Carl-Heinrich von Stülpnagel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Carl-Heinrich von Stülpnagel (1941)

Carl-Heinrich Rudolf Wilhelm von Stülpnagel (* 2. Januar 1886 in Berlin; † 30. August 1944 in Berlin-Plötzensee) war deutscher Offizier, zuletzt General der Infanterie der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt am Attentat vom 20. Juli 1944.

Familie und Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Stülpnagel ist der Name eines uckermärkischen Adelsgeschlechtes, das 1321 erstmals urkundlich erwähnt wird. Carl-Heinrich von Stülpnagel war der Sohn des preußischen Generalleutnants zur Disposition („zur freien Verfügung“) Hermann von Stülpnagel (1839–1912) und Luise Freiin von der Tann-Rathsamhausen (1856–1907). Er legte 1904 das Abitur in Frankfurt am Main ab. Am 1. Oktober 1904 trat er in Darmstadt im Rang eines Fahnenjunkers in das 1. Großherzoglich Hessische Infanterie-(Leibgarde-)Regiment Nr. 115 ein. Nach bestandenem Offiziersexamen am 18. Mai 1905 erfolgt die Ernennung zum Leutnant am 21. Januar 1906. Vom 1. Oktober 1911 bis zum 30. Juni 1914 besucht er die Preußische Kriegsakademie. Dazwischen lag die Ernennung zum Oberleutnant am 19. Juli 1913. Bei Kriegsausbruch 1914 war er Kompaniechef der 12. Kompanie seines Regiments und Regimentsadjutant. Am 19. Juli 1915 wurde er zum Hauptmann befördert. Am 20. Januar 1916 heiratete er auf Gut Brandis Helene Freiin von Pentz (1889–1965), die Tochter des Gutsbesitzers Friedrich Freiherr von Pentz, Familienfideikommissherr auf Gut Brandis, und Marie Steinmetz. Den Ersten Weltkrieg beendet Stülpnagel als 1. Generalstabsoffizier der 18. Division an der Westfront.[1]

Weimarer Republik und Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Carl-Heinrich von Stülpnagel, 1941, Polen

Im Herbst 1931 war er Lehrgruppenkommandeur an der Zentralen Infanterieschule der Reichswehr in Dresden. Zusammen mit dem späteren Chef des Truppenamts im Reichswehrministerium Generaloberst Ludwig Beck erarbeitete er die Dienstvorschrift Truppenführung (HDv 300/1). Ab 1. Dezember 1932 war er Chef der Abteilung Fremde Heere im Truppenamt; am 1. Oktober 1935 erfolgte die Ernennung zum Generalmajor mit Übernahme des Kommandos der neuaufgestellten 30. Infanterie-Division in Lübeck zum 6. Oktober 1936. Seit dem sogenannten Röhm-Putsch 1934 nahm er eine zunehmend kritischere Haltung in Bezug auf das NS-Regime ein. Stülpnagel war ab Februar 1938 Oberquartiermeister II und von November 1938 bis Mai 1940 Oberquartiermeister I im Generalstab des Heeres und somit Stellvertreter von Generalstabschef Franz Halder. Am 20. April 1939 erfolgte seine Beförderung zum General der Infanterie. Stülpnagel war in die Septemberverschwörung von 1938 zur Entmachtung Hitlers eingeweiht und gehörte auch im Winter 1939/40 zu den entschiedenen Gegnern Hitlers im Heeresgeneralstab. Während der zweiten Phase des Westfeldzugs führte er zeitweilig das II. Armeekorps. Anschließend wurde er Vorsitzender der deutsch-französischen Waffenstillstandskommission bis zum Dezember 1940. Danach führte er die 17. Armee der Heeresgruppe Süd im Deutsch-Sowjetischen Krieg. Im Oktober 1941 wurde er wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Oberkommando der Wehrmacht auf eigenen Wunsch vom Oberbefehl entbunden.

