Peel-Kommission

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Vorschlag für eine Aufteilung durch die Peel-Kommission. Jaffa (nicht eingezeichnet) liegt südlich von Tel Aviv im britisch kontrollierten Gebiet.

Die Peel-Kommission, offiziell Palestine Royal Commission,[1] war eine Kommission, welche die Briten während ihrer Mandatsherrschaft in Palästina einrichteten. Ihr 404-seitiger[2] Bericht schlug am 7. Juli 1937[3][4][5] erstmals[5] die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vor.

Nach Beginn des Großen Arabischen Aufstands setzte die britische Mandatsregierung im August 1936 eine aus sechs Personen bestehende Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von William Peel ein. In der Kommission waren neben Peel auch Horace Rumbold, Laurie Hammond, William Morris Carter, Harold Morris und als einflussreichstes[6] Mitglied Oxford-Professor Reginald Coupland. Die Kommission kam am 11. November 1936[2][4] in Palästina an und hörte 113[2] Zeugenaussagen (davon 60[2] öffentlich) von Briten, Juden und Arabern. Angehört wurden beispielsweise Dov Hoz[7] (Histadrut) oder im Januar 1937 George Mansur[7] (Arab Workers Society). Die Husseini-Fraktion, die die Kommission zunächst boykottierte,[5] musste von den ausländischen Monarchen Abd al-Aziz ibn Saud[5] aus dem Hause Saud und König Ghazi I.[5] von Irak zur Teilname an den Anhörungen gedrängt werden. Der zunächst ebenfalls ablehnende Raghib an-Naschaschibi wurde vom transjordanischen Monarchen Abdallah ibn Husain I.[5] zu einer Teilnahme bewegt.

Die arabische Seite brachte in den Anhörungen ihre Klage vor, dass sie sich als einst vollwertige Bürger des Osmanischen Reiches und dann als Alliierte der Entente, im Widerspruch zu den Erklärungen der Hussein-McMahon-Korrespondenz[5] und des Völkerbundes,[5] nun in der Lage befänden, von den einstigen Verbündeten kolonial unterworfen und zudem durch die Jewish Agency[5] unter Druck gesetzt zu werden. Die jüdische Seite sah die Schuld am Ausbruch der Gewalt, nach britischer Diktion zunächst zurückhaltend troubles[5] oder disturbances genannt,[5] hauptsächlich im angeblich unentschlossenen[5] Handeln der Briten. Ihrer Meinung nach hatten es diese bis dato versäumt, ihre selbsterklärte Politik einer „jüdischen Heimstätte in Palästina“ zu verwirklichen.[5]

Reginald Coupland hatte sich am 23. Dezember 1936[6] zu privaten Gesprächen mit Chaim Weizmann getroffen, dem er am 8. Januar 1937[6] einen persönlichen Vorschlag über zwei unabhängige Staaten zukommen ließ. Einige Wochen später kam Coupland zu einem weiteren Treffen mit Weizmann in Nahalal.[6] Nichtöffentliche Zwischenstandgespräche führten die Mitglieder der Kommission im ägyptischen Helwan.[6] Zwei[2] weitere öffentliche Anhörungen und 8[2] weitere in camera folgten in London. Der Peel-Bericht stammte überwiegend aus der Feder von Coupland.[6]

Nach den Befragungen empfahl die Kommission einen Teilungsplan. „Ein nicht beizulegender Konflikt ist zwischen zwei nationalen Gemeinschaften innerhalb der engen Grenzen eines kleinen Landes entstanden“,[8][9] berichtete die Kommission. Ihre Vorschläge wurden am 22. Juni 1937[6] von der Kommission unterzeichnet und im Juli 1937[7] im britischen Unterhaus diskutiert. David Lloyd George,[6] Herbert Samuel[6] und Winston Churchill[6] lehnten den Vorschlag einer Teilung ab, da sie darin einen Verstoß gegen die Balfour-Deklaration sahen,[6] während die Regierung den Plan unterstützte. Als Zugeständnisse an die arabische Bevölkerung sollten Landverkäufe an die zionistischen Organisationen vorübergehend eingeschränkt[2] werden und die jüdische Einwanderung sollte nicht wie bisher von der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit[2] Palästinas, sondern von ihrer politischen Verträglichkeit[2] abhängig gemacht werden.

Der Plan sah somit erstmals die Teilung Palästinas in einen jüdischen Teil und einen arabischen Teil vor. Ersterer sollte die Küstenebene, das Jesreeltal und einen großen Teil von Galiläa umfassen, während letzterer die übrigen Gebiete (Judäa, Samaria und den Negev) umfasste. Zudem war ein britisch kontrollierter Korridor von Jerusalem bis nach Jaffa vorgesehen, in dem sich der Großteil der religiösen Stätten befand. Die Briten behielten sich zudem das Recht vor, zunächst weiter die Kontrolle in den Häfenstädten Haifa,[5] Jaffa,[5] Akkon[5] und im transjordanischen Akaba auszuüben. Mit Transjordanien gab es nach Auffassung mancher Zionisten bereits einen arabischen Staat in Palästina.[2] Die Jordanien-ist-Palästina-These[10] wurde seither wiederholt in den politischen Diskurs eingebracht wurde, so beispielsweise in der Kontroverse um das Anglo-amerikanische Untersuchungskomitee von 1945/46.[11]

