Röchling Gruppe

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Röchling-Gruppe
Rechtsform SE & Co. KG
Gründung 1822
Sitz Mannheim, Deutschland

Leitung

  • Ludger Bartels, Vorsitzender
  • Erwin Doll
  • Franz Lübbers
  • Steffen Rowold
Mitarbeiter ca. 8400 [31. Dezember 2015]
Umsatz 1,6 Mrd. EUR [31. Dezember 2015]
Branche Kunststoffverarbeitung
Website http://www.roechling.com/

Die Röchling SE & Co. KG mit Sitz in Mannheim, Baden-Württemberg, ist eine Unternehmensgruppe, die weltweit auf dem Gebiet der Kunststoffverarbeitung tätig ist.

Die Röchling-Gruppe zählt mit einer breiten technologischen Basis auf allen von ihr besetzten Gebieten der Kunststoffverarbeitung zu den international führenden Unternehmen. Sie ist in die drei Unternehmensbereiche Industrie, Automobil und Medizin gegliedert. 2016 war die Unternehmensgruppe mit 78 Standorten in 22 Ländern Europas, Amerika und Asien tätig.[1]

Die Produktpalette des Unternehmensbereichs Industrie umfasst ein Spektrum von unterschiedlichen Halbzeugen über Profile sowie Formguss- und Spritzgussteile bis hin zu spanabhebend hergestellten, konfektionierten und lackierten Fertigteilen aus Standard- und technischen Hochleistungskunststoffen.[2]

Der Unternehmensbereich Automobil versorgt Automobilhersteller und Systemlieferanten auf der ganzen Welt mit Kunststoffanwendungen, die eingesetzt werden, um die aktuellen Herausforderungen der Automobilindustrie zu lösen: Verminderung von Emissionen, Gewicht, Verbrauch und Kosten.[3]

Der Unternehmensbereich Medizin fertigt für Kunden in Medizintechnik und Pharmaindustrie spritzgegossene Komponenten für Geräte und Instrumente der Bereiche Chirurgie, Pharma, Diagnostik und Dialyse bis hin zu blasgeformten Primärverpackungen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1822 machte sich Friedrich Ludwig Röchling mit der Gründung einer Kohlehandlung in Saarbrücken selbstständig. Röchling starb 1836 kinderlos und vermachte das Unternehmen seinen vier Neffen, den Söhnen seines Bruders Christian. Die „Gebrüder“ Theodor, Ernst, Carl und Fritz Röchling, Namensgeber der Gebr. Röchling KG, starteten 1849 mit der Produktion von Koks und der industriellen Eisenverarbeitung. Geführt wurden die Geschäfte, insbesondere um den Jahrhundertwechsel, maßgeblich von Carl Röchling (1827–1910), da er seine Brüder um Jahrzehnte überlebte. Er kaufte 1881 die Völklinger Eisenhütte,[4] die von nun an unter dem Namen „Völklinger Eisenwerk Gebr. Röchling OHG“ betrieben wurde. Die 1860 eröffnete Bahnstrecke Saarbrücken–Trier begünstigte die Hütte; ebenso die Tatsache, dass nach dem Krieg 1870/71 Teile von Elsaß und Lothringen zum Deutschen Kaiserreich gekommen waren.[4] Der Erwerb dieser Eisenhütte markierte für Röchling den Beginn der Stahlära. 1883 wurde dort der erste Hochofen in Betrieb genommen.[5]

Vorkriegsjahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts übernahm Hermann Röchling (1872–1955) sukzessive die Aufgaben seines Vaters Carl. Unter seiner Regie entwickelte sich die Hütte von einem vorindustriellen Eisen- zu einem modernen Hochofenwerk, das auch die zunehmend nachgefragten Qualitätsstähle produzieren konnte.

Erster Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde die Völklinger Hütte auf Kriegsbedarf umgestellt. Auf dem Gelände wurde eine Fabrik errichtet, die Geschosse fast aller Kaliber für die Artillerie fertigte. Außerdem wurde ein Großteil des Materials, das für die Herstellung der Stahlhelme der deutschen Armee benötigt wurde, in Völklingen produziert. Nach Kriegsende entzog die französische Siegermacht der Familie Röchling das Eigentum an der Carlshütte in Diedenhofen (Thionville), an den Eisenerzgruben in Lothringen sowie an sämtlichen Niederlassungen in Frankreich. Hermann Röchling und sein inhaftierter Bruder Robert wurden von einem Kriegsgericht in Amiens wegen Demontage französischer Betriebe in den besetzten Gebieten zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Während Robert in der Berufungsinstanz freigesprochen und nach 22 Monaten aus der Haft entlassen wurde, blieb das Urteil gegen Hermann formal bestehen, da er sich weigerte, zur Aufhebung des Urteils vor einem französischen Kriegsgericht zu erscheinen.

