Papyrologie

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Die Papyrologie (von griechisch πάπυρος pápyros: ,Papyrus(-staude)‘ und λόγος lógos: ‚Wort‘, ‚Lehre‘) ist eine Spezialdisziplin der Klassischen Altertumswissenschaft, hier vor allem der Klassischen Philologie und der Alten Geschichte. Ihr Gegenstand sind altgriechische und lateinische Texte auf Papyrus, Ostraka, Pergament, Holz- und Bleitäfelchen und ähnlichen Beschreibstoffen. Papyri wurden überwiegend in Ägypten gefunden, wo sie seit dem dritten vorchristlichen Jahrtausend als Beschreibstoff verwendet wurden. Die von der Papyrologie behandelten Stücke in griechischer und lateinischer Sprache stammen aus der griechisch-römischen Zeit Ägyptens von etwa 300 v. Chr. bis 700 n. Chr., also aus dem Jahrtausend zwischen der Eroberung des Nillandes durch Alexander den Großen und der Abschaffung der griechischen Verwaltungssprache durch die Araber nach deren Herrschaftsübernahme im Zuge der islamischen Expansion. Sie sind daher als Zeugnisse der antiken Schriftkultur und Sozialgeschichte für Hellenismus, Kaiserzeit und Spätantike von herausragender Bedeutung.

Vornehmliche Aufgaben des Faches Papyrologie sind die Katalogisierung, Edition, sprachliche und sachliche Kommentierung sowie die Aufbereitung und Erforschung der Papyri als historischer Quellen sowie als sprachlicher Zeugnisse und bzw. oder literarischer Dokumente, ferner die Erforschung der antiken Schriftkultur, also der Praxeologie des Schreibens, Lesens und der Schriftlichkeit.[1] Zu Ihrer Bewältigung sind die umfassende Beherrschung des philologischen Rüstzeugs wie auch die Vertrautheit mit Methoden und Ergebnissen der althistorischen Forschung sowie zahlreicher weiterer Nachbarfächer erforderlich. Ob sie daher eher als Philologie oder als historische Grundwissenschaft anzusehen sei, ist auch unter Papyrologen je nach Bildungsgang und Interessenschwerpunkten umstritten. In jedem Fall handelt es sich um eine historische Geistes- und Kulturwissenschaft. Papyri, die nicht mit Texten in Altgriechisch oder Latein beschriftet worden sind, fallen in die Zuständigkeit anderer Disziplinen wie der Ägyptologie, Demotistik, Koptologie, Judaistik und der Islamwissenschaft, von denen einzelne auch von manchen Papyrologen beherrscht werden und mit denen die Papyrologie in interdisziplinärer Kooperation eng verbunden ist.

Verhältnis zu anderen Wissenschaften[Bearbeiten]

Im Unterschied etwa zur antiken Numismatik und Epigraphik, die als Teildisziplinen der Alten Geschichte organisatorisch an diese angebunden sind, ist die Papyrologie als selbständiges Fach unentbehrliche Grundwissenschaft im Sinne Karl Brandis für eine ganze Reihe anderer Fachgebiete, da sie einen wichtigen Teil von deren Quellengrundlage erschließt und erforscht:

