Hugo Portisch

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Hugo Portisch (2009)

Hugo Portisch (* 19. Februar 1927 in Pressburg / Bratislava, damals Tschechoslowakei) ist ein österreichischer Journalist. Durch seine Art, komplizierte politische und wirtschaftliche Zusammenhänge auch für den Laien verständlich zu erklären, wurde er zu einem der bedeutendsten Journalisten in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg.

Leben[Bearbeiten]

Hugo Portisch verbrachte seine Schulzeit als Sohn der seit 1920 verheirateten Österreicher Emil und Hedi Portisch in Pressburg, das kulturell in den letzten Jahrzehnten Österreich-Ungarns wie eine kleinere, ebenfalls an der Donau gelegene Schwesterstadt Wiens wirkte, von dem es nur 60 km entfernt ist; in der Stadt wurde damals Deutsch, Ungarisch und Slowakisch gesprochen.

Sein Vater Emil (1887–1985) aus St. Pölten, Niederösterreich, wurde 1920 Redakteur und 1924 (letzter) Chefredakteur der erstmals 1764 erschienenen Pressburger Zeitung, eines liberalen, demokratisch orientierten Blattes. Es wurde bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei, die am 15. März 1939 erfolgte, unter dem slowakischen Regime von Jozef Tiso, da es den Nationalsozialismus nicht befürwortete, mit der sofortigen Enteignung der jüdischen Besitzer eingestellt. (Unter nationalsozialistischem Gestaltungswillen erschien es dann doch noch ein paar Wochen.)[1]

Während des Krieges konnte der Vater, obwohl die deutsche Volksgruppenführung[2] dagegen war, in der neu gegründeten slowakischen Nachrichtenagentur tätig sein, die die internationalen Nachrichtenverbindungen pflegte. Hugo Portischs Eltern verließen letztlich Pressburg Anfang 1945 und kehrten nach St. Pölten zurück, während der Sohn in Pressburg noch immer das deutsche, seit Sommer 1939 ohne jüdische Schüler geführte Gymnasium besuchte. Um nicht zur Wehrerziehung bzw. zur Waffen-SS einberufen zu werden, engagierte sich Hugo Portisch 1944 bei der Freiwilligen Feuerwehr, die angesichts der ständigen Bombenabwürfe im letzten Kriegsjahr und der daraus entstandenen Brände Freiwillige sehr gut brauchen konnte.

Hugo Portisch erhielt sein Reifezeugnis nach eigenen Angaben nach einem noch nicht beendeten Abiturlehrgang ohne formale Prüfung am 4. April 1945, nur wenige Stunden bevor die Rote Armee in die Stadt einmarschierte.[3] Portisch fuhr daraufhin, da sein Marschbefehl diese Fahrtrichtung nicht ausschloss, nach St. Pölten, wo ein Onkel den bis zu ihrem Tod von seinen Großeltern bewohnten Bauernhof im Stadtteil Oberwagram führte und wo auch seine Eltern aufgenommen worden waren. Der Marschbefehl bewog ihn, noch nach Prag zu fahren, dann machte der Kriegsverlauf kurz vor der Kapitulation des Dritten Reichs die Weiterfahrt obsolet.

Die Absicht, nach Pressburg zurückzukehren, erwies sich für Hugo Portisch und seine Eltern als nicht realisierbar; obwohl Vater Portisch Demokrat gewesen war, hatten die neuen Machthaber keine Verwendung mehr für ihn und andere Deutsche. Hugo studierte dann an der Universität Wien Geschichte, Germanistik, Anglistik und Publizistik und schloss 1951 das Studium mit der Dissertation Das Zeitungswesen und die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor und während des Bürgerkrieges 1861–1865[4] als Dr. phil. ab. In seinen Memoiren erwähnte er 2015 Marianne Lunzer und Kurt Paupié, die am Institut unterrichteten.

Verheiratet ist er mit Gertraude Portisch, Autorin von Kinderbüchern, die sie unter ihrem Geburtsnamen Traudi Reich veröffentlicht. Das Ehepaar lebt in Wien und der Toskana. Der gemeinsame Sohn Edgar lebte und arbeitete auf Madagaskar, wo er 2012 an den Folgen einer Tropenkrankheit starb. [5]

Hugo Portischs älterer Bruder (Emil Portisch jun., geb. 1921) arbeitete ebenfalls als Journalist.

Journalistischer Werdegang[Bearbeiten]

Er begann 1947 als Redaktionseleve der Wiener Redaktion des St. Pöltner Pressvereins. 1948 war er als Redaktionsaspirant bei der Wiener Tageszeitung tätig, deren außenpolitisches Ressort er 1950 übertragen bekam. 1950 war er einer von zehn ausgewählten österreichischen Journalisten, die auf Kosten der USA einen sechsmonatigen Journalistenkurs in den Vereinigten Staaten absolvieren durften, und arbeitete dabei als Praktikant unter anderem bei der New York Times und der Washington Post, bis heute renommierten Blättern.