1920 bis 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1920er und 1930er Jahren trieb Hermann Röchling den Wiederaufbau des Familienunternehmens voran, erwarb neue Firmen – darunter 1922 mit der Holzveredelung GmbH Berlin auch das erste Kunststoffunternehmen, aus dem sich im Laufe der Jahrzehnte die heutige Röchling Engineering Plastics SE & Co. KG entwickelte – und setzte sich politisch für eine Wiederangliederung des bis 1935 unter Völkerbundsmandat stehenden Saargebiets an Deutschland ein. 1935 trat er in die NSDAP ein und wurde Rüstungsbeiratsmitglied des Reichswehrministeriums, 1938 zum Wehrwirtschaftsführer ernannt und 1942 zum Reichsbeauftragten für Eisen und Stahl in den besetzten Gebieten berufen. Wegen industrieller Ausbeutung der besetzten Gebiete, „Steigerung des Kriegspotentials des Dritten Reiches und erheblichen Anteils an der Ausführung des Programms für die Verschleppung zum Zwecke der Zwangsarbeit“[6] wurde Hermann Röchling Anfang 1949 von einem französischen Militärgericht in Rastatt in zweiter Instanz zu einer zehnjährigen Haftstrafe zuzüglich Vermögensenteignung und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. 1951 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen; 1955 starb er in Mannheim. Im selben Jahr kaufte das Unternehmen die Rheinmetall Berlin AG, Ausrüster der neugegründeten Bundeswehr.

Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Völklinger Hütte stand bis 1956 unter französischer Zwangsverwaltung, dann wurde sie der Familie Röchling zurückgegeben. Im selben Jahr trat Ernst Röchling, ein Neffe Hermann Röchlings, an die Spitze des Werkes in Völklingen. 1960 wurde das Unternehmen in zwei Obergesellschaften geteilt: die Gebr. Röchling KG und die Industrie Verwaltung Röchling GmbH, die 1972 in die Röchling Industrie Verwaltung (RIV) GmbH umfirmiert wurde. In ihr waren alle börsennotierten Gesellschaften, im Wesentlichen die Beteiligung an der Rheinmetall AG, zusammengefasst.

Die 1960er- und 70er-Jahre waren für die Röchling-Gruppe gekennzeichnet von der Kohlekrise und der zeitweiligen Stahlflaute, die sich zu einer weltweiten Stahlkrise ausweitete. Das Unternehmen reagierte mit einer Änderung der Unternehmensstrategie: 1978 verkaufte man die Völklinger Hütte und zog sich komplett aus der Stahlindustrie und dem Saarland zurück. Den damaligen Trends in Wirtschaft und Wissenschaft entsprechend setzte die Gruppe stattdessen auf Diversifizierung und erwarb Beteiligungen und komplette Unternehmen in den Bereichen Maschinenbau, Telekommunikation, Elektroinstallation, Frankiersysteme sowie Mess-, Steuer- und Regeltechnik. Mit dem Erwerb der Seeber-Gruppe und der Sustaplast KG begann in den 1980er Jahren auch der weitere Ausbau des Bereichs Kunststoffverarbeitung.

Das neue Jahrtausend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn des neuen Jahrtausends beschäftigte der Mischkonzern in mehr als 300 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften circa 30.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Umsatz von rund 6 Milliarden Euro. Zunehmend traten allerdings die mit einer starken Diversifizierung oft einhergehenden Schwierigkeiten zutage, was die Familie zu einem grundlegenden Führungs- und Strategiewechsel veranlasste. So wurde eine grundlegende Reform der Führungsprinzipien im Unternehmen beschlossen. Zentraler Punkt war dabei die Entscheidung, zukünftig die familiären Kräfte ausschließlich in den Aufsichtsgremien zu konzentrieren und auf operative Funktionen im Unternehmen zu verzichten. In diesem Zusammenhang wechselte Klaus Greinert, Schwiegersohn von Richard Röchling[7] und Geschäftsführer der Gruppe seit 1994, in den Beirat. Dort löste er im Jahr 2000 Kurt Wigand Freiherr von Salmuth ab, der den Gremien von 1986 an bis zu seinem 70sten Lebensjahr vorgesessen hatte. Mit Dr. Bernd Michael Hönle, Geschäftsführer seit 1994, wechselte 2008 schließlich der letzte operativ tätige Nachkomme des Firmengründers in die Aufsichtsgremien.

