Georges Dumézil

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Georges Dumézil (* 4. März 1898 in Paris; † 11. Oktober 1986 ebenda) war ein französischer Religionswissenschaftler und Soziologe, der für seine Analyse indoeuropäischer Religion und Gesellschaft berühmt wurde. Er wird heute als einer der bedeutendsten Beitragenden zur Mythographie, besonders für seine Formulierung der trifunktionalen Hypothese sozialer Klassen in indoeuropäischen Gesellschaften angesehen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Georges Dumézil war von 1931 bis 1933 Lektor für Französisch an der Universität Uppsala, wo er bleibende Kontakte zu schwedischen Religionshistorikern knüpfte.[1] Er wurde unter anderem von James Frazer und dem deutschen Indogermanisten Hermann Güntert beeinflusst, später auch von dem Saussure-Schüler Antoine Meillet. Er publizierte auch in der Festschrift für Hermann Hirt, Germanen und Indogermanen (1936). Zu seinen Schülern gehörte Roger Caillois.

Hier entsteht eine Übersetzung von Textteilen aus dem französischsprachigen Artikel

Georges Dumézil war Enkel eines Küfers aus Bayon-sur-Gironde. Sein Vater Jean Anatole Dumézil (1847–1929) konnte ein Gymnasium besuchen, wo er sich für Latein und moderne Sprachen begeisterte. Später schlug er eine militärische Laufbahn ein, die ihn bis zum Rang eines Generals führte. Der Vater vermittelte seinem Sohn das Interesse an Latein, worauf dieser mit neun Jahren das Epos Aeneis von Vergil im Original lesen konnte. Gleichzeitig erlernte er als Kind bereits Altgriechisch und Deutsch.

Den militärischen Versetzungen seines Vaters unterliegend, wechselte Dumézil mehrmals das Gymnasium. So waren Bourges, Briançon, Paris, Neufchâteau, Troyes, danach erneut Paris, sowie Tarbes und schließlich Vincennes die Stationen seiner Schullaufbahn. Anschließend besuchte er den Vorkurs der Classes préparatoires littéraires (genannt khâgne) am Lycée Louis-le-Grand in Paris. In dieser Zeit begegnete er Michel Bréal, der ihm den Kontakt mit Antoine Meillet vermittelte und ihm sein Sanskrit-Wörterbuch anvertraute, worauf sich Dumézil mit Sanskrit und Arabisch beschäftigte. 1916 wurde er als bester Bewerber zum Studium an der École normale supérieure de Paris zugelassen.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Dumézil als Offizier der Artillerie mobilisiert, in der er vom März 1917 bis Februar 1919 verblieb. Danach beteiligte er sich am akademischen Selektionsexamen Agrégation de lettres (6. Ausgabe), später nahm er kurzzeitig ein Lehramt in Beauvais an. Im Januar 1921 folgte ein Lehrauftrag an der Universität Warschau. 1922 war er wieder zurück in Frankreich und begann seine Dissertationen in Religionswissenschaft und vergleichender Mythologie. Sein Doktorvater war Antoine Meillet. Dumézil verteidigte seine Arbeiten im April 1924. Die erste Arbeit trug den Titel Le Festin d'immortalité. Étude de mythologie comparée indo-européenne, darin behandelte er Ähnlichkeiten zwischen dem den griechisch-römischen Göttern zugeschriebenen Ambrosia und einem vergleichbaren Trank in der indischen Mythologie namens Amrita. Jedoch beschränkte er sich nicht auf einen ausschließlich komparativen Ansatz, sondern nahm Elemente aus einem weiteren Feld der indischen Mythologie auf. Dies brachte ihm den Vorwurf ein, sich Freiheiten im Umgang mit Tatsachen herausgenommen und seine Geschichte ausgeschmückt zu haben, ein Vorwurf, der sich zuweilen bis heute gegen ihn hält. So gestand Dumézil selbst ein, in seiner Dissertation, mangels einer Entsprechung in der nordischen Mythologie, das Bier zum Unsterblichkeitstrank umgedeutet zu haben. Seine zweite Doktorarbeit betitelte er mit Le Crime des Lemniennes. Rites et Légendes du monde égéen.