1953 wurde Portisch stellvertretender Leiter des beim Generalkonsulat angesiedelten österreichischen Informationsdiensts in New York. Er hatte Bundeskanzler Julius Raab bei seinem USA-Besuch zu begleiten, der ersten Überseereise Raabs, der nicht englisch sprach.

1954 lud ihn Hans Dichand ein, am Neuen Kurier mitzuarbeiten, der in der Nachfolge des US-Besatzungsblattes Wiener Kurier erscheinen sollte. 1958 machte ihn Eigentümer Ludwig Polsterer zum Chefredakteur als Nachfolger Dichands. Während seiner Zeit beim Kurier war er auch beim Bayerischen Fernsehen tätig.

Nach dem Rundfunkvolksbegehren 1964, das er beim Kurier mit Rückendeckung Polsterers gemeinsam mit anderen Zeitungsherausgebern initiierte, holte ihn der neue ORF-Generaintendant Gerd Bacher 1967 zum Österreichischen Rundfunk, wo Portisch als Chefkommentator fungierte.

Neben diesen Tätigkeiten verfasste er Bücher über seine weltweiten Reisen wie So sah ich China (Kremayr & Scheriau, Wien 1965), So sah ich Sibirien (Kremayr & Scheriau, Wien 1967) und andere, die zum Teil Bestseller wurden.

Lange Jahre war er später Auslandskorrespondent des ORF in London.

Im Jahre 1991 schlug man ihn als Nachfolger des scheidenden Bundespräsidenten Kurt Waldheim vor, der auf Grund der Unklarheiten bzw. Missverständnisse über seine Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg zur Erleichterung der meisten Beobachter nicht noch einmal kandidieren wollte. Nach dem angeschlagenen Image im Ausland wollte man einen bekannten und kompetenten Mann in dieses Amt wählen. Die konkurrierenden Parteien SPÖ und ÖVP wären sogar bereit gewesen, Hugo Portisch gemeinsam bei der Kandidatur zu unterstützen.

Hugo Portisch zeigte sich ob des Vertrauensbeweises geehrt, lehnte jedoch mit Verweis auf die protokollarischen Einengungen, die mit dem Amt verbunden sind, dankend ab.

Nur einmal trat Portisch als Filmschauspieler auf: 1980 im österreichischen Fernsehfilm Maria Theresia; in der Besetzungsliste schien er als Erster Berichterstatter auf; zweiter und dritter Berichterstatter waren ebenfalls bekannte Persönlichkeiten: Walter Koschatzky, Direktor der Grafischen Sammlung Albertina, und Chemotherapiespezialist Karl Hermann Spitzy.[6]

Bekannte Dokumentationen[Bearbeiten]

Bekannt wurde Hugo Portisch durch seine Bücher und die daraus resultierenden Fernsehsendungen. Weltpolitisches wie Friede durch Angst (1969) und Die deutsche Konfrontation (1974) wurden große Erfolge. Überaus erfolgreich wurden die Bücher und Fernsehserien Österreich I (1989) und Österreich II (1991–1995), in denen er die Geschichte der Ersten und Zweiten Republik allgemein verständlich sehr anschaulich dargestellt hat. 2014 / 2015 wurden einige dieser Sendungen neu herausgebracht und von Portisch aktuell kommentiert.

Anlässlich des Jubiläumsjahres 2005 produzierte er die Dokumentarserie Die Zweite Republik – eine unglaubliche Geschichte für den ORF, in der Dokumente gezeigt und erklärt werden, die bei seinen vorherigen Dokumentationen noch unter Verschluss anderer Staaten, vor allem Russlands, waren.

Weiters ist Hugo Portisch auch ein anerkannter Spezialist für Pilze. Mit seiner Frau hat er ein Buch übers Pilzesuchen veröffentlicht und präsentierte den ORF-Film aus der Dokumentations-Reihe Universum Das geheimnisvolle Leben der Pilze.

Kritik[Bearbeiten]

Vor allem mit seinen Dokumentationen Österreich I und Österreich II hat Hugo Portisch das kollektive Geschichtsbewusstsein Österreichs geprägt. Von Zeitgeschichtlern werden jedoch unter anderem seine Darstellungen der Entnazifizierung und der Ausschaltung des Parlaments kritisiert. (Letztere wurde in der Dokumentation mit „die Demokraten konnten sich nicht einigen“ kommentiert.) Portisch erwiderte die Kritik mit der Feststellung, er sei Journalist und kein Historiker.