Nach der Besetzung Lembergs ermordeten am 1. Juli 1941 ukrainische Zivilisten, Hilfswillige, Angehörige der Einsatzgruppen sowie Wehrmachtsoldaten etwa 4.000 jüdische Einwohner der Stadt. Das Armeeoberkommando 17 unter der Führung Stülpnagels machte eigene Vorschläge zur Anstiftung von Pogromen.[2] In der Ereignismeldung UdSSR Nr. 10 vom 2. Juli 1941 an das Reichssicherheitshauptamt heißt es: „AOK 17 hat angeregt, zunächst die in den neu besetzten Gebieten wohnhaften anti-jüdisch und anti-kommunistisch eingestellten Polen zu Selbstreinigungsaktionen zu benutzen.“[3] In seinem „Einsatzbefehl Nr. 2“ vom 1. Juli 1941 griff Reinhard Heydrich die Initiative der Armeeführung auf, da ihm die Anregung, sich bei antijüdischen Pogromen zunächst auf einheimische Antisemiten zu stützen, gelegen kam.[4] Heydrich erklärte in diesem Befehl, die antisemitisch und antibolschewistisch eingestellten Teile der polnischen Bevölkerung sollten eher geschont werden, da sie „als Initiativelement für Pogrome von besonderer Wichtigkeit“ seien. [5]

Stülpnagel unterschied deutlich zwischen der nichtjüdischen und jüdischen Bevölkerung der besetzten Ukraine – so zum Beispiel in seinem Befehl vom 30. Juli 1941 über die „Behandlung feindlicher Zivilpersonen (Partisanen, jugendliche Banden) und der russischen Kriegsgefangenen“: „Soweit die auslösende Tat der ukrainischen Ortseinwohnerschaft nicht nachgewiesen werden kann, sind die Ortsvorsteher anzuweisen, in erster Linie jüdische und kommunistische Einwohner zu nennen. […] Dabei muss berücksichtigt werden, dass die aktiven älteren Kommunisten zum größten Teil geflohen sind oder sich in benachbarter Gegend so verborgen halten, dass sie für raschen Zugriff nicht erreichbar sind. Zahlreicher zurückgeblieben sind die Angehörigen der russ. Staatsjugend (Komsomolzen). […] Besonders die jüdischen Komsomolzen sind als Träger der Sabotage und Bandenbildung Jugendlicher anzusehen.“[6] Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt urteilt, Stülpnagel sei ein „entschiedener Antisemit“ gewesen, „der sowohl in Rußland wie auch als Militärbefehlshaber in Frankreich (seit Februar 1942) Entscheidungen traf, die als Beitrag zum Weltanschauungskrieg qualifiziert werden können“.[7] Hans Mommsen sieht in Stülpnagels Befehlen „die antisemitischen Sprachregelungen aus dem OKW noch übertroffen“.[8]

Stülpnagels Judenfeindlichkeit wird besonders deutlich in einer Denkschrift vom 12. August 1941 an das Heeresgruppenkommando Süd über „Stellung und Einfluss des Bolschewismus“: „Vermehrter Kampf gegen den Bolschewismus und das vor allein in seinem Sinne wirkende internationale Judentum. […] Unter der Bevölkerung des besetzten Gebietes ist vielfach eine gereizte Stimmung gegen die Juden. […] Andererseits wurde auch schon festgestellt, dass drakonische Maßnahmen gegen Juden bei einzelnen Bevölkerungskreisen Mitleid und Sympathie für sie erzeugt haben. Nachdrückliche Aufklärung über das Judentum unter der Bevölkerung gerade in der Ukraine ist daher erforderlich, um zunächst eine entschlossenere und einheitlichere Ablehnung zu erzielen. Dadurch kann auch der Gefahr vorgebeugt werden, dass die Juden über kurz oder lang unter der Hand wieder Einfluss gewinnen auf das Wirtschaftsleben, vor allem im freien Handel, oder sich als Zentrum einer Widerstandsbewegung betätigen können.“[9]

Stülpnagel wurde schließlich im Februar 1942 als Nachfolger seines entfernten Verwandten Otto von Stülpnagel zum Militärbefehlshaber in Frankreich mit Sitz in Paris ernannt, was er bis 1944 blieb. In dieser Zeit unterhielt er weiterhin Beziehungen zum Widerstand, unter anderem durch seinen Mitarbeiter Caesar von Hofacker (1896–1944, hingerichtet in Berlin-Plötzensee).

20. Juli 1944[Bearbeiten]

Stülpnagel war an der Verschwörung der Offiziere gegen Adolf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt. Es gelang ihm, in Paris die wichtigsten Funktionäre und Führer der Schutzstaffel, des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS und der Geheimen Staatspolizei festnehmen zu lassen.

