Finanzmarkt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Finanzmärkte)
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Abgrenzung zwischen Geld-, Kapital- und Kreditmarkt

Der Finanzmarkt ist ein Oberbegriff für Märkte, auf denen der Handel mit Finanzinstrumenten stattfindet. Komplementärbegriff ist der Gütermarkt.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Finanzmärkte gehören der Finanzwirtschaft an, Gütermärkte der Realwirtschaft. Beide stehen in einer komplementären Interdependenz zueinander, weil die Realwirtschaft nicht ohne das vom Finanzmarkt stammende Geld existieren kann und die Finanzmärkte auch realwirtschaftliche Einflüsse aufweisen wie etwa das Hedging aufgrund zu erwartender Rohstoffpreisveränderungen.

Der Handel auf den Finanzmärkten findet durch Tausch der Finanzinstrumente gegen Geld oder durch Tausch von Finanzinstrumenten untereinander statt. Marktteilnehmer sind alle Wirtschaftssubjekte (Privathaushalte, Unternehmen und staatliche Stellen). Finanzmärkte bringen Anleger und Kapitalgeber direkt oder aber indirekt über Finanzintermediäre zusammen. Als Marktpreise fungieren - je nach Art des Teilmarktes – Börsenkurse oder Zinsen.

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Finanzmarkt ist in drei Teilmärkte gegliedert, und zwar Geldmarkt, Kapitalmarkt und Devisenmarkt. Erwin von Beckerath führte 1916 für Geld- und Kapitalmarkt den gemeinschaftlichen Oberbegriff des Kreditmarktes ein.[1]

Geldmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Geldmarkt

Dem Geldangebot steht auf dem Geldmarkt die Geldnachfrage gegenüber. Handelsobjekte sind Zentralbankgeldguthaben, Tages- und Termingelder, Repo- und Leihegeschäfte, kurzfristige Wertpapiere (Geldmarktpapiere), Fazilitäten der Zentralbank (z. B. Hauptrefinanzierungsinstrument der EZB), Geldmarktderivate (Forward Rate Agreements, Overnight Index Swaps, Geldmarkt-Futures), Schatzanweisungen oder Wechsel. Der Preis auf dem Geldmarkt ist der Geldmarktzins. Der Geldmarkt unterscheidet sich vom Kapitalmarkt vor allem durch die Fristigkeit der Handelsobjekte. Diese Einteilung führte im Jahre 1909 der Ökonom Arthur Spiethoff ein.[2] Sie betrifft auf dem Geldmarkt Laufzeiten oder Fälligkeiten von bis zu zwei Jahren, wobei die Abgrenzung unterschiedlich vorgenommen wird. Die mittlere Frist (2–4 Jahre) wird in der Fachliteratur teilweise noch dem Geldmarkt,[3] teilweise jedoch dem Kapitalmarkt zugeordnet.[4]

Kapitalmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kapitalmarkt

Auf dem Kapitalmarkt werden diejenigen Finanzinstrumente gehandelt, welche nicht dem Geldmarkt zuzuordnen sind. Das betrifft Finanzinstrumente mit einer Laufzeit von mindestens 2 Jahren. Betrachtet man für den Geldmarkt jedoch nur den Interbankenhandel und die EZB, so wird der Handel am Kapitalmarkt noch durch mittelfristige Kredite (Lombard- und Kontokorrentkredite) und Geldmarktpapiere (Commercial Papers, Certificate of Deposits) der Kreditinstitute mit Nichtbanken ergänzt. Der nationale Kreditmarkt ist kaum organisiert und besitzt dadurch wenig Markttransparenz. Kredite sind sehr individuell und daher schwer handelbar. Der Kredithandel als Teilmarkt des Kreditmarktes versucht, durch Abtretungsklauseln bisher nicht übertragbare Kredite in Transferable Loan Facilities zu verwandeln.

Devisenmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Devisenmarkt

Auf dem Devisenmarkt trifft das Devisenangebot auf die Devisennachfrage und wird zum ausgehandelten Devisenkurs getauscht. Der Tausch von Fremdwährungen in heimische Währung erfolgt ausschließlich durch Buchgeld. Hier gibt es zwei verschiedene Teilmärkte, einerseits die Ausführung des Geschäftes am Kassamarkt im sofortigen Tausch gegen die inländische Währung oder zum anderen als Devisentermingeschäft. Händler treten durch elektronische Handelssysteme miteinander in Kontakt, die auch eine schnelle Reaktion auf eingetretene Datenänderungen wie bei der Arbitrage ermöglichen. Devisengeschäfte werden ganz überwiegend außerbörslich ausgeführt.[5]

Funktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch der Finanzmarkt erfüllt die Losgrößen-, Fristen-, Risiko- und Publizitätstransformation.

