Europäische Schwarze Witwe

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Europäische Schwarze Witwe
Europäische Schwarze Witwe, Weibchen

Europäische Schwarze Witwe, Weibchen

Systematik
Unterstamm: Kieferklauenträger (Chelicerata)
Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
Ordnung: Webspinnen (Araneae)
Familie: Haubennetzspinnen (Theridiidae)
Gattung: Echte Witwen (Latrodectus)
Art: Europäische Schwarze Witwe
Wissenschaftlicher Name
Latrodectus tredecimguttatus
Rossi, 1790
Männchen
Weibchen, in schwarzer Variante, im Netz hängend

Die Europäische Schwarze Witwe oder Mediterrane Schwarze Witwe (Latrodectus tredecimguttatus), früher häufig auch Malmignatte genannt, ist eine Webspinne aus der Familie der Haubennetzspinnen (Theridiidae).[1] Sie ist die europäische Vertreterin jener Arten der Echten Witwen, die früher allgemein als Schwarze Witwen (Latrodectus mactans im weiteren Sinn) bezeichnet wurden. Lange Zeit galt sie unter dem wissenschaftlichen Namen Latrodectus mactans tredecimguttatus als Unterart der in Nordamerika verbreiteten Südlichen Schwarzen Witwe, inzwischen ist sie als eigenständige Art anerkannt.

Beschreibung[Bearbeiten]

Kennzeichnend sind sowohl für Männchen als auch für Weibchen 13 hell umrandete rote Flecken auf dem Hinterleib. Diese sind in drei Längsreihen angeordnet, von denen die mittlere aus fünf runden bis tropfenförmigen Flecken besteht, die beiden seitlichen Reihen aus je vier Flecken. Diese können manchmal auch miteinander verschmelzen, wodurch sie oft nicht mehr als einzelne Flecken unterscheidbar sind. Bei den Weibchen kann die Anzahl der Flecken mit zunehmendem Alter geringer werden, es gibt auch ganz schwarze Formen.

Ähnlich wie bei den anderen Arten der Echten Witwen sind die Männchen der Europäischen Schwarzen Witwe wesentlich kleiner als die Weibchen. Der Geschlechtsdimorphismus ist auch in unterschiedlicher Gestalt und Färbung ausgeprägt.

Weibchen[Bearbeiten]

Die weiblichen Spinnen erreichen meist eine Körperlänge von etwas mehr als einem Zentimeter. Das vordere und das hintere Beinpaar sind rund zwei Zentimeter lang, die Beinspannweite beträgt somit rund vier Zentimeter. Die beiden mittleren Beinpaare sind wesentlich kürzer, das dritte Beinpaar erreicht mit elf Millimetern nur etwas mehr als die Hälfte der Vorder- und Hinterextremitäten, das zweite Beinpaar ist rund 14 Millimeter lang. Die Farbe der Beine ist beim Weibchen schwarz.

Der Hinterleib wirkt mit einer Länge von 5,5 Millimetern und einer Breite von 4,7 Millimetern kugelförmig und leicht oval.

Von der Europäischen Schwarzen Witwe sind vier Farbvarianten bekannt. Neben der rot gefleckten Hauptform gibt es noch eine gelb gefleckte, eine lila gefleckte und eine ganz schwarze Farbform.

Männchen[Bearbeiten]

Die Körperlänge der Männchen beträgt vier bis fünf Millimeter, sie sind damit etwas weniger als halb so groß wie die Weibchen. Auch bei ihnen sind die einzelnen Beinpaare unterschiedlich lang, sie sind rotbraun gefärbt. Das dritte Beinpaar ist das kürzeste und mit etwas mehr als 7 Millimetern nur halb so lang wie das vierte Beinpaar. Das vordere Beinpaar ist das längste und erreicht eine Länge von ungefähr 17 Millimetern, das zweite Beinpaar hat rund einen Zentimeter Länge.

Der Hinterleib ist mit 2,6 Millimetern Länge und 1,2 Millimetern Breite eher langgestreckt und wirkt nicht kugelig wie bei den Weibchen.

Vorkommen[Bearbeiten]

Die Art kommt in Süd- und Südosteuropa, dem Nahen Osten und Nordafrika vor, was auch schon der deutschsprachige Name „Mediterrane Schwarze Spinne“ ausdrückt. Ihr Verbreitungsgebiet verläuft über die südliche Ukraine und Südrussland bis nach Zentralasien und Westchina. Die nördliche Grenze ihres Vorkommens liegt zwischen dem 44. und dem 45. Breitengrad.

