Ketamin

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Strukturformel
Strukturformel von Ketamin
Strukturformel ohne Stereochemie
Allgemeines
Freiname
Andere Namen
  • (RS)-(±)-2-(2-Chlorphenyl)- 2-(methylamino)cyclohexan-1-on
  • (RS)-(±)-Ketamin
  • (S)-(+)-Ketamin
  • (R)-(–)-Ketamin
  • CI-581
Summenformel C13H16ClNO
CAS-Nummer
  • 6740-88-1 (Racemat, freie Base)
  • 1867-66-9 (Racemat·Hydrochlorid)
  • 33643-49-1 [(R)-Enantiomer, freie Base]
  • 33643-46-8 [(S)-Enantiomer, freie Base]
  • 33795-24-3 [(R)-Enantiomer·Hydrochlorid]
  • 33643-47-9 [(S)-Enantiomer·Hydrochlorid]
PubChem 3821
ATC-Code
DrugBank APRD00493
Kurzbeschreibung

weißer, kristalliner Feststoff (Ketaminhydrochlorid)[1]

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse
Eigenschaften
Molare Masse 237,74 g·mol−1
Schmelzpunkt
  • 92–93 °C (Racemat, freie Base) [2]
  • 262–263 °C (Racemat·Hydrochlorid) [3]
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
07 – Achtung

Achtung

H- und P-Sätze H: 302​‐​315​‐​319​‐​335
P: 261​‐​305+351+338 [1]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [4][1]

Xn
Gesundheits-
schädlich
(±)-Ketamin·Hydrochlorid
R- und S-Sätze R: 22​‐​36/37/38
S: 26
Toxikologische Daten

77 mg·kg−1 (LD50Mausi.v.)[2]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Ketamin ist ein chirales Arylcyclohexylamin und Arzneistoff, welcher in der Human- und Tiermedizin, insbesondere in der Anästhesie und zur Behandlung von Schmerzen eingesetzt wird. Es nimmt durch die Auslösung einer dissoziativen Anästhesie eine Ausnahmestellung gegenüber anderen Analgetika und Narkotika ein, worunter die Erzeugung von Schlaf und Schmerzfreiheit unter weitgehender Erhaltung der Schutzreflexe verstanden wird. Als Dissoziativum wird Ketamin auch als Rauschdroge verwendet. Ketamin ist in der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation aufgeführt.[5]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen eines Forschungsauftrages der Firma Parke-Davis bei der Suche nach einem Ersatz für das mit starken Nebenwirkungen behaftete Narkosemittel Phencyclidin (PCP, „Angel Dust“) synthetisierte Calvin L. Stevens, Chemiker an der Wayne State University (Detroit, Michigan, USA), im April 1962 erstmals die Substanz Ketamin (CI-581).[6]

Im Jahre 1966 erhielt dann Parke-Davis ein Patent[7] für die Herstellung von Ketamin als Arzneimittel sowohl für die Humanmedizin als auch für die Tiermedizin. Edward Felix Domino, Professor für klinische Pharmakologie an der Universität in Michigan (USA), führte am 3. August 1964 seinen ersten (nichtmedizinischen) Selbstversuch mit Ketamin durch und erkannte dabei das psychedelische Potential der Substanz. Die Bezeichnung dissoziatives Anästhetikum für Ketamin wurde von ihm dann im folgenden Jahr 1965 eingeführt.

Im Vietnamkrieg wurde Ketamin an amerikanischen Soldaten erprobt und bald routinemäßig als Anästhetikum bei der Behandlung von Kampfverletzungen eingesetzt. 1970 erfolgte die Zulassung als Arzneimittel durch die Food and Drug Administration. Als Straßendroge verbreitete sich Ketamin etwa ab Mitte der 1970er Jahre.

Chemie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Struktur und Stereochemie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stereoisomere des Ketamins:
(R)-Form (links) und (S)-Form (INN: Esketamin, rechts)

Ketamin ist ein chirales Cyclohexanonderivat und Arylcyclohexylamin mit einem Stereozentrum. Es ist strukturell verwandt mit den Arylcyclohexylaminen Methoxetamin (MXE), Phencyclidin (PCP) und 3-Methoxyphencyclidin (3-MeO-PCP). Therapeutisch werden sowohl das Racemat, d. h. das 1:1 Isomerengemisch aus (S)-Ketamin und (R)-Ketamin, als auch das enantiomerenreine Eutomer (S)-Ketamin (INN: Esketamin) genannt, eingesetzt. Das (S)-Enantiomer ist etwa doppelt so wirksam wie das racemische Ketamin.

