Hans Mommsen

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Hans Mommsen, 2009

Hans Mommsen (* 5. November 1930 in Marburg) ist ein deutscher Historiker. Er gilt als bedeutender Zeitgeschichtler.

Leben[Bearbeiten]

Mommsen entstammt einer berühmten Historiker-Familie. Sein Urgroßvater war der Althistoriker und der erste deutsche Literaturnobelpreisträger (1902) Theodor Mommsen. Auch sein Vater Wilhelm Mommsen und sein Zwillingsbruder Wolfgang J. Mommsen waren Historiker.

1951 begann Hans Mommsen sein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie. In Tübingen studierte er darüber hinaus Politische Wissenschaften. Als Schüler des Historikers Hans Rothfels (Tübingen) wurde er 1959 mit der Arbeit Die Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage im Habsburger Vielvölkerstaat 1867–1907 promoviert. Anschließend war er kurze Zeit als Assistent Rothfels' tätig. 1960 bis 1963 arbeitete er am Institut für Zeitgeschichte in München als Referent. Anschließend war er Assistent bei Werner Conze, bei dem er sich 1967 mit der Arbeit Beamtentum im Dritten Reich habilitierte.

An der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum hatte er von 1968 bis zu seiner Emeritierung Anfang 1996 mit Unterbrechungen mehr als 25 Jahre lang einen Lehrstuhl für Neuere Geschichte inne. Hinzu kamen Aufenthalte als Gastforscher in Princeton, Harvard, Berkeley, Jerusalem und Washington D.C.

Von 1977 bis 1985 war er Direktor des von ihm maßgeblich mitgegründeten Instituts zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Mommsen versteht sich nicht nur als Wissenschaftler und Publizist, sondern war auch ein engagierter Universitätslehrer und nimmt an teilweise intensiv und streitbar geführten politischen und fachlichen Debatten teil.

Er ist mit der Politikwissenschaftlerin Margareta Mommsen verheiratet. Sie leben in Feldafing.

Werk[Bearbeiten]

Hauptarbeitsgebiet Mommsens ist die Deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1945. Hier legte er unter anderem eine bahnbrechende Studie über das Ende der Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus vor. Wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Geschichtsschreibung des Nationalsozialismus hat Mommsen dabei vor allem durch wegweisende Aufsätze über den Reichstagsbrand und den Start der sogenannten „Endlösung“ geleistet.

Im Zusammenhang mit dem neuerlich entflammten Streit um die Täterschaft beim Reichstagsbrand wurden Vorwürfe gegen Mommsen erhoben: Er habe 1962 als Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte eine Publikation des Historikers Hans Schneider „aus allgemeinpolitischen Gründen" für unerwünscht gehalten und mit dem Justiziar erörtert, ob eine anderweitige Veröffentlichung „durch Druck auf Schneider vermittels des Stuttgarter Ministeriums“ verhindert werden könne. In einer förmlichen Erklärung nahm die Institutsleitung im Jahre 2001 dazu Stellung und befand, dass diese zitierten Äußerungen von Hans Mommsen „unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten völlig inakzeptabel“ seien. Zugleich erklärte sie, das Rohmanuskript Hans Schneiders „war und ist nicht publikationsreif“.[1] In einer Stellungnahme dazu machen Hersch Fischler und Gerhard Brack den damaligen Leiter des IfZ, Helmut Krausnick, als Urheber mitverantwortlich und zitieren dabei dessen Urteil zu Schneiders Manuskript: Es „sei nach reiflicher Prüfung seiner Niederschrift vor allem auch kein in sich schlüssiges Ergebnis mehr zu erwarten, welches […] eine Widerlegung der These von Tobias hinsichtlich der Täterschaft darstellen würde.“[2]

Wichtig war die von Mommsen und anderen (u. a. Martin Broszat) betriebene Verschiebung der Perspektive historischer Forschung weg von der alles überlagernden Person Adolf Hitlers hin zu den Strukturen und Apparaten des NS-Regimes. Diese als funktionalistische Schule bezeichnete Richtung der NS-Forschung fragte auch nach der Verantwortung des Einzelnen in der NS-Diktatur, während zahlreiche Historiker die Rolle Hitlers und einer Handvoll Vasallen als Triebkraft für alle politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im NS-Staat betonten und damit die Schuld auf wenige Verantwortliche konzentrierten. Es begann eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Lager der "Funktionalisten" (u. a. Hans Mommsen) und dem der "Intentionalisten".

