Peter Weibel (Künstler)

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Peter Weibel, Juni 2013, in Frankfurt am Main

Peter Weibel (* 5. März 1944 in Odessa, Ukraine) ist österreichischer Künstler, Ausstellungskurator, Kunst- und Medientheoretiker.

Leben[Bearbeiten]

Peter Weibel verbrachte seine Kindheit und Schulzeit in einem Heim in einer oberösterreichischen Kleinstadt. Nach der Schule studierte er zunächst für ein Jahr in Paris Französisch, Film und Komparatistik, begann dann 1964 in Wien das Studium der Medizin, bis er zur Mathematik mit Schwerpunkt Logik wechselte.

Sein Werk lässt sich in Kategorien der Konzeptkunst, der Performance, des Experimentalfilms, der Videokunst, Computerkunst und allgemein der sogenannten Medienkunst fassen.

Ausgehend von semiotischen und linguistischen Überlegungen (Austin, Jakobson, Peirce, Wittgenstein u. a.) entwickelt Peter Weibel eine künstlerische Sprache, die ihn ab 1965 von der experimentellen Literatur zur Performance führt. In seinen performativen Aktionen untersucht er nicht nur die „Medien“ Sprache und Körper, sondern auch Film, Video, Tonband und interaktive elektronische Umgebungen. Kritisch analysiert er ihre Funktion für die Konstruktion von Wirklichkeit. Neben Aktionen mit Vertretern des Wiener Aktionismus arbeitet er ab 1967 (zusammen mit Valie Export, Ernst Schmidt jr. und Hans Scheugl) an einem „erweiterten Kino“. Es ist durch das amerikanische Expanded Cinema inspiriert und reflektiert die ideologischen und technischen Bedingungen der filmischen Darstellung. Peter Weibel entwickelte diese Überlegungen ab 1969 konsequent in seinen Videobändern sowie -installationen weiter. Mit seinen Fernsehaktionen, den teleaktionen, die das Österreichische Fernsehen (ORF) 1972 im Rahmen der Sendung Impulse ausstrahlte, überschritt er die Grenzen des Galerieraumes und untersuchte die Videotechnik in ihrer Anwendung im Massenmedium Fernsehen.

Am 7. Juni 1968 nahm Weibel an der Aktion „Kunst und Revolution“ in einem Hörsaal der Universität Wien teil, wo er mit einem brennenden Handschuh einen Vortrag (Schimpftirade) gegen die damalige Regierung hielt. Der Vortrag trug den Titel Was tun?, in Anlehnung an die berühmte Lenin-Schrift. Die Aktion war einer der Höhepunkte der Studentenbewegung 1968 in Österreich.

Peter Weibel verfolgt seine künstlerischen Problemstellungen in unterschiedlichsten Materialien, Formen und Techniken: in Texten, Skulpturen, Installationen, Filmen und Videos. So wandte er sich 1978 auch der Musik zu. Er gründete zusammen mit Loys Egg die Band „Hotel Morphila Orchester“. Mitte der 1980er Jahre erforschte er die Möglichkeiten der computergestützten Bearbeitung von Video. Anfang der 1990er Jahre realisierte er erste interaktive computerbasierte Installationen, mit denen er das Verhältnis von Medien und Wirklichkeitskonstruktion thematisierte.

In seinen zahlreichen Vorträgen und Artikeln publiziert Weibel über zeitgenössische Kunst, Mediengeschichte, Medientheorie, Film, Videokunst und Philosophie. Als Theoretiker und Kurator setzt er sich für eine Kunst und eine Kunstgeschichtsschreibung ein, die Technikgeschichte und Wissenschaftsgeschichte berücksichtigt. In seiner Funktion als Lehrer an Universitäten und langjähriger Leiter von Institutionen wie der Ars Electronica, Linz, dem Institut für Neue Medien in Frankfurt am Main, und dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe beeinflusst er besonders die europäische Szene der sogenannten Computerkunst durch Konferenzen, Ausstellungen und Publikationen.