In Europa sind die westlichen Ausläufer ihrer Verbreitung in Spanien, sie ist in Frankreich vor allem auf Korsika beheimatet. In ganz Italien einschließlich Sardinien ist sie häufig zu finden. Auch in Kroatien und Bosnien und Herzegowina ist sie bekannt, in Bulgarien und Rumänien wurden an der Schwarzmeerküste Exemplare gefunden.

Die zentralasiatische Form der Europäischen Schwarzen Witwe wurde auch schon als eigene Art unter dem Namen Latrodectus lugubris beschrieben.[2] Diese Ansicht ist aber heute nicht mehr gültig. Möglicherweise handelt es sich bei dem zentralasiatischen Vorkommen um eine Unterart.

Lebensweise[Bearbeiten]

Die Europäische Schwarze Witwe ist vorwiegend in Steppengebieten mit wenig Vegetation zu finden. Wenn die Graslandschaft verbuscht, sinkt die Individuenzahl der Population in dem Gebiet.[3]

Diese Art spinnt ihr unregelmäßiges Fangnetz in Bodennähe zwischen Grashalmen und niedriger Vegetation. Unter Steinen verborgen wartet sie auf Beute, die sich in den Spinnfäden verfängt. Sie ernährt sich hauptsächlich von bodenbewohnenden Insekten, meist von größeren Käfern, die sie mit Hilfe ihrer spitzen Kieferklauen, durch die sie das Gift injiziert, überwältigen kann. Es gibt auch Berichte über den Fang von kleinen Wirbeltieren, hauptsächlich Eidechsen, die sich in ihrem Netz verfangen.

Die Europäische Schwarze Witwe hat ein großes Beutespektrum, durch die Art des Netzbaus wird eine passive Auswahl der Nahrung getroffen. Sehr kleine Tiere weichen den klebrigen Fangfäden meist aus, große Tiere zerstören das Netz. Daher sind die gefangenen Beutetiere in der Regel zwischen 1,25 und 2,25 Zentimeter lang und meist größer als die Spinne selbst.

Bissunfälle und Giftigkeit[Bearbeiten]

Das Gift der Spinne ist zwar nicht so stark wie das der eng verwandten Südlichen Schwarzen Witwe (Latrodectus mactans), dennoch gehört sie zu den gefährlicheren Arten. Sie ist nicht angriffslustig. Die Gefährlichkeit des Spinnenbisses für den Menschen ist umstritten. Während der Erstbeschreiber, Pietro Rossi, einer der führenden Entomologen des 18. Jahrhunderts, erwähnte, dass das Gift der Spinne auch Menschen töten könne, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts die Giftwirkung der Spinne in Frankreich fast vollends bestritten.[4] Zuweilen wird die Wirkung des Bisses nur wie die eines Wespenstichs beschrieben. Tödliche Verläufe nach einem Biss kommen nur in extremen Ausnahmefällen vor, etwa bei vier bis fünf von 1000 Bissen.[5]

Symptome[Bearbeiten]

Meistens sind die Symptome ähnlich denen des Biss einer Südlichen Schwarzen Witwe, die in den südöstlichen Bundesstaaten der USA vorkommt. Das von der Spinne injizierte Nervengift ist ein Proteingemisch aus verschiedenen Latrotoxinen. Der Hauptbestandteil des Giftes ist Alpha-Latrotoxin. Es verursacht unwillkürliche neuromuskuläre Entladungen, die zu krampfartigen Bauchschmerzen, zu Kopfschmerzen, Bluthochdruck und nach ein bis drei Stunden zu generalisierenden, sich rasch steigernden Muskelschmerzen und Muskelkrämpfen führen. Unbehandelt können diese Symptome tagelang anhalten.[6] An der Bisswunde kommt es zu lokalen Schwellungen und Rötungen.

