Stammersdorfer Lokalbahn

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Stammersdorf–Groß Schweinbarth
Streckennummer (ÖBB):182 01
Kursbuchstrecke (ÖBB):ex 912
Streckenlänge:29,196 km
Spurweite:1435 mm (Normalspur)
Streckenklasse:B2 (Obersdorf – Groß Schweinbarth)
Maximale Neigung: 10 
Minimaler Radius:173 m
Höchstgeschwindigkeit:100 km/h
   
von Wien (bis 1931)
   
0,000 Stammersdorf (Übergang zur Straßenbahn Wien)
   
3,500 Hagenbrunn
   
5,900 Enzersfeld
   
7,900 Großebersdorf
   
9,900 Eibesbrunn
   
Obersdorf (Laaer Ostbahn)
   
11,942 Obersdorf
   
Rußbach
   
13,536 Pillichsdorf
   
15,985 Groß Engersdorf
   
18,577 Bockfließ
   
21,812 Auersthal
   
25,680 Raggendorf Markt
   
Weidenbach
   
von Gänserndorf
Bahnhof, Station
29,196 Groß Schweinbarth
Strecke – geradeaus
nach Mistelbach

Die Stammersdorfer Lokalbahn, heute auch als Weinviertel-Landesbahn bezeichnet, war eine eingleisige, 29,196 Kilometer lange und nicht elektrifizierte Nebenbahn im niederösterreichischen Weinviertel. Die als Lokalbahn konzessionierte Strecke wurde zuletzt von den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) betrieben und verband Stammersdorf mit Groß-Schweinbarth. Personenzüge verkehrten noch bis 14. Dezember 2019 auf dem Abschnitt Obersdorf–Groß-Schweinbarth.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktie über 200 Kronen der Lokalbahn Stammersdorf-Auersthal vom 18. Juni 1903
Diesellokomotive der Reihe 2143 mit Spantenwagen im Bahnhof Stammersdorf, März 1988
Aufgelassener Bahndamm nördlich von Stammersdorf mit Gleisschotter

Die Geschichte dieser Lokalbahn beginnt bereits gut 20 Jahre vor ihrer Erbauung. Am 7. Juni 1884 wurde, gemeinsam mit der Strecke FloridsdorfGroß Enzersdorf, die Dampftramwaystrecke StephaniebrückeStammersdorf von der Dampftramway Krauss & Comp eröffnet. Zwei Jahre später, am 15. Juni 1886, nahm die Krauss & Comp. den Güterverkehr auf dieser Strecke auf. Der Ort Stammersdorf lag damals noch weit vor den Toren Wiens. Am 2. Dezember 1897 empfahl erstmals der niederösterreichische Landesausschuss dem Landtag den Bau einer Lokalbahn von Stammersdorf nach Auersthal im Weinviertel, um das nördliche Wiener Umland besser an die Stadt anzubinden. Knapp ein Jahr später, am 4. September 1898, lag der Technische Bericht für das Projekt einer normalspurigen Lokalbahn Stammersdorf–Auersthal vor. Neben Stammersdorf wurden die Stationen Post Rendezvous, Hagenbrunn Haltestelle, Enzersfeld Halte- und Ladestelle, Eibesbrunn Haltestelle, Pillichsdorf, Groß Engersdorf Halte- und Ladestelle und Bockflüss vorgesehen.[1][2]

Gestützt auf die Konzessionsurkunde vom 16. November 1901[3] begann im August 1902 in Regie des niederösterreichischen Landeseisenbahnamtes[1] die Dampftramway Gesellschaft vormals Krauss & Comp.[Anm. 1] mit dem Bau der Lokalbahn Stammersdorf – Auersthal. Die technisch-polizeiliche Abnahme der Strecke erfolgte am 15. April 1903[1], ihre feierliche Eröffnung am 26. April 1903[4] mit dem Niederösterreichischen Statthalter Erich Graf Kielmansegg und dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger als Ehrengästen.[2]

Betrieben wurde diese Strecke anfangs mit den nur rund 60–100 PS dreiachsigen Dampftramwaylokomotiven der Gesellschaft, ab 1904 kamen die zwei eigens für diese Strecke bei Krauss & Comp. in Linz gebaute Dreikuppler-Lokalbahnlokomotiven Nr. 31 "Stammersdorf" und Nr. 31 "Auersthal" (später NÖLB 6)zum Einsatz. Diese Maschinen leisteten rund 150 PS und besaßen Kupplungen sowohl für die Straßenbahnfahrzeuge (Trompetenkupplung) als auch normale Zug- und Stoßvorrichtung.[2]