Peter Weibel leitet seit 1999 das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

Peter Weibel

Forschung und Lehre[Bearbeiten]

Peter Weibel lehrte ab 1976 an mehreren Hochschulen, unter anderem an der Universität für Angewandte Kunst Wien, dem College of Art and Design in Halifax, Kanada und der Gesamthochschule Kassel. 1984 wurde er für fünf Jahre als Associate Professor for Video and Digital Arts an das Center for Media Study der State University of New York in Buffalo, N. Y. berufen. 1984 erhielt er die Professur für visuelle Mediengestaltung (Vismed) an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. 1989 wurde er mit dem Aufbau des Instituts für Neue Medien an der Städelschule in Frankfurt am Main beauftragt, das er bis 1994 als Direktor leitete. Seit 2009 ist er Gastprofessor an der University of New South Wales, Sydney, Australien.

Kuratorische Tätigkeit[Bearbeiten]

Seit 1986 ist Peter Weibel künstlerischer Berater der Ars Electronica, von 1992 bis 1995 auch ihr künstlerischer Leiter. Von 1993 bis 1999 kuratierte er den Pavillon des Staates Österreich auf der Biennale von Venedig. Zwischen 1992 und 2011 war er Chefkurator[1] der Neuen Galerie Graz. 2008 kuratierte er die Internationale Biennale von Sevilla. 2011 ist er Kurator für die 4. Moskauer Biennale. Seit Januar 1999 ist Weibel Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

Projekte und Ausstellungen[Bearbeiten]

Kuratorische Projekte[Bearbeiten]

  • 1976: Österreichs Avantgarde 1908–38. Mit Oswald Oberhuber. Galerie nächst St. Stephan, Wien
  • 1987: Logokultur. Universität für angewandte Kunst, Wien
  • 1990: Vom Verschwinden der Ferne. Mit Edith Decker. Postmuseum, Frankfurt am Main
  • 1991: Das Bild nach dem letzten Bild. (mit Kasper König. Galerie Metropol, Wien
  • 1993: Kontext Kunst. Neue Galerie Graz
  • 1996: Inklusion: Exklusion. Steirischer Herbst 96, Graz
  • 1998: Jenseits von Kunst. Museum van Hedendaagse Kunst (MuHKA), Antwerpen; Neue Galerie Graz; Ludwig-Museum, Budapest
  • 1999: Offene Handlungsfelder. 48. Biennale von Venedig, Venedig
  • 1999/2000: Der anagrammatische Körper. Kunsthaus Muerz, Mürzzuschlag; Neue Galerie Graz; Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2000: Net_condition. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2000/2001: Olafur Eliasson: Surroundings surrounded. Neue Galerie Graz und Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2002: Iconoclash. Mit Bruno Latour. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2002: Future Cinema. Mit Jeffrey Shaw. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2003: M_ARS: Kunst und Krieg. Mit Günther Holler-Schuster. Neue Galerie Graz
  • 2005: Making Things Public. Mit Bruno Latour. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2005: Lichtkunst aus Kunstlicht. Mit Gregor Jansen). Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2007: YOU-ser: Das Jahrhundert des Konsumenten. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2008: Rom – Offene Malerei. Das Materialbild im Italien der 1950er und 1960er Jahre. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2008: Medium Religion. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2008: youniverse. Internationale Biennale für zeitgenössische Kunst, Sevilla
  • 2009: IMAGINING MEDIA@ZKM. Mit Bernhard Serexhe. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2011 Francesco Lo Savio – Tano Festa. The Lack of the Other. Mit Freddy Paul Grunert. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
  • 2011 Moderne: Selbstmord der Kunst? Im Spiegel der Sammlung der Neuen Galerie Graz. Mit Christa Steinle und Gudrun Danzer. Neue Galerie Graz
  • 2011 Bruseum. Ein Museum für Günter Brus. Mit Anke Orgel. Neue Galerie Graz
  • 2011 Hans Hollein. Mit Günther Holler-Schuster. Neue Galerie Graz
  • 2011 The Global Contemporary Kunstwelten nach 1989. Mit Andrea Buddensieg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe

Einzelausstellungen[Bearbeiten]

  • 1975: Kosmologie des Paradoxen. Galerie nächst St. Stephan, Wien
  • 1988: Inszenierte Kunstgeschichte. Museum für Angewandte Kunst, Wien
  • 1991: Scanned Objects. Galerie Grita Insam, Wien
  • 1992: Virtuelle Welten. Galerie Tanja Grunnert, Köln
  • 1992: Malerei zwischen Anarchie und Forschung. Neue Galerie Graz
  • 1993: Vertreibung der Vernunft. Biennale von Venedig, Venedig
  • 1999: Globale Gier. Kärntner Landesgalerie, Klagenfurt
  • 2003: B-Picture. Ein Film über Peter Weibel. Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis, Bregenz
  • 2004: peter weibel. sozialmatrix. werke 1965–79. Meyer Riegger Galerie, Karlsruhe
  • 2004: peter weibel. das offene werk 1964–1979. Neue Galerie Graz; Mucsarnok, Kunsthalle Budapest; Moderna Galerija, Ljubljana
  • 2009: Lines of Crime. Galerie Grita Insam, Wien
  • 2009: Peter Weibel, Rewriter. Slought Foundation, Philadelphia, PA
  • 2011: Peter Weibel, Das Leben im 20. Jahrhundert: 225 Millionen Morde. Oratorium für 42. Tonspur-Passage im MQ, Wien [2]
  • 2011: Peter Weibel, Die Kunst ist der Imker. Nicht die Biene. Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz
  • 2012: Mobile Poeme. Kunstraum Tosterglope, Tosterglope
  • 2013 Politische Performance. Galerie Anita Beckers, Frankfurt

Gruppenausstellungen[Bearbeiten]

  • 1966: Destruction in Art Symposium. London
  • 1968: Kunst und Revolution. Universität Wien
  • 1968: Underground Explosion. München, Köln, Stuttgart
  • 1970: Concrete Poetry Festival. Hanau
  • 1970: First International Underground Film Festival. London
  • 1971: Experimenta 4. Frankfurt
  • 1973: Trigon 73. Neue Galerie, Graz
  • 1973: The Austrian Exhibition. ICA, London; Richard Demarco Gallery, Edinburgh
  • 1974: Experimentl. International Experimental Film Festival. Knokke, Belgien
  • 1975: Video. Serpentine Gallery, London
  • 1977: Documenta 6. Kassel
  • 1978: 38. Biennale von Venedig
  • 1983: aktuell 83. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
  • 1984: 31st Cannes Film Festival
  • 1984: Recent Acquisitions. Museum of Modern Art, New York
  • 1985: Zeit – die 4. Dimension. Museum für Moderne Kunst, Wien
  • 1986: Künstlerphilosophen. Kunsthaus, Zürich
  • 1989: Das Spiel des Unsagbaren. Wiener Secession, Wien; Palais des Beaux-Arts, Brüssel
  • 1990: Le desenchantement du Monde. Villa Arson, Nizza
  • 1996: Wunschmaschine Welterfindung. Kunsthalle, Wien
  • 1997: L’empreinte. Centre Georges Pompidou, Paris
  • 1997: Unimplosive Art. Biennale von Venedig
  • 1998: Out of Actions. Museum of Contemporary Art, Los Angeles
  • 2001: Morphologies. Artspace Visual Art Center, Woolloomooloo, Australia
  • 2004: Virtual Frame. Kunsthalle Wien [Kooperation mit Bernhard Faiss und Ronald Genswaider]
  • 2005: Open Systems. Tate Modern, London
  • 2009: LINIE. 401contemporary, Berlin
  • 2009: We Interrupt This Program. Mercer Union, Toronto
  • 2010: MEMENTO. 401contemporary, Berlin
  • 2012: Vidéo Vintage. Centre Georges Pompidou, Paris