Losgrößentransformation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Losgrößentransformation

Eine Aufgabe der Finanzmärkte ist die Losgrößentransformation. Das bedeutet, dass wenn beispielsweise ein Marktteilnehmer eine relativ große Geldmenge nachfragt, diese sich aus kleineren Geldmengen der Anbieter zusammensetzt. Ein typisches Beispiel hierfür ist die Ansammlung vieler kleiner Sparbeträge, um damit große Investitionen zu finanzieren.[6]

Fristentransformation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Fristentransformation

Eine weitere Aufgabe der Finanzmärkte ist die Fristentransformation. Sie hat die Aufgabe, die Fristinteressen von Anbieter und Nachfrager aufeinander abzustimmen. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Arten von Fristentransformation:

  • Transformation bezogen auf die Kapitalbindungsfristen (auch Liquiditätsfristentransformation genannt): Die Bindungsdauer vom möglichen Kapital zur Verwendung und investiertem Kapital unterscheiden sich.
  • Transformation bezogen auf die Zinsbindungsfristen: Der Zeitraum, für den die Zinsen des zur Verfügung stehenden Kapitals bestimmt sind, unterscheidet sich von der Zinsbindungsdauer des investierten Kapitals. Daraus können Zinsänderungsrisiken resultieren.

Risikotransformation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Risikotransformation

Ihre Aufgabe ist es, die unterschiedlichen Risikobereitschaften von Anbietern und Nachfragern auf dem Kapitalmarkt in Übereinstimmung zu bringen. Möglichkeiten dieser Art der Transformation sind:

  • Risikoreduktion: Dies geschieht dadurch, dass mehrere einzelne Kapitalnehmer zusammengefasst werden und das vorhandene Risiko auf sie, unabhängig voneinander, verteilt wird. Die Reduktion wird dadurch ermöglicht, dass der Kapitalnehmer diverse Verträge hält oder neue Verträge durch die Zusammenfassung von Zahlungsverpflichtungen erstellt.
  • Risikoaufspaltung: Damit ist die Aufspaltung in anders aufgebaute Verträge gemeint. Die Bedürfnisse von Kapitalnehmer und den Marktteilnehmern werden dabei in Einklang gebracht.[7]

Publizitätstransformation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die vierte und somit letzte Aufgabe von Finanzmärkten ist die Publizitätstransformation. Als Publizitätstransformation wird die Informationsverarbeitung der Kreditinstitute bezeichnet, welche die umfangreichen Informationen über die Kreditwürdigkeit ihrer Kreditnehmer im Rahmen professioneller Finanzanalysen verarbeiten, so dass sich der Anleger auf die Bonität des Kreditinstituts verlassen kann.[8] Das bedeutet, dass Kapitalanbieter und -nachfrager nie in persönlichen Kontakt treten. Eine Offenlegungspflicht der Kreditnehmer besteht nur gegenüber Kreditinstituten.

Allgemeine Marktfunktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerdem erfüllt der Finanzmarkt noch diese allgemeinen Marktfunktionen:

  • Allokationsfunktion: Darunter versteht man die Zuordnung knapper Ressourcen (Zeit, Rohstoffe, Arbeit etc.) zum Produktionsprozess von Gütern, wobei die Maxime gilt, ein optimales Produkt bei minimalem Einsatz herzustellen.
  • Koordinationsfunktion: Dadurch, dass Finanzmärkte den Kapitalgebern und Kapitalnehmern ein Forum für ihre Tätigkeiten bieten, erfolgt eine zeitliche und örtliche Koordination dieser Vorgänge.
  • Auswahlfunktion: Sie beschreibt vom Markt erlassene Zugangsbeschränkungen, sodass sich am Markt nur die richtigen Akteure treffen. Unter anderem wird in Finanzmärkten die Bonität der einzelnen Marktteilnehmer überprüft.[9]