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ketamin kann in einer Dreistufensynthese hergestellt werden aus 2-Chlorbenzonitril und Cyclopentylmagnesiumbromid mittels Grignard-Reaktion, dann Umsetzung mit Brom und anschließend mit Methylamin. Das Erhitzen in Decalin führt unter Ringerweiterung zum Ketamin.

Ketamin-Synthese

Pharmakologische und klinische Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ketamin stand bislang als racemisches Gemisch der beiden Enantiomere (S)- und (R)-Ketamin zur Verfügung. Das allgemeine pharmakologische Profil von (S)-Ketamin entspricht weitgehend dem des Racemats. Die analgetische und anästhetische Potenz von (S)-Ketamin ist etwa dreifach höher als die der (R)-Form bzw. doppelt so hoch wie die des Racemats; zur Erzielung gleichartiger Wirkungen ist mit (S)-Ketamin gegenüber dem Racemat eine Dosisreduktion um die Hälfte möglich. Darüber hinaus wird (S)-Ketamin schneller eliminiert und ist damit insgesamt besser steuerbar. Neben der reduzierten Substanzbelastung führt dies zu eindeutig verkürzten Aufwachzeiten.[8] Die unterschiedliche Wirkung von (R)- und (S)-Ketamin ist durch klinische Studien belegt.[9] (S)-Ketamin steht als Arzneistoff (Wirkstoffbezeichnung auch Esketamin) zur Verfügung.

  • Plasmahalbwertszeit: bei klinischer Gabe beträgt die terminale Eliminationshalbwertszeit für (S)-Ketaminhydrochlorid zwischen 79 Minuten (nach kontinuierlicher Infusion) und 186 Minuten (nach niedrigdosierter i.v.-Gabe)[10], bei anderen Applikationsformen 2–3,5 Stunden.[6]

Klinische Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ketamin ist als Allgemeinanästhetikum zur Einleitung und Durchführung einer Vollnarkose, als Ergänzung bei Regionalanästhesien und als Anästhetikum und Analgetikum in der Notfallmedizin zugelassen. In der Allgemeinanästhesie wird es bei Erwachsenen oft in Kombination mit einem Schlafmittel (Hypnotikum), beispielsweise aus der Gruppe der Benzodiazepine, eingesetzt, während in der Kinderchirurgie und in der Notfallmedizin der Einsatz ohne Hypnotika überwiegt.[12]

Auf Grund seiner bronchienerweiternden Eigenschaften ist Ketamin in Kombination mit einem Muskelrelaxans auch zur Intubation bei einem therapieresistenten Status asthmaticus zugelassen. Hierbei werden mit 1 bis 2 und bei Bedarf bis zu 5 mg pro kg Körpergewicht vergleichbar höhere Ketamindosen eingesetzt.[12] Für eine niedrigdosierte Anwendung außerhalb der Zulassung (Off-Label-Use) bei Erwachsenen mit einem akuten Asthmaanfall gibt es keine ausreichenden Belege.[13] Abgesehen von Einzelfallberichten gibt es auch keine Hinweise auf eine Wirksamkeit von Ketamin für eine Anwendung bei einem akuten Asthmaanfall bei Kindern.[14]

Ein weiteres zugelassenes Anwendungsgebiet von Ketamin ist die Schmerzbehandlung (Analgesie) intubierter Intensivpatienten.[12]

Ketamin findet auch in der Veterinärmedizin (zum Beispiel in Kombination mit Xylazin in der Hellabrunner Mischung) und in der Pädiatrie Anwendung. Ketamin kann nasal, oral, intravenös sowie intramuskulär verabreicht werden.

Ketamin ist sowohl ein schlaferzeugendes Mittel (Hypnotikum) als auch ein potentes Analgetikum. Charakteristisch für seine Wirkung ist die Erzeugung einer dissoziativen Anästhesie, d.h. die Erzeugung von Schlaf und Schmerzfreiheit unter weitgehender Erhaltung der Reflextätigkeit, auch der Schutzreflexe. Damit entfällt insbesondere die bei anderen Anästhetika bestehende Gefahr eines lebensbedrohenden Atemstillstands, damit verbunden die Notwendigkeit der Atem- und Kreislaufüberwachung mit entsprechendem Apparate- und Personalaufwand.

Wirkmechanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(2R,6R)-Hydroxynorketamin

Wirkorte und -mechanismen der vielfältigen Ketamin-Effekte sind nur teilweise geklärt. Der relevanteste Wirkort befindet sich am Glutamat-NMDA-Rezeptorkomplex. Die Aminosäure Glutaminsäure (in anionischer Form als Glutamat) ist ein wichtiger Neurotransmitter des Zentralnervensystems (ZNS), wo sie einen Calciumeinstrom bewirkt, der vielfältige intrazelluläre Prozesse induziert. Ketamin hat am NMDA-Rezeptor eine nicht-kompetitiv antagonistische Wirkung unter Verwendung der Phencyclidin-Bindungsstelle. Ketamin beeinflusst das cholinergene System, indem es die NMDA-Rezeptor-abhängige Acetylcholin-Freisetzung verhindert. Es hemmt ebenfalls andere Glutamatrezeptoren und zeigt darüber hinaus eine schwache agonistische Wirkung an Opioidrezeptoren. Am GABAA-Rezeptor moduliert und aktiviert es die Rezeptortypen α6β2δ und α6β3δ und unterscheidet sich hierin von den NMDAR-Antagonisten Phencyclidin und Dizocilpin.[15]

Die pharmakologische Wirkung bei Depressionen wird von (2R,6R)-Hydroxynorketamin, einem Metaboliten des Ketamins ausgelöst.[16] Dieser besitzt auch weniger Nebenwirkungen als Ketamin, da er selbst nicht psychoaktiv ist.[17][18]

Weiterhin wirkt Ketamin hemmend auf die periphere Wiederaufnahme von Katecholaminen wie Noradrenalin und Dopamin an der synaptischen Endplatte mit Verstärkung endogener und exogener Katecholamineffekte. Durch diese Mechanismen kommt es zu einer ausgeprägten Stimulation des Herz-Kreislauf-Systems, zum Beispiel erhöhtes Herzschlagvolumen, gesteigerte Herzfrequenz und erhöhten Blutdruck. Durch Überstimulation des Zentralnervensystems oder Induktion eines kataleptischen Stadiums wird eine Amnesie ausgelöst. Das thalamoneocorticale System wird gedämpft, das limbische aktiviert. Ketamin wirkt auf das periphere Nervensystem sowohl depressiv (durch Blockade des Membranstroms) als auch exzitatorisch (durch Modifikation der Natrium-Kanal-Fraktion). Es hat nur geringe viscerale analgetische Effekte, dafür aber ausgeprägte somatische.

Neben- und Wechselwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als sehr häufige Nebenwirkungen können psychotrope Effekte (Pseudohalluzinationen, unangenehme Träume), Übelkeit und Erbrechen, erhöhter Speichelfluss (Hypersalivation), Sehstörungen, Schwindel und motorische Unruhe auftreten. Daneben wirkt Ketamin als einziges Narkotikum blutdruck- und herzfrequenzsteigernd; dies ist bei spezifischen Indikationen erwünscht. Im Rahmen der Notfallmedizin ist es das einzige Medikament, mit dessen Einsatz kreislaufstabilisierende und narkotische Effekte kombiniert werden können. Der Einsatz bei Patienten mit schwerer koronarer Herzerkrankung (zum Beispiel Herzinfarkt) ist hingegen abzulehnen, weil das Medikament durch Herzfrequenz- und Blutdruckanhebung die Herzarbeit steigert und somit den Sauerstoffverbrauch des Herzmuskels erhöht.

Ketamin bewirkt eine Erhöhung von Augen- und Hirndruck, weshalb es bei Verletzungen dort nicht als einziges Anästhetikum eingesetzt werden sollte.[19] Der Muskeltonus der Kehlkopfmuskulatur bleibt unter Ketamin erhalten. Ein sicherer Aspirationsschutz besteht jedoch nicht. In höheren Dosierungen wirkt Ketamin ebenso bronchospasmolytisch.[20] Ketamin als Notfallmedikation kann das Risiko einer Posttraumatischen Belastungsstörung erhöhen.[21] In der Routineanästhesie wird Ketamin aufgrund der psychotropen Nebenwirkungen weitgehend abgelehnt. Die Kombination mit einem Benzodiazepin kann aber das Auftreten von Albträumen und Halluzinationen teilweise verhindern. Eine Reizabschirmung ist ebenfalls sinnvoll.

