Rainer Nicolaysen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Rainer Nicolaysen

Rainer Nicolaysen (* 21. Januar 1961 in Hamburg) ist ein deutscher Historiker. Seine Arbeitsschwerpunkte sind vor allem deutsche Sozial- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Exil- und Remigrationsforschung, Hamburgische Geschichte, Biographieforschung und (Homo)Sexualitätsgeschichte. Seit 2010 ist er Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte und Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg, seit 2011 Vorsitzender des Vereins für Hamburgische Geschichte.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rainer Nicolaysen wuchs im Hamburger Schanzenviertel auf und legte 1980 am Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer das Abitur ab. Nach dem Zivildienst studierte er zunächst Rechtswissenschaft, dann von 1986 an Geschichtswissenschaft und Germanistik an der Universität Hamburg und arbeitete parallel von 1986 bis 1998 als Dozent für Deutsch als Fremdsprache und Politische Bildung an der Hamburger Volkshochschule. 1989 wurde er zudem Mitarbeiter im Projekt der 1991 eröffneten Ausstellung „Enge Zeit“, die erstmals den Spuren der in der NS-Zeit Vertriebenen und Verfolgten der Hamburger Universität nachging. Über Leben und Werk eines dieser Vertriebenen, des 1933 emigrierten und 1951 remigrierten jüdischen Politikwissenschaftlers Siegfried Landshut, schrieb Nicolaysen seine Magisterarbeit 1992 und, als Promotionsstipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, seine von Peter Borowsky betreute Dissertation, die er 1996 abschloss. Für seine Landshut-Biografie erhielt Nicolaysen 1996 den Dissertationspreis der Hamburger Universität-Gesellschaft. Im Jahr darauf wurde die Arbeit – gefördert durch das Herbert-Wehner-Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung – im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag veröffentlicht und in den Feuilletons als „Entdeckung“ Landshuts, so Iring Fetscher in der Zeit, breit besprochen.[1] Wilhelm Hennis schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Biografie gebühre „ein Platz neben den Erinnerungen Victor Klemperers und den Arbeiten über Landshuts Studienkollegen Leo Strauss und Hannah Arendt“.[2] 2004 legte Nicolaysen eine zweibändige Auswahlausgabe der Werke Landshuts vor, mit der er nach den Worten Michael Th. Grevens Landshut als einen der „tiefgründigsten Vertreter des politikwissenschaftlichen Neo-Aristotelismus“ in den Fachdiskurs zurückgeholt habe.[3]

Nach der Promotion wurde Nicolaysen 1997 Lehrbeauftragter für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. 2002 erfolgte seine Habilitation mit einer von Arnold Sywottek angeregten und von Axel Schildt betreuten Untersuchung über die Gründungs- und Frühgeschichte der VolkswagenStiftung. In der Neuen Zürcher Zeitung urteilte Rainer Hoffmann, Nicolaysen sei mit seiner Studie ein „politikgeschichtlich bedeutsames Werk“ gelungen, „das sich teilweise wie eine Geschichte der westdeutschen Gesellschaft in den fünfziger Jahren liest“.[4] 2002 war Nicolaysen wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“. Im folgenden Jahr wurde er Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und lehrte zusätzlich von 2002 bis 2007 Sozial- und Kulturgeschichte an der Universität Lüneburg. Bereits seit 1996 ist Nicolaysen regelmäßiger Gastprofessor am Smith College in Northampton/Massachusetts, zwischen 2000 und 2010 hatte er außerdem siebenmal eine Max-Kade-Gastprofessur am Middlebury College in Vermont inne, wo er deutsche und europäische Geschichte lehrte und zweimal die jährliche Zernik Lecture hielt.