1925 nahm Dumézil einen Ruf an die Universität Istanbul an, wo auf Wunsch von deren Gründer Mustafa Kemal Atatürk ein Lehrstuhl für Religionswissenschaft entstanden war. Dort befasste er sich mit Türkisch und reiste auch ins russisch-kaukasische Grenzgebiet und darüber hinaus. Studien zur Mythologie und Sprache der Osseten, ebenso wie über die heute ausgestorbene ubychische Sprache, deren Sprecher von 1860 bis 1870 vor der russischen Armee in die Westtürkei geflohen waren, folgten. Auch die adygeische und abchasische Sprache waren Gegenstand seiner Studien. Seine umfangreichen Forschungen über die Sprachen des Kaukasus gingen in den Bestand der Bibliothèque interuniversitaire des langues orientales in Paris ein.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dumézil sah Mythen, die er nicht historisch, sondern strukturalistisch behandelte, als soziale Muster an. Er entwickelte dafür eine Methode der komparativen Mythologie, nach der zwei Götter identisch waren, wenn sie in ihrem jeweiligen Pantheon analoge Funktionen wahrnahmen. Er unternahm es, in vergleichender Methode bislang unerkannte, aber schlagende Strukturparallelen indischer, persischer, ossetischer, griechischer, römischer und germanischer Götter- und Heldensagen aufzudecken. Dumézil erkannte darin eine Analogie zwischen indogermanischer Sprachentwicklung und indogermanischer Religionsentwicklung.

Seine strukturelle Theorie baut auf der These auf, dass der Götterhimmel ein Abbild der Gesellschaft ist. Viele indogermanische Kulturen bestanden aus den drei freien Ständen Lehrstand, Wehrstand und Nährstand. Darauf folgerte Dumézil folgendes Schema:

Hell-Juridisch: ind. Mitra, röm. Dius Fidus, germ. Tyr, keltisch Teutates; Funktion: Richter, Gesetzgeber, hält sich im Hintergrund

Dunkel-Magisch: ind. Varuna, röm. Jupiter, germ. Odin; Funktion: Herrscher, wird oft als ungerecht empfunden

Stärke: ind. Indra, röm. Mars, germ. Thor, keltisch Taranis; Funktion: Held mit einer primitiven Waffe (Keule, Hammer), tötet die Wasserschlange

Fruchtbarkeit: ind. Nasatya, röm. Quirinus. germ. Njörd & Freyr; Funktion: Wohltäter des Volkes

Das System erwies sich als geeignetes Muster und brachte der vergleichenden Religionswissenschaft einen Schub in der Entwicklung. Die Namen (und deren Etymologie) traten in den Hintergrund zugunsten von Sagen, Mythen und struktureller Eigenschaften, die bestimmte Gottheiten miteinander verbinden. So wurde ein heldenhafter Donnergott fassbarer als bisher. Der germanische Thor und der indische Indra trinken und essen überreichlich, sind jähzornig und bekämpfen, wie auch der baltische Perkunas (slawisch: Perun) ein drachenartiges Wesen.

Daneben postulierte er eine Urideologie, die in der Urreligion eine Projektion zeitgenössischer gesellschaftlicher Verhältnisse sah. Dabei ging er von einer dreiteiligen Ständegesellschaft aus („idéologie tripartite“): Priesterstand, Kriegerstand und Bauernstand. Dies spiegle sich im „Ur-Pantheon“, den Mythen und Heldengedichten wider. So fänden sich dann überall Gottheiten, die Recht und Ordnung, andere die die unberechenbare Gewalt und wieder andere die die Fruchtbarkeit verträten.[2]

Er interessierte sich auch für arische Männerbünde und beschreibt unter anderem 1940 vedische Männerbünde. Sein Werk Ouranós-Varuna ist dem Problem des sakralen Königtums gewidmet, bei dem die Könige rituell verstümmelt und getötet werden.

Die Begrenztheit seines Dreiklassenmodells „Priester, Krieger, Bauer“ zeigt sich in der frühen skandinavischen Gesellschaft, die einen Priesterstand nicht kannte. In der Rígsþula der Edda wird dagegen ein Dreiklassenmodell „Adel, Freier Bauer, Sklave“ vorgestellt. Der Königsspiegel beschreibt vier Klassen: Kaufleute, Aristokratie mit dem König an der Spitze, Geistlichkeit und Bauern.[3]

In den letzten Jahren seines Lebens wurde Dumézil jedoch sehr selbstkritisch. Obwohl er als einer der größten Verfechter der indogermanischen Sprachenforschung galt, begann er vor allem diese in Frage zu stellen: Die “Indo-europäischen Zivilisationen” sind als Produkte von Romanautoren einzustufen.[4]

