Ganztagsschule

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Eine Ganztagsschule, auch als Ganztagesschule oder einfach als Tagesschule bezeichnet, hat das Ziel, Schüler während eines großen Teils des Tages unterzubringen. Sie ist eine Alternative zum Schulhort und wird teilweise auch als Kooperationsverbund von Schule und Schulhort betrieben. Die Ganztagsschule grenzt sich ab einerseits gegen die Normalschule (ohne Mittagessen, ohne (Haus-)Aufgabenhilfe oder Betreuung außerhalb der Lektionen) und andererseits gegen Internate, in denen die Kinder bzw. Jugendlichen auch den Abend, die Nacht und überdies je nachdem das Wochenende verbringen.

Die Freizeit und die Unterrichtszeit sind in der (gebundenen) Ganztagsschule verschränkt und bilden eine Einheit. Die Kinder müssen für jeden Tag der Woche angemeldet werden, und die Anwesenheit ist verpflichtend. Die Schüler gehen je nach Schule meist zwischen 16 und 17 Uhr nach Hause, nachher wird oft eine Spätbetreuung angeboten. Das Betreuungsangebot wird in vielen Schulen auch an autonomen Tagen gewährleistet.

Ganztagsschulen stellen eine Schulform dar, die im Zuge der Gleichstellungspolitik und der Diskussion um Chancengleichheit in ihrer Verbreitung zunimmt. Eine bereits hohe Verbreitung haben sie unter anderem in Frankreich und Skandinavien.

Die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK) hat im Oktober 2003 den Begriff „Ganztagsschule“ neu definiert. Danach handelt es sich um Schulen im Primar- oder Sekundarbereich I, die über den vormittäglichen Unterricht hinaus an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot haben, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst. Alle Formen der Ganztagsschule (Ganztagsschule in voll gebundener, teilweise gebundener, halboffener oder offener Form) haben gemeinsam, dass an allen Tagen des Ganztagsbetriebs ein Mittagessen bereitgestellt wird und dass die Organisation aller Angebote durch die Schule oder in enger Kooperation mit der Schule erfolgt.[1] In Deutschland besteht kein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz.

Skala der Konzepte[Bearbeiten]

In deutschsprachigen Ländern unterscheidet man zwischen der gebundenen Ganztagsschule mit verpflichtender Teilnahme am Ganztagsangebot und der offenen Ganztagsschule (in Österreich kurz Offene Schule), bei deren oft aus Arbeitsgemeinschaften bestehendem Nachmittagsangebot keine Teilnahmepflicht besteht. Die gebundene Ganztagsschule wird ferner unterschieden in voll gebundene Ganztagsschule mit einer Verbindlichkeit bezüglich der Teilnahme am Ganztagsangebot für alle Schüler und die teilweise gebundene Ganztagsschule, bei der ein verpflichtendes Ganztagsangebot nur für einen Teil der Schüler besteht, im Allgemeinen für einzelne Klassenzüge.[2]

Ganztagsschulen können staatliche, aber auch private Trägerschaften haben. Viele nichtstaatliche Ganztagsschulen verfügen – auch jenseits der Anforderungen einer Ganztagsschule – über besondere pädagogische Konzepte wie zum Beispiel

  • Englisch als Unterrichtssprache
  • anthroposophische Pädagogik
  • Religiöse Einbettung
  • Autonome Lernformen

Kontroverse[Bearbeiten]

Pro[Bearbeiten]

Als ein Vorteil der Ganztagsschulen gegenüber den Normalschulen wird die Möglichkeit zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schülern und Lehrern genannt, da es am Nachmittag meist lockerer zugeht als während des morgendlichen Unterrichts; es wird einen großen Wert auf offene Lernformen gelegt. Die Klassengemeinschaften verbringen längere Zeit zusammen als in anderen Schulen, was das Sozialleben positiv beeinflusst. Das intensive Zusammenleben der Schüler unterschiedlicher sozialer/kultureller Herkunft fördert das gegenseitige Verständnis. Des Weiteren kann (prinzipiell) der Stundenplan (Abfolge der Fächer, Pausen, etc.) den Bedürfnissen der Schüler besser angepasst werden.

