Hergershausen (Babenhausen)

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Hergershausen
Koordinaten: 49° 56′ 25″ N, 8° 54′ 40″ O
Höhe: 130 m ü. NHN
Fläche: 9,61 km²[1]
Einwohner: 2257 (30. Jun. 2018)[2]
Bevölkerungsdichte: 235 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Juli 1972
Postleitzahl: 64832
Vorwahl: 06073
Karte
Lage der Babenhäuser Ortsteile
Fachwerkhaus in der Schmalen Straße
Die heutige evangelische Kirche
Fachwerkstraße Breite Straße im Ort

Hergershausen ist der größte der fünf Stadtteile von Babenhausen im südhessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg.

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ort liegt in der Region Starkenburg an den ersten Ausläufern des nördlichen Odenwaldes, 7 km nordöstlich von Dieburg, an der Gersprenz, auf einer Höhe von 130 m ü. NHN. Die Struktur des Haufendorfs mit meist giebelständigen Fachwerkhäusern des 17. und 18. Jahrhunderts ist gut erhalten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Territorialgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf gelangte vermutlich durch die Heirat von Adelheid von Münzenberg, Tochter Ulrichs I. von Münzenberg, mit Reinhard I. von Hanau, die vor 1245 stattfand (das genaue Jahr ist nicht überliefert), in Hanauer Besitz. Es gehörte zum Amt Babenhausen der Herrschaft und späteren Grafschaft Hanau, dann ab 1456 zur Grafschaft Hanau-Lichtenberg. Außerdem gehörte es der Babenhäuser Mark an.

Die älteste Erwähnung des Dorfes stammt aus dem Jahr 1340, als Culmann und Hille Hartrad von Oswald, Johann und Hermann Groschlag eine Pfenniggülte von einem Pfund Heller zu Hergershausen erhalten. Schon damals war der Ort also von Hanau an die von Groschlag zu Dieburg als Lehen vergeben. 1438 verpfändeten die von Groschlag dieses Lehen an die Grafen von Katzenelnbogen. Erben der Grafen von Katzenelnbogen war die Landgrafschaft Hessen. 1546 verzichtete Landgraf Philipp I. von Hessen für 2500 Gulden auf diese Pfandrechte in Hergershausen und Sickenhofen, so dass die von Groschlag wieder Inhaber des Lehens waren. Dabei sind drei Groschlager von großem Einfluss auf den Ort: Balthasar von Groschlag zu Dieburg (1479–1535), Philipp Karl Anton von Groschlag (1629–1757) und der letzte der Groschlags Friedrich Carl Willibald von Groschlag zu Dieburg (1729–1799).[3]

Nach dem Tod des letzten Hanauer Grafen, Johann Reinhard III., 1736, erbte Landgraf Friedrich I. von Hessen-Kassel aufgrund eines Erbvertrages aus dem Jahr 1643 die Grafschaft Hanau-Münzenberg. Aufgrund der Intestaterbfolge fiel die Grafschaft Hanau-Lichtenberg an den Sohn der einzigen Tochter von Johann Reinhard III., Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt. Umstritten zwischen den beiden Erben war die Zugehörigkeit des Amtes Babenhausen und seiner Dörfer zu Hanau-Münzenberg oder zu Hanau-Lichtenberg. Die Auseinandersetzung konnte erst nach einem langjährigen Rechtsstreit vor den höchsten Reichsgerichten 1771 mit einem Vergleich beendet werden, dem so genannten Partifikationsrezess. Darin wurden die lehensherrlichen Rechte über Hergershausen Hessen-Kassel zugesprochen. Im Jahr 1807 kam das Amt Babenhausen infolge der Napoleonische Kriege unter französische Verwaltung. Durch einen Staatsvertrag mit Frankreich 1810 aber an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1829 über Hergershausen:

»Hergershausen (L. Bez. Seligenstadt) luth. Filialdorf; liegt 234 St. von Seligenstadt und 4 12 St. von Steinheim, und hat 114 Häuser und 645 Einw., worunter sich 510 Luth. 13 Kath. und 122 Juden befinden. – Der Name ist wahrscheinlich aus Hergo entstanden. – Der Ort gehörte den Herrn von Münzenberg, und kam wahrscheinlich zwischen 1258 – 1278 an Hanau, und wurde rücksichtlich der Territorialcentbarkeit ein Zugehör der Burg Babenhausen. Die von Groschlage und die Grafen von Hanau hatten hier ein Landsiedelgericht in getheilter Gemeinschaft, so wie Erstere bis 1802 den Ort mit Vogteilichkeit als ein hanausches Lehen besaßen. Zu dieser Zeit wurde Hergershausen mit Sickenhofen zwischen beiden Hess. Häusern gemeinschaftlich, bis Frankreich 1807 den Hessen–Casselschen Antheil wegnahm, und ihn zu dem 1810 neuerrichteten Großherzogthum Frankfurt schlug. Von hier wurde dieser Theil noch im demselben Jahre an Hessen–Darmstadt abgetreten. Der Ort war erst ein Fillal von Dieburg später von Münster, und wurde nach der Reformation nach Sickenhofen eingepfarrt.«[4]