  • Die Alte Geschichte, vor allem ihre Teildisziplinen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, kann aus der Analyse von auf Papyrus erhaltenen Dokumenten Rückschlüsse auf das antike Alltagsleben und wirtschaftliche Zusammenhänge (z. B. Preisentwicklungen) bzw. Handels- und Kommunikationswege ziehen, da Papyri zu diesen in der literarischen Überlieferung zumeist vernachlässigten Bereichen wichtige Informationen liefern können.
  • Papyri erlauben eine – im Vergleich zu anderen antiken Gesellschaften – sehr detaillierte Rekonstruktion der ägyptischen Verwaltungsstrukturen und Herrschaftsverhältnisse.
  • Die Historische Demographie kann aus Papyrusurkunden vergleichsweise zuverlässige Schätzungen zu Bevölkerungsdichte und -veränderungen im antiken Ägypten gewinnen.
  • Die antike Rechtsgeschichte analysiert Rechtsurkunden (etwa über Kauf, Pacht, Kreditgeschäfte, Heirats-, Arbeitsverträge usw.) und verfolgt die Entwicklung des Rechtswesens insbesondere in hellenistischer Zeit.
  • Die Religionswissenschaft, Theologie und Kirchengeschichte wertet die auf Papyrus erhaltenen frühesten Zeugnisse für den Text des griechischen Alten und Neuen Testaments aus und interpretiert die zahlreichen Papyrusfunde mit frühchristlicher apokrypher oder patristischer Literatur. Papyri werden in der Textkritik des Neuen Testaments mit dem Buchstaben P in Fraktur mit einer hochgestellten Nummer abgekürzt: \mathfrak{P}n.
  • Die Erforschung der antiken Magie stützt sich in erheblichem Maße auf Payri als Quellen.
  • Die Sprachwissenschaft verfolgt anhand von Papyri das Entstehen der antiken griechischen Volkssprache, der sogenannten Koine, einer Zwischenstufe auf dem Weg vom klassischen Altgriechisch zum Neugriechischen.
  • Der Medizingeschichte stellt sie wichtige Quellen für das antike Gesundheitswesen und seine Praxis bereit.
  • Die Klassische Philologie erhält zum einen ausschließlich auf Papyrus überlieferte, sonst unbekannte Texte, zum anderen wichtige frühe Textzeugen für die antike Textgeschichte und die Textkritik der durch mittelalterliche Handschriften überlieferten und daher schon bekannten Texte.
  • Die Philosophie erhält vor allem durch die verkohlten Papyri aus der Villa dei Papiri bei Herculaneum bisher unbekannte Texte, etwa des Epikur und seiner Schüler oder des Philodemos von Gadara.
  • Die Kunstgeschichte und die Archäologie ziehen auf Papyri überlieferte Zeichnungen und Malereien heran.
  • Die Ägyptologie, die Koptologie, die Arabistik und die Islamwissenschaft kooperieren mit der Papyrologie vor allem bei der Erforschung der zahlreichen Bilinguen.

Von der Papyrologie ist die Epigraphik abzugrenzen, die sich vorwiegend mit Inschriften auf Stein und Metall befasst, traditionell aber auch Texte auf Schreibtäfelchen behandelt, wie sie etwa von dem Archäologen Robin E. Birley im römischen Vindolanda gefunden wurden.[2] Deren äußerst anspruchsvolle Entzifferung und Edition gelang jedoch erst dem Team um den papyrologisch geschulten Althistoriker Alan K. Bowman und den Papyrologen J. David Thomas.

Eine wichtige mit der Papyrologie verbundene Grundwissenschaft ist die Paläografie, die Lehre von den Buchstabenformen und der Schriftentwicklung, die allerdings auch Schriften auf nicht zum Aufgabenbereich der Papyrologie gehörenden Schreibgründen umfasst und die Geschichte der Schrift in ihrer Gesamtheit nicht nur innerhalb, sondern auch jenseits der Zeitgrenzen erforscht, die der Papyrologie gesetzt sind. Da die Mehrzahl der Papyri nicht in Buchschrift,[3] sondern in Kursivschrift geschrieben ist und der Erhaltungszustand oft schlecht und lückenhaft ist, stellt die Entzifferung hohe Anforderungen und erfordert entsprechende Kenntnisse, um die Texte lesen und edieren zu können. Die Paläografie ermöglicht außerdem eine annähernde Altersbestimmung, da bestimmte Schriftformen oder Schreibgewohnheiten wie der Gebrauch bestimmter Abkürzungen sich zeitlich einordnen lassen.