Zum Ärger der arabischen Seite, sollten beide Parteien als gleichberechtigt behandelt werden. („The Arabs and the Jews of Palestine stand as opposed litigants with equal rights.“[2]) Ebenso nahm die arabische Seite Anstoß an der Aussage, dass der Peel-Plan in erster Linie als Problemlösung für die Juden gedacht war. („The Jewish case as the basic issue to be considered and solved without reference to the Arab issues at stake.“[2]) Auf der arabischen Seite, allen voran seitens des Arabischen Hohen Komitees,[2] – mit kurzzeitiger Ausnahme von König Abdallah von Transjordanien[1][2] – wurde der Peel-Vorschlag deshalb abgelehnt. Die Peel-Kommission hatte vorgeschlagen, den ganzen arabischen Teil Transjordanien zuzuschlagen,[9][5] wogegen sich eine am 1. September 1937[12] im syrischen Ort Bloudan[13] vom Komitee für die Verteidigung Palästinas,[12] einer syrischen Nichtregierungsorganisation, abgehaltene Konferenz mit 450[14] Teilnehmern einstimmig positionierte. Eine anti-haschimitische arabische Allianz stellte sich damit gegen das zukünftige Jordanien.[12]

Die jüdische Seite, die auf der Tagung des Poale Zion[3] und am zeitgleich stattfindenden 20. Zionistenkongress[1][3][5] in Zürich im August 1937 zunächst geteilter Meinung war, stimmte zögernd zu. Zumal der Bericht zum ersten Mal[2] offiziell die Möglichkeit eines jüdischen Staats[2] erwähnte und nicht lediglich von einer jüdischen Heimstätte[2] sprach. Sowohl die gemäßigte Rechte der Allgemeinen Zionisten um Chaim Weizmann,[1] als auch die im Jischuv dominierenden Arbeiterzionisten um David Ben-Gurion[1] lehnten aus pragmatischen[1] Überlegungen „das Prinzip der Teilung“,[9] so der Historiker Mark Tessler, nicht ab, auch weil das Gebiet fast alle bestehenden Agrarsiedlungen und die fruchtbarsten[9] Böden umfasste und religiöse Erwägungen für sie zweitrangig waren.[1] Die Vertreter der zionistischen Institutionen in den USA, Louis Brandeis[6] und Stephen Wise,[6] schlossen sich der Entscheidung widerwillig an, Verhandlungen auf der Basis des Peel-Vorschlags zu akzeptieren. David Ben-Gurion,[3] Berl Katznelson[3] und unabhängig vom Peel-Bericht vor ihnen im Mai 1936[9] schon der von der Hauptrichtung des Zionismus für seine allzu radikalen Aussagen kritisierte[9] Menachem Ussishkin,[9] der eine Umsiedlung der Palästinenser in den Irak[9] gefordert hatte und auch die Teilung ablehnte,[5] äußerten sich zugunsten eines „Transfers“.[3] Totale Ablehnung jeglicher Teilung Palästinas kam programmgemäß von der radikalen Rechten, verkörpert in der Partei der Revisionisten[5] um Wladimir Zeev Jabotinsky.

Ben-Gurion, dessen persönliche Einstellung zum „Transfer“ unter Historikern umstritten[9] ist, schrieb am 5. Oktober 1937 an seinen Sohn Amos:

„Errichte unverzüglich einen jüdischen Staat, auch wenn es nicht in dem ganzen Land ist. Der Rest wird im Laufe der Zeit kommen. Er muss kommen.“[15][16]

Das für die Araber vorgesehene Gebiet war mit 85 %[5] wesentlich größer und aus einem Stück, zählte zu diesem Zeitpunkt jedoch lediglich 1250[3][5] jüdische Einwohner, im Gegensatz zum jüdischen Teil, welcher durch ein von den Briten kontrolliertes Gebiet getrennt war und fast zur Hälfte[1] arabische Einwohner hatte, nämlich rund 225.000[5] Personen (293.000[5] unter Einbezug der vier provisorisch britisch bleibenden Häfen). Um möglichst homogene Bevölkerungen entstehen zu lassen, wurde ein gegenseitiger Bevölkerungstransfer[5] („exchange of population“[1]) erwogen, wovon der Peel-Plan die arabische Bevölkerung Galiläas ausnehmen[5] wollte, da diese nachbarschaftliche[5] Beziehungen zu den dortigen Juden hatte. Geräumt werden sollte der Kommission zufolge der ganze Rest des Gebietes, wofür sie zur Rechtfertigung und Beruhigung der Gemüter auf den erfolgten Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei[5] von 1923 verwies.

