Römerlager Bielefeld-Sennestadt

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Lageskizze des Römerlagers Bielefeld-Sennestadt mit heutigem Wegenetz

Das Römerlager Bielefeld-Sennestadt war ein Marschlager, das Römer in der Zeit um Christi Geburt in den heutigen Bielefelder Stadtbezirken Sennestadt und Stieghorst in Nordrhein-Westfalen angelegt hatten. Es bot auf einer Fläche von rund 26 Hektar bis zu 25.000 römischen Soldaten Platz. Im Jahr 2017 entdeckte ein Hobbyforscher das Lager anhand seines umgebenden Erdwalls auf Lidar-Scans im Internet.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das frühere Lagerareal, im Hintergrund der Kamm des Teutoburger Waldes mit einem Pass (rechts)

Das Römerlager Bielefeld-Sennestadt liegt in der Landschaft der Oerlinghausener Senne auf einem leicht ansteigenden Gelände am Südhang des Teutoburger Waldes. Oberhalb des Lagers führt entlang des Menkhauser Baches ein Pass über den Gebirgskamm. Abgesehen von einer etwa fünf Hektar großen Lichtung ist das Lagerareal bewaldet, was auf eine Aufforstung im 19. Jahrhundert zurückgeht. Während der Anwesenheit der Römer in der Zeit um Christi Geburt dürfte in dem Gebiet mit Podsolboden und Ortsteinbildung ein lichter Birken-Eichenwald vorgeherrscht haben.

Der frühere Lagerbereich befindet sich westlich des Tals des Menkhauser Baches, dessen Verlauf die heutige Bielefelder Stadtgrenze zur Stadt Oerlinghausen im Kreis Lippe bildet. Das Lager lag nördlich des Senner Hellwegs. Dies war ein etwa 30 km langer Abschnitt des Westfälischen Hellwegs, der bereits in der Bronzezeit bestand und in germanischer bis in mittelalterlicher Zeit Rhein und Weser verband.

Heute liegt das Lagerareal auf der Grenze zwischen zwei Bielefelder Stadtbezirken. Der kleinere Südteil, auf dem sich die Bildungsstätte Haus Neuland befindet, gehört zum Stadtbezirk Sennestadt. Der größere nördliche Teil des Lagers liegt im Ortsteil Lämershagen-Gräfinghagen auf dem Gebiet des Stadtbezirkes Stieghorst.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Römerlager Bielefeld Gelände Grabungsschnitt Wall Gegenlicht.jpg
Römerlager Bielefeld Spitzgraben Massstock rote Einfärbung.jpg


Ausgrabungsschnitt durch den Wall und der vor dem Wall liegende Spitzgraben, hier verflacht (Rotfärbung durch digitale Nachbearbeitung)

Das Lager hatte eine polygonale Form. Es war an drei Seiten von einem Erdwall mit vorgelagertem Spitzgraben umgeben. Die Ostseite des Lagers sicherte die mehrere Meter zum Tal des Menkhauser Bachs abfallende Hangkante als natürliches Annäherungshindernis. Ursprünglich war der Wall etwa 60 cm hoch und rund zwei bis drei Meter breit. Er bestand aus dem ausgehobenen Erdmaterial des Spitzgrabens. Dieser war etwa 80 cm tief und ca. 1,5 Meter breit. Der Wall hat sich auf einer Länge von 1400 Metern bei einer Höhe von bis zu 40 cm erhalten Der Spitzgraben verfüllte sich nach der Nutzungsphase der Anlage durch Witterung und Einschwemmung von Bodenmaterial.

Der Zugang zum Lager erfolgte über zwei Tore im Wall, die sich an der nordöstlichen und nordwestlichen Seite befanden. Es handelte sich um sogenannte Clavicula-Tore, deren Name sich vom lateinischen Wort clavicula für Schlüsselbein ableitet.[1] Bei dieser Torform verlief der Wall in Höhe des Tores verschwenkt nach innen, wodurch ein enger und besser zu verteidigender Eingangsbereich entstand. In Verbindung mit hölzernen Mauerspeeren, die auf dem Wall aufgepflanzt und mit Seilen verbunden wurden, bot die Anlage Schutz gegen Überfälle und Wildtiere.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgrabung am Wall des Lagers, 2019
Erste Präsentation der Ausgrabung gegenüber der Presse, 2019

Im Jahr 2017 erkannte ein aus dem Rheinland stammender Hobbyforscher in dem Waldgebiet der Senne auf Lidar-Scans des nordrhein-westfälischen Internetangebots TIM-online eine durchgehende polygonale Linie, die sich von neuzeitlichen Strukturen abhob. Die Scans stellen ein digitales Geländemodell auf Grundlage von Airborne Laserscanning-Aufnahmen dar. Dabei werden auf der Erdoberfläche auch Strukturen sichtbar, die durch Vegetation verdeckt sind. Auf diese Weise konnte der Hobbyforscher den unter Bäumen und Sträuchern liegenden Wall als Linie erkennen. Diese hielt er aufgrund ihrer Form und Größe in Verbindung mit den beiden Unterbrechungen, die er als Clavicula-Tore an, für den Wall eines Römerlagers. Nach einer Inaugenscheinnahme vor Ort meldete er seinen Verdacht dem Landschaftsverband Rheinland, der den Hinweis an den zuständigen Landschaftsverband Westfalen-Lippe weiterleitete. Daraufhin führte die LWL-Archäologie für Westfalen auf der Verdachtsfläche systematische Prospektionen durch und nahm im September 2018 und Mai 2019 zwei kleinere Ausgrabungsschnitte auf der Südseite des Lagers vor. Sie bestätigten die Annahme, dass es sich bei der Wallstruktur mit einem vorgelagerten V-förmigen Spitzgraben um Reste eines Römerlagers handelt. Die Denkmalbehörden gaben die Entdeckung bei einer Tagung im März 2019 in Münster gegenüber archäologischen Fachkreisen bekannt[2] während die breite Öffentlichkeit davon im Mai 2019 informiert wurde.[3]

