Tötungsdelikt im Frankfurter Hauptbahnhof 2019

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Frankfurt Hauptbahnhof, Gleis 7, Gedenken an den Todesfall

Beim Tötungsdelikt im Frankfurter Hauptbahnhof am 29. Juli 2019 in Frankfurt am Main stieß ein Mann eine Mutter und ihren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden Zug. Die Mutter konnte sich in Sicherheit bringen, der Sohn starb. Eine dritte Person konnte den Angriff abwehren.

Der Täter, ein in der Schweiz wohnhafter Flüchtling aus Eritrea, wurde festgenommen. Das Landgericht Frankfurt am Main bewertete die Tat als Mord und versuchten Mord, eine Strafe wurde jedoch nicht verhängt, da er wegen einer psychischen Krankheit schuldunfähig sei.

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 29. Juli 2019 stieß ein Mann kurz vor 10 Uhr an Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs eine 40 Jahre alte, am Bahngleis stehende Mutter und deren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden Intercity-Express (ICE) ins Gleisbett. Die Mutter konnte sich noch in Sicherheit bringen, der Junge verstarb am Tatort. Eine weitere Frau, 78 Jahre alt, soll ebenfalls vom Angreifer attackiert worden sein, konnte sich jedoch wehren, wurde an der Schulter verletzt und erlitt einen Schock.[1] Der Tatverdächtige, Habte A., floh, wurde jedoch von Passanten verfolgt und konnte durch die Polizei festgenommen werden. Keines der Opfer soll eine Verbindung zum Täter gehabt haben.[2][3][4][5]

Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Täter Habte A. (* 1979) stammt aus Eritrea. Er kam 2006 nach Zürich und stellte ein Asylgesuch, welches 2008 gutgeheißen wurde. Sechs Jahre lang arbeitete er als Bauschlosser in Aarau. 2011 erhielt A. eine Niederlassungsbewilligung.[6][7]

Als er wegen ausbleibender Aufträge seine dortige Stelle verlor, war A. zunächst trotz guter Arbeitszeugnisse und Referenzen arbeitslos.[3] 2017 nahm er an einem Integrationsprogramm des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks teil[8] und wurde durch diese Unterstützung noch im selben Jahr von den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ), zunächst befristet, angestellt[6] und arbeitete dort in der Karosseriewerkstatt.[3] Der befristete Vertrag wurde mehrfach verlängert, jedoch trotz guter Leistungen zunächst nicht in einen unbefristeten Vertrag überführt. Nach Angaben seines damaligen Job-Coaches war A. deswegen frustriert und resigniert. Es habe eine „Programmmüdigkeit“ vorgelegen, bevor er schließlich doch die gewünschte Festanstellung erhalten habe.[3] Er galt als vorbildlich integriert[7][9] und ist Mitglied einer christlichen Glaubensgemeinschaft.[10] Sein ehemaliger Job-Coach äußerte, seine konstant gute Arbeitsleistung und die Professionalität seien positiv aufgefallen, und auch sein Vorgesetzter bei der VBZ äußerte sich wohlwollend: „Er ist immer an der Büez und nicht jemand, der rumplaudert oder rumsteht. Er ist wirklich engagiert und zuverlässig.“[6]

Nach Angaben von Bekannten zeigte A. keinerlei Aggressivität.[11] Bemerkt wurden jedoch psychische Veränderungen, nach denen A. angeblich seit Sommer 2018 Stimmen hörte.[11] Im Januar 2019 wurde A. erstmals wegen psychischer Probleme krankgeschrieben.[6] Bis zur Tat im Juli 2019 arbeitete er nicht mehr.[12]

Sein Hausarzt überwies ihn an einen Psychologen bzw. nach anderen Quellen an einen Psychiater,[13] nachdem der Mediziner Anzeichen für eine psychische Störung „mit Wahnbildung“ festgestellt hatte.[14] A. fürchtete demnach, dass Zugpassagiere und Arbeitskollegen seine Gedanken lesen könnten und auch, dass andere Menschen ihn manipulierten und sein Leben zerstören würden. Er fühlte sich durch Mobiltelefone und elektromagnetische Wellen beeinflusst und gesteuert.[14]

Schwierigkeiten mit der Justiz hatte A. zuvor nicht; die zuständigen Polizeibehörden gaben bekannt, dass in den Jahren seines vorangegangenen Aufenthalts lediglich ein „geringfügiges Verkehrsdelikt“ aktenkundig geworden sei.[6] Am 25. Juli 2019 wurde er von der Kantonspolizei Zürich zur Fahndung ausgeschrieben, weil er seine Frau und drei Kinder zusammen mit seiner Nachbarin eingeschlossen haben soll; letztere soll er zuvor attackiert haben. Für beide Frauen sei der Angriff unerwartet gekommen, denn sie hätten ihn „nie so erlebt.“ Die Staatsanwaltschaft ging von psychischen Problemen des Täters aus.[3][15]

Die Kantonspolizei Zürich nahm an, dass bei A. keine extremistischen Motive vorlagen; vielmehr ging man nach ersten Ermittlungen von psychischen Problemen als Ursache für seine strafrechtlich relevanten Taten Ende Juli 2019 aus.[10]

Strafuntersuchung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 2019 teilte die Frankfurter Staatsanwaltschaft mit, der Täter sei schuldunfähig gewesen, weil er während der Tat unter einer schizophrenen Psychose gelitten habe. Sie beantragte die Durchführung eines Sicherungsverfahrens, um Habte A. dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen.[16]

