Longchamp (Unternehmen)

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Longchamp (Unternehmen)
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Rechtsform S.A.S.
Gründung 1948
Sitz Paris, Frankreich
Leitung Philippe Cassegrain
Mitarbeiter fast 1000
Branche Luxusgüter
Website www.longchamp.com

Longchamp ist ein französisches Lederwaren-Unternehmen, das 1948 von Jean Cassegrain in Paris gegründet wurde. Es ist im Besitz der Familie Cassegrain und wird auch von ihr geführt. Longchamp ist in erster Linie für Handtaschen aus Leder und Leinen, Reiseartikel und Modeaccessoires bekannt.

Die Marke ist mit mehr als 236 Boutiquen und mit über 800 Verkaufsstellen in ca. 100 Ländern vertreten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1948: Gründung von Longchamp[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1948 übernahm Jean Cassegrain das alteingesessene Tabakwarengeschäft „Au Sultan“ im französischen Paris[1][2][3].

Nach dem Zweiten Weltkrieg versorgte Jean Cassegrain die alliierten Truppen mit Tabak und Raucherutensilien[4]. Pfeifenverkäufe[3] waren in dieser Zeit der profitabelste Unternehmensbereich. Nach und nach wurden Soldaten zu den besten Kunden des Geschäfts[4][1].

Als sie Paris am Ende des Konflikts verließen, diversifizierte Jean Cassegrain sein Unternehmen[4]. In den 1950er Jahren führte er die weltweit ersten Pfeifen mit luxuriösen, exotischen Lederhüllen ein[2][5][3]. Internationale Berühmtheiten wie Elvis Presley schätzten sie sehr[1][2][6].

Jean Cassegrain gründete sein ‚Jean Cassegrain et compagnie‘ genanntes Unternehmen, um den Vertrieb seiner lederumhüllten Raucherartikel auf eine breitere Basis zu stellen[2][5]. Die Produkte wurden jedoch unter einem anderen Namen vermarktet[1]. Da entfernte Verwandte den Familiennamen Cassegrain bereits für den Verkauf von Feinpapier in Paris benutzten, benannte er seine Marke nach der Pariser Pferderennbahn Longchamp[7][3][4].

Zu dieser Zeit stand eine kleine Getreidemühle am Ende der Zielgerade der Rennbahn am Stadtrand von Paris[8]. Jean Cassegrain benannte die Marke und sein Unternehmen mit viel Humor nach der Rennstrecke und ihrer Getreidemühle, da der Name ‚Cassegrain‘ im Französischen wörtlich ‚Körnerbrecher‘ bedeutet. Ein Jockey auf einem galoppierenden Pferd wurde zum Logo erkoren[2][4].

1950er: von lederumhüllten Pfeifen zu Lederwaren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Longchamps Erfolg mit lederumhüllten Pfeifen überzeugte Cassegrain davon, dass die Zukunft des Unternehmens in der Diversifizierung und der Ausdehnung des Produktportfolios auf kleine Lederwaren, Reisepass-Etuis, Brieftaschen und weitere Herrenaccessoires aus Leder lag[2][5][4].

In den frühen 1950er Jahren verkaufte er bereits auf allen Kontinenten[3]. Er stellte einen Exportmanager ein und begann mit dem Export seiner Produkte.

Jean und sein Sohn Philippe Cassegrain erschlossen ständig neue Märkte und Chancen für das Unternehmen[6][3]. Longchamp eröffnete am Ende der 1970er Jahre Boutiquen in Südostasien und war eine der ersten in Singapur, Hongkong und Japan erhältlichen europäischen Marken. Longchamp entwickelte sich zu einem Global Player.

1970er: die erste Damentasche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Laufe der Zeit stellte Jean Cassegrain fest, dass sich Frauen immer mehr für Handtaschen interessierten[2][5]. Longchamp führte 1971 seine erste Damentasche ein, eine überarbeitete Kosmetiktasche mit Schulterriemen und zwei Klappen[2][7].

Das Unternehmen fertigte als erstes Handtaschen aus Nylon[2][5]. Philippe Cassegrain entwarf in den 1970er Jahren eine Linie mit khakifarbenen Taschen aus Nylon und Leder[5][3]. Die Kollektion wurde als Alternative zu schweren Reisekoffern zu einem weltweiten Erfolg[2][9][3].