Den Forschern der LWL-Archäologie für Westfalen zufolge ist das Lager in Westfalen einzigartig, weil weite Teile seines rund 2000 Jahr alten Lagerwalls noch heute im Gelände sichtbar sind. Im Gegensatz zu anderen Anlagen dieser Art hat es auf dem Areal keine moderne Überprägung durch großflächige Bebauung, Landwirtschaft oder Plaggenstich gegeben, was die oberflächigen Strukturen zerstört hätte.

Die archäologischen Untersuchungen förderten bisher (Mai 2019) kein Fundmaterial zutage, anhand dessen sich die Anlage datieren ließe. Zu erwarten an römischen Hinterlassenschaften sind insbesondere Münzen, Ausrüstungsgegenstände sowie Reste von Feldbacköfen. Unter Einbeziehung von ehrenamtlichen Helfern sind weitere Prospektionen sowie Ausgrabungen vorgesehen, die über Jahre anhalten sollen.[4] Seitens des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe ist geplant, das Areal des früheren Römerlagers durch eine Ausweisung als Bodendenkmal unter Schutz zu stellen.[5] Die Suche nach Fundstücken ohne Genehmigung stelle seit der Bekanntgabe der Entdeckung Raubgräberei dar, die der Strafverfolgung unterliege.[6]

Präsentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das frühere Lagerareal im Bereich einer größeren Waldlichtung

Nach der öffentlichen Bekanntgabe der Entdeckung im Mai 2019 bot die LWL-Archäologie Führungen an der Ausgrabungsstelle an, die mit über 500 Besuchern auf stärkeres Interesse stießen.[7] Es bestehen Überlegungen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe das Fundgelände touristisch zu nutzen, wobei eine Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen wahrscheinlich ist.[5]

Bedeutung und geschichtliche Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lager mit seiner Wall-Graben-Anlage ist nach Einschätzung der zuständigen provinzialrömischen Archäologin Bettina Tremmel von der LWL-Archäologie für Westfalen typisch für römische Marschlager.[8] Es bot Platz für drei Legionen mit Auxiliartruppen sowie den Tross, was einer Truppenstärke von etwa 25.000 Menschen entspricht.[9] Möglicherweise wurde die Anlage mehrfach genutzt. Das Lager bot den Legionären durch seine Lage an einem ganzjährig Wasser führenden Bach eine gute Wasserversorgung und ermöglichte ihnen die Überquerung des Teutoburger Waldes durch einen oberhalb liegenden Pass.[9]

Die Entdeckung des Lagers wird als wichtiger Baustein zur Beschreibung der Marschrouten gesehen, die die Römer von der Lippe in das Siedlungsgebiet der Cherusker an der Weser nahmen.[10] Es lag etwa 23 km vom Römerlager Anreppen an der Lippe entfernt, was einem Tagesmarsch entsprach. Vom Standort des Marschlagers bei Sennestadt war das Römerlager Porta Westfalica im heutigen Barkhausen zwei Tagesmärsche entfernt, so dass es dazwischen ein weiteres, bisher nicht entdecktes Marschlager geben könnte. Bis zur Entdeckung des Lagers bei Sennestadt hatten die Archäologen zur Überquerung des Teutoburger Waldes ein Marschlager nahe dem Bielefelder Pass (Römische Kreisgrabenanlage auf der Sparrenberger Egge) vermutet.[9]

Den Forschern ist bisher nicht bekannt, auf welches militärische Ereignis die Errichtung des Marschlagers zurückzuführen ist. Sie rechnen es den Augusteischen Germanenkriegen zu und datieren es grob in die Zeit zwischen 1. und 16 n. Chr., wofür die Dimensionen, die Form und die Clavicula-Tore sprechen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Römerlager Bielefeld-Sennestadt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Römerlager in Bielefeld entdeckt bei Bild der Wissenschaft vom 9. Mai 2019
  2. Römisches Marschlager bei Bielefeld-Sennestadt entdeckt bei logistik-des-varus.de vom 11. März 2019
  3. Ingo Kalischek : Einzigartiger Fund in Westfalen: Römerlager in Bielefeld entdeckt in Lippische Landeszeitung vom 2. Mai 2019
  4. LWL-Archäologie entdeckt 2000 Jahre altes Marschlager in Westfälische Nachrichten vom 9. Mai 2019
  5. a b Susanne Lahr: Bielefelder können jetzt das Römerlager besichtigen in Neue Westfälische vom 10. Mai 2019
  6. Führungen mit Archäologin in Neue Westfälische vom 8. Mai 2019
  7. Sibylle Kemna: So spannend ist das Römerlager in Bielefeld in Neue Westfälische vom 13. Mai 2019
  8. Römisches Marschlager in Bielefeld entdeckt bei archaeologie-online vom 8. Mai 2019
  9. a b c Susanne Lahr: Einzigartig in Westfalen: So sieht das Römerlager in Bielefeld aus in Neue Westfälische vom 8. Mai 2019
  10. Wo die Römer rasteten: Laienforscher macht große Entdeckung bei n-tv vom 8. Mai 2019

Koordinaten: 51° 57′ 10″ N, 8° 38′ 3″ O