Damit die Freizeit, die für die individuelle Entwicklung einer Persönlichkeit sehr wichtig ist, in einer Ganztagsschule nicht zu kurz kommt, werden in den Nachmittagsstunden mehr künstlerische oder sportliche Fächer untergebracht als in der Normalschule. Die so genannten Freizeitstunden sind mit den Unterrichtsstunden verschränkt. Oftmals werden die Angebote durch externe außerschulische Kooperationspartner durchgeführt. Dadurch findet eine professionelle Kooperation unterschiedlicher Berufskulturen an Ganztagsschulen statt, und Schüler erhalten so die Möglichkeit, Zusatzangebote/Ganztagsangebote kennenzulernen und zu nutzen, zu denen sonst kein Zugang bestehen würde.

Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen und demographischen Entwicklung hält man es für sinnvoll, mittels Ganztagsschulen Möglichkeiten zu schaffen, dass beide Elternteile am Erwerbsleben teilnehmen können, da die Kinder einen großen Teil des Tages betreut sind. Anders als beim ähnlichen Konzept vormittags Schule, nachmittags Hort ist der Nachmittag meist fest in den schulischen Ablauf – mit klarem und unmissverständlichem Bildungsauftrag – integriert und nicht nur eine erzieherische Betreuung.

Befürworter der Ganztagsschule argumentieren des Weiteren mit der PISA-Studie, in der einige Länder mit Ganztagsschultradition besser als Deutschland oder Österreich abgeschnitten haben. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele: Norwegen hat schlechtere, Frankreich ähnliche und Schweden nur geringfügig bessere Ergebnisse als Deutschland erzielt. Zudem haben die Unterschiede zwischen verschiedenen Staaten so viele verschiedene Gründe, dass PISA hier ebenso wenig wie in anderen schulpolitisch umstrittenen Fragen zwingende Schlussfolgerungen zulässt (vgl. Kritik an den PISA-Studien).

Contra[Bearbeiten]

Zentrale Folgewirkung einer ganztägigen Betreuung ist, dass der erzieherische und bildende Einfluss der Eltern auf ihr Kind zu Gunsten des Einflusses der Schule und des Einflusses der selbstbestimmten Peer Group abnimmt. Zudem gehe den Kindern die zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit notwendige Freizeit verloren.

Zum Teil wird auch befürchtet, dass die Ganztagsschule die Schüler in ihrer psychischen und körperlichen Leistungsfähigkeit überfordere sowie dass die emotionale Bindung zu den Eltern und die familiären Bindungen im Allgemeinen geschwächt werden, während die Kinder andererseits verstärkt schlechten Einflüssen wie zum Beispiel verhaltensauffälligen Mitschülern ausgesetzt seien.[3]

Dass andere Länder mit Ganztagsschulsystem, zum Beispiel Schweden und Kanada, bei PISA besser abgeschnitten haben, wird von den Kritikern auch auf andere Umstände zurückgeführt. Vielfach seien die Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Schüler-Lehrer-Relation oder die Ausstattung der Schulen anders und erheblich besser. Kleinere Lerngruppen und Klassen sowie gute Ausstattungen (Lehr- und Lernmittel) würden helfen, die schulischen Leistungen zu verbessern. Zudem sei dort das pädagogische und therapeutische Angebot für Problemschüler besser. Problemfälle würden aus dem Klassenverbund herausgenommen und speziell gefördert. Dies sei in Deutschland nicht oder kaum möglich.

Die Ergebnisse von PISA hätten zudem zu politischen Schnellschüssen im Hinblick auf Ganztagsbetreuungen geführt, die eine wohldurchdachte Konzeptionierung vermissen lassen. Auch Forschende, die die beschreibenden Aussagen von PISA über Leistungsoutput für plausibel halten, ziehen die oftmals getroffenen Schlüsse hinsichtlich der Ursachen geringer Leistung erheblich in Zweifel.[4]

Die Ganztagsschule in offener Form (vgl. Offene Ganztagsschule) bringt weitere Kritikpunkte mit sich. Zum einen ist so die Gemeinschaft der Schüler untereinander nