilkie CollinsThe Woman in White.

Bekannte stereotype Formen des Schurken sind:

  • Böser Zwilling bzw. Doppelgänger, beispielhaft in Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson und Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde.
  • Verrückte Wissenschaftler: Erste und bekannteste Ausprägung ist Dr. Victor Frankenstein in Mary Shelleys gleichnamigem Roman, der jedoch eigentlich erst in Rezeption und den zahlreichen Adaptionen zum Prototyp des besessenen, alle Grenzen ignorierenden Wissenschaftlers wird. Näher am Typus ist der Dr. Moreau von H. G. Wells (1896) und die Verbrechergenies des frühen 20. Jahrhunderts wie etwa Dr. Fu Manchu von Sax Rohmer (1913) und Dr. Mabuse von Norbert Jacques (1920). In diesen Bereich ist wohl auch der Grüne Kobold aus Spider-Man einzuordnen.
  • Erzfeinde sind Serienschurken, die in Episoden der Serie immer wieder auftreten, immer wieder besiegt und manchmal (scheinbar) vernichtet werden, in der Folge aber wieder auftauchen bzw. auferstehen. Beispiele sind etwa Professor Moriarty als Erzfeind von Sherlock Holmes, Ernst Stavro Blofeld als Gegner von James Bond, Ghostface als Gegner von Sidney Prescott in Scream oder Michael Myers in Halloween.
  • Superschurken sind Gegenspieler des Superhelden, mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattete Erzfeinde, zum Beispiel Lex Luthor als Widersacher von Superman. Die Schurken insbesondere in den fiktiven Welten des Comics sind zahlreich, siehe etwa die Schurken im Superman-Universum oder die in der Welt von Batman. Beispiele sind auch die Schurken aus den Marvel Comics, wie zum Beispiel der Mandarin als Gegenspieler von Iron Man, Dr. Doom als Gegenspieler der fantastischen Vier und Venom, Doc Ock und der Grüne Kobold als Gegenspieler von Spider-Man.
  • Böse Aliens in der Science-Fiction, typisch als Bug-eyed Monster, die auf den Titelbildern der Pulp-Magazine vollbusige Frauen an Bord von mit Todesstrahlen ausgestatteter fliegender Untertassen zerren, vom Helden mit gezückter Strahlenpistole verfolgt. Bekanntes Beispiel eines anthropomorphen außerirdischen Schurken ist Ming der Grausame (Ming the Merciless) als Gegner von Flash Gordon. Zu den Alien-Bösewichten kann man wohl auch die Decepticons aus Transformers zählen. Ebenso die Aliens in Independence Day.
  • Dunkle Herrscher und/oder böse Zauberer: Während die Helden und ihre Erzfeinde bzw. die Superhelden und Superschurken mehr oder minder auf gleicher Ebene agieren, ist das Verhältnis zwischen dem dunklen Herrscher und dem Helden sehr asymmetrisch, der dunkle Herrscher ist ein übermächtiges Wesen, der Held dagegen ein – zumindest anfangs – (fast) ganz gewöhnlicher Mensch, der im Laufe der Geschichte die Fähigkeiten entwickelt, die es ihm ermöglichen, am Ende das durch den dunklen Herrscher verkörperte Böse zu besiegen. Bekannte Beispiele sind Frodo Baggins vs. Sauron, Harry Potter vs. Lord Voldemort, Eragon vs. Galbatorix und Luke Skywalker vs. Imperator Palpatine.
  • Komische Schurken („Bösewichte“) wären gerne sehr böse, scheitern aber jedes Mal kläglich, zum Beispiel im Zeichentrick der große, böse Wolf bei den Drei kleinen Schweinchen, Karl der Coyote, der Wesir Isnogud, der Zauberer Gargamel bei den Schlümpfen und Dutzende ähnlicher Cartoon- und Comic-Charaktere. Vorläufer des komischen Schurken ist der geprellte Teufel in Märchen und Puppenspiel, ein hochliterarisches Beispiel der Mephistopheles in Goethes Faust.
  • Ebenfalls kommt es vor, dass Schurken Verwandte des Helden sind, zum Beispiel Scar aus Der König der Löwen, Darth Vader aus Star Wars und Loki aus Thor.
  • Manche Schurken wollen sich für etwas am Helden rächen, zum Beispiel Harry Osborn aus Spider-Man oder Zira aus Der König der Löwen 2.
  • Bei einigen Schurken zeigt sich auch, dass sie doch noch irgendwo Gutes in sich haben. Beispiele sind Hades in Zorn der Titanen, Loki im MCU, Murtagh in Eragon und Darth Vader in Star Wars.
  • Manche Schurken sind innerhalb einer Reihe zunächst die Bösewichter, agieren aber im Auftrag des Hauptbösewichts, der später in Erscheinung tritt. Sie sind also in Wahrheit Handlanger. Zum Beispiel Count Dooku und Darth Vader aus Star Wars und Durza in Eragon.
  • Manche könnten durch ihren Einfluss und ihre Popularität auch den Eindruck erwecken, sie selbst seien der Hauptbösewicht, beispielsweise Darth Vader.
  • Manche Schurken sind Eroberer, die die Welt/das Land des/der Helden einnehmen wollen, zum Beispiel Xerxes in 300, zahlreiche Schurken in Power Rangers oder Shan Yu in Mulan.

