Wolfgang Rihm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wolfgang Rihm (2007)

Wolfgang Michael Rihm (* 13. März 1952 in Karlsruhe) ist ein deutscher Komponist und Essayist.

Biografie[Bearbeiten]

Wolfgang Rihm wuchs in seiner Heimatstadt auf. Angeregt durch frühe Begegnungen mit Malerei, Literatur und Musik begann er 1963 zu komponieren. Während seiner Schulzeit am humanistischen Bismarck-Gymnasium studierte er 1968–72 Komposition bei Eugen Werner Velte an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Er beschäftigte sich mit der Musik der Zweiten Wiener Schule, instrumentierte Arnold Schönbergs Klavierstücke op. 19 und orientierte sich vorübergehend am aphoristisch-knappen Stil Anton Weberns. Weitere Kompositionslehrer von Wolfgang Rihm waren Wolfgang Fortner und Humphrey Searle. Parallel zum Abitur legte er 1972 das Staatsexamen in Komposition und Musiktheorie an der Musikhochschule ab. Es folgten Studien bei Karlheinz Stockhausen 1972/73 in Köln sowie 1973–76 an der Hochschule für Musik Freiburg bei Klaus Huber (Komposition) und Hans Heinrich Eggebrecht (Musikwissenschaft). Erste eigene Erfahrung als Dozent sammelte Rihm 1973–78 in Karlsruhe, ab 1978 bei den Darmstädter Ferienkursen (die er seit 1970 besucht hatte) und 1981 an der Musikhochschule München. 1985 übernahm er als Nachfolger seines Lehrers Eugen Werner Velte den Lehrstuhl für Komposition an der Musikhochschule Karlsruhe.

Nach der Aufführung seines Orchesterstücks Morphonie – Sektor IV bei den Donaueschinger Musiktagen 1974 fand Rihm in den Folgejahren breite Anerkennung innerhalb des Musikbetriebs. Seit 1982 ist er Präsidiumsmitglied des Deutschen Komponistenverbands, seit 1984 Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrats, seit 1985 Kuratoriumsmitglied der Heinrich Strobel-Stiftung, seit 1989 gehört er dem Aufsichtsrat der GEMA an. 1984/85 und 1997 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrats, 1984–89 Mitherausgeber der Musikzeitschrift „Melos“, 1984–90 musikalischer Berater der Deutschen Oper Berlin, 1990–93 musikalischer Berater des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Auf Einladung von Walter Fink war er 1995 der fünfte Komponist im jährlichen Komponistenporträt des Rheingau Musik Festival.

Wolfgang Rihm lebt in Karlsruhe und Berlin. Er hat einen Sohn und eine Tochter.[1] Die Freie Universität Berlin würdigte ihn 1998 als Künstler, der „in seinem überaus umfangreichen kompositorischen Werk die Freiheit des Kreativen verkörpert und für eine Ästhetik der Freiheit der Kunst eintritt, der zahlreiche, theoretisch fundierte Schriften verfasst hat, die außerordentliche musikwissenschaftliche Bedeutung besitzen.“

Einflüsse, Verfahrensweisen und Stilistik[Bearbeiten]

Als Komponist und Musikschriftsteller vertritt Rihm eine Ästhetik, die das subjektive Ausdrucksbedürfnis in den Mittelpunkt stellt. Vorbilder in diesem Sinn waren für ihn Hans Werner Henze[2], später Karlheinz Stockhausen und noch später Luigi Nono. Darüber hinaus vermittelten ihm literarische Texte wichtige Impulse: die Lyrik Paul Celans, die Philosophie Friedrich Nietzsches, die Theater-Schriften von Antonin Artaud und Heiner Müller. Die von James Joyce formulierte Idee eines „work in progress“ hat ihn insofern beeinflusst, als er seine Stücke gern als Provisorien („Versuche“) betrachtet, die – durch Erweiterung, Ergänzung, Tropierung, Vernetzung und Verflechtung des einmal entwickelten Materials – einander fortlaufend korrigieren oder ergänzen können. Rihm benutzt hierfür gern Metaphern aus der bildenden Kunst, er spricht von „Übermalungen“ oder von Bildhauerei:

Ich habe die Vorstellung eines großen Musikblocks, der in mir ist. Jede Komposition ist zugleich ein Teil von ihm, als auch eine in ihn gemeißelte Physiognomie.[3]

Vergleichbare Verfahren gibt es unter anderem im Schaffen von Pierre Boulez (dieser spricht von „Ableitungen“ und „Wucherungen“). 1973 lernt Rihm den österreichischen Maler Kurt Kocherscheidt kennen, dessen offene, radikale Art des Zeichnens ihn unmittelbar angesprochen hat. Beeinflusst haben ihn ferner junge Künstler der Kunstakademie Karlsruhe, die seit den 1970er Jahren dort gelehrt haben und später zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Malerei der 1980er Jahre werden sollten, darunter Markus Lüpertz, Georg Baselitz oder Per Kirkeby.

Stilistisch lassen sich grob drei Perioden im Schaffen von Rihm unterscheiden: Seine frühen Stücke knüpfen an eine Tradition an, die sich von den späten Instrumentalwerken Beethovens hin zu Schönberg, Berg und Webern spannt. Wegen ihrer dezidierten Subjektivität wurde Rihms Musik damals gelegentlich der so genannten Neuen Einfachheit zugerechnet. Ab den 1980er Jahren entwickelt sich ein lakonisch-ausdrucksknapper Stil; Klänge werden als Zeichen („Chiffren“) gedeutet, im Sinne einer neuen Erforschung musikalischer Semantik. Ab den 1990er Jahren erscheinen schließlich diese beiden Positionen als These und Antithese zugespitzt; zugleich sucht Rihm immer wieder Möglichkeiten einer Synthese. Zunehmende Prägnanz der musikalischen Formulierung lässt Gebilde von hoher Virtuosität entstehen.

Kompositionen[Bearbeiten]

Neben zahlreichen Kompositionen für kleinere Besetzungen und drei Symphonien schreibt er Bühnenwerke. Von ihm wurde zunächst die Kammeroper Faust und Yorick (1976; mit einem Libretto von Frithjof Haas nach dem gleichnamigen Stück von Jean Tardieu) bekannt. 1983–86 folgte Die Hamletmaschine, ein Musiktheaterstück in 5 Teilen mit einem Libretto nach dem gleichnamigen Theaterstück und 1987 Oedipus nach bzw. mit Texten von Sophokles. 1992 brachte die Hamburger Staatsoper Die Eroberung von Mexiko von ihm auf die Bühne. Proserpina (2009), nach dem gleichnamigen Stück von Johann Wolfgang von Goethe im Schwetzinger Schlosstheater und die über Nietzsche phantasierende Oper Dionysos (2010; Salzburg, Berlin, Amsterdam) sind seine neueren großen Arbeiten.

Texte[Bearbeiten]

Bücher
  • Wolfgang Rihm: Ausgesprochen. Schriften und Gespräche. 2 Bände, hrsg. von Ulrich Mosch. Amadeus Verlag, Winterthur 1997. Schott Verlag, Mainz 1998. ISBN 3-7957-0395-6
  • Wolfgang Rihm und Reinhold Brinkmann: Musik nachdenken. Con brio Verlag, Regensburg 2001
  • Wolfgang Rihm: Offene Enden. Hanser Verlag, München und Wien 2002
Einzeltexte

Ausstellungen[Bearbeiten]

Ehrungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Monographien, Sammelbände
  • Joachim Brügge: Wolfgang Rihms Streichquartette. Pfau Verlag, Saarbrücken 2004 (mit Bibliographie)
  • Nicolas Darbon: Wolfgang Rihm et la Nouvelle Simplicité. Vorwort: Béatrice Ramault-Chevassus. Éditions Millénaire III, 2008. ISBN 978-2-911906-17-6
  • Achim Heidenreich: Untersuchungen zu Wolfgang Rihms Oper „Die Hamletmaschine“. Magisterarbeit, Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1992
  • Wolfgang Hofer (Hrsg.): Ausdruck - Zugriff - Differenzen. Der Komponist Wolfgang Rihm. Symposion, 14. und 15. September 2002, Alte Oper Frankfurt am Main. Schott Verlag, Mainz 2003. ISBN 3-7957-0483-9 (Edition Neue Zeitschrift für Musik)
  • Beate Kutschke: Wildes Denken in der Neuen Musik. Die Idee vom Ende der Geschichte bei Theodor W. Adorno und Wolfgang Rihm. Königshausen & Neumann 2002
  • Dieter Rexroth (Hrsg.): Der Komponist Wolfgang Rihm. Schott Verlag, Mainz 1985
  • Ulrich Tadday (Hrsg.): Musik-Konzepte: Sonderband Wolfgang Rihm (Beiträge von Josef Häusler, Jürg Stenzl, Nike Wagner, Siegfried Mauser, Wilhelm Killmayer, Ulrich Dibelius, Rudolf Frisius, Dieter Rexroth, Thomas Schäfer, Joachim Brügge, Reinhold Brinkmann, Ivanka Stoianova). München 2004. ISBN 3-88377-782-X
Einzelstudien, Aufsätze
  • Reinhold Brinkmann: Vom Pfeifen und von alten Dampfmaschinen. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006. Darin:
  • Wirkungen Beethovens in der Kammermusik
  • Musikalische Lyrik oder die Realisation von Freiheit. Wolfgang Rihms Hölderlin-Fragmente
  • Achim Heidenreich:
  • Zum Begriff Chaos und Zufall im Musikdenken von Wolfgang Rihm. In: Karl-Josef Müller (Hrsg.): Chaos und Zufall. Mainz 1994, S. 87-99
  • Ein Rhythmus im Alltäglichen. Wolfgang Rihm in Darmstadt. In: Rudolf Stephan, Lothar Knessl, Otto Tomek, Klaus Trapp, Christopher Fox (Hrsg.): Von Kranichstein zur Gegenwart. 50 Jahre Darmstädter Ferien-Kurse für Neue Musik. Darmstadt 1996, S. 487-493
  • Ulrich Mosch: Das Werk Wolfgang Rihms im Kontext der musikalischen Tradition. In: Musik inszeniert. Hrsg. von J. P. Hiekel u. a. Schott Verlag, Mainz 2006 (Veröffentlichungen des Instituts fur Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt, 46). S. 111–125
  • Carole Nielinger-Vakil: Quiet Revolutions. Hölderlin Fragments by Luigi Nono and Wolfgang Rihm. In: Music & Letters, Vol. 81, 2 (2000), S. 245–274
  • Dörte Schmidt: Lenz im zeitgenössischen Musiktheater. Literaturoper als kompositorisches Projekt bei Bernd Alois Zimmermann, Friedrich Goldmann, Wolfgang Rihm und Michèle Reverdy. Stuttgart, Weimar: Metzler 1997. ISBN 3-476-00932-7
  • Alastair Williams: Voices of the Other. Wolfgang Rihm’s Music Drama “Die Eroberung von Mexico”. In: Journal of the Royal Musical Association, 129, 2 (2004). S. 240–271
  • Reinhold Urmetzer: Wolfgang Rihm. Patricia Schwarz, Stuttgart 1988 ISBN 3925911189[7]

Schüler[Bearbeiten]

  • Márton Illés (*1975)
  • Heera Kim (*1976)
  • Stefan Pohlit (*1976)
  • Johannes Motschmann (*1978)
  • Patrick Sutardjo (*1978)
  • Vito Zuraj (*1979)
  • Dohun Lee (*1979)
  • Jan Masanetz (*1979)
  • Birke Bertelsmeier (*1981)
  • Luke Styles (*1982)
  • Nico Sauer (*1986)
  • Viviane Waschbüsch (*1989)
  • Günay Mirzayeva (*1985)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thomas Liebscher, Der vielgerühmte Komponist. Wolfgang Rihm wird 60. In: Der Sonntag, 11. März 2012, S. 3.
  2. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/zum-tod-hans-werner-henzes-er-suchte-die-schoenheit-und-den-glanz-der-wahrheit-11941838.html
  3. Wolfgang Rihm: Ausgesprochen, Mainz 1998, Bd. 1, S. 114
  4. Liste des RPS Music Award
  5. http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Berichte/Bekanntgabe-Ordensverleihung/1110-bekanntgabe-der-verleihungen.html
  6. Kulturstaatsminister Bernd Neumann bei Jahrestagung des Ordens Pour le mérite. In: Pressemitteilung. ddp, 10. Juni 2013, abgerufen am 23. Juni 2013.
  7. enthält: Von R. U., Essay: Über Stil, Künstlichkeit und Spiel. Ein Vortrag S. 9 - 64. Zuerst in kürzerer Form geh. 1987.- Teilabdr. in Stgt. Zeitung und in der Neuen Zs. für Musik, (Schott). 2. Gespräche W. R.s mit R. U.: Offene Stellen - Abbiegen ins Andere. S. 67 - 108 (über versch. musiktheoretische, künstlerische und weltanschauliche Meinungen, im Zeitraum von 3 Jahren) Teil-Vorabdr. in taz, Stgt. Zeitung und Wolkenkratzer (Zeitschrift), Frankfurt.