Am 1. Juli 1972 kam die bis dahin selbständige Gemeinde Hergershausen im Zuge der Gebietsreform in Hessen auf freiwilliger bais zur Stadt Babenhausen.[5][6] Für Hergershausen wurde wie für die Kernstadt Babenhausen und die übrigen Stadtteile ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher eingerichtet.[7]

Die folgende Liste zeigt im Überblick die Territorien, in denen Hergershausen lag, bzw. die Verwaltungseinheiten, denen es unterstand:[1][8][9]

Historische Namensformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Laufe der Jahrhunderte wird der Ort in historischen Dokumenten mit wechselnden Ortsnamen genannt (in Klammern das Jahr der Erwähnung):[1] Hergershusin (1340); Hergirshusen (1355); Hergetshausen (1369); Hergershusen (1371); Hergirshusen (1388); Hirginshusen (1405); Herngeßhusen (1435); Hirgerßhußen (1467); Hergerßhausen (1545).

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hergershausen: Einwohnerzahlen von 1829 bis 2018
Jahr  Einwohner
1829
  
645
1834
  
630
1840
  
653
1846
  
691
1852
  
698
1858
  
650
1864
  
648
1871
  
622
1875
  
629
1885
  
650
1895
  
626
1905
  
678
1910
  
725
1925
  
735
1939
  
712
1946
  
1.029
1950
  
1.127
1956
  
1.074
1961
  
1.119
1967
  
1.413
1970
  
1.566
1980
  
?
1990
  
?
2000
  
?
2011
  
1.968
2014
  
2.065
2018
  
2.257
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: [1]; Website Babenhausen:2014–2018[2]; Zensus 2011[10]

Religionszugehörigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

• 1829: 510 lutheranische (= 79,07 %), 122 jüdische (= 18,91 %) und 13 katholische (= 2,02 %) Einwohner[4]
• 1961: 827 evangelische (= 73,91 %), 279 katholische (= 24,93 %) Einwohner[1]

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Hergershausen bestand eine Filialkirche der Kirche von Dieburg. Das Kirchenpatronat lag beim Mariengredenstift in Mainz. Kirchliche Mittelbehörde war das Archidiakonat St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, Landkapitel Montat. Mit der Reformation wurde das Dorf lutherisch. Ab 1711 wurde die evangelische Kirche erbaut und 1712 eingeweiht.

Vom Mittelalter bis 1938 gab es im Ort eine jüdische Gemeinde mit eigener Synagoge.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Naturschutzgebiet Hergershäuser Wiesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im NSG Auf dem Sand entlang der Gersprenz

Durch die Renaturierung der Gersprenz seit 1980 wurde wieder eine hohe Artenvielfalt in das seit 1984 existierende Naturschutzgebiet (NSG) Hergershäuser Wiesen gebracht.

Das NSG bietet etwa 160 zum Teil hoch spezialisierten Pflanzenarten, rund 30 Libellenarten und 40 Schmetterlingsarten einen abwechslungsreichen Lebensraum. Hier rasten Kranich-, Gänse- und Kiebitzschwärme mit bis zu 1000 Tieren. Seltene Vögel wie Seidenreiher aus dem Süden, Brachvögel oder Odinshühnchen aus dem Norden nutzen die Feuchtwiesen als Rastplatz. Aus den umliegenden Wäldern sind Schwarz- und Rotmilan, sowie der Baumfalke anzutreffen. Für seltene Tiere wie Bekassine, Zwergtaucher, Grauammer und Schwarzkehlchen sind die Wiesen Brutgebiet. Seit 2000 brütet nach 30 Jahren Abstinenz wieder der Weißstorch. Besonders im Frühjahr sind Europäischer Laubfrosch und Kreuzkröte nicht zu überhören. Als seltene Falter können Schwalbenschwanz und verschiedene Ameisenbläulinge beobachtet werden. In den Wiesen wachsen wieder Schlangenknöterich, Primeln und der Knoblauch-Gamander. Und seit einigen Jahren ist im Bereich des NSG der Biber wieder in die Gersprenzaue eingewandert. Die Gegend selbst kann durch gut ausgebaute Wander- und Radwege sowie angelegte Aussichtsstufen erkundet werden.

Ortsbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Wettbewerb Unser Dorf hat Zukunft konnte der Ort 2005 eine Medaille erringen. Über 20 Bauernhäuser im ehemaligen Dorf stehen als Kulturdenkmäler nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz unter Denkmalschutz.

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hergershausen hat einen Haltepunkt an der Rhein-Main-Bahn in deren Abschnitt zwischen Darmstadt Hauptbahnhof und Aschaffenburg Hauptbahnhof. Früher ein Bahnhof, wurde er zum 1. Mai 1899 nachträglich an der Strecke eingerichtet[12] und 1900 nachträglich mit zwei Weichen- und Signalstellwerken ausgestattet.[13]

Die Bundesstraße 26 verläuft etwa 500 m vom Ort entfernt und ist über eine Kreisstraße angebunden.

Der Zweckverband Gruppenwasserwerk Dieburg hat seinen Sitz im Wasserwerk Hergershausen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Barbara Demandt: Die mittelalterliche Kirchenorganisation in Hessen südlich des Mains = Schriften des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde 29 (1966), S. 119.
  • Max Herchenröder: Die Kunstdenkmäler des Landkreises Dieburg. 1940, S. 158.
  • Wilhelm Müller: Hessisches Ortsnamenbuch. Band 1: Starkenburg. 1937, S. 315ff.
  • Hans Georg Ruppel (Bearb.): Historisches Ortsverzeichnis für das Gebiet des ehem. Großherzogtums und Volksstaats Hessen mit Nachweis der Kreis- und Gerichtszugehörigkeit von 1820 bis zu den Veränderungen im Zuge der kommunalen Gebietsreform = Darmstädter Archivschriften 2. 1976, S. 113.
  • Dagmar Söder: Kulturdenkmäler in Hessen. Kreis Offenbach = Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. 1987, S. 777ff.
  • Literatur über Hergershausen in der Hessischen Bibliographie
  • Suche nach Hergershausen im Archivportal-D der Deutschen Digitalen Bibliothek

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hergershausen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Hergershausen, Landkreis Darmstadt-Dieburg. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 16. Oktober 2018). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  2. a b Zahlen und Fakten. In: Webauftritt. Stadt Babenhausen, archiviert vom Original; abgerufen im Februar 2019.
  3. Für mehr Informationen siehe: Inge und Harald Heckwolf (Verf. und Hrg.): Hergershausen (Memento vom 21. Mai 2014 im Internet Archive) (PDF; 83 kB), Dieburg 2005, Akzidenz Druck Dieburg, S. 14–25
  4. a b Georg W. Wagner: Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen: Provinz Starkenburg, Band 1 Oktober 1829, S. 107 (Online bei Google Books)
  5. Der Hessische Minister des Inneren: Gemeindegebietsreform in Hessen: Zusammenschlüsse und Eingliederungen von Gemeinden vom 21. Juni 1972. In: Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1972 Nr. 28, S. 1197, Punkt 851; 2. Abs. 3. (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 4,4 MB]).
  6. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27.5.1970 bis 31.12.1982. W. Kohlhammer, Stuttgart/Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 355.
  7. Hauptsatzung. (PDF; 912 kB) §; 7. In: Webauftritt. Stadt Babenhausen, abgerufen im Februar 2019.
  8. Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. Land Hessen. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006).
  9. Grossherzogliche Centralstelle für die Landesstatistik (Hrsg.): Beiträge zur Statistik des Grossherzogthums Hessen. Band 1. Darmstadt 1866, S. 43 ff. (online bei Google Books).
  10. Ausgewählte Daten über Bevölkerung und Haushalte am 9. Mai 2011 in den hessischen Gemeinden und Gemeindeteilen. In: Zensus 2011. Hessisches Statistisches Landesamt;
  11. Darmstädter Echo, Dienstag, 20. Oktober 2015, S. 21
  12. Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter vom 29. April 1899. 3. Jahrgang, Nr. 19. Bekanntmachung Nr. 204, S. 148.
  13. Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter vom 1. September 1900. 4. Jahrgang, Nr. 40. Bekanntmachung Nr. 377, S. 365.