Formalrechtlich wurde die Strecke, die für die Versorgung Wiens mit Lebensmitteln (insbesondere Milch[5]) von Bedeutung war[4], am 1. Jänner 1907 von der Gemeinde Wien übernommen, als diese das Unternehmen Dampftramway Gesellschaft vormals Krauss & Comp. durch Kauf an sich brachte (mit eingeschlossen deren 229 Bedienstete). Wegen mancherlei aufgetauchter Schwierigkeiten erfolgte die Betriebsübernahme jedoch erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1907. Die Dampftramway Gesellschaft vormals Krauss & Comp. wurde mit 3. Jänner 1908 aufgelöst und am 29. Dezember 1914 aus dem Handelsregister gelöscht.[Anm. 2]

Mit Urkunde vom 6. Jänner 1908 wurde der Aktiengesellschaft Lokalbahn Stammersdorf—Auersthal die Konzession zum Bau und Betrieb einer Lokalbahn zwischen Auersthal und Schweinbarth erteilt.[6] Am 9. August 1909 wurde die Verlängerung Strecke nach Groß Schweinbarth eröffnet.[7] Hier bestand Anschluss an die Lokalbahn Gänserndorf - Mistelbach. 1911 wurde die Strecke bis Stammersdorf elektrifiziert und ins Netz der Wiener Straßenbahn eingegliedert, der restliche Abschnitt fortan getrennt und als Eisenbahn betrieben. Der Bahnhof erhielt in den Jahren 1911–1917 ein neues großes Aufnahmegebäude, Güterschuppen mit Laderampe sowie ein Heizhaus mit angebautem Wasserturm.[2] Es verblieb eine Gleisverbindung zwischen den beiden Betriebsformen, um beispielsweise Gepäck- und Güterwagen überstellen zu können. Hiervon wurde bis 1931 Gebrauch gemacht.[8]

Am 1. Mai 1913 übernahmen die Niederösterreichischen Landesbahnen die Strecke, nach deren wirtschaftlichem Niedergang rückwirkend mit 1. Jänner 1921 schließlich die Bundesbahnen Österreichs. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Postbeförderung auf der Lokalbahnstrecke aufgenommen.[2]

Im Mai 1988 wurde, einschließlich mehrerer anderer und dünn ausgelasteter Lokalbahnstrecken im Weinviertel, der Abschnitt Stammersdorf–Obersdorf eingestellt. 1995 wurden die Gleise abgetragen.

Radweg "Dampfross & Drahtesel"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bild des Radweges

Zwischen 2002 und 2005 wurde auf der Trasse der ehemaligen Lokalbahn von Stammersdorf nach Pillichsdorf der Radweg Dampfross und Drahtesel angelegt und am 10. September 2005 seiner Bestimmung übergeben. Über weite Teile verläuft auch der Radweg EuroVelo 9 über diese Trasse.[9] 2010 wurde der Radweg über Großengersdorf, Bockfließ, Strasshof bis Deutsch-Wagram verlängert. Die Streckenlänge beträgt 39,2 Kilometer und verläuft großteils auf asphaltiertem Radweg.

2011 legte die Österreichische Post als Teil einer Sonderpostmarkenserie das 90-Cent-Wertzeichen 100 Jahre Stammersdorfer Lokalbahn auf. [10]

Das Schweinbarther Kreuz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

5047 060 passiert die Pfarrkirche Pillichsdorf

Infolge der Aufgabe des Abschnitts Stammersdorf–Obersdorf wurde die verbleibende Strecke verkehrsmäßig mit der Lokalbahn Gänserndorf–Mistelbach kombiniert, Anschluss zur Wiener S-Bahn bestand in Obersdorf (S 2 und S 7) und in Gänserndorf (S 1). Diese beiden Strecken bildeten einst zusammen mit der Bahnstrecke Bad Pirawarth–Dobermannsdorf das Schweinbarther Kreuz. Als die beiden Abschnitte Obersdorf–Groß Schweinbarth und Gänserndorf–Groß Schweinbarth miteinander kombiniert wurden, ging diese Bezeichnung als Spitzname auf die neue Verbindung über, nicht zuletzt wegen ihres kuriosen Verlaufs: von Obersdorf über Auersthal ging die Strecke westlich an Raggendorf vorbei, stichbahnartig nach Groß-Schweinbarth und Groß-Pirawarth, dort wieder in die Gegenrichtung und östlich an Raggendorf vorbei bis Gänserndorf.[11]

Diese Streckenkombination wurde von den ÖBB betrieben. Es wurden die Dieseltriebwagen der Reihe 5047 eingesetzt, auch mit Desiro-Triebwagen wurden Probefahrten durchgeführt.

Die Strecke Obersdorf–Groß Schweinbarth–Gänserndorf wurde an Werktagen in der Regel im Stundentakt befahren. An Wochenenden verkehrten die Züge nur im Zweistundentakt. Die Strecke Obersdorf–Groß Schweinbarth–Bad Pirawarth wurde in der Regel ebenfalls im Stundentakt befahren, wodurch sich im Abschnitt Obersdorf–Groß Schweinbarth ein annähernder Halbstundentakt mit Zugkreuzung in Bockfließ ergab.

Der Zugverkehr wurde mit Fahrplanwechsel am 15. Dezember 2019 eingestellt.[12]

Diverse Pläne sehen eine Weiterführung der Strecke vor, so beispielsweise eine Übernahme durch die GKB. Dies würde aber nur dann gelingen, wenn das Land Niederösterreich diese Verkehre bestellt.[13] Die ÖBB planen die Strecke derweilen im Bestand zu lassen. Im Frühling 2021 wurde das gesamte Schweinbarther Kreuz, einschließlich der Strecke Obersdorf – Groß-Schweinbarth, nach Messfahrten gesperrt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfred Laula, Hans Sternhart: Dampftramway Krauss & Comp. in Wien. 97 Fotos, 180 Zeichnungen. Internationales Archiv für Lokomotivgeschichte, Band 20. Slezak, Wien 1974, ISBN 3-900134-15-4.
  • Robert Wiche, Erwin Parfy: Stammersdorfer Lokalbahn. Internationales Archiv für Lokomotivgeschichte, Band 31. Verlag Slezak, Wien 1982, ISBN 3-85416-074-7.
  • Wolfdieter Hufnagl: Die Niederösterreichischen Landesbahnen. 1. Auflage. Transpress-Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-613-71214-8.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mit 27. August 1888 hatte die Gesellschaft Dampftramway Krauss & Comp. neue Statuten erhalten, verbunden mit einer Namensänderung. – Hufnagl: Landesbahnen, S. 182.
  2. Zufolge Vereinbarung mit dem n. ö. Landesausschuss als Konzessionär wurde von der Dampftramway Gesellschaft vormals Krauss & Comp. der Betrieb ab Eröffnungstag, 26. April 1903, gegen feste Vergütung geführt, ab 1. Jänner 1907 bis Betriebsübergabe für Rechnung der Stadt Wien. – Laula: Dampftramway Krauss, S. 57–59.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Stammersdorfer Lokalbahn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Hufnagl: Landesbahnen, S. 182 f.
  2. a b c d e Josef Geissler: Lokalbahn Stammersdorf-Dobermannsdorf. In: Weinviertler Museumsdorf Niedersulz (Hrsg.): Vergessenes aus dem Weinviertel. 1. Auflage. Band 6. Weinviertler Museumsdorf Niedersulz, Niedersulz 2002.
  3. RGBl. 1901/196.
  4. a b Volkswirthschaftliche Zeitung. Eröffnung der Localbahnlinie Stammersdorf-Auersthal. In: Das Vaterland, Morgenblatt (Nr. 114/1903), 26. April 1903, S. 10 Mitte. (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/vtl.
  5. Laula: Dampftramway Krauss, S. 120.
  6. RGBl. 1908/15.
  7. Lokalbahneröffnung. In: Wiener Zeitung, 8. August 1909, S. 10, unten links. (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/wrz
  8. Eintrag Regnerweg auf tramtrack.zeitlinie.at, abgerufen am 2. August 2020
  9. virtuelle Radtour zu Dampfross und Drahtesel, Abruf am 23. Juli 2011
  10. Eisenbahnen – 100 Jahre Stammersdorfer Lokalbahn. Sonderpostmarkenserie. In: austria-lexikon.at, 12. Juli 2011, abgerufen am 8. September 2011.
  11. https://www.vor.at/fileadmin/CONTENT/Downloads/Folder/Fahrplanfolder/Mobil_in_der_Region_Schweinbarther_Kreuz.pdf Infofolder des VOR bei Einstellung der Strecke, PDF-Datei
  12. Theresa Bittermann: ÖBB: Weinviertler Linie Schweinbarther Kreuz wird eingestellt. In: kurier.at. 28. März 2019, abgerufen am 28. März 2019.
  13. kevin.kada: Schweinbarther Kreuz: Rettungsplan durch Privatbahnbetreiber. Abgerufen am 14. Dezember 2019.