Darüber hinaus entschloss sich die Familie Röchling unter dem neuen familienfremden Geschäftsführer Georg Duffner 2001 erneut zu einem grundlegenden Strategiewechsel: Abkehr vom unübersichtlichen Mischkonzern und Ausbau des Geschäftsbereichs Kunststoffverarbeitung. Dies beinhaltete den Verkauf von sämtlichen Nicht-Kunststoffaktivitäten (Umsatz ca. 5 Milliarden Euro), insbesondere auch den Verkauf des Mehrheitsanteils an der Rheinmetall AG über die Börse 2004.[8] Parallel zu diesem Umbau verstärkte das Unternehmen die Internationalisierung der Kunststoffgruppe in Osteuropa, Amerika und Asien. Dabei wurden auch neue Märkte erschlossen, insbesondere in der Medizintechnik. Seit 2006 ist die Umstrukturierung abgeschlossen. Die Röchling-Gruppe knüpft damit als ein reiner Kunststoffverarbeiter an ihre nun fast 200 Jahre alte Tradition des Werkstoffspezialisten an, fußend auf ihrer fast hundertjährigen Erfahrung mit Kunststoffen.

Im Jahr 2008 (Gesellschafterausschuss) und im Jahr 2010 (Beirat) übernahm mit Johannes Freiherr von Salmuth wieder ein direkter Nachkomme von Friedrich Röchling in sechster Generation den Vorsitz der Aufsichtsgremien.[9] Seine Stellvertreter sind mit Bernd Michael Hönle (Gesellschafterausschuss) und Carl Peter Thürmel (Beirat) ebenfalls zwei Röchling-Familienmitglieder.[10]

2014 erfolgte zudem die Umfirmierung des Unternehmens von Gebr. Röchling KG in Röchling SE & Co. KG.

Röchling Stiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1990 wurde die 'Röchling Stiftung GmbH'[11] gegründet. Mit ihr will die Familie Röchling ihr soziales Engagement fortsetzen und Mitverantwortung für das Gemeinwesen übernehmen. Die Stiftung finanziert sich aus dem vom Unternehmen zur Verfügung gestellten Gründungskapital, aus von Gesellschaftern geschenkten und vererbten Anteilen an den Röchling-Unternehmen, Vermögenserträgen und Geldspenden. Bei der Auswahl der karitativen und wissenschaftlichen Projekte, die die Stiftung fördert, konzentriert sie sich auf zeitlich begrenzte Projekte, die einen thematischen Zusammenhang mit dem Werkstoff „Kunststoff“ haben oder in einem lokalen Kontext zu einem Standort der Röchling-Gruppe stehen. Im Fokus stehen die Themenfelder Lehren und Lernen, Heilen und Helfen sowie Umwelt und Technik.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Seibold: Röchling. Kontinuität im Wandel. Jan Thorbecke, Stuttgart 2001, ISBN 3-7995-0101-0.
  • D. Richard Nutzinger: Das Haus Röchling in Ludwigshafen a. Rh. 1849-1929. Bilder aus der Familien-, Orts- und Wirtschafts-Geschichte. Ludwigshafen a. Rh.: Julius Waldkirch & Cie. 1929.
  • D. Richard Nutzinger u. a.: 50 Jahre Röchling Völklingen, Saarbrücken/Völklingen 1931.
  • Röchling, Hermann. In: Ernst Klee: Das Personenlexikon im Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? S. Fischer, Frankfurt 2003, ISBN 3-10-039309-0, S. 502.
  • Hans-Christian Herrmann: Hermann Röchling in der deutschen Kriegswirtschaft. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 20, Koblenz 1994, ISSN 0170-2025, S. 405–450.
  • Inge Plettenberg: Über die Beziehungen saarländischer Schwerindustrieller zum Nationalsozialismus. In: Zehn statt tausend Jahre. Die Zeit des Nationalsozialismus an der Saar 1935–1945. Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums im Saarbrücker Schloss. Merziger, Saarbrücken 1988, ISBN 3-923754-06-X, S. 61–76.
  • Ralf Banken: Röchling, Hermann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 705 f.[12]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. www.roechling.com: Über die Gruppe
  2. Hochleistungskunststoffe
  3. Automobilkunststoffe
  4. a b PDF, siehe auch www.memotransfront.uni-saarland.de
  5. Chronologie
  6. „Urteile im Röchling-Prozess“, Mannheim 1949, S.44 (Urteil vom 25. Januar 1949, erlassen vom Obersten Gericht der Militärregierung der Französischen Besatzungszone in Deutschland); Landesarchiv Baden-Württemberg, Unterlagen zum Prozess gegen die Leitung der Firma Röchling
  7. Internet-Auftritt: "Völklingen im Wandel": Die Gebrüderfamilie Röchling (http://www.voelklingen-im-wandel.de/gebaeude-huette-roechling.php zuletzt abgerufen am 13. April 2016)
  8. manager magazin: "Familie Röchling verkauft", 24. November 2004 (http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/a-329382.html zuletzt aufgerufen am 13. April 2016)
  9. Pressemitteilung Röchling: Stabwechsel im Beirat der Röchling-Gruppe (online)
  10. Beirat
  11. Röchling Stiftung GmbH
  12. Digitalisat