Es fällt auf, dass die klar ausgeprägten Typen des Schurken vorwiegend männlich sind. Tami D. Cowden hat in ihrer Schurken-Typologie[2] ihren 8 männlichen Schurkentypen 8 weibliche Typen gegenübergestellt, zum Beispiel Bitch („Miststück“), Black Widow („Schwarze Witwe“), Lunatic („Irrsinnige“) etc., die Typisierung wirkt aber etwas beliebig.

Geläufige weibliche Schurken-Stereotypen sind:

  • die Hexe: Zum Beispiel die Hexe im Märchen, etwa in Hänsel und Gretel, oder die böse Hexe des Westens im Zauberer von Oz. Ohne magische Kräfte wird sie zur Giftmischerin oder heimtückischen Mörderin mit zahlreichen Beispielen in der Kriminalliteratur.
  • die Femme fatale: Eine dämonische Verführerin, die ihre männlichen Verehrer bedenkenlos für ihre materiellen oder sonstigen Zwecke gebraucht und letztlich in den Ruin treibt. Sie hatte ihre große Zeit in der Literatur des 19. Jahrhunderts, wo sie als dunkle Schwester der Kameliendame vielfach ihr grausames Spiel trieb. Eine neue Blütezeit erlebte die Femme fatale als Vamp im Film noir und den Hardboiled-Detective-Geschichten der 1930er und 1940er. Bekanntes Beispiel ist Brigid O’Shaughnessy in Der Malteser Falke von Dashiell Hammett.
  • des Schurken schöne Tochter: Auffällig oft hat der verrückte Wissenschaftler eine schöne Tochter, die nicht böse sein muss. Oft ist sie unschuldig und wächst völlig abgeschirmt von der Welt auf, wobei unschuldig nicht gleich harmlos sein muss. Ein Prototyp ist Rappaccinis Tochter aus der Erzählung von Nathaniel Hawthorne. Ältere Beispiele sind Medea und Ariadne aus der griechischen Mythologie, Miranda, die Tochter von Prospero aus Shakespeares Sturm oder in der neueren Literatur Fah Lo Suee, die Tochter von Fu Manchu.[3]
  • die Superschurkin: Bekannteste Beispiele sind Catwoman und Poison Ivy aus dem Batman-Universum. Für letztere war wiederum Rappacinis Tochter ein Vorbild.
  • die böse Königin/Zauberin: Sie ist das weibliche Gegenstück des dunklen Herrschers. Beispiele sind Morgan le Fay in der Artussage, die Königin im Märchen von Schneewittchen, die böse Fee Malefiz in der Disney-Version von Dornröschen – zur Hauptfigur gewandelt in der Realfilmversion Maleficent – Die dunkle Fee von 2014 – oder auch die Herzkönigin in Alice im Wunderland von Lewis Carroll.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Angehrn: Der Bösewicht in Lessings Theorie und dichterischer Praxis: Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Dramas im 18. Jahrhundert. P. G. Keller, 1968.
  • Nadia Hamdi Bek: Zur Morphologie und Rezeptionsästhetik des anthropomorphen Bösen im Spielfilm : Die acht Facetten des Bösen. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-24979-3 (zugleich Dissertation Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 2018).
  • Anna Fahraeus (Hrsg.): Villains and Villainy : Embodiments of Evil in Literature, Popular Culture and Media. Rodopi, Amsterdam 2011, ISBN 978-90-420-3393-1.
  • Janet Pate: The Great Villains. Bobbs-Merrill, Indianapolis 1975, ISBN 0-672-52153-9.
  • Martin Thomas Pesl: Das Buch der Schurken : Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur. Edition Atelier, Wien 2016, ISBN 978-3-903005-93-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Kröner, 2013, ISBN 978-3-520-84601-3, S. 296, s.v. Gegenspieler.
  2. Tami D. Cowden: Fallen Heroes : Sixteen Master Villain Archetypes. Fey Cow Productions, Las Vegas 2011, ISBN 978-0-615-47111-2.
  3. Mad Scientist's Beautiful Daughter auf TV Tropes, abgerufen am 28. August 2020.