Seit 2010 ist Nicolaysen als Nachfolger von Eckart Krause Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte und außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg. Seitdem ist er geschäftsführender Herausgeber der Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte sowie Herausgeber der einzelnen Bände der Hamburger Universitätsreden. Den seit 2017 online zugänglichen Hamburger Professorinnen- und Professorenkatalog hat er initiiert.[5] Nicolaysen ist Gründungsmitglied des Forschungsverbunds zur Kulturgeschichte Hamburgs, Mitbegründer des Arbeitskreises Sammlungen an der Universität Hamburg, Mitglied im Vorstand der Gesellschaft der Freunde der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und im Wissenschaftlichen Beirat der Herbert und Elsbeth Weichmann-Stiftung. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zur Hamburger Universitätsgeschichte zählen etliche biografische Studien, neben Landshut etwa über Albrecht Mendelssohn Bartholdy, Ernst Cassirer, Eduard Heimann, Richard Salomon, Walter A. Berendsohn, Kurt Singer, Magdalene Schoch und Fritz Fischer. Mit Dirk Brietzke und Franklin Kopitzsch gab er 2013 einen Sammelband zum Akademischen Gymnasium heraus.[6]

Seit 1993 ist Nicolaysen Mitglied, seit 2005 Vorstandsmitglied im Verein für Hamburgische Geschichte. Von 2007 bis 2011 amtierte er als stellvertretender Vorsitzender; seit 2011 ist er als Nachfolger von Joist Grolle Vorsitzender des Vereins. In dieser Funktion hat Nicolaysen eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vereinsgeschichte vorangetrieben und besonders auch die Aufnahme junger Geschichtsinteressierter gefördert, die inzwischen als „Junger Verein“ eine eigene Plattform innerhalb des Vereins haben.[7] In seiner Amtszeit wurde der Verein in den sozialen Medien präsent, zahlreiche Kooperationen mit Hamburger Institutionen wurden geschaffen oder intensiviert und die drei Schriftenreihen des Vereins neu positioniert. Anlässlich seines 175-jährigen Bestehens im Jahr 2014 erreichte der Verein mit Veranstaltungen und einer Wanderausstellung eine breite Öffentlichkeit. Für den zum Jubiläum herausgegebenen Band Mein Hamburg trug Nicolaysen den autobiografischen Text Mein Schanzenviertel bei, der vom Hamburger Abendblatt wieder abgedruckt wurde.[8] Als Vereinsvorsitzender ist Nicolaysen Mitglied im Beirat der Patriotischen Gesellschaft von 1765 und des Hanseatischen Wirtschaftsarchivs. Bereits seit 2005 ist Nicolaysen gemeinsam mit Dirk Brietzke Redakteur des Aufsatzteils der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, in der er auch selbst regelmäßig Beiträge veröffentlicht, etwa 2015 über Thomas Mann[9] und 2016 über Michel Foucault.[10]

Ein weiteres Feld, auf dem sich Nicolaysen engagiert, ist der LGBT-Bereich. 2012 wurde er in den Beirat der neugegründeten Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in Berlin berufen. 2015 initiierte und leitete er in Göttingen gemeinsam mit Norman Domeier die erste Sektion eines Deutschen Historikertags, die sich mit der Geschichte von Homosexuellen beschäftigte. Im selben Jahr wurde er Mitbegründer und Mitherausgeber des seit 2016 im Wallstein Verlag erscheinenden interdisziplinären Jahrbuch Sexualitäten. Im Januar 2018 war er Mitgründer des Freundeskreises eines Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses als Zentrum für queere Kultur und Forschung in Berlin. Für seine Verdienste um die Aufarbeitung der Hamburger Universitätsgeschichte (vor allem in der NS-Zeit) wurde Nicolaysen 2008 gemeinsam mit Eckart Krause der Hamburger Max-Brauer-Preis verliehen, 2010 erhielt er für herausragende Leistungen in der akademischen Lehre den Hamburger Lehrpreis.

Nicolaysen ist verheiratet mit dem Journalisten Jan Feddersen. Er lebt in Hamburg und Berlin.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien

  • Siegfried Landshut. Die Wiederentdeckung der Politik. Eine Biographie. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-633-54134-9.
  • Der lange Weg zur VolkswagenStiftung. Eine Gründungsgeschichte im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-86518-X.
  • „Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen“. Zur Geschichte der Universität Hamburg. DOBU-Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-934632-32-5.