Außer seinen mythographischen und sprachgeschichtlichen Schriften veröffentlichte Georges Dumézil einen Roman: Le Moyne noir en gris dedans Varenne. Sotie nostradamique.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ein beinahe vollständiges Schriftenverzeichnis findet sich in: Hommages à Georges Dumézil. Bruxelles, 1960 (Collection Latomus, 45) S. xi-xxii.
  • 1924: Le Festin d'immortalité. (Dissertation)
  • 1929: Le Problème des Centaures.
  • 1934: Ouranós-Varuna
  • 1935: Flamen-Brahman
  • 1939: Mythes et dieux des Germains. Essai d'interprétation comparative. Reihe: Mythes et religions, 1. PUF, Paris
  • 1940: Mithra-Varuna, Essai sur deux représentations indo-européennes de la Souveraineté. PUF, Paris 1940
  • Übers. Inge Köck: Loki. (Loki) WBG, Darmstadt 1959
  • Aspekte der Kriegerfunktion bei den Indogermanen. (Aspects de la fonction guerrière chez les Indo-Européens) Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG, Darmstadt 1964
  • Mythos und Epos. Die Ideologie der drei Funktionen in den Epen der indoeuropäischen Völker. (Mythe et épopée)
  1. Die erleichterte Erde. (La terre soulagée) Campus Verlag, 1989; Maison des Sciences de l'Homme, Paris 1989 (über das Mahabharata) (Mehr in dieser Reihe nicht auf Dt. ersch.)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hommages à Georges Dumézil. Bruxelles 1960 (Collection Latomus, 45) Festschrift
  • Ulf Drobin: Indoeuropeerna i myt och foskning. In: Gro Steinsland, Ulf Drobin, Juha Pentikäinen, Preben Meulengracht Sørensen (Hrsg.): Nordisk Hedendom. Et Symposium. Syddansk Universitetsforlag, Odense 1991, S. 65–85
  • Didier Eribon: Faut-il brûler Dumézil? Mythologie, science et politique. Flammarion, Paris 1992 ISBN 978-2-080-66709-0
  • Stephan Moebius: Die Zauberlehrlinge. Soziologiegeschichte des Collège de Sociologie 1937–1939. UVK, Konstanz 2006 ISBN 3-89669-532-0
  • Edgar C. Polomé: About Dumézil: Apropos of a special number of the Zeitschrift für Religionswissenschaft. In: Journal of Indo-European Studies 27, 1999, S. 248–256
  • Bernfried Schlerath: Georges Dumézil und die Rekonstruktion der indogermanischen Kultur. Kratylos 40/41 1996, S. 1–48, 1–67
  • Rüdiger SchmittDumézilsche Dreifunktionentheorie. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 6, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1986, ISBN 3-11-010468-7, S. 276–280.
  • Zeitschrift für Religionswissenschaft, 98, 2 1998, Themenheft: „Georges Dumézil“, enthält
  1. Guy G. Stroumsa: Georges Dumézil. Ancient German Myths, and Modern Demons. S. 125–136
  2. Max Deeg: Dumézil 'in practice': der 'Fall' Varuna und Odin. S. 137–162
  3. Nick Allen: Varnas, colours, and functions. Expanding Dumézil's schema. S. 163–177
  4. David H. Sick: Dumézil, Lincoln, and the Genetic Model. S. 179–195
  5. Carlos Marroquin: Bemerkungen zu einem Thema der Mythosforschung bei Georges Dumézil und Roger Callois. S. 197–206
  6. Cristiano Grottanelli: Dumézil's Aryens in 1941. S. 207–219
  7. Bruce Lincoln: Dumézil, Ideology, and the Indo-Europeans. S. 221–227

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Notizen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Drobin S. 65.
  2. Drobin S. 67.
  3. Sverre Bagge: „Old Norse Theories of Society. From Rígþula to Konungs skuggsiá.“ In: Jens eike Schnall, Rudolf Simek (Hrsg.): Speculum Regale. Der Altnorwegische Königsspiegel (Konungs skuggsjá) in der europäischen Tradition. Wien. 2000. Studia Septentrionalia 5. S. 7–45, 9 f.
  4. Didier Eribon: Entretien avec G. Dumezil, Gallimard, Paris 1987, S. 220