Oft kann der Zusammenhang der Symptome mit dem Spinnenbiss nicht hergestellt werden, da die meisten Erscheinungen dieses Krankheitsbildes, das Latrodektismus genannt wird, erst nach 20 Minuten bis 2 Stunden spürbar werden. Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen sind oft die Folge,[7] da die Spinnenbisse in Europa relativ selten sind und es in den Krankenhäusern sowohl an Erfahrungen mit diesen Vergiftungssymptomen als auch an Antitoxin fehlt.[8] Beispielsweise kam es im Krankenhaus von Almeria in Spanien, das in einem bekannten Verbreitungsgebiet der Spinne liegt, in den Jahren zwischen 1984 und 1994 nur zu zwölf Fällen, in denen Opfer von Bissen der Europäischen Schwarzen Witwe eingeliefert wurden. Fast alle waren Landarbeiter, die hauptsächlich in Gewächshäusern gearbeitet hatten. Im Freiland kam es kaum zu Kontakten mit der Spinne.[9]

Tarantismus[Bearbeiten]

Heute wird der Biss der Schwarzen Witwe auch als Ursache für das Auftreten des Tarantismus, einer Art Veitstanz, angesehen, bei dem es neben Krämpfen und unwillkürlichen Zuckungen auch zu Halluzinationen kommen kann. Für die Menschen des Mittelalters waren diese Vergiftungserscheinungen schwer einzuordnen und führten, ausgehend von der Stadt Tarent in Süditalien, zu einer regelrechten Hysterie, die im 15. Jahrhundert auch Spanien erfasste. Zwar wurden die Symptome schon bald auf den Biss einer Spinne zurückgeführt, doch wurde die Apulische Wolfsspinne (Lycosa tarentula), auch Tarantel genannt, dafür verantwortlich gemacht. Die Tarantel ist wesentlich weniger giftig als die Europäische Schwarze Witwe, sie ist aber viel größer als diese und auch tagsüber aktiv, so dass sie von den Menschen viel öfter beobachtet werden konnte als die nachtaktive Schwarze Witwe, die sich während der Tagesstunden unter Steinen verbirgt. Später wurde der Name „Tarantel“ von den Spaniern auch auf die in Südamerika heimischen giftigen Vogelspinnen übertragen.

Die Therapiemethoden der damaligen Zeit umfassten Schwitzkuren oder Behandlung mit Exkrementen. Den Patienten kam vielleicht am ehesten die Tarantella entgegen, ein Musikstück, das ursprünglich zu dem Zweck komponiert wurde, die Bissopfer durch schnelles Tanzen von ihren Leiden zu befreien. Diese „Heilmethode“ wurde noch 1875 von der spanischen Ärztekammer empfohlen.[10]

Ähnliche Arten[Bearbeiten]

Als Falsche Witwe wird der Europäischen Schwarzen Witwe die ebenfalls aus der Familie der Haubennetzspinnen stammende Steatoda paykulliana gegenübergestellt. Sie ähnelt der Europäischen Schwarze Witwe in der Form des Opisthosoma und hat ebenfalls eine auffällige Zeichnung, die aber meist nur aus einem roten oder gelben Querstreifen im vorderen Teil des Hinterleibs besteht. Die Falsche Witwe kommt ebenfalls im Mittelmeerraum vor und bevorzugt ähnliche Habitate wie die Schwarze Witwe.

Namensgebung[Bearbeiten]

Das Art-Epitheton tredecimguttatus steht für „dreizehnfleckig“. Die Europäische Schwarze Witwe war schon 1778 als Aranea brevipes beschrieben worden, diese Beschreibung geriet aber wieder in Vergessenheit, so dass die Beschreibung Pietro Rossis, der sie unter dem Namen Aranea 13-guttata in seiner Fauna Etrusca darstellte, Gültigkeit erhielt. Rossi erwähnt bereits die Variabilität der Art, dennoch gab es später Versuche, Exemplare mit einer geringeren Anzahl an roten Fleckzeichnungen auf dem Abdomen und andere Varianten als eigene Arten zu definieren. 1805 stellte Charles Athanase Walckenaer die Spinne innerhalb seiner Revision der Gattung Aranea in die neue Gattung Latrodectus. 1966 wurde sie als Unterart zu Latrodectus mactans gestellt,[11] aber 1983 wieder zur Art erhoben.[12]

Malmignatte[Bearbeiten]

Pietro Rossi erwähnt in seiner Erstbeschreibung auch den italienischen Trivialnamen „Marmignatto“ für diese Spinnenart. Von diesem leitet sich der eingedeutschte Name „Malmignatte“ ab. 1837 beschrieb Charles Athanase Walckenaer in seiner Histoire naturelle des insectes eine Latrodectus malmignatus, die aber identisch mit der Europäischen Schwarzen Witwe ist. Meist wird mit dem Namen „Malmignatte“ die europäische Art der Schwarzen Witwen bezeichnet, der Begriff wird aber auch auf Arten, die auf anderen Kontinenten leben, übertragen.