Dokumentarische und literarische Papyri[Bearbeiten]

Die Papyrologie unterscheidet wie andere textforschende Disziplinen zwischen dokumentarischen und literarischen Texten. Zu den dokumentarischen Texten, die den weitaus größten Teil der erhaltenen Papyri ausmachen, gehören unter anderem Urkunden, Privatbriefe, Verträge und Landlisten. Bei diesen Funden spricht man auch von Überrestquellen, weil zur Zeit der Entstehung dieser Dokumente niemand an die Weitertradierung dachte und die Erhaltung dieser Domumente mehr oder weniger dem Zufall zu verdanken ist.

Zu den literarischen Papyri zählt man alle Exemplare auf Papyrus erhaltener Texte, welche in die direkte Überlieferung eingegangen sind (oder wenigstens hätten eingehen können). Es sind Texte, die sich aufgrund ihres allgemeinen Interesses und ihrer literarischen Qualität an ein zeitgenössisches Publikum und eventuell darüber hinaus an die Nachwelt wenden. Solche Papyri dienten unter Umständen auch als Grundlage für die Abschrift von Kopien und damit der Verbreitung und Textüberlieferung.

Herkunft der Papyri[Bearbeiten]

Ptolemäerzeit und Ägypten als Provinz des Imperium Romanum[Bearbeiten]

Zwischen 332 v. Chr., als Alexander der Große Ägypten eroberte, und 642 n. Chr., als das Land durch islamische Araber eingenommen wurde, war die Amts- und Verkehrssprache in Ägypten überwiegend Altgriechisch.[4] Nur die Papyri in dieser Sprache sowie die (recht wenigen) lateinischen Stücke werden von der Papyrologie behandelt. Die frühesten bislang bekannten griechischen Papyri aus Ägypten sind im frühen 3. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Da die Araber einige Jahrzehnte an der herkömmlichen Verwaltung des Nillandes festhielten, wurde Griechisch dort erst 693 als Amtssprache abgeschafft.

Im Römischen Reich[Bearbeiten]

Ein kleiner Teil der erhaltenen Papyri stammt aus anderen Bereichen des Römischen Reiches – denn im ganzen Imperium wurde dieses Material verwendet -, doch war die Voraussetzung für eine Erhaltung nirgends so günstig wie im ägyptischen Wüstensand. Bedeutende Papyrusfunde außerhalb Ägyptens sind die Papyri von Herculaneum (wo die Papyri durch die Asche des Vesuvs 79 n. Chr. zwar verkohlt wurden, aber erhalten blieben und dank moderner Technik lesbar gemacht werden können) oder die Papyri aus Dura Europos am Euphrat sowie diejenigen aus dem nabatäischen Petra.[5]

In anderen Sprachen[Bearbeiten]

Auf Papyri gefundene Texte in ägyptischer Sprache (Hieratisch, Demotisch, Koptisch), auf Hebräisch, Persisch, Arabisch und in anderen Sprachen fallen in den Bereich anderer Disziplinen (z. B. der Ägyptologie).

Papyri aus der islamischen Zeit sind überwiegend Briefe, Urkunden, juristische Texte (Personen-, Erb-, Ehe- und Prozessrecht). Ferner gibt es literarische (d. h. außerkoranische) Texte aus dem 9. Jahrhundert.[6]

Auswertung und Aufbewahrung[Bearbeiten]

Allgemein ausgebildete Altertumswissenschaftler sind im Bereich der Papyrologie kaum in der Lage, mit unedierten Quellen zu arbeiten, da nur wenige Experten über die notwendigen Spezialkenntnisse verfügen. Allenfalls Papyri, die in sogenannter Buchschrift verfasst sind, erschließen sich auch den übrigen Forschern. Der Aufarbeitung und Edition der Papyri durch die Papyrologen kommt daher besondere Bedeutung zu, da von dieser Spezialdisziplin Forscher unterschiedlichster Fachrichtungen abhängig sind (siehe oben). Bei der Erfassung und Erschließung des Materials hat das Fach frühzeitig die enormen Möglichkeiten der Digitalisierung erkannt.

Das Institut für Papyrologie der Universität Heidelberg[7] führt unter Leitung von Andrea Jördens das von Dieter Hagedorn initiierte Gesamtverzeichnis aller publizierten griechischen Papyri Ägyptens.[8] Außerdem werden dort weitere unentbehrliche, noch auf Friedrich Preisigke zurückgehende Forschungsinstrumente des Faches bearbeitet:

  • die Berichtigungsliste der griechischen Papyrusurkunden aus Ägypten (in Kooperation mit Francisca A. J. Hoogendijk, Papyrologisch Instituut der Universität Leiden), eine systematische Erfassung sämtlicher Berichtigungsvorschläge zur Lesung von Papyrustexten
  • das Wörterbuch der griechischen Papyrusurkunden aus Ägypten, die vollständige Erfassung des Wortmaterials und der Belegstellen in den Papyri
  • das Sammelbuch der griechischen Papyrusurkunden aus Ägypten, die Erfassung sämtlicher verstreut edierter Papyri in einer Standardedition

Weitere wichtige Hilfsmittel sind die von Roger Bagnall, Direktor des Institute for the Study of the Ancient World der New York University, geleiteten Projekte Papyri.info,[9] das die gezielte Suche in mehreren einschlägigen Datenbanken ermöglicht, und das Advanced Papyrological Information System (APIS),[10] das die Bestände wichtiger Sammlungen erschließt.

An der Universität Leuven entsteht mit Trismegistos[11] unter Leitung von Mark Depauw ein weiteres Informationsportal, das die aufgrund der verschiedenen Sprachen und Textträger bestehenden Grenzen überschreitet. Die von der Association Égyptologique Reine Élisabeth und dem Centre de Papyrologie et d’Épigraphie grecque der Université Libre de Bruxelles herausgegebene Bibliographie Papyrologique[12] erfasst die relevante Literatur und wird regelmäßig aktualisiert.

Bedeutende Papyrologen[Bearbeiten]

Für die Papyrologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren im deutschsprachigen Raum besonders die Arbeiten von Friedrich Preisigke (1853–1924), Otto Gradenwitz (1860–1935), Ulrich Wilcken (1862–1944), Leopold Wenger (1874–1953), Walter Otto (1878–1941) und Emil Kießling (1896–1985) prägend.

Die grundlegende Einführung La Papirologia, Turin 1973, zuletzt Mailand 1991, stammt von der Italienerin Orsolina Montevecchi. Zu den wichtigen Papyrologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen ferner etwa die Briten Eric Gardner Turner und Peter J. Parsons, die Italiener Medea Norsa, Manfredo Manfredi, Marcello Gigante und Tiziano Dorandi, der Belgier Jean Bingen, der Niederländer Pieter J. Sijpestein, die Deutschen Ludwig Koenen, Dieter Hagedorn und Herwig Maehler sowie die US-Amerikaner Herbert C. Youtie, Dirk Obbink und Roger Bagnall.[13]

Institute und Verbände[Bearbeiten]

In Deutschland gibt es je eine Professur für Papyrologie an den Universitäten Heidelberg (derzeit Andrea Jördens) und Trier (derzeit Fabian Reiter). Ferner befassen sich rechtsgeschichtliche Lehrstühle und Institute etwa in München,[14] Freiburg,[15] Marburg und Göttingen mit Papyrologie. Am Institut für Altertumskunde der Universität zu Köln existiert seit 1972 die von Reinhold Merkelbach begründete Arbeitsstelle für Papyrologie, Epigraphik und Numismatik der Nordrhein-Westfälischen Akademie unter Leitung des Klassischen Philologen Jürgen Hammerstaedt.

An der Universität Wien (Standort: Österreichische Nationalbibliothek wegen der dort untergebrachten Papyrussammlung, die mit 180.000 Objekten zu den größten der Welt zählt)[16] gibt es einen speziellen Arbeitsbereich für Papyrologie, der vom Altphilologen Hermann Harrauer ins Leben gerufen wurde. 2004 wurde die erste Professur für Papyrologie und Alte Geschichte eingerichtet, die an seinen ersten Diplomanden, Bernhard Palme, vergeben wurde. Papyrologie ist derzeit für Studierende der Alten Geschichte und Altertumskunde in Wien verpflichtend – eine Besonderheit im deutschsprachigen Raum.

Bedeutende Papyrussammlungen Deutschlands[17] befinden sich in Gießen,[18] Hamburg,[19] Heidelberg,[20] Halle,[21] Jena,[22] Köln,[23] Leipzig,[24] Marburg[25] und Trier.[26]

Berühmt und bedeutend ist die Sammlung der Oxyrhynchus Papyri in Oxford, die über 400.000 Stücke enthält.

In den Vereinigten Staaten gibt es nennenswerte Papyrussammlungen an der Universität Michigan[27] und an der Duke University in North Carolina.[28]

Die Association Internationale de Papyrologues (AIP) ist ein internationaler Verband zur Interessenvertretung und Projektförderung auf dem Gebiet der Papyrologie.[29]

Geschichte der Papyrologie[Bearbeiten]

Die Geschichte der Papyrologie beginnt nicht erst, wie man erwarten könnte, mit der Erforschung Ägyptens im Zuge des Feldzuges Napoleons I. von 1798, sondern bereits 1752 mit der Entdeckung der Villa Ercolanese dei Papiri in der 79 nach Chr. vom Vesuv verschütteten Stadt Herculaneum.[30] Die Restaurierung und Edition der über 800 verkohlten Papyrusrollen, die hier gefunden wurden, dauert seither an. Der erste Band erschien 1793. Bereits 1788 war durch den Dänen Nils Iversen Schow in Rom die erste Publikation von Fellachen in Ägypten gefundener Papyri erfolgt.[31]. Seit dem 19. Jahrhundert wurde neben Zufallsfunden und Raubgrabungen auch von Wissenschaftlern gezielt nach Papyri gegraben, unter anderem bei Memphis und Theben, in Soknopaiu Nesos (Dime) im Fayum, in Oxyrhynchos, Tebtynis und Hibeh. Immer mehr dokumentarische und literarische Papyri, darunter Reden des Hypereides und die Athenaion Politeia (Der Staat der Athener) des Aristoteles, kamen ans licht und wurden publiziert, sodass die Bedeutung der Papyri als Zeugen der Textüberlieferung immer deutlicher wurde. Die Folge war, dass sich immer mehr Klassische Philologen, Althistoriker und Rechtshistoriker wie, um nur die noch im 19. Jahrhundert geborenen hier zu nennen, Harold Idris Bell, Wladimir Brunet de Presle, Friedrich Bilabel, Aristide Calderini, David Cohen, Paul Collart, Domenico Comparetti, Goffredo Coppola, Wilhelm Crönert, Adolf Deißmann, Eduardo Luigi De Stefani, Émile Egger, Samson Eitrem, Gustav Adolf Gerhard, Otto Gradenwitz, Theo Gompertz, Bernard Grenfell, Arthur Surridge Hunt, Hugo Ibscher, Christian Jensen, Paul Jörs, Pierre Jouguet, Frederic G. Kenyon, Emil Kießling, Hans Kreller, Edgar Lobell, Giacomo Lumbroso, Jean Maspero, Ludwig Mitteis, Medea Norsa, Walter Otto, George