Am 19. August 2020 begann am Landgericht Frankfurt am Main der Prozess um die Tötung. Ein vorliegendes psychiatrisches Gutachten ging von Schuldunfähigkeit aufgrund einer schizophrenen Psychose aus. Dagegen sprachen Videoaufzeichnungen, die den Täter vor der Tat bei der Beobachtung des Gleises zeigen.[17] Am 28. August 2020 sprach das Landgericht Frankfurt das Urteil. Die Tat sei als Mord und versuchter Mord zu bewerten, der Täter jedoch schuldunfähig, da er an einer paranoiden Schizophrenie leide.[18] Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen.[19]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Habte A., so Yonas Gebrehiwet vom Eritreischen Medienbund in der Schweiz, sei der örtlichen eritreischen Gemeinschaft nicht bekannt. Jedoch sprach diese ihre Bestürzung über die Tat aus; ihre Gedanken und Gebete seien bei den Opfern und deren Familien. Außerdem drückte Gebrehiwet Besorgnis über den ansteigenden Rassismus aus, den die Gemeinschaft nach dem Vorfall erlebte, darunter Hasskommentare im Internet, Beleidigungen und Bedrohungen. Menschen mit eritreischem Hintergrund würden unter Generalverdacht gestellt.[3]

Am Kopfende von Gleis 7 des Hauptbahnhofs wurden nach der Tat von Menschen in großem Umfang Blumen, Kuscheltiere und andere Zeichen der Anteilnahme niedergelegt. Selbst eine Woche nach der Tat beschrieb die Presse diese temporäre Gedenkstätte als Blumenmeer.[20] Ein Spendenaufruf zu Gunsten der Hinterbliebenen erbrachte in der ersten Woche über 100.000 Euro.

Der SPD-Verkehrspolitiker Martin Burkert bemängelte im Zusammenhang mit dem Vorfall eine „unzureichende Aufsicht“ auf den Bahnsteigen.[21][22] Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei sprach sich für Bahnsteigtüren aus. Mehr Polizeikräfte könnten Taten wie in Frankfurt nicht zuverlässig verhindern.[21]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mutter und Kind am Frankfurter Hauptbahnhof vor ICE gestoßen – Achtjähriger stirbt. hessenschau.de, 29. Juli 2019, abgerufen am 30. Juli 2019.
  2. Katharina Iskandar, Johannes Ritter, Helmut Schwan: Attacke am Frankfurter Bahnhof: Gleis 7, ICE 529 – und ein Rätsel. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 6. August 2019]).
  3. a b c d e f Birte Bredow, Annette Langer: Was über den Verdächtigen bekannt ist: Ein Übergriff in Zürich, eine Attacke in Frankfurt. In: spiegel.de. 30. Juli 2019 (spiegel.de [abgerufen am 30. Juli 2019]).
  4. Katharina Iskandar, Helmut Schwan, Lucia Schmidt: Anschlag in Frankfurt: Habte A. handelte mit entschlossener Ruhe. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 6. August 2019]).
  5. Nach Frankfurter Gewalttat: Seehofer fordert mehr Polizeipräsenz an Bahnhöfen. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 6. August 2019]).
  6. a b c d e Vor der Tat postete Habte A. ein Foto seines Sohnes (Memento vom 31. Juli 2019 im Internet Archive), blick.ch, 30. Juli 2019.
  7. a b Habte A. (40) ist der ICE-Kindermörder von Frankfurt! (Memento vom 30. Juli 2019 im Internet Archive), blick.ch, 30. Juli 2019.
  8. Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof: Der Tatverdächtige war in der Schweiz seit Donnerstag zur Verhaftung ausgeschrieben, nzz.ch, 1. August 2019.
  9. SAH Zürich Jahresbericht 2017 (Memento vom 9. August 2019 im Internet Archive), sah-schweiz.ch, S. 10–15.
  10. a b Schweizer Ermittler gehen von psychischer Erkrankung des Tatverdächtigen aus, spiegel.de, 30. Juli 2019.
  11. a b Freunde des Gleis-Schubsers bemerkten im letzten Sommer eine seltsame Veränderung, focus.de, 2. September 2019.
  12. Habte A. galt als gut integriert: Das ist der Bahnsteig-Täter, focus.de, 3. September 2019.
  13. Habte A. soll sich verfolgt gefühlt haben, sueddeutsche.de, 1. August 2019.
  14. a b Habte A. fühlte sich von Zugpassagieren verfolgt, tagesanzeiger.ch, 1. August 2019.
  15. Katharina Iskandar: Nach Schließfach-Raub: „Täter gingen geradezu dilettantisch vor“. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 6. August 2019]).
  16. Fall des vor einen ICE gestossenen Achtjährigen in Frankfurt: Der Tatverdächtige soll dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden, nzz.ch, 23. Dezember 2019.
  17. Anna-Sophia Lang: Eine unvorstellbare Tat, faz.net, 19. August 2020, abgerufen am 30. August 2020.
  18. Täter wird in Psychiatrie eingewiesen, t-online.de, 28. August 2020, abgerufen am 30. August 2020.
  19. Anna-Sophia Lang: Nicht zu begreifen, faz.net, 29. August 2020, abgerufen am 30. August 2020.
  20. Marvin Ziegele: Mit der Unsicherheit leben. In: fr.de. 7. August 2019, abgerufen am 7. August 2019.
  21. a b Diskussion über Sicherheit an Bahnhöfen nach tödlicher Attacke von Frankfurt. In: nau.ch. 30. Juli 2019, abgerufen am 31. Juli 2019.
  22. Antje Blinda: Wie könnten Bahnhöfe sicherer werden? In: spiegel.de. 30. Juli 2019, abgerufen am 31. Juli 2019.