Auswirkungen von Finanzkrisen auf die Realwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Realwirtschaft ist Komplementor der Finanzwirtschaft, weil letztere Wertschöpfungsinfrastruktur bereitstellt. Allerdings stammt etwa 95 % der Wertschöpfung aus der Realwirtschaft.[10] Die komplementäre Interdependenz zwischen Finanz- und Realwirtschaft wird häufig zur Erklärung von Finanzkrisen herangezogen. Die Finanzkrise ab 2007 ist hauptsächlich durch fehlendes oder fehlerhaftes Risikomanagement innerhalb der Finanzwirtschaft entstanden. Diese Krise wirkte sich durch ein Spillover auf die Realwirtschaft aus.[11] Dabei wird in der Volkswirtschaftslehre auf die Ungleichgewichte von Real- und Finanzwirtschaft hingewiesen. War noch um 1980 die weltweite Realwirtschaft der Finanzwirtschaft quantitativ mit 2:1 überlegen, so ist sie heute mit 1:3,5 deutlich unterlegen.[12] Diese erhebliche Disproportionalität drückt Risikopotenziale aus und zeigt, dass Geldkapital im Überfluss vorhanden ist. Während zwischen 1872 und 1950 die Risikoprämien in Realwirtschaft und Finanzwirtschaft annähernd übereinstimmten (4,17 % bzw. 4,40 %), drifteten sie zwischen 1951 und 2000 deutlich auseinander (2,55 % bzw. 7,43 %).[13] Dies deutet auf zunehmende Marktrisiken in der Finanzwirtschaft hin. Das Marktrisiko besteht bei diesem Ungleichgewicht vor allem in einem Overshooting (Überschießen) mit der Folge spekulativ verstärkter Spekulationsblasen, die so lange andauern, bis sich in der langsameren Realwirtschaft das neue Gleichgewicht eingestellt hat. Um diese Risiken zu vermindern, soll eine national und supranational aufgestellte Finanzmarktaufsicht zur Marktregulierung der Finanzmärkte beitragen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lydia Krüger, Finanzmärkte und Entwicklung, in: Attac (Hg.), Crash statt Cash, Wien, OGBVerlag, 2008, S. 101–121 m.w.N.
  • Susanne Schmidt: Markt ohne Moral  −  Das Versagen der internationalen Finanzelite, Vlg. Droemer Knaur, München 2010, ISBN 978-3-426-27541-2
  • Georg von Wallwitz, Odysseus und die Wiesel. Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte, Berlin, Berenberg Verlag 2011, ISBN 978-3-937834-48-1.
  • Gischer, Horst, Bernhard Herz und Lukas Menkhoff, Geld, Kredit und Banken, Berlin und Heidelberg, Springer-Verlag 2012, ISBN 978-3-642-23256-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Finanzmarkt – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erwin von Beckerath, Kapitalmarkt und Geldmarkt, 1916, S. 52
  2. Arthur Spiethoff, Die äußere Ordnung des Geld- und Kapitalmarktes, in: Gustav von Schmoller (Hrsg.), Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, Heft 2, 1909, S. 17 ff.
  3. Joachim von Spindler, Geldmarkt – Kapitalmarkt – Internationale Kreditmärkte, 1960, S. 34
  4. Karl Friedrich Hagenmüller, Kapitalmarkt, in: Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, Band II, 1962, Sp. 3008
  5. Heiko Schmolke/Anabel Ternès/Ian Towers, Forex-Devisenhandel, 2016, S. 23
  6. Horst Gräfer/Bettina Schiller/Sabrina Rösner, Finanzierung: Grundlagen, Institutionen, Instrumente und Kapitalmarkttheorie, 2008, S. 39
  7. Horst Gräfer/Bettina Schiller/Sabrina Rösner, Finanzierung: Grundlagen, Institutionen, Instrumente und Kapitalmarkttheorie, 2008, S. 39
  8. Wolfgang Weber/Rüdiger Kabst/Matthias Baum, Einführung in die Betriebswirtschaftslehre, 2014, S. 258
  9. Funktionen von Märkten. Abgerufen am 12. März 2015.
  10. Horst Gischer/Bernhard Herz/Lukas Menkhoff, Geld, Kredit und Banken: Eine Einführung, 2012, S. 3
  11. Armin Günther, Complementor Relationship Management, 2014, S. 146 f.
  12. Paul Rugenstein-Verlag, Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgaben 1-4, 2009, S. 9
  13. Eugene Fama/Kenneth French, Business Conditions and Expected Returns on Stocks and Bonds, in: Journal of Financial Economics vol. 25, 1989, S. 23 ff.