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • mit Valie Export: Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film. Kohlkunstverlag, Frankfurt am Main 1970.
  • Kritik der Kunst. Kunst der Kritik: es says & I say. Jugend und Volk, Wien, München 1973.
  • Arbeiten in den Medien Sprache, Schrift, Papier, Stein, Foto, Ton, Film und Video aus zwanzig Jahren. Reihe Protokolle. Jg. 1982, Bd. 2, Jugend und Volk, Wien, München 1982, ISBN 3-224-16617-7.
  • mit Werner DePauli-Schimanovich: Kurt Gödel. Ein mathematischer Mythos. Hölder-Pichler-Tempsky, Wien 1997, ISBN 3-209-00865-5.
  • Lebenssehnsucht und Sucht. Merve Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-88396-174-4.
  • Gamma und Amplitude. Medien- und kunsttheoretische Schriften. Hrsg. Rolf Sachsse. Philo & Philo Fine Arts, Berlin 2004, ISBN 3-86572-515-5.
  • Peter Weibel. Das offene Werk 1964–1979. Cantz, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7757-1539-3.

Literatur[Bearbeiten]

  • Literatur von und über Peter Weibel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Katalog: Peter Weibel. Malerei zwischen Anarchie und Forschung. Neue Galerie; Graz 1992.
  • Katalog: Robert Fleck (Hrsg.): Peter Weibel. Zur Rechtfertigung der hypothetischen Natur der Kunst und der Nicht-Identität in der Objektwelt. Grunnert, Köln 1992, ISBN 3-88375-166-9.
  • Romana Schuler (Hrsg.): Peter Weibel. Bildwelten 1982–1996. Werkverzeichnis mit Ausstellungs- und Schriften von P. Weibel. Triton, Wien 1996, ISBN 3-901310-21-5.[10]
  • Katalog: Peter Weibel: Globale Gier. Kärntner Landesgalerie, Klagenfurt 1999.
  • Katalog: Marcus Huemer, Wilhelm Meusburger (Hrsg.): B-Picture. Revolver, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-937577-75-0.
  • Ecke Bonk, Peter Gente, Margit Rosen (Hrsg.): 05-03-44: Liebesgrüsse aus Odessa: für Peter Weibel. Merve, Berlin 2004, ISBN 3-88396-199-X.
  • Alfred Kolleritsch, Christa Steinle (Hrsg.): Peter Weibel: X-Dream. Droschl, Graz u.a. 2004, ISBN 3-85420-671-2.
  • Herbert Kapfer, Margit Rosen (Hrsg.): Peter Weibel Tribute. intermedium records, München, ISBN 978-3-939444-72-5

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Peter Weibel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. neue galerie / steinle / weibel (Linksammlung), abgerufen am 5. Mai 2011
  2. http://new.aec.at/prix/en/kategorien/computer-animation/#winners
  3. http://new.aec.at/prix/en/kategorien/interactive-art/#winners
  4. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)
  5. http://www.landeshauptmann.steiermark.at/cms/beitrag/10861536/5298585/
  6. „The University of Art and Design Helsinki held its third Conferment of Degrees for Masters and Doctors of Arts on Thursday, 11 January 2007. Nine honorary doctors were conferred: Antti Herlin, Chairman of the Board of Kone Corporation; Paavo Lipponen, Speaker of the Parliament of Finland; Viktor Misiano, curator, editor-in-chief, Russia; Ilkka Niiniluoto, rector, University of Helsinki; Vuokko Nurmesniemi, textile and clothing designer; Severi Parko, professor emeritus; Itsuo Sakane, rector emeritus, Japan; Thelma Schoonmaker, film editor, USA; and Peter Weibel, director, artist, Austria.“ [1]
  7. Kulturministerin Claudia Schmied: Medienkünstler Peter Weibel erhält (…) In: bmukk.gv.at, 7. Dezember 2010, abgerufen am 30. November 2013.
  8. http://www.salzburg.com/nachrichten/oesterreich/kultur/sn/artikel/peter-weibel-erhielt-ehrendoktorat-der-uni-pecs-81720/
  9. ORF-Online: Kokoschka-Preis 2014 geht an Peter Weibel; abgerufen am 3. Dez. 2013
  10. http://www.ejournal.at/artsite/weibel/weibel.html