Andrei Arsenjewitsch Tarkowski

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Andrei Tarkowski ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zu anderen Personen siehe Andrej Tarkowski.
Andrei Tarkowski. Russische Briefmarke aus dem Jahre 2007.

Andrei Arsenjewitsch Tarkowski (russisch Андрей Арсеньевич Тарковский, wiss. Transliteration Andrej Arsen’evič Tarkovskij; * 4. April 1932 in Sawraschje (russisch Завражье), Sowjetunion; † 29. Dezember 1986 in Paris, Frankreich) war ein sowjetischer Filmemacher.

Leben[Bearbeiten]

Andrei Tarkowski wurde im Dorf Sawraschje in der heutigen Oblast Kostroma im nordwestlichen Russland als Sohn des berühmten Lyrikers und Übersetzers Arseni Tarkowski und Maria Ivanowna Wischniakowa geboren. Sein Großvater Aleksander Tarkowski war ein polnischer Adeliger, der in Russland im Bankwesen tätig war. Nach der Trennung der Eltern im Jahre 1936 wuchs Tarkowski bei der Mutter und Großmutter auf. Während des Zweiten Weltkrieges wohnte die Familie im Dorf Juriewo, 1944 zog sie wieder nach Moskau um. Schon früh machte sich seine künstlerische Begabung bemerkbar, wobei diese durch seine Mutter gefördert wurde. Er studierte in den 1950er Jahren zunächst Musik, Malerei, Bildhauerei, Orientalistik und Geologie, bevor er 1954 an der Filmhochschule in Moskau zu studieren begann. Sein Lehrer war der Regisseur Michail Romm; sein Abschlussfilm war Die Straßenwalze und die Geige, der zwar schon seine Eigenwilligkeit zeigte, den er selbst aber nie zu seinem Werk zählte.

Seine Filme Andrej Rubljow, Solaris, Der Spiegel und Stalker konnten nur gegen starken Widerstand der Behörden veröffentlicht werden. Die meisten erhielten, auch gegen den Protest der offiziellen sowjetischen Vertreter, bei den Filmfestivals internationale Preise. Die Filmmusik vieler seiner Filme wurde von Eduard Artemjew komponiert und mit dem ersten sowjetischen Synthesizer vertont. Klassische, meist geistliche Werke insbesondere von Johann Sebastian Bach nehmen eine zentrale Stellung ein. In einigen seiner Filme werden Gedichte seines Vaters rezitiert.

Tarkowski war zwar im Ausland berühmt, doch in seiner Heimat blieb ihm die offizielle Anerkennung versagt. Zudem hatte er schon mehrere Herzinfarkte erlitten, als er 1983 die Sowjetunion verließ, um in Italien Nostalghia zu drehen und um der erzwungenen Untätigkeit in der Sowjetunion zu entgehen, und nicht wieder zurückkehrte, woran seine Familie zerbrach. Bei den Filmfestspielen von Cannes 1983 wurde Nostalghia mit dem Preis der ökumenischen Jury und dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Tarkowski teilte sich den Regiepreis mit Robert Bresson. [1]

1985 entstand in Schweden sein letzter Film Opfer. Als zu dieser Zeit auch noch die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl passierte, war das für ihn die Verwirklichung seiner schlimmsten Albträume. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits schwer erkrankt, seine Behandlung in Paris kam zu spät. Seinen Plan, den Film Hoffmanniana über die letzten Tage im Leben von E. T. A. Hoffmann in Berlin zu drehen, konnte er nicht mehr umsetzen.

Andrei Arsenjewitsch Tarkowski starb am 29. Dezember 1986 im Alter von 54 Jahren in Paris an Krebs. Er ruht auf dem Russischen Friedhof in Sainte-Geneviève-des-Bois im Département Essonne (Île-de-France) bei Paris neben seiner langjährigen Assistentin und zweiten Ehefrau Larissa Tarkowskaja. Seine Freunde ließen den russischen Bildhauer Ernst Neiswestny einen Grabstein für ihn anfertigen.

Larissa Tarkowskaja erhielt erst nach Andreis Tod einen französischen Pass. Sie widmete sich fortan der Erhaltung von Tarkowskis Erbe, beteiligte sich aktiv an der Gründung des Institut international Andreï-Tarkovski in Paris und der Publikation seiner Schriften. Kurz nachdem sie die unter dem Titel „Andreï Tarkowski“ bei Calmann-Lévy erschienene Biographie vollendet hatte, starb Larissa Tarkowski am 19. Januar 1998 im Alter von 60 Jahren in Neuilly-sur-Seine bei Paris.

Im Jahr 2002 ehrte das Centre Pompidou den Filmregisseur, der in jenem Jahr seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert hätte, durch eine große Retrospektive. Am zwanzigsten Jahrestag seines Todes ließen 2006 die Stadt Paris und das „Institut Andreï-Tarkovski“ eine Gedenktafel an jenem Haus in der rue Puvis-de-Chavannes (N° 10) anbringen, in dem Tarkowski zuletzt wohnte.

Ingmar Bergman sagte über ihn: „Tarkowski ist für mich der bedeutendste, weil er eine Sprache gefunden hat, die dem Wesen des Films entspricht: Das Leben als Traum.“

Iwans Kindheit[Bearbeiten]

Hauptartikel: Iwans Kindheit

Durch seine Experimentierfreude und die eindringliche Art seiner Filme erwarb Tarkowski unter Cineasten große Anerkennung. Sein erster Film Iwans Kindheit wurde bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 1962 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Das Werk basiert auf der Erzählung Iwan von Wladimir Bogomolow, einem russisch-sowjetischen Prosa-Schriftsteller.

Filmografie[Bearbeiten]

Kurz- und Dokumentarfilme[Bearbeiten]

  • 1958: Ubiizy (Die Killer) nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Ernest Hemingway, Schwarzweißfilm, als Student
  • 1959: Sewodnja uwol'nenija ne budet (Heute wird es keinen Dienstschluss geben), Schwarzweißfilm, als Student
  • 1961: Katok i skripka (Die Straßenwalze und die Geige); Kurz-, Diplom- und Kinderfilm, Farbe
  • 1982: Tempo di Viaggio (Italienische Reise), Dokumentarfilm für das italienische Fernsehen über die Suche nach Drehorten für Nostalghia, zusammen mit Tonino Guerra

Spielfilme[Bearbeiten]

Filme über Tarkowski[Bearbeiten]

  • 1988: Ebbo Demant: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Andrej Tarkowskijs Exil und Tod. Dokumentarfilm, Deutschland, 130 Minuten[2]
  • 2000: Chris Marker: Cinéma, de notre temps. Une journée d'Andrei Arsenevitch. Frankreich, 55 Minuten[3]

Hörspiele[Bearbeiten]

  • 1964: Polny poworot krugom (Volle Kraft zurück!) nach der Erzählung Turnabout von William Faulkner, Musik: Vjatscheslav Ovtschinnikov, Produktion: Gostelradio Moskau, deutsche Fassung aus dem Russischen übersetzt von Hans-Joachim Schlegel, SWF 1990
  • 2004: Hoffmanniana. Nach einem Filmszenario von Andrej Tarkowskij (sic!) über die letzten Tage im Leben des E. T. A. Hoffmann, Regie: Kai Grehn, RBB/SWR

Literatur[Bearbeiten]

Von Tarkowski[Bearbeiten]

  • Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films. Aus dem Russischen übersetzt von Hans-Joachim Schlegel. Berlin , Frankfurt/Main: Ullstein, 1985, ISBN 3-550-06393-8, bearbeitete Neuausgabe Alexander Verlag Berlin, 2009 ISBN 978-3-89581-200-2
  • Die versiegelte Zeit – Iwans Kindheit als Opfergabe, Cahiers du cinéma, 1989
  • Das Opfer. Mit Filmbildern von Sven Nykvist. München: Schirmer und Mosel, 1987 (Tarkovskij-Edition, Band 1)
  • Hoffmanniana. Szenario für einen nicht realisierten Film. München: Schirmer und Mosel, 1987 (Tarkovskij-Edition, Band 2)
  • Martyrolog. Tagebücher 1970 – 1986. Berlin: Limes, 1989, und Cahiers du cinéma, 1993
  • Martyrolog II. Tagebücher 1981 – 1986. Berlin: Limes, 1991
  • Andrej Rubljow. Die Novelle. Berlin: Limes, 1992
  • Der Spiegel. Filmnovelle, Arbeitstagebücher und Materialien zur Entstehung des Films. Berlin: Limes, 1993
  • Lichtbilder. München: Schirmer und Mosel, 2004
  • Andrej Tarkovskij - Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills & Polaroids Herausgegeben von Andrej A. Tarkovskij jun., Hans-Joachim Schlegel, Lothar Schirmer. München: Schirmer/Mosel 2012 ISBN 978-3-8296-0587-8

Über Tarkowski[Bearbeiten]

  • Andrej Tarkovskij - Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills & Polaroids. Hrsg. von Andrej Tarkovskij jun., Hans-Joachim Schlegel und Lothar Schirmer. München: Schirmer/Mosel 2012. ISBN 978-3-8296-0587-8
  • Tarkovsky - Films, Stills, Polaroids & Wirtings, edited by Andrey A. Tarkovsky, Hans-Joachim Schlegel and Lothar Schirmer. London: Thames & Hudson 2012 ISBN 978-0-500-51664-5
  • Larissa Tarkovski (unter Mitarbeit von Luba Jurgenson): Andreï Tarkowski. Calmann-Lévy, 1998
  • Andrej Tarkowskij. Mit Beiträgen von Wolfgang Jacobsen u. a., Reihe Film, Band 39, München: Hanser, 1987
  • Julia Selg: Andrej Tarkovskij und die Gegenwart der Alten Meister, Kunst und Kultus im Film Nostalghia. Ita Wegman Verlag, ISBN 978-3-9523425-9-6
  • Marina Tarkowskaja: Splitter des Spiegels. Die Familie des Andrej Tarkowski. Berlin: edition ebersbach 2003, ISBN 3-934703-59-3
  • Antoine de Baecque: Andrei Tarkowski. Cahiers du cinéma, 1989
  • Maja Turowskaja: Andrej Tarkowskij. Film als Poesie, Poesie als Film. Bonn: Keil Verlag, 1981
  • Hans-Dieter Jünger: Kunst der Zeit und des Erinnerns. Andrej Tarkowskijs Konzept des Films. Ostfildern: Ed. Tertium, 1995, ISBN 3-930717-12-3
  • Marius Schmatloch: Andrej Tarkowskijs Filme in philosophischer Betrachtung. St. Augustin: Gardez! Verlag, 2003, ISBN 3-89796-050-8
  • Hans-Joachim Schlegel: Klangwelten des Inneren. Zu Andrej Tarkowskijs Ton- und Musikkonzept. In: Hartmut Krones (Hg.): Bühne, Film, Raum und Zeit in der Musik des 20. Jahrhunderts. Wien,Köln, Weimar 2003 ISBN 3-205-77206-7
  • Dipl. theol. Dietrich Sagert: Der Spiegel als Kinematograph nach Andrej Tarkowskij. Dissertation, urn:nbn:de:kobv:11-10036006, ca. 0,9 MB, PDF, Philosophische Fakultät III, Humboldt-Univ., Berlin, 2004; Volltext bei der Deutschen Nationalbibliothek
  • Florian Sprenger: „1+1=1 – Bewegte Elemente im Werk Andreij Tarkowskijs“ in: Leitner, Birgit/Engell, Lorenz (Hrsg.) Philosophie des Films. Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, Weimar, 2007, S. 128–141
  • Hans-Joachim Schlegel: Filmbild und Ikone. Folgen des byzantinischen Bildverständnisses im russischen und sowjetischen Film. In: P. Hasenberg, R. Zwick, G. Larcher (Hg.): Zeit BILD Theologie. Marburg 2011 ISBN 978-3-89427-674-4
  • Layla Alexander-Garrett: Andrei Tarkovsky: A Photographic Chronicle of the Making of The Sacrifice, Cygnnet, 2012 . ISBN 978-0-9570416-0-8

Sonstige Arbeiten zu Tarkowski[Bearbeiten]

  • Various Artists: In Memoriam Tarkovsky. CD, Insofar Vapor Bulk, 2002, mit Kompositionen von Christian Renou, Roger Doyle, Michael Prime, Stanislav Kreitchi
  • Francois Couturier: Nostalghia. Song for Tarkovsky. CD, ECM, 2006

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Andrei Tarkowski – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Festival de Cannes: Nostalghia. In: festival-cannes.com. Abgerufen am 16. Juni 2009.
  2. Der Film in der IMDb
  3. Der Film in der IMDb