A. Petropoulos, Karl Preisendanz, Friedrich Preisigke, Anton von Premerstein, Fritz Pringsheim, Théodore Reinach, Paul Rubensohn, Michael Schnebel, Ernst Schönbauer, Wilhelm Schubart, Frantiszek Smolka, Siegfried Sudhaus, Rafael Taubenschlag, Paul Viereck, Josef Vančura, Girolamo Vitelli, Achille Vogliano, Leopold Wenger, Carl Wessely, William Linn Westermann, Ulrich Wilcken, Grigol Zereteli, Friedrich Zucker ganz oder teilweise der neuen Disziplin der Papyruskunde zuwendeten und sich die Papyrologie schließlich als eigenständiges Fach zu konstituieren vermochte. 1902 wurde zum Zweck des Erwerbs von Papyri von der 1901 vom Preussischen Kultusminister Konrad von Studt gegründeten Berliner Papyruskommission (Mitglieder Richard Schöne, Hermann Diels, Adolf Ermann, Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff) das Deutsche Papyruskartell unter Leitung von Otto Rubensohn gegründet, durch das eine Konkurrenz deutscher Sammlungen beim Ankauf vermieden werden sollte.[32] Meilensteine der Forschung waren die 1912 bei Teubner in Leipzig in zwei Bänden (je zwei Halbbände) erschienen Grundzüge und Chrestomathie der Papyrusurkunde von Ulrich Wilcken und Ludwig Mitteis sowie das bei der Società Editrice Internationale 1973 in Florenz erschienene Handbuch La papirologia von Orsolina Montevecchi. Entscheidend für die raschen Fortschritte waren mehrere Faktoren: der auf Theodor Mommsen zurückgehende methodische Grundsatz, "daß die Archive der Vergangenheit geordnet werden“,[33] dass also das Quellenmaterial unabhängig von der aktuellen Beurteilung seines Quellenwertes vollständig zu erfassen, zu edieren und zu kommentieren ist; die organisatorische Arbeit von Friedrich Preisigke, der auf Initiative von Otto Gradenwitz die erforderlichen Nachschlagewerke erstellte (siehe oben); die Erschließung der neuen digitalen Möglichkeiten für die Geisteswissenschaften, bei der das Fach unter Federführung von Dieter Hagedorn an der Universität Heidelberg sowie John F. Oates[34] und William H. Willis[35] an der Duke University Pionierarbeit geleistet hat und weiterhin eine herausragende Rolle spielt; die Interdisziplinarität und die intensive internationale Zusammenarbeit unter der Devise der amicitia papyrologorum (Freundschaft der Papyrologen), die sich seit 1930 alle drei Jahre nahezu vollständig auf ihrem Weltkongreß begegnen.[36]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einführungen[Bearbeiten]

