Brüderchen und Schwesterchen

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Brüderchen und Schwesterchen (Begriffsklärung) aufgeführt.
Illustration von Ludwig Emil Grimm zu Brüderchen und Schwesterchen als Frontispiz zum Ersten Band der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen in der zweiten Ausgabe von 1819
Skulptur von Ignatius Taschner am Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain, Berlin 1913
Schwesterchen Aljonuschka weint um ihr Brüderchen Iwanuschka (Gemälde von Wiktor Michailowitsch Wasnezow, 1881).

Brüderchen und Schwesterchen ist ein Märchen (ATU 450). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 11 (KHM 11).

Inhalt[Bearbeiten]

Eine Hexe mit einer eigenen hässlichen Tochter behandelt ihre beiden Stiefkinder, einen Knaben und ein Mädchen, so schlecht, dass diese keinen anderen Ausweg sehen, als zu fliehen. Als die Stiefmutter die Flucht bemerkt, belegt sie alle Brunnen und Quellen im Wald mit einem Verwandlungszauber. An der dritten Quelle kann „Brüderchen“ nicht länger seinem Durst widerstehen und wird in ein Reh verwandelt. Brüderchen und Schwesterchen leben eine Zeit lang gemeinsam in einem Waldhaus. Bei einer Jagd wird das Reh von königlichen Jägern verletzt, sodass ein Jäger dem Reh folgen kann, das Haus entdeckt und dem König die Begebenheit meldet. Der König entflammt in Liebe zu dem Mädchen, nimmt es mitsamt dem Reh auf sein Schloss und heiratet „Schwesterchen“. Die Hexe und ihre hässliche Tochter hören davon, sind von Neid zerfressen und sinnen darauf, die junge Königin zu verderben. Nachdem „Schwesterchen“ von einem Knaben entbunden worden ist, verwandelt sich die Hexe in deren Kammerfrau, überredet „Schwesterchen“ zu einem Bad und schließt gemeinsam mit ihrer Tochter die Tür ab.

„In der Badstube aber hatten sie ein rechtes Höllenfeuer angemacht, dass die schöne junge Königin bald ersticken musste.“

Die Tochter der Hexe legt sich als falsche Königin ins Bett. Um Mitternacht bemerkt die Kinderfrau, wie die Tür aufgeht und die richtige Königin stumm nach dem Kind und dem Reh sieht. Dies wiederholt sich in jeder Nacht. Nach geraumer Zeit beginnt Schwesterchen zu sprechen: „Was macht mein Kind? Was macht mein Reh? Nun komme ich noch zweimal und dann nimmermehr.“ Die Kinderfrau meldet es sofort dem König, der sich aber in der nächsten Nacht nicht getraut, seine Gemahlin anzureden. Beim dritten und letzten Mal spricht sie der König endlich an.

„Da antwortete sie: ‚Ja, ich bin deine liebe Frau.‘ Und hatte in dem Augenblick durch Gottes Gnade das Leben wieder erhalten, war frisch, rot und gesund.“

Kleinbogen der Deutschen Post der DDR aus dem Jahre 1970

Das Märchen endet mit der Entlarvung und Verurteilung der Hexe und deren Tochter. Die Tochter wird in den Wald geführt, wo sie von wilden Tieren zerrissen wird, die Hexe dagegen erleidet den Feuertod. Erst als sie zu Asche zerfällt, ist Brüderchen erlöst.

Besonderheiten[Bearbeiten]

Das Schwesterchen wird als ein gläubiges und frommes Mädchen beschrieben:

„So spricht das Schwesterchen: Gott und unsere Herzen, die weinen zusammen!“

„Abends, wenn Schwesterchen müde war und sein Gebet gesagt hatte, […]“

Varianten[Bearbeiten]

Vgl. KHM 141 Das Lämmchen und Fischchen

In einer aus Russland vom dortigen Märchensammler Afanassjew überlieferten Variante des Märchens heißen die Geschwister Aljonuschka und Iwanuschka (so auch der dortige Name des Märchens). Hier trinkt das Brüderchen aus einem Hufabdruck und verwandelt sich statt in ein Reh in eine Ziege. Auch heiratet das Schwesterchen nicht einen König, sondern nur einen nicht näher bezeichneten „normalen“ Mann, ist aber mit diesem ebenfalls glücklich, bis die Hexe versucht, das neue Glück zu zerstören. Auch bei dieser Version wird das Brüderchen mit der Bestrafung der Hexe erlöst. Die eigene Tochter der Hexe kommt jedoch nicht vor.

Interpretation[Bearbeiten]

Eugen Drewermann interpretiert das Thema des Märchens als „stark angstbesetzte Entwicklung eines Mädchens zur Frau und Mutter“. Laut Bruno Bettelheim geht es um die Bannung asozialer bzw. animalischer Tendenzen in Gestalt der Hexe bzw. der wilden Tiere. Schwesterchen repräsentiert Ich und Über-Ich und kann Brüderchens Es-Druck bis zur Sublimation als zahmes Tier bremsen. Sie sorgt auch sonst für beide, das Strumpfband bedeutet persönliche Bindung, doch lauter Ruf der Instinkte mindert die Kraft rationaler Steuerung. Seine Lebenskrise ist der Weggang von daheim, ihre die Gründung einer eigenen Familie, was jeweils durch dreifache Wiederholung betont wird. [1] Wilhelm Salber sieht eine Morphologie der Bewegung unserer Lebenskulturen in einer Selbstregulation zwischen Umstürzen und Ordnen.[2]

Andere sehen den Schwerpunkt des Märchens stärker in der Liebe zwischen den Geschwistern und gehen zum Teil soweit, der Geschichte den Inzest als zentrales tiefenpsychologisches Thema zu unterstellen.

Filme[Bearbeiten]

Musik[Bearbeiten]

  • Der Komponist und Texter Roland Zoss vertonte 2006 Brüderchen und Schwesterchen in der Schweizer Mundart-Märchenserie Liedermärli.

Bildende Kunst[Bearbeiten]

Textausgabe[Bearbeiten]

 Wikisource: Brüderchen und Schwesterchen – Quellen und Volltexte

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Brüderchen und Schwesterchen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. 31. Auflage 2012. dtv, München 1980, ISBN 978-3-423-35028-0, S. 92-98.
  2. Wilhelm Salber: Märchenanalyse (= Werkausgabe Wilhelm Salber. Band 12). 2. Auflage. Bouvier, Bonn 1999, ISBN 3-416-02899-6, S. 101-103.
  3. http://www.ofdb.de/film/34076,Br%C3%BCderchen-und-Schwesterchen
  4. Grimms Manga. Sonderband. Tokyopop, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8420-0638-6.