Gebrauch bei Depressionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Studie von 2010 mit 18 Teilnehmern erforschte die intravenöse Gabe von Ketamin, welches die depressiven Episoden bei Patienten mit bipolarer Störung binnen 40 Minuten beendete. Die Wirkung war jedoch nicht von Dauer.[22][23]

Eine Studie aus dem Jahr 2013 mit 26 Teilnehmern beschrieb anhaltende antidepressive Wirkungen von niedrigen sublingualen Ketamindosen bei hartnäckigen Depressionen und Depressionen im Rahmen der bipolaren Störung. Bei 20 Teilnehmern (77 %) zeigte sich eine beständige Stimmungsaufhellung, sowie verbesserter Schlaf. Es wurden dabei alle 2–3 Tage bzw. wöchentlich 10 mg (RS)-(±)-Ketamin sublingual eingenommen, wobei sich als Nebenwirkung eine leichte Benommenheit – jedoch keine Euphorie oder Dissoziation – bemerkbar machte.[24]

Untersuchungen aus dem Jahr 2014 an der Charité weisen aufgrund der schnellen therapeutischen Wirkung auf eine geeignete Einsatzmöglichkeit für die Akutbehandlung therapieresistenter und vor allem suizidgefährdeter depressiver Patienten hin.[25]

In einer Studie aus dem Jahr 2014 mit 21 Patienten (bipolare Störung) wurden durch bildgebende Verfahren Effekte durch Ketamin in Gehirnregionen registriert, die besondere Bedeutung bei Depressionen haben. Unter anderem war die Besserung der Symptome durch Ketamin signifikant korreliert mit Änderungen im rechten ventralen Striatum.[26]

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2015 von acht randomisierten kontrollierten Studien bestätigte die Wirkung von Ketamin nach einmaliger Gabe zur sofortigen Behandlung uni- und bipolarer Depression.[27] Nach einer weiteren Metaanalyse von 2015 führte eine einmalige Gabe zu einer signifikanten Besserung über einen Zeitraum von mindestens 7 Tagen.[28] Eine Übersicht von 2015 über 9 Einzelstudien zur Behandlung von insgesamt 137 Patienten mit Suizidgefährdung (Suizidalität) berichtete über eine schnelle Besserung (ab 40 Minuten) in jeder der 9 Einzelstudien.[29]

Verschiedene Studien in den USA untersuchen das Potential des Ketamins bei einer schweren Depression, behandlungsresistenten Depressionen sowie bei Angstgefühlen und Depressionen bei Krebspatienten (Stand: 2015).[30][31][32][33]

Gebrauch als Rauschmittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Akute psychologische Effekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund seiner dissoziativen Wirkung wird Ketamin auch weltweit als Rauschdroge verwendet.[34]

In niedrigen Dosierungen induziert Ketamin eine Verzerrung des Raum- und Zeitempfindens, Pseudohalluzinationen sowie milde dissoziative Effekte. Ketaminkonsumenten gaben an, dass die besonders erwünschten Effekte in einer „Verschmelzung mit der Umgebung“ (‘melting into the surroundings’), visuellen Halluzinationen, außerkörperlichen Erfahrungen und Albernheit bestanden. Die psychoaktiven Effekte, welche mit der Rauschwirkung von Ketamin einhergehen (Derealisation, Depersonalisation, auditive sowie visuelle Halluzinationen, ungewöhnliche Gedankeninhalte, Euphorie, verstärkte Farbwahrnehmung, Verlust des Zeitgefühls sowie neuartige Körperempfindungen) wurden im Allgemeinen als positiv eingestuft. Lediglich 20 % aller Ketaminkonsumenten gaben an, dass derartige Effekte unerwünscht und psychisch belastend seien. 38 % gaben jedoch an, eine Person zu kennen, die nach Ketamingebrauch stark gelitten hatte.[34]