Sonstiges[Bearbeiten]

Durch seine guten Kontakte erfuhr Portisch am 14. April 1955 als stellvertretender Chefredakteur des Kuriers als erster in Österreich davon, dass die Verhandlungen über den österreichischen Staatsvertrag in Moskau erfolgreich abgeschlossen werden konnten (siehe: Moskauer Memorandum), und entschloss sich mit Chefredakteur Hans Dichand dazu, am gleichen Abend die Extraausgabe Österreich wird frei! herauszubringen. Da die Mittagszeitung damals nicht über Kolporteure verfügte, die am Abend bereitgestanden wären, verkauften die Journalisten die Zeitung in Wien selbst, Dichand und Portisch auf der Kärntner Straße. Sie mussten die Sondernummer aber teilweise verschenken, da ein Teil der Passanten nach jahrelangen ergebnislosen Staatsvertragsverhandlungen nur an eine Zeitungsente glaubte.[7]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Nach drei regulären Romy-Auszeichnungen als beliebtester Kommentator (1990, 1992, 1993) wurde ihm 2002 auch die Platin-Romy für sein Lebenswerk verliehen.

Publikationen[Bearbeiten]

Hugo Portisch liest aus Die Olive & wir (2009)
  • Augenzeuge der Weltpolitik
  • So sah ich die Sowjetunion, Afrika, Südamerika, Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 1964
  • Augenzeuge in Rotchina im Südwest Verl. (1965) oder „So sah ich China“ Verlag Kremayr & Scheriau (1965)
  • So sah ich Sibirien, Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 1967
  • Friede durch Angst. Augenzeuge in den Arsenalen des Atomkrieges, Molden Verlag, Wien 1970
  • L'arsenal atomique américain. Dans le secret des arsenaux de la guerre atomique, Librairie Arthème Fayard, Paris 1971
  • Die deutsche Konfrontation. Gegenwart und Zukunft der beiden deutschen Staaten, Molden Verlag, Wien 1974, ISBN 3-217-00534-1
  • (als Herausgeber) 25 Jahre Staatsvertrag. Protokolle des wissenschaftlichen Symposions, 16. und 17. Mai 1980, ÖBV, Wien 1980, ISBN 3-215-04519-2
  • Kap der letzten Hoffnung. Das Ringen um den Süden Afrikas, Molden Verlag, Wien 1981, ISBN 3-217-01237-2
  • Pilze suchen – ein Vergnügen. Die besten Speisepilze und ihre Doppelgänger, mit seiner Frau Traudi Reich, Orac Pietsch Verlag, Wien 1982, ISBN 3-85368-907-8
  • Österreich II. Die Wiedergeburt unseres Staates, 1. Teil, Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 1985, ISBN 3-218-00422-5
  • Österreich II. Der lange Weg zur Freiheit, 2. Teil, Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 1986, ISBN 3-218-00442-X
  • Das audiovisuelle Gedächtnis der Nation, Schriftenreihe des österreichischen Filmarchivs, Wien 1988
  • Österreich I - Die unterschätzte Republik, Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 1989, ISBN 3-218-00485-3
  • Hört die Signale. Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus, Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 1991, ISBN 3-218-00535-3
  • Österreich II. Jahre des Aufbruchs, Jahre des Umbruchs, 3. Teil, Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 1996, ISBN 3-218-00611-2
  • Österreich an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, Picus Verlag, Wien 2000, ISBN 3-85452-377-7
  • Die Olive & wir, mit seiner Frau Traudi Reich. Ecowin Verlag 2009. ISBN 978-3-902404-72-5
  • Was jetzt, Ecowin, Salzburg 2011, ISBN 978-3-7110-0019-4
  • Aufregend war es immer, Ecowin, Salzburg 2015, ISBN 978-3-7110-0072-9

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Portisch: Aufregend ..., S. 18
  2. Portisch: Aufregend ..., S. 22
  3. Portisch: Aufregend ..., S. 31
  4. Katalogzettel Österreichische Nationalbibliothek
  5. Kurier, Wien, 26. Oktober 2013: Die Enkelkinder sind ein großer Trost
  6. Daten zum Film in der Internet Movie Database IMDb
  7. Hugo Portisch: Aufregend war es immer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2015, ISBN 978-3-7110-0072-9, S. 117 f.
  8. orf.at - Florian Klenk ist Journalist des Jahres, 19. Dezember 2005
  9. derStandard.at - ORF-Korrespondent Wehrschütz ist Journalist des Jahres. Artikel vom 16. Dezember 2014, abgerufen am 3. Jänner 2015.
  10. Christoph Leitl verleiht Julius Raab-Ehrenmedaille an Hugo Portisch, Gustav Peichl und Helmut Krätzl. APA-Meldung vom 26. Jänner 2012, abgerufen am 19. März 2015.
  11. Viktor-Frankl-Institut - Preisträger 2000 bis 2015. Abgerufen am 17. Oktober 2015.