Peel zufolge sollten über 200.000[1] Araber umgesiedelt werden. Die Notwendigkeit, bei der Ausführung eines solchen Vorhabens Gewalt anwenden zu müssen, wurde angesprochen und veranlasste den Völkerbund zur Einsetzung einer „technischen Kommission“[1][5] unter John Woodhead[2] (Woodhead-Kommission, auch bekannt als Palestine Partition Commission[2]), die Palästina von Ende April bis Anfang August 1938[2] aufsuchte und mit ihrem am 9. November 1938[6] vorgelegten Bericht der britischen Regierung eine ablehnende Einschätzung nahelegte.[13] Diese Kommission war von arabischer Seite boykottiert[2] worden, während die Jewish Agency ihr ihre eigenen Berichte[2] zuarbeitete. Die britische Regierung ließ den Teilungsplan fallen. Es folgte das Weißbuch von 1939.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k Martin Bunton: The Palestinian-Israeli Conflict (=  Very Short Introduction. Band 359). Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-960393-0, S. 37–41.
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v Neil Caplan: The Israel-Palestine Conflict – Contested Histories. In: Contesting the Past. Wiley-Blackwell (John Wiley & Sons), Hoboken (New Jersey) 2010, ISBN 978-1-4051-7539-5, S. 83–87, 171.
  3. a b c d e f g Thomas Vescovi: L’échec d’une utopie – Une histoire de gauches en Israël. Éditions La Decouverte, Paris 2021, ISBN 978-2-348-04311-6, S. 71 f.
  4. a b Luigi Bruti Liberati: Storia dell’impero britannico 1785–1999 – Ascesa e declino del colosso che ha impresso la sua impronta sulla globalizzazione. Giunti Editore/Bompiani, Giunti Editore/Bompiani 2022, ISBN 978-88-301-0585-0, S. 358.
  5. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac Bichara Khader: L’Europe et la Palestine : des croisades à nos jours. In: Jean-Paul Chagnollaud (Hrsg.): Collection Comprendre le Moyen-Orient. Éditions L’Harmattan/Éditions Bruylant (Bruylant-Academia)/Éditions Fides et Labor, Paris-Montréal/Bruxelles/Genève 1999, ISBN 978-2-7384-8609-7, S. 163–166.
  6. a b c d e f g h i j k l m n Thomas G. Fraser: Contested Lands – A History of the Middle East since the First World War. Haus Publishing, London 2021, ISBN 978-1-913368-24-1, S. 71 ff.
  7. a b c Zachary Lockman: Comrades and Enemies – Arab and Jewish Workers in Palestine, 1906–1948. University of California Press, Berkeley 1996, ISBN 0-520-20419-0, S. 252 f.
  8. William Peel et al.: The Peel Commission Report (July 1937). In: Jewish Virtual Library, S. 370 (dies ist ein Summary, das vollständige Dokument steht über diesen Link als full text zum download bereit).
  9. a b c d e f g h i Mark Tessler: A History of the Israeli-Palestinian Conflict. In: Mark Tessler (Hrsg.): Indiana Series in Middle East Studies. 2. Auflage. Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis 2009, ISBN 978-0-253-22070-7, S. 241–244 und Fußnote 113, S. 869 f.
  10. Philip Robins: A History of Jordan. Cambridge University Press, Cambridge 2004, ISBN 0-521-59895-8, S. 193.
  11. Joseph Heller, in: The Anglo-American Committee of Inquiry on Palestine (1945–1946): The Zionist Reaction Reconsidered. In: Jehuda Reinharz and Anita Shapira (Hrsg.): Essential Papers on Zionism. Cassell, London 1996, ISBN 0-304-33585-1, S. 689–723, hier S. 699.
  12. a b c Musa S. Braizat: The Jordanian-Palestinian Relationship – The Bankruptcy of the Confederal Idea. British Academic Press, London 1998, ISBN 1-86064-291-8, S. 53.
  13. a b Amnon Cohen, préface de Michel Abitbol et Abdou Filali-Ansary: Juifs et musulmans en Palestine et en Israël – Des origines à nos jours. In: Collection Texto. 2. Auflage. Éditions Tallandier, Paris 2021, ISBN 979-1-02104776-1, S. 134.
  14. Gardner Thompson: Legacy of Empire – Britain, Zionism and the Creation of Israel. Saqi Books, London 2019, ISBN 978-0-86356-482-6, S. 231.
  15. Joel Beinin: Was the Red Flag Flying There? – Marxist Politics and the Arab-Israeli Conflict in Egypt and Israel, 1948–1965. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1990, ISBN 0-520-07036-4, S. 14 und Notes S. 262 (erschienen in: Letters to Paula [Ben-Gurion], London 1971, S. 157).
  16. Ghada Karmi: Israël-Palestine, la solution : un État. La fabrique éditions, Paris 2022, ISBN 978-2-35872-233-9, S. 27 (gekürzte und aktualisierte Ausgabe von: Married to Another Man: Israel's Dilemma in Palestine, Pluto Press, London/Sterling (Virginia) 2007; übersetzt und verlegt von Éric Hazan, mit Transliteration arabischer Namen von Lola Maselbas; die Aussage von David Ben-Gurion wird dort zitiert in Avi Shlaim: The Iron Wall. Israel and the Arab World, Norton Press, New York 2000, S. 21 (Karmi: Fußnote 19/S. 151)).