Die Aufwach-Erscheinungen nach einer Anwendung zur Narkose, die bei Ketamin vorkommen, können Wahngedanken, Halluzinationen, Delir, Verwirrtheit, gelegentlich aber auch außerkörperliche Erfahrungen sowie Nahtoderfahrungen beinhalten. Der klinische Einsatz von Ketamin wurde deshalb von jeher durch derartige Symptome eingeschränkt, doch wurde dadurch auch ab den 1960er Jahren das Interesse an einer Verwendung als Rauschdroge geweckt.[34] Zu den teils erwünschten, teils unangenehmen und angsteinflößenden Wirkungen zählt das K-Hole (Ketamin-Loch), eine etwa 30-minütige komplette Dissoziation von der Realität. Hierbei können Ataxie, Dysarthrie, muskuläre Hypertonie sowie Myoklonie auftreten.[35] Äußerlich gleicht der Zustand häufig einer Bewusstlosigkeit. Das Risiko eines K-Holes wurde mit erhöhtem Ketaminkonsum in Verbindung gebracht, insbesondere bei Nutzern, welche Ketamin mehr als 20-mal konsumiert hatten. Die Anwesenheit anderer Personen (etwa Freunde, Personal in Clubs oder auf Festivals) kann dabei helfen, mit der Erfahrung umzugehen.[34]

Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es besteht das Risiko einer psychischen Abhängigkeit, wenn Ketamin für längere Zeit nichtmedizinisch verwendet wird.[36] Sporadischer Ketaminkonsum ist nicht mit kognitiven Einschränkungen behaftet, chronischer Gebrauch verursacht allerdings erhebliche Beeinträchtigungen des Kurz- und Langzeitgedächtnisses; ob diese reversibel sind, ist noch offen (Stand: 2013).[34]

Ketamin hat eine große therapeutische Breite, so dass eine Überdosierung schwierig bzw. kaum möglich ist. Die mittlere letale Dosis (LD50), welche bei Tieren beobachtet wurde, ist etwa die 100-fache der durchschnittlichen menschlichen intravenösen Dosis und das 20-fache der durchschnittlichen menschlichen intramuskulären Dosis, welche im klinischen Umfeld zur Narkose benutzt wird.[6] Weiterhin kann Ketamin bei längerfristigem Gebrauch die ableitenden Harnwege schädigen. Es kann zu urologischen Beschwerden (LUTS) und zu einer Blasenentzündung mit Bildung von Geschwüren (ulzerative Zystitis) kommen.[37][38][39] Die Symptome sind meist reversibel, falls der Ketamingebrauch eingestellt wird, bei chronischem Gebrauch sind jedoch Operationen nötig.[34][40][41]

Die dissoziative Wirkung von Ketamin kann Nutzer in einen Zustand versetzen, in dem sie verwundbar sind durch Unfälle, Raub, Überfall und Vergewaltigung. In einer Studie mit neunzig Ketamin-Nutzern berichteten 13 %, dass sie als direkte Folge des Ketaminrausches in einen Unfall verwickelt waren, 83 % kannten jemanden, der einen Unfall durch Ketaminkonsum erlitt.[34]

Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Öffentliche Daten für den Gebrauch von Ketamin als Rauschdroge lagen bis 2011 für Frankreich, Großbritannien, Italien, Tschechien und Ungarn vor.[42]

Der Europäische Drogenbericht 2015 der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) erwähnt eine nicht-repräsentative Online-Befragung mit 25.790 Teilnehmern zwischen 15 und 34 Jahren, welche regelmäßig an „Veranstaltungen des Nachtlebens“ teilnahmen, nach der in zehn europäischen Ländern die 12-Monats-Prävalenz des Konsums von Ketamin hinter der von Cannabis, MDMA, Kokain und Amphetamin lag.[43] Im Vereinigten Königreich gab es von 1997 bis April 2013 nach amtlicher Statistik 93 Todesfälle in Verbindung mit Ketamin-Missbrauch. Von den 93 Personen waren 86 % männlich, und das Durchschnittsalter betrug 30,9 Jahre (15,8–60,6 Jahre). Bei 70 dieser Fälle war eine zusätzliche Droge (wie etwa Alkohol) beteiligt.[34]

Rechtslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland, der Schweiz und Österreich ist Ketamin verschreibungspflichtig, unterliegt jedoch nicht dem Betäubungsmittelgesetz (D, CH) bzw. dem österreichischen Suchtmittelgesetz.

In Großbritannien hat der zunehmende Gebrauch von Ketamin als Droge die Regierung veranlasst, das Medikament seit Januar 2006 als Droge der Klasse C einzustufen.[44] Da in der Folgezeit die Schäden noch höher waren als erwartet, wurde die Klassifizierung 2014 verschärft und die Substanz in Klasse B hochgestuft.[45] Der illegale private Besitz ist dort seitdem mit bis zu fünf Jahren Haft strafbar, statt mit bis zu zwei Jahren (seit 2006). Der illegale Handel kann weiterhin mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden. Mittlerweile wird Ketamin auch in Ländern, in denen es bisher frei erhältlich war (zum Beispiel Indien), unter Restriktion gestellt.

Handelsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ketalar (CH), Ketanest S (Wirkstoff Esketamin, D), zahlreiche Generika (D)

Tiermedizin: Anesketin, Ketaset, Ketavet, Narketan, Ursotamin

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ketamin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Datenblatt (±)-Ketamine hydrochloride bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 7. April 2011 (PDF).
  2. a b Eintrag zu (RS)-Ketamin in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM)
  3. The Merck Index. An Encyclopaedia of Chemicals, Drugs and Biologicals. 14. Auflage, 2006, S. 916–917, ISBN 978-0-911910-00-1.
  4. Für Stoffe ist seit dem 1. Dezember 2012, für Gemische seit dem 1. Juni 2015 nur noch die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung gültig. Die EU-Gefahrstoffkennzeichnung ist daher nur noch auf Gebinden zulässig, welche vor diesen Daten in Verkehr gebracht wurden.
  5. [April 2013] WHO Model List of Essential Medicines., 18th, World Health Organization, October 2013 (Zugriff am 22. April 2014).
  6. a b c d B. Sinner, B. M. Graf: Ketamine. In: Handbook of experimental pharmacology. Nummer 182, 2008, S. 313–333, doi:10.1007/978-3-540-74806-9_15, PMID 18175098 (Review).
  7. Patent US3254124.
  8. Adams, H.A. & Werner, C. (1997): Vom Racemat zum Eutomer: (S)-Ketamin – Renaissance einer Substanz? In: Anaesthesist. Bd. 46, S. 1026–1042. PMID 9451486 doi:10.1007/s001010050503
  9. G. Hempelmann, D. F. M. Kuhn: Klinischer Stellenwert des S-(+)-Ketamin. In: Der Anaesthesist. 46, 1997, S. S3–S7, doi:10.1007/PL00002461.
  10. Ketanest® S Fachinformation (PDF-Datei)
  11. J. A. Clements, W. S. Nimmo, I. S. Grant: Bioavailability, pharmacokinetics, and analgesic activity of ketamine in humans. In: Journal of pharmaceutical sciences. Band 71, Nummer 5, Mai 1982, S. 539–542, PMID 7097501.
  12. a b c Fachinformation Ketamin-ratiopharm 50/100/500 mg O.K. Injektionslösung, Ketamin-ratiopharm 500 mg/10 ml Injektionslösung. Ratiopharm GmbH. Stand Februar 2010.
  13. Burburan SM, Xisto DG, Rocco PR: Anaesthetic management in asthma. In: Minerva Anestesiol. 73, Nr. 6, Juni 2007, S. 357–365. PMID 17115010.
  14. Jat KR, Chawla D: Ketamine for management of acute exacerbations of asthma in children. In: Cochrane Database Syst Rev. 11, 2012, S. CD009293. doi:10.1002/14651858.CD009293.pub2. PMID 23152273.
  15. Hevers W, Hadley SH, Lüddens H, Amin J: Ketamine, but not phencyclidine, selectively modulates cerebellar GABA(A) receptors containing alpha6 and delta subunits. In: J. Neurosci.. 28, Nr. 20, 2008, S. 5383–5393. doi:10.1523/JNEUROSCI.5443-07.2008. PMID 18480294.
  16. Panos Zanos, Ruin Moaddel u. a.: NMDAR inhibition-independent antidepressant actions of ketamine metabolites. In: Nature. 2016, doi:10.1038/nature17998.
  17. Louis Y. Leung, Thomas A. Baillie: Comparative pharmacology in the rat of ketamine and its two principal metabolites, norketamine and (Z)-6-hydroxynorketamine. In: Journal of Medicinal Chemistry. 29, Nr. 11, 1986, ISSN 0022-2623, S. 2396–2399. doi:10.1021/jm00161a043.
  18. Irving W. Wainer: Are basal D-serine plasma levels a predictive biomarker for the rapid antidepressant effects of ketamineand ketamine metabolites?. In: Psychopharmacology. 231, Nr. 20, 2014, ISSN 0033-3158, S. 4083–4084. doi:10.1007/s00213-014-3736-6.
  19. Fachinformation S-Ketanest, Stand Juni 2008.
  20. Wolfram Wilhelm, Marc Wrobel: Atemwegsmanagement, Narkose und Notfallbeatmung, in Wolfram Wilhelm (Hrsg.): Praxis der Intensivmedizin, 2. Auflage, Heidelberg, 2013, S.10
  21. M. Schönenberg, U. Reichwald, G. Domes, A. Badke, M. Hautzinger: Effects of peritraumatic ketamine medication on early and sustained posttraumatic stress symptoms in moderately injured accident victims. In: Psychopharmacology. Band 182, Nummer 3, November 2005, S. 420–425, doi:10.1007/s00213-005-0094-4, PMID 16012867.
  22. Bipolare Störung: Ketamin durchbricht Depression, Deutsches Ärzteblatt vom 3. August 2010.
  23. N. Diazgranados, L. Ibrahim, N. E. Brutsche, A. Newberg, P. Kronstein, S. Khalife, W. A. Kammerer, Z. Quezado, D. A. Luckenbaugh, G. Salvadore, R. Machado-Vieira, H. K. Manji, C. A. Zarate: A randomized add-on trial of an N-methyl-D-aspartate antagonist in treatment-resistant bipolar depression. In: Archives of General Psychiatry. Band 67, Nummer 8, August 2010, S. 793–802, doi:10.1001/archgenpsychiatry.2010.90. PMID 20679587. PMC 3000408 (freier Volltext).
  24. D. R. Lara, L. W. Bisol, L. R. Munari: Antidepressant, mood stabilizing and procognitive effects of very low dose sublingual ketamine in refractory unipolar and bipolar depression. In: The international journal of neuropsychopharmacology / official scientific journal of the Collegium Internationale Neuropsychopharmacologicum (CINP). Band 16, Nummer 9, Oktober 2013, S. 2111–2117, doi:10.1017/S1461145713000485, PMID 23683309.
  25. Ketamin ist die neue Hoffnung für Depressive. Die Welt, 10. März 2014, abgerufen am 15. März 2014.
  26. A. C. Nugent, N. Diazgranados, P. J. Carlson, L. Ibrahim, D. A. Luckenbaugh, N. Brutsche, P. Herscovitch, W. C. Drevets, C. A. Zarate: Neural correlates of rapid antidepressant response to ketamine in bipolar disorder. In: Bipolar disorders. Band 16, Nummer 2, März 2014, S. 119–128, doi:10.1111/bdi.12118, PMID 24103187, PMC 3949142 (freier Volltext).
  27. A. McGirr, M. T. Berlim, D. J. Bond, M. P. Fleck, L. N. Yatham, R. W. Lam: A systematic review and meta-analysis of randomized, double-blind, placebo-controlled trials of ketamine in the rapid treatment of major depressive episodes. In: Psychological medicine. Band 45, Nummer 4, März 2015, S. 693–704, doi:10.1017/S0033291714001603, PMID 25010396 (Review).
  28. C. M. Coyle, K. R. Laws: The use of ketamine as an antidepressant: a systematic review and meta-analysis. In: Human psychopharmacology. Band 30, Nummer 3, Mai 2015, S. 152–163, doi:10.1002/hup.2475, PMID 25847818 (Review).
  29. L. Reinstatler, N. A. Youssef: Ketamine as a potential treatment for suicidal ideation: a systematic review of the literature. In: Drugs in R&D. Band 15, Nummer 1, März 2015, S. 37–43, doi:10.1007/s40268-015-0081-0, PMID 25773961, PMC 4359177 (freier Volltext) (Review).
  30. A Study to Evaluate the Safety and Efficacy of Intranasal Esketamine in Treatment-resistant Depression. In: clinicaltrials.gov. 25. November 2013, abgerufen am 13. April 2015.
  31. Oral Ketamine in the Treatment of Depression and Anxiety in Patients With Cancer. In: clinicaltrials.gov. 12. April 2015, abgerufen am 13. April 2015.
  32. A Study of Ketamine in Patients With Treatment-resistant Depression. In: clinicaltrials.gov. 22. Juni 2012, abgerufen am 13. April 2015.
  33. Rapid Antidepressant Effects of Ketamine in Major Depression. In: clinicaltrials.gov. 30. Juli 2004, abgerufen am 13. April 2015.
  34. a b c d e f g h Advisory Council on the Misuse of Drugs (Großbritannien): Ketamine: a review of use and harm, Bericht für den Innenminister und den Gesundheitsminister, London, 10. December 2013, (abgerufen am 13. Oktober 2015).
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