Nachdem der Streit der beiden Schulen seit Beginn der 1980er Jahre eskaliert war und für beinahe zwei Jahrzehnte die Debatten in der deutschen Geschichtswissenschaft bestimmt hatte, ebbte die von beiden Seiten mit teilweise missionarischem Eifer geführte Diskussion stark ab. Einen Höhepunkt bildete der sogenannte Historikerstreit 1986/87, bei dem Mommsen als einer der Wortführer auf Seiten der Kritiker Ernst Noltes auftrat.

Unter der Überschrift Grass’ Spießrutenlauf[3] wiederholte Mommsen im August 2006 seine seit den 1980er Jahren vertretene These, die deutsche Öffentlichkeit betreibe verdeckte Apologetik, indem sie indirekt die Schuld auf die Repräsentanten des Nationalsozialismus und ihre Schergen projiziere. Er stellt die mangelnde Bereitschaft der Nation fest, ihre eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen einzugestehen. Um öffentlichen Diffamierungen auszuweichen, hätten Prominente, wie Walter Jens, Martin Broszat u. a. ihre Mitgliedschaft in der NSDAP oder anderen NS-Organisationen verschwiegen. Die Empörung angesichts Grass’ späten Bekenntnisses zu seiner Mitgliedschaft als Jugendlicher in der Waffen-SS nennt Mommsen so „typisch wie verlogen“.

Ehrungen[Bearbeiten]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 12 (1964), S. 351–413 (Online; PDF; 6,9 MB)
  • Beamtentum im Dritten Reich. Mit ausgewählten Quellen zur nationalsozialistischen Beamtenpolitik DVA, Stuttgart 1966 DNB 455680485.
  • Nationalitätenfrage und Arbeiterbewegung. Trier 1971 (= Schriften aus dem Karl-Marx-Haus, Nr. 6)
  • als Hg.: Sozialdemokratie zwischen Klassenbewegung und Volkspartei. Verhandlungen der Sektion „Geschichte der Arbeiterbewegung“ des Deutschen Historikertages in Regensburg, Oktober 1972, Frankfurt a.M. 1974, ISBN 3-8072-4045-4
  • Die Stellung der Beamtenschaft in Reich, Ländern und Gemeinden in der Ära Brüning in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 21 (1973), S. 151–165 (Online; PDF; 6,4 MB)
  • mit Dietmar Petzina und Bernd Weisbrod (Hgg): Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik. 2 Bde., Königstein/Ts. 1977, ISBN 3-7610-7206-6
  • Arbeiterbewegung und Nationale Frage. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1979, ISBN 3-525-35989-6
  • mit Ulrich Borsdorf (Hg): Glück auf, Kameraden! Die Bergarbeiter und ihre Organisationen in Deutschland, Köln 1979
  • als Hg.: Arbeiterbewegung und industrieller Wandel. Studien zur gewerkschaftlichen Organisationsproblemen im Reich und an der Ruhr, Wuppertal 1980, ISBN 3-87294-150-X
  • Soziale und politische Konflikte an der Ruhr 1905 bis 1924, in: ders. (Hg): Arbeiterbewegung und industrieller Wandel, S. 62–94
  • Die Realisierung des Utopischen. Die „Endlösung der Judenfrage“ im „Dritten Reich“, in: Geschichte und Gesellschaft 9, 1983, S. 381–420
  • mit Susanne Willems (Hgg): Herrschaftsalltag im Dritten Reich. Studien und Texte, Düsseldorf 1988, ISBN 3-491-33205-2
  • Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918 bis 1933, Berlin 1990, ISBN 3-548-33141-6
  • Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Ausgewählte Aufsätze, Reinbek bei Hamburg 1991, ISBN 3-499-18857-0
  • Widerstand und Politische Kultur in Deutschland und Österreich, Wien 1994, ISBN 3-85452-325-4
  • mit Manfred Grieger: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich, Econ, Düsseldorf 1996, ISBN 3-430-16785-X
  • Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar. 1918–1933, Berlin 1998, ISBN 3-548-26508-1
  • Der Mythos von der Modernität. Zur Entwicklung der Rüstungsindustrie im Dritten Reich, Essen 1999, ISBN 3-88474-646-4
  • Von Weimar nach Auschwitz. Zur Geschichte Deutschlands in der Weltkriegsepoche. Ausgewählte Aufsätze, Stuttgart 1999, ISBN 3-421-05283-2; darin: Umvolkungspläne des Nationalsozialismus und der Holocaust, S. 295–308
  • Alternative zu Hitler. Studien zur Geschichte des deutschen Widerstandes, München 2000, ISBN 3-406-45913-7
  • mit Dušan Kováč, Jiří Malíř, Michaela Marek (Hgg.): Der Erste Weltkrieg und die Beziehungen zwischen Tschechen, Slowaken und Deutschen, Klartext, Essen 2001, ISBN 3-88474-951-X
  • Auschwitz, 17. Juli 1942. Der Weg zur europäischen „Endlösung der Judenfrage“, München 2002, ISBN 3-423-30605-X
  • Die Stellung der Sozialisten in der Bewegung des 20. Juli 1944, Bochum 2002, ISSN 1615-4495
  • als Hg.: The Third Reich between Vision and Reality. New Perspectives on German History 1918–1945, Oxford et al. 2002, ISBN 1-85973-627-0
  • mit Sabine Gillmann (Hgg): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers, 2 Bde., München 2003, ISBN 3-598-11631-4
  • Hannah Arendt und der Prozeß gegen Adolf Eichmann, Vorwort zu Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, in allen dt. Aufl. seit 1986, z. B. 13. Aufl., München 2004, S. 9–48, ISBN 3-492-20308-6
  • Zeitgeschichtliche Kontroversen, in: Neue Politische Literatur 49 (2004), H.1, S. 15–25
  • Deutschland und der Zweite Weltkrieg, in: Burkhard Asmuss, Kay Kufeke, Philipp Springer (Hgg): Der Krieg und seine Folgen 1945. Kriegsende und Erinnerungspolitik in Deutschland, DHM, Berlin 2005, S. 15–28, (ohne ISBN DNB 974900435).
  • Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Demokratie, Diktatur, Widerstand, DVA, München 2010, ISBN 978-3-421-04490-7.