Herausgeberschaften

  • Polis und Moderne. Siegfried Landshut in heutiger Sicht. Mit ausgewählten Dokumenten zur Biographie (= Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Bd. 16). Reimer, Berlin u. a. 2000, ISBN 3-496-02494-1.
  • mit Rainer Hering: Lebendige Sozialgeschichte. Gedenkschrift für Peter Borowsky. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-13717-4.
  • Siegfried Landshut: Politik. Grundbegriffe und Analysen. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk in zwei Bänden. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2004, ISBN 3-935035-52-7.
  • mit Rainer Hering: Peter Borowsky: Schlaglichter historischer Forschung. Studien zur deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Hamburg University Press, Hamburg 2005, ISBN 3-937816-17-8.
  • Das Hauptgebäude der Universität Hamburg als Gedächtnisort. Mit sieben Porträts in der NS-Zeit vertriebener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hamburg University Press, Hamburg 2011, ISBN 978-3-937816-84-5.
  • mit Axel Schildt: 100 Jahre Geschichtswissenschaft in Hamburg (= Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Bd. 18). Reimer, Berlin u. a. 2011, ISBN 978-3-496-02838-3. (Rezension).
  • mit Dirk Brietzke: Geschichte und Politik. Festschrift für Joist Grolle zum 80. Geburtstag (= Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte. Bd. 98, ISSN 0083-5587). Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 2012.
  • mit Dirk Brietzke und Franklin Kopitzsch: Das Akademische Gymnasium. Bildung und Wissenschaft in Hamburg 1613 bis 1883 (= Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Bd. 23). Reimer, Berlin u. a. 2013, ISBN 978-3-496-02865-9.
  • 175 Jahre Verein für Hamburgische Geschichte. Dokumentation des Senatsempfangs im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses am 9. April 2014. Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 2014, ISBN 978-3-87707-940-9.
  • mit Norman Domeier, Maria Borowski, Martin Lücke und Michael Schwartz: Gewinner und Verlierer. Beiträge zur Geschichte der Homosexualität in Deutschland im 20. Jahrhundert (= Hirschfeld Lectures. Bd. 7). Wallstein, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1677-5.
  • mit Jocelyne Kolb: Stories from 55 Years of a Transatlantic Friendship / Geschichten aus 55 Jahren transatlantischer Freundschaft. Smith College – Universität Hamburg 1961–2016. Hamburg University Press, Hamburg 2017, ISBN 978-3-943423-44-0.
  • mit Eckart Krause, Gunnar B. Zimmermann: 100 Jahre Universität Hamburg. Band 1: Allgemeine Aspekte und Entwicklungen. Wallstein, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8353-3407-6.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nicolaysen, Rainer. In: Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender. Bio-bibliographisches Verzeichnis deutschsprachiger Wissenschaftler der Gegenwart. Band 3: M – Sd. 30. Ausgabe. de Gruyter, Berlin u. a. 2018, ISBN 978-3-11-051766-8, S. 2612.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Besprechung von Iring Fetscher: Politik als Wissenschaft. Rainer Nicolaysen entdeckt Siegfried Landshut. in: Die Zeit vom 8. August 1997, Nr. 33, S. 13.
  2. Besprechung von Wilhelm Hennis: Wiederentdeckt: Siegfried Landshut. Neue Politik. in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. März 1996, Nr. 62, S. N 5.
  3. Besprechung von Michael Th. Greven: Siegfried Landshut: Ein Gründungsvater des politikwissenschaftlichen Neo-Aristotelismus. In: Neue Politische Literatur 49 (2004), S. 216–219, hier S. 217.
  4. Besprechung von Rainer Hoffmann: Wissenschaftsförderung im Zeichen des Käfers. Vorgeschichte und Wirken der Volkswagen-Stiftung. In: Neue Zürcher Zeitung vom 6. Juli 2002, S. 93.
  5. Hamburger Professorinnen- und Professorenkatalog.
  6. Vgl. dazu die Besprechung von Heinz Elmar Tenorth in: Jahrbuch für Regionalgeschichte 35, 2017, S. 145–148.
  7. Hannah Hufnagel: Der junge Verein für Hamburgische Geschichte. Wie ein Verein junge Mitglieder gewinnt. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte 152 (2016), S. 553–557.
  8. Rainer Nicolaysen: Als die Schanze noch den Arbeitern gehörte. In: Hamburger Abendblatt, 31. Mai/1. Juni 2014, S. 18 f. (online).
  9. Rainer Nicolaysen: Auf schmalem Grat. Thomas Manns Hamburg-Besuch im Juni 1953. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 101 (2015), S. 115–161.
  10. Rainer Nicolaysen: Foucault in Hamburg. Anmerkungen zum einjährigen Aufenthalt 1959/60. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 102 (2016), S. 71–112.