Insgesamt wurden 1.200 Angehörige des NS-Regimes verhaftet. Vergeblich versuchte er, den Oberbefehlshaber West Generalfeldmarschall Günther von Kluge zur Teilnahme am Putsch zu bewegen. Als in der Nacht die Nachricht vom Scheitern des Attentats nach Paris ankam, wurde er durch von Kluge seines Postens enthoben. Als er am 21. Juli 1944 den Befehl erhielt, sich beim Oberkommando der Wehrmacht in Wünsdorf bei Berlin zu melden, versuchte er sich zu erschießen und erblindete dabei. Im Lazarett wurde er verhaftet und nach Berlin gebracht, wo er am 30. August 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet wurde.

Nachfolger als Militärbefehlshaber in Frankreich wurde Karl Kitzinger.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Wappen Adelshaus von Stülpnagel

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinrich von Stülpnagel, in: Internationales Biographisches Archiv 03/1953 vom 5. Januar 1953, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  • Genealogisches Handbuch des Adels. (GHdA) Adelige Häuser A Band XVIII, S. 429, Band 87 der Gesamtreihe. Starke, Limburg (Lahn) 1985, ISSN 0435-2408.
  • Heinrich Bücheler: Carl-Heinrich von Stülpnagel, Soldat – Philosoph – Verschwörer. Ullstein, Berlin 1989, ISBN 3-550-07300-3.
  • Friedrich-Christian Stahl: General Karl-Heinrich von Stülpnagel. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. Von den Anfängen des Regimes bis Kriegsbeginn. Band 1. Primus, Darmstadt 1998, ISBN 3-89678-083-2, S. 240–247.
  • Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. R. Oldenbourg, München 2006, ISBN 3-486-57982-7 (Kurzbiographie S. 666 f.).
  • Barbara Koehn: Carl-Heinrich von Stülpnagel. Offizier und Widerstandskämpfer. Eine Verteidigung. (Zeitgeschichtliche Forschungen 34.) Duncker & Humblot, Berlin 2008, ISBN 978-3-428-12892-1.
  • Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Primus, Darmstadt 2000, ISBN 3-89678-169-3, darin:
    • Christian Streit: Angehörige des militärischen Widerstands und der Genozid an den Juden im Südabschnitt der Ostfront (S. 90–103)
    • Manfred Messerschmidt: Motive der militärischen Verschwörer gegen Hitler (S. 107–118)
    • Hans Mommsen: Die Stellung der Militäropposition im Rahmen der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler (S. 119–134)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Carl-Heinrich von Stülpnagel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 612.
  2. Dieter Pohl: Die Einsatzgruppe C. In: Peter Klein (Hrsg.): Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Edition Hentrich, Berlin 1997, S. 51 – 87, hier. S. 78.
  3. Klaus-Michael Mallmann u. a. (Hrsg.): Die „Ereignismeldungen UdSSR“ 1941. Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion. WBG, Darmstadt 2011, S. 64–68, hier S. 66; siehe dazu Christian Streit: Angehörige des militärischen Widerstands und der Genozid an den Juden im Südabschnitt der Ostfront. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Primus, Darmstadt 2000, S. 90–103, hier. S. 91f.
  4. Christian Streit: Angehörige des militärischen Widerstands und der Genozid an den Juden im Südabschnitt der Ostfront, S. 92.
  5. Zit. nach Christian Streit: Angehörige des militärischen Widerstands und der Genozid an den Juden im Südabschnitt der Ostfront , S. 92; Heydrichs Befehl Nr. 2 vom 1. Juli wird auch zitiert in Klaus-Michael Mallmann u. a. (Hrsg.): Die „Ereignismeldungen UdSSR“ 1941. Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion, S. 64f. und ist vollständig abgedruckt in: Peter Klein (Hrsg.): Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Edition Hentrich, Berlin 1997, S. 320f.
  6. zit. n.: Johannes Hürter, Hitlers Heerführer, München 2007, S. 571
  7. Manfred Messerschmidt: Motive der militärischen Verschwörer gegen Hitler. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Primus, Darmstadt 2000, S. 107–118, hier. S. 110.
  8. Hans Mommsen: Die Stellung der Militäropposition im Rahmen der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Primus, Darmstadt 2000, S. 119–134, hier. S. 127.
  9. zit. n.: Johannes Hürter, Hitlers Heerführer, München 2007, S. 572
  10. a b c d e f g Rangliste des Deutschen Reichsheeres. Mittler & Sohn, Berlin, S. 118
  11. Veit Scherzer: Die Ritterkreuzträger 1939–1945. Scherzers Militaer-Verlag, Ranis/Jena 2007, ISBN 978-3-938845-17-2, S. 178