  • Nabia Abbott: Studies in Arabic Literary Papyri. 3 Bände. University of Chicago Press, Chicago IL 1957–1972.
    • Band 1: Historical Texts (= Oriental Institute Publications 75, ISSN 0069-3367). 1957;
    • Band 2: Qurʾānic Commentary and Tradition (= Oriental Institute Publications 76). 1967;
    • Band 3: Language and Literature (= Oriental Institute Publications 77). 1972, ISBN 0-226-62178-2.
  • Roger Bagnall: Reading papyri, writing ancient history. Routledge, London u. a. 1995, ISBN 0-415-09376-7.
  • Roger Bagnall: Egypt. From Alexander to the Copts. An archaeological and historical guide. British Museum Press, London 2004, ISBN 0-7141-1952-0.
  • Roger S. Bagnall, Bruce Frier: The demography of Roman Egypt (= Cambridge Studies in Population, Economy, and Society in past Time 23). Reprinted edition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1995, ISBN 0-521-46123-5.
  • Adolf Grohmann: Allgemeine Einführung in die arabischen Papyri nebst Grundzügen der arabischen Diplomatik. Burgverlag, Wien 1924.
  • Adolf Grohmann: Arabische Papyruskunde. In: Bertold Spuler, Hartwig Altenmüller (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1: Der Nahe und Mittlere Osten. = The Near and Middle East. Ergänzungs-Band 2, Halbband 1. Brill, Leiden u. a. 1966, S. 49–118.
  • Joachim Hengstl u. a. (Hrsg.): Griechische Papyri aus Ägypten als Zeugnisse des öffentlichen und privaten Lebens. griechisch-deutsch (unserem verehrten Lehrer Prof. Dr. jur dr. h. c. Hans-Julius Wolff zum 75. Geburtstag am 27. August dargebracht). Heimeran, München 1978.
  • Andrea Jördens: Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Neue Folge, hrsg. v. B. Janowski - G. Wilhelm, Band I: Texte zum Rechts- und Wirtschaftsleben, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 2004 (darin: Kap. V 6.1 Der Zolltarif (zusammen mit I. Kottsieper), S. 280–292; Kap. VII: Griechische Texte aus Ägypten, S. 313–354). Band II: Staatsverträge, Herrscherinschriften und andere Dokumente zur politischen Geschichte, Gütersloh 2005 (darin: Kap. VIII Griechische Texte aus Ägypten, S. 369–389). Band III: Briefe, Gütersloh 2006 (darin: Kap. VIII Griechische Briefe aus Ägypten, S. 399–427). Band IV: Omina, Orakel, Rituale und Beschwörungen, Gütersloh 2008 (darin: Kap. IV 4.9.1.3–4.9.1.6 Traumaufzeichnungen aus dem Serapeum - die Katochoi, S. 374–377; Kap. VII Griechische Texte aus Ägypten, S. 417–445). Band V: Texte zur Heilkunde, Gütersloh 2010 (darin: Kap. V Griechische Texte aus Ägypten, S. 317-350) . Band VI: Grab-, Sarg-, Bau- und Votivinschriften, Gütersloh 2011 (darin: Kap. IX Griechische Texte aus Ägypten, S. 403-436). Band VII Hymnen, Klagelieder und Gebete, Gütersloh 2013 (darin Kap. V Griechische Texte aus Ägypten, S. 273-310). Bd. VIII Weisheitstexte Mythen und Epen, Güthersloh 2015 (darin Kap. VII Griechische Texte aus Ägypten, S. 479-518).
  • Adolf Grohmann: Chrestomathie de papyrologie arabe. Documents relatifs à la vie privée, sociale et administrative dans les premiers siècles islamiques (= Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1: Der Nahe und Mittlere Osten. = The Near and Middle East. Ergänzungs-Band 2, Halbband 2). Retravaillée et élargie par Raif Georges Khoury. Brill, Leiden u. a. 1993, ISBN 90-04-09551-9.
  • Raif Georges Khoury: Die Bedeutung der arabischen literarischen Papyri von Heidelberg für die Erforschung der klassischen Sprache und Kulturgeschichte im Frühislam. In: Heidelberger Jahrbücher. Bd. 19, 1975, ISSN 0073-1641, S. 24–39 (mit Abbildungen arabischer Papyri).
  • Orsolina Montevecchi: La papirologia. Società Editrice Internationale, Florenz 1973; Vita e pensiero, bearbeitete Neuaufl. Mailand 1991.
  • Peter J. Parsons: Die Stadt des Scharfnasenfisches. Alltagsleben im antiken Ägypten. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Bertelsmann, München 2009, ISBN 978-3-570-00459-3 (zugleich eine gute populäre Einführung in die Arbeitsweise der Papyrologie).
  • Hans-Albert Rupprecht: Kleine Einführung in die Papyruskunde. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04493-2.
  • Wilhelm Schubart: Einführung in die Papyruskunde. Weidmann, Berlin 1918 [5]
  • Ludwig Mitteis, Ulrich Wilcken: Grundzüge und Chrestomathie der Papyrusurkunde, Bd. 1-2. Teubner, Leipzig 1912.
  • Hans-Julius Wolff: Das Recht der griechischen Papyri Ägyptens in der Zeit der Ptolemäer und des Principats (Handbuch des Altertums X 5, 2), Organisation und Kontrolle des privaten Rechtsverkehrs. Ch. Beck, München 1978.
  • Hans-Julius Wolff: Das Recht der griechischen Papyri Ägyptens in der Zeit der Ptolemäer und des Principats (Handbuch des Altertums X 5, 1), Bd. 1 Bedingungen und Triebkräfte der Rechtsentwicklung, hg. von Hans-Albert Rupprecht. Ch. Beck, München 2002 ISBN 978-3-406-48164-2

