Umweltflüchtling

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Als Umweltflüchtlinge werden Personen bezeichnet, die sich aufgrund von Umweltveränderungen oder Naturkatastrophen gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen. Für den Fall, dass die globale Erwärmung als Ursache der Umweltveränderung angesehen wird, spricht man auch von Klimaflüchtlingen.

Genaue Zahlen zum Umfang von Umweltflucht existieren nicht, weil sie bislang weder eindeutig definiert noch rechtlich geklärt ist oder statistisch einheitlich erfasst wird. Schätzungen von Migration aufgrund von Umweltproblemen oder damit verbundener Probleme gehen von einer Größenordnung zwischen grob 50 Millionen und 150 Millionen Menschen aus.

Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff „Umweltflüchtling“ geht auf den Wissenschaftler Essam El Hinnawi zurück, der ihn 1985 im Rahmen eines Berichts des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) einführte. Seitdem wurde er auf vielfältige Weise benutzt, konnte sich jedoch nur in Ansätzen durchsetzen. Besonders die zahlreichen verschiedenen wissenschaftlichen Definitionen von Umweltflucht lassen den Begriff unklar werden.[1] Sinkt beispielsweise durch Bodenerosion die Produktivität des Bodens, verringert sich damit die Ernte, was Einbußen bei den Ernteerträgen sowie bei dem verfügbaren Einkommen der Landbevölkerung nach sich zieht. Irgendwann verlassen die Menschen ein so degradiertes Gebiet, und es ist unklar, ob sie als Umwelt- oder als Wirtschaftsflüchtlinge eingestuft werden sollten, da prinzipiell beides in Frage kommt. Gleichsam schwierig wird die Klassifizierung der Flüchtlinge durch den später im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung eingeführten Begriff „Klimaflüchtling“.

Ursachen[Bearbeiten]

Als Ursache für das Entstehen von Umweltflüchtlingen werden zahlreiche verschiedene Umweltveränderungen genannt, darunter Desertifikation, Bodenerosion, Versalzung der Böden und Wassermangel. Aufgrund von Klimaveränderungen infolge der Globalen Erwärmung werden möglicherweise zukünftig zahlreiche Klimaflüchtlinge in gemäßigtere Klimazonen auswandern müssen.

Nach Frank Biermann lassen sich die Ursachen für Umweltflucht in vier Hauptgruppen einteilen:[2]

  • Deposition - durch Umweltverschmutzung wie übermäßigen Pestizideinsatz unwirtschaftlich oder sogar unbewohnbar gemachte Gebiete
  • Degradation - lokale Umweltzerstörung, welche die bisherige Lebensweise unmöglich macht, z.B. durch Wassermangel
  • Desaster - Naturkatastrophen, auch menschlich induzierte
  • Destabilisierung - durch Umweltzerstörung gestresste und schließlich auseinanderfallende soziale Netze, eine bis hin zu Kriegen führende Entwicklung

Der Klimawandel kann laut den Vereinten Nationen durch vier Ursachen zu Migrationsbewegungen führen. Dazu gehören der Verlust von Staatsgebiet durch den steigenden Meeresspiegel, die Folgen dieses Anstiegs in Form von Küstenerosion oder Versalzung küstennaher Gebiete, sich ausweitende Wüsten, und schließlich durch den Klimawandel bedingter Mangel an Ressourcen wie Wasser oder Boden.[3]

Die Weltkarte zeigt Gebiete in denen auf Grund des Klimawandels lokale Umweltveränderung zu Klimaflucht führen könnten.
Rosa: Hurrikans/Tropische Wirbelstürme - Gelb: Desertifikation/Dürre - Blau: Veränderungen durch Meeresspiegelanstieg (Inseln, Deltas)

Umfang[Bearbeiten]

Aufgrund lückenhafter Statistiken, einer fehlenden rechtlichen Definition und damit einhergehend erfassungsmäßigen Schwierigkeiten gibt es keine exakten Zahlen zum Ausmaß von Umweltflucht. Laut einer Studie des Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) waren im Jahr 2008 weltweit 36 Millionen Menschen infolge von Naturkatastrophen auf der Flucht, 17 Millionen im Jahr 2009 und über 42 Millionen 2010.[4] Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt die Zahl der Klimaflüchtlinge für das Jahr 2050 auf ca. 200 Millionen Menschen.[5]

Frédérik Kok vom norwegischen Büro des IDMC zufolge könne man annehmen, „dass die Zahl der Vertriebenen aufgrund großer Entwicklungsprojekte und Naturkatastrophen fünf- bis sechsmal höher liegt als die der Opfer von politischen Konflikten.“[6] Kok nennt auch Zahlen, die vom Zentrum für Katastrophenforschung (CRED) herausgegeben wurden, nach denen im Zusammenhang mit Umweltproblemen und -katastrophen im Jahr 2006 etwa 145 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen wurden.

Einige Schätzungen wurden auch kritisiert. So war die Universität der Vereinten Nationen (UNU) noch 2005 davon ausgegangen, dass die Zahl der Umweltflüchtlinge bis zum Jahr 2010 auf bis zu 50 Millionen gestiegen sein würde.[7] Die damals vorhergesagten hohen umweltbedingten Fluchtraten haben sich jedoch nicht erfüllt, einige der dabei avisierten Regionen zeigen nach wie vor ein Bevölkerungswachstum.[8]

Recht[Bearbeiten]

In der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951, dem bis heute hauptsächlichen internationalen Vertrag über den Status von Flüchtlingen, werden Umweltflüchtlinge nicht erwähnt. Ihnen fehlt deshalb der Schutz, welcher beispielsweise politischen oder Kriegsflüchtlingen zusteht (der aber u.a. Binnen- sowie Wirtschaftsflüchtlingen fehlt). Bislang besteht lediglich in Schweden, Finnland und den USA die Möglichkeit, aufgrund von Naturkatastrophen ein temporäres Asylrecht zu erlangen.[9] Das Büro des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) orientiert sich hingegen bei seiner Definition von Flüchtlingen an der Beschreibung in der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951, die Vertreibung durch Umweltdegradation nicht kennt.[10] Erst in jüngeren Veröffentlichungen widmet sich der UNHCR dem Phänomen und erkennt Naturkatastrophen als Grund für Flüchtlingsbewegungen an.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Biermann, Frank (2001): Umweltflüchtlinge. Ursachen und Lösungsansätze. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn [1]
  • Conisbee, Molly, and Andres Simms (2003): Environmental Refugees – The Case for Recognition. New Economics Foundation Pocket Book, London (PDF)
  • Fabrice Renaud, Janos J. Bogardi, Olivia Dun und Koko Warner (2007): Control, Adapt or Flee. How to Face Environmental Migration? UNU EHS, InterSecTions 5/07 (PDF)
  • Reuveny, Rafael, 2005: Environmental Change, Migration and Conflict: Theoretical Analysis and Empirical Explorations. Paper presented at the International Workshop “Human Security and Climate Change” in Asker, Norway, 21-23 June (PDF)
  • Bogumil Terminski, Environmentally-Induced Displacement. Theoretical Frameworks and Current Challenges, Université de Liège, 2012. (PDF; 916 kB)
  • Cord Jakobeit und Chris Methmann (2007): Klimaflüchtlinge, Universität Hamburg, Studie im Auftrag von Greenpeace Deutschland (PDF; 1,4 MB)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Black, Richard (2001): Environmental refugees: myth or reality? New Issues in Refugee Research, No. 34, Geneva/Sussex (PDF)
  2. Biermann, Frank (2001): Umweltflüchtlinge. Ursachen und Lösungsansätze, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 12/2001, Seite 24-29 (PDF; 64 kB)
  3. Migration durch Klimawandel? Tanja El-Cherkeh, HWWI Update 09 2009
  4. Internal Displacement Monitoring Centre (2011): Displacement due to natural hazard-induced disasters: Global estimates for 2009 and 2010
  5. Studie warnt vor Millionen Flüchtlingen, in: Focus, 27. Juli 2009
  6. Rekacewicz, Philippe (2008): Wer nicht bleiben kann, muss fliehen, in: Le Monde diplomatique, Berlin, März 2008, S. 1, 12-13, siehe online.
  7. United Nations University Institute for Environment and Human Security (2005): As Ranks of "Environmental Refugees" Swell Worldwide, Calls Grow for Better Definition, Recognition, Support. Presseerklärung, 12. Oktober, siehe online
  8. Axel Bojanowski: Warnung von 2005 Prognose zu Klimaflüchtlingen bringt Uno in Bedrängnis, Der Spiegel, 17. April 2011
  9. United States Committee for Refugees and Immigrants (2003): World Refugee Survey 2003, siehe online
  10. Terminski, Bogumil, Towards Recognition and Protection of Forced Environmental Migrants in the Public International Law: Refugee or IDPs Umbrella (December 1, 2011). Policy Studies Organization (PSO) Summit, December 2011.
  11. UNHCR (2006): The State of the World’s Refugees – Displacement in the New Millennium, siehe online