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Bessel: Functionalists versus Intentionalists: The Debate Twenty Years On or Whatever Happened to Functionalism and Intentionalism? In: German Studies Review 26, 2003, H. 1, ISSN 0149-7952, S. 15–20.
  • Christian Jansen, Lutz Niethammer, Bernd Weisbrod (Hrsg.): Von der Aufgabe der Freiheit. Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Hans Mommsen zum 5. November 1995. Akademie-Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002835-1.
  • Peter Köpf: Die Mommsens. Von 1848 bis heute. Die Geschichte einer Familie ist die Geschichte der Deutschen. Europa-Verlag, Hamburg u. a. 2004, ISBN 3-203-79147-1.
  • Hans Mommsen (Interview): „Daraus erklärt sich, daß es niemals zuvor eine derartige Vorherrschaft alter Männer gegeben hat, wie in der Zeit von 1945 bis in die 60er Jahre“. In: Rüdiger Hohls, Konrad H. Jarausch (Hrsg.): Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 2000, ISBN 3-421-05341-3, S. 163–190 (online).
  • Stefan Rebenich: Die Mommsens. In: Volker Reinhardt (Hrsg.): Deutsche Familien. Historische Portraits von Bismarck bis Weizsäcker. München 2005, ISBN 3-406-52905-4, S. 147–179.
  • Hans Schneider: Neues vom Reichstagsbrand?. Eine Dokumentation. Ein Versäumnis der deutschen Geschichtsschreibung. Mit einem Geleitwort Iring Fetscher und Beiträge von Dieter Deiseroth, Hersch Fischler, Wolf-Dieter Narr. BWV Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8305-0915-4 (Wissenschaft in der Verantwortung).
  • Harald Welzer (Hrsg.): Auf den Trümmern der Geschichte. Gespräche mit Raul Hilberg, Hans Mommsen und Zygmunt Bauman. Edition diskord, Tübingen 1999, ISBN 3-89295-659-6 (Studien zum Nationalsozialismus in der Edition diskord 3).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hans Mommsen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zur Kontroverse über den Reichstagsbrand. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 49 (2001), S. 555 (Online; PDF; 8,7 MB)
  2. Hersch Fischler, Gerhard Brack: Zur Kontroverse über den Reichstagsbrand. Stellungnahme zu der in der Julinummer der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2001 publizierten Notiz. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 50 (2002), S. 329–334, hier S. 332. (Online; PDF; 8,0 MB)
  3. H. Mommsen: Grass' Spießrutenlauf. Die Empörung ist so typisch wie verlogen. In: Frankfurter Rundschau, 16. August 2006.
  4. Mommsen Polemik gegen Goldhagen: he claims that the Jews lost their German citizenship by the Nuremberg laws, while actually this was due to Hans Globke's collaboration with Martin Bormann in changing the citizenship legislation late in 1938, so auch zitiert in der englischen Wikipedia in seinem Namensartikel, lässt sich mit Bezug auf diese beiden Täter und die Zahl 1938 nicht verifizieren; möglicherweise meint er 1941. Keine der Durchführungsverordnungen des Jahres 1938 enthält einen solchen Passus