Zeitschriften/Periodika[Bearbeiten]

Umfangreiches Verzeichnis, auch der gängigen Abkürzungen: [6]

Corpora[Bearbeiten]

Ein detailliertes Verzeichnis der Corpora edierter Papyri, auch mit gängigen Abkürzungen: [7]

Schriftenreihen[Bearbeiten]

Ein detailliertes Verzeichnis der Schriftenreihen, auch mit gängigen Abkürzungen: [8]

Ostraka und Täfelchen[Bearbeiten]

Ein detailliertes Verzeichnis der Editionen, auch mit gängigen Abkürzungen: [9]

Hilfsmittel[Bearbeiten]

Ein detailliertes Verzeichnis der Hilfsmittel und Nachschlagewerke, auch mit gängigen Abkürzungen: [10]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Michael R. Ott , Rebecca Sauer , Thomas Meier (Hrsg.), Materiale Textkulturen. Konzepte – Materialien – Praktiken, (= Materiale Textkulturen 1). de Gruyter, Berlin Boston München 2015.
  2. Vgl. Vindolanda tablets online; vgl. Artikel "Vindolanda tablets" der englischen Wikipedia.
  3. Palaeographie – Grundbegriffe. Seite der Uni Passau
  4. Vgl. beispielsweise: Karl Sudhoff: Ärztliches aus griechischen Papyrus-Urkunden. Bausteine zu einer medizinischen Kulturgeschichte des Hellenismus (= Studien zur Geschichte der Medizin. Heft 5/6, ISSN 0256-2634). Barth, Leipzig 1909.
  5. Vgl. Artikel "Petra papyri" der englischen Wikipedia; Information zu den Petrapapyri auf der Seite nabataea.net
  6. Siehe die angegebene Literatur von N. Abbot, A. Grohmann und R. G. Khoury.
  7. http://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie/zaw/papy/
  8. Heidelberger Gesamtverzeichnis der griechischen Papyrusurkunden Ägyptens
  9. [1]
  10. http://www.columbia.edu/cu/lweb/projects/digital/apis/about.html APIS
  11. [2]
  12. Bibliographie Papyrologique
  13. Vgl. Liste bekannter Papyrologen.
  14. Leopold-Wenger-Institut für Rechtsgeschichte, Abteilung für Antike Rechtsgeschichte und Papyrusforschung
  15. Institut für Rechtsgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  16. Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
  17. [3]
  18. Giessener Papyrussammlungen
  19. [4]
  20. Papyrus-Sammlung der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  21. Papyrussammlung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  22. Papyrussammlung der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  23. Papyrus-Sammlung an der Universität zu Köln
  24. Papyrus- und Ostrakasammlung der Universitätsbibliothek der Universität Leipzig
  25. Papyrus-Sammlung am Institut für Rechtsgeschichte und Papyrusforschung der Philipps-Universität Marburg
  26. Papyrussammlung der Universität Trier
  27. Papyrussammlung der University of Michigan
  28. Papyrus Archive Duke University
  29. Seite der AIP
  30. Seite von Nadine Quenouille zur Geschichte der Papyrologie.
  31. Nils Iversen Schow, Charta Papyracea Graece Scripta Musei Borgiani Velitris Qua Series Incolarum Ptolemaidis Arsinoiticae in Aggeribus Et Fossis Operantium Exhibetur, Rom 1788.
  32. Oliver Primavesi, Zur Geschichte des deutschen Papyruskartells
  33. Theodor Mommsen, Antrittsrede 8. Juli 1858, in: Ders., Reden und Aufsätze. Weidmannsche Buchhandlung, 2. Aufl. Berlin 1905, S. 37: "Es ist die Grundlegung der historischen Wissenschaft, daß die Archive der Vergangenheit geordnet werden.“ Vgl. Stefan Rebenich, Theodor Mommsen und Adolf Harnack. Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts. de Gruyter, Berlin New York 1997, S. 227; S.640.
  34. Nekrolog für John F. Oates
  35. Artikel "William Hailey Willis" der englischen Wikipedia.
  36. Internationale Papyrologenkongresse