Karakurte[Bearbeiten]

Im südrussischen und zentralasiatischen Verbreitungsgebiet der Europäischen Schwarzen Witwe wird der Trivialname Karakurt, eingedeutscht Karakurte, verwendet. Die Bedeutung dieses Namens, der mit „Schwarzer Wolf“ übersetzt werden kann, spielt auf die Gefährlichkeit der Spinne für Tier und Mensch an, die von der Bevölkerung dieser Gebiete als hoch eingeschätzt wird. Aus Kasachstan gibt es jeden Sommer Berichte, nach denen zahlreiche Kamele durch den Biss der Schwarzen Witwe verenden, wenn sie nicht mit einem Antiserum behandelt werden.[13]

Schwarze Witwe[Bearbeiten]

Die später entstandene deutschsprachige Bezeichnung „Schwarze Witwe“ rührt von der Beobachtung her, dass die Weibchen nach der Paarung das kleinere Männchen auffressen, und sich dadurch selbst zur „Witwe“ machen. Dieses Verhalten, das auch bei den meisten anderen Webspinnen beobachtet werden kann, ist jedoch nicht der Regelfall.[14]

Literatur[Bearbeiten]

  • Pietro Rossi: Fauna Etrusca: sistens insecta quae in Provinciis Florentina et Pisana praesertim collegit. Tomus 1, S. 126–140, Livorno 1790, S. 136 (Erstbeschreibung)
  • Charles Athanase Walckenaer: Tableau des aranéides ou caractères essentiels des tribus, genres, familles et races que renferme le genre Aranea de Linné, avec la désignation des espèces comprises dans chacune de ces divisions. Paris 1905, S. 81
  • Heiko Bellmann: Kosmos Atlas Spinnentiere Europas. 3. Auflage, Franckh-Kosmos, Stuttgart 2006 S. 76–77 ISBN 3-440-10746-9

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Norman I. Platnick: The World Spider Catalog, Version 10.5. American Museum of Natural History, 2000-2010 Familie Theridiidae
  2. V. Motschulsky: Note sur deux araignées vénimoux de la Russie méridionale. Bull. Soc. Imp. Nat. Moscou, 1. S. 289–290, 1849
  3. Ioan Duma: Latrodectus tredecimguttatus (Araneae: Theridiidae) in Romania. Distribution and Ecology. Travaux de Muzeul de Istorie Naturalǎ „Grigore Antipa“, 49, S. 75–81, Bukarest 2006
  4. Rudolf Kobert: Lehrbuch der Intoxikationen. Zweiter Teil, 2. Auflage, Verlag F. Enke, 1906, S. 457
  5. Cleveland P. Hickman: Zoologie. 13. Auflage, Pearson Studium, München 2008, S. 576
  6. Toxikologische Bewertung von Bissen der Schwarzen Witwe bei der Toxinfo-Datenbank
  7. F. Torregiani, C. La Cavera: Differential diagnosis of acute abdomen and latrodectism. Minerva Chir., 45, 5, S. 303–305, 1990
  8. F. Torregiani, C. La Cavera: Review of latrodectism and Malmignatta sting (Latrodectus tredecimguttatus) in Italy. Minerva Med., 81, (7-8 Suppl), S. 147–154, 1990
  9. F. Díez García, F. Laynez Bretones, M.-C. Gálvez Contreras, H. Mohd, A. Collado Romacho, F. Yélamos Rodríguez: Black widow spider (Latrodectus tredecimguttatus) bite. Presentation of 12 cases. Medicina Clinica, 106, 9, S. 344–346, Barcelona 1996
  10. Bites and stings from animals in Spain auf den Seiten von Iberia Nature, a guide to the natural history of Spain (engl.)
  11. Herbert W. Levi: The three species of Latrodectus (Araneae), found in Israel. Journal of Zoology, 150, S. 427–432, London 1966
  12. G. Levy und P. Amitai: Revision of the widow-spider genus Latrodectus (Araneae: Theridiidae) in Israel. Zool. J. Linnean Soc., 77, S. 39–63, 1983
  13. Spiders plague Kazakh camels Friday, BBC News vom 2. Juli 2004 (engl., abgerufen am 9. Juli 2010)
  14. Rainer F. Foelix: Biologie der Spinnen. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1979 ISBN 3-13-575801-X