Philippe Cassegrain erfand auch die Xtra-Bag, eine Tasche, die sich auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Größe zusammenfalten und in einem einfachen Fach verstauen lässt. Die Xtra-Bag aus dem Jahr 1993 war der Vorgänger der Tasche Le Pliage.

Von diesem Zeitpunkt an spezialisierte sich das Unternehmen auf Reisegepäck und Damentaschen.

1978 brachte Longchamp die LM-Linie heraus, die erste Kollektion für Damentaschen. Die Taschen bestanden aus bedrucktem Leder. Im gleichen Jahr wurden keine Raucherutensilien mehr im Katalog angeboten.

Nach dem Tod von Jean Cassegrain 1972 und dessen Ehefrau Renée 1980 übernahm der Sohn Philippe die Leitung des Unternehmens. 1988 wurde die erste Boutique an der Rue Saint-Honoré[7] in Paris eröffnet. Zusätzlich zu den vorhandenen Vertriebspartnern (Kaufhäuser, Flughafen-Boutiquen) wurde ein Verkaufsnetz von Boutiquen aufgebaut.

1993 entwarfen Philippe Cassegrain und Isabelle Guyon das Modell Le Pliage[1], eine Tasche aus Nylon mit Griffen und Klappe aus Leder, die sich ganz flach zusammenfalten ließ. Da es sich um eine praktische Tasche in einer einfachen Form handelte, wurde daraus das erfolgreichste Modell der Marke.[10] 1999 zog die Pariser Boutique in ein größeres Ladenlokal um.[7] In der Folge wurde Longchamp Mitglied des Comité Colbert.[1]

2006 expandierte Longchamp mit einem Geschäft im New Yorker Viertel SoHo erstmals in die USA, 2011 wurde die erste Niederlassung in Asien eröffnet. Diese Boutique liegt mitten in einem Viertel mit Luxusgütergeschäften von Hongkong und ist mit einer Verkaufsfläche von 400 Quadratmeter[11] die zweitgrößte nach dem Geschäft in New York.

Direktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Longchamp wird heute in 2. und 3. Generation von direkten Nachkommen des Unternehmensgründers Jean Cassegrain geführt[12]:

Der Firmenwert von Longchamp wird auf 1,5 Mrd. $ geschätzt. Die Unabhängigkeit des Unternehmens verleiht der Familie Cassegrain Stabilität und gestattet ihr eine langfristige Ausrichtung und Planung[13]. Longchamp ist einer der letzten französischen Lederwarenhersteller in Familienbesitz[6].

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Longchamp-Erzeugnisse sind in ca. 1800 Geschäften in ca. 100 Ländern[14] in eigenen und in Franchise-Boutiquen, im Rahmen von Verträgen mit Kaufhausketten, in Flughafen-Boutiquen und im Internet-Verkauf erhältlich. Die Gruppe führt über 18 Vertriebsniederlassungen 236 Verkaufsstellen selbst.[15] Etwa ein Drittel des Umsatzes wird in Frankreich erzielt.[14]

Werkstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Anfangszeit besorgte Jean Cassegrain Raucherartikel (insbesondere Pfeifen) und ließ sie von Pariser Handwerkern mit Leder umhüllen. Der Erfolg der Marke und der Wunsch nach Diversifizierung des Angebots führten 1959 zur Eröffnung der ersten Longchamp-Werkstätte im französischen Segré[7].

Die Produktionskapazität wurde regelmäßig erhöht, und zwar in Segré und mit neuen Werkstätten: Rémalard im Jahr 1969, Ernée im Jahr 1972, und ab den 2000er Jahren Combrée, Château-Gontier[16] und Montournais.[1][7]

1982 beschloss die Familie Cassegrain, ihre Produktionstätigkeit aus Kostengründen auch ins Ausland zu verlegen und errichtete ein Werk in Mauritius, außerdem besteht seit 1997 eine Produktionspartnerschaft mit China. 2001 wurden Produktionsstätten in Marokko und Tunesien errichtet, um die Produktionskapazität[7] der Marke zu erhöhen. Aktuell wird ein Drittel der Produktion wegen der niedrigen Lohnkosten in diesen Ländern durchgeführt.[14]

Design und Zusammenarbeit mit Künstlern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1950er und 1960er Jahren waren Produkte von Longchamp im französischen Kino und insbesondere in Filmen mit Jean Gabin zu sehen.

Longchamp kooperiert mit Designern und Künstlern, die Sondermodelle für Taschen und Reisegepäck entwerfen, wobei diese Modelle manchmal als Limited Edition angeboten werden. So hat beispielsweise Serge Mendjisky 1971 Leder-Patchwork auf Taschen[7] appliziert. 2004 entwarf Thomas Heatherwick den Zip Bag, eine Tasche rund um einen sehr langen Reißverschluss.[7] 2004 und 2005 war Tracey Emin am Design von Reisegepäck beteiligt.[7]

Seit 2006 ist Jeremy Scott regelmäßig für Sondermodelle der Tasche Le Pliage verantwortlich.[17] 2008 hat Longchamp anlässlich des sechzigjährigen Firmenjubiläums seine Kollektion LM neu aufgelegt, die jedoch nur in Asien erhältlich ist[18] und unter anderem eine von Jean-Luc Moerman gestaltete Version auf den Markt gebracht.[7]

Seit 2006 bietet Longchamp auch eine Schuhkollektion für Damen an. Kate Moss, entwirft seit 2010 im Rahmen ihrer Kollektion Kate Moss for Longchamp Taschenmodelle. Im Frühling 2012 brachte Longchamp eine neue Version der Tasche Le Pliage ganz aus Leder auf den Markt.[14]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g William Coop: Longchamp mène sa course au triple galop. In: L’Express. 16. November 2004. Abgerufen am 2. April 2013.
  2. a b c d e f g h i j Diese Falttasche trägt auch Kate Middleton. In: Welt.de. 14. Dezember 2014.
  3. a b c d e f g h Stephan Finsterbusch: Der Trick mit dem Knick. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. Dezember 2014.
  4. a b c d e f Longchamp, einer der Höhepunkte der französischen Lederwaren. In: France.fr. Abgerufen am 21. Dezember 2016.
  5. a b c d e f Stephan Hilpold: Longchamp-Chef Cassegrain: "Für jeden die passende Tasche". In: DerStandard.at. 24. Juni 2015.
  6. a b c d e f g Iris Kuhn-Spogat: Longchamp: Zwischen zwei Welten. In: Bilanz. 6. November 2009.
  7. a b c d e f g h i j k Marie Aucouturier: Longchamp (French). Éditions de la Martinière, 2008, ISBN 978-2732437767.
  8. Jennifer Wiebking: Sie wählt Frankreich. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 20. September 2013.
  9. Reise-Tipps: Die Kunst des Packens. In: Elle. Abgerufen am 7. Dezember 2016.
  10. Frédéric Martin-Bernard: Le Pliage de Longchamp : un sac mythique !. In: Marie Claire. 30. März 2013. Abgerufen am 17. April 2012.
  11. Juliette Garnier: Les ventes de Longchamp bondissent de 22 %. In: La Tribune. 8. Februar 2012. Abgerufen am 4. Dezember 2012.
  12. a b Klaus Werle: "Wenn ich mich nach einer Frau umdrehe, meist nur wegen der Handtasche". In: Manager Magazin. 24. April 2015.
  13. Nicole Stern: Jean Cassegrain: „Männer sind gefangen in Gewohnheiten“. In: Die Presse. 19. Juni 2015.
  14. a b c d Pascale Denis: Longchamp prévoit un tassement de ses ventes à cause de l'Europe. In: Challenges. 6. Februar 2012. Abgerufen am 4. Dezember 2012.
  15. Marion Deslandes: Longchamp attaque 2012 avec confiance. In: Fashion Daily News. 8. Februar 2012. Abgerufen am 17. April 2012.
  16. Alan Nagard: Les sacs de luxe Longchamp échappent à la crise. In: Ouest-France. 14. Februar 2012. Abgerufen am 4. Dezember 2012.
  17. Roxanne Maléfant: Jeremy Scott donne un coup de jeune au pliage de Longchamp. In: Elle. 28. Oktober 2010. Abgerufen am 17. April 2012.
  18. Longchamp, 60 ans, ça se fête !. In: Elle. 1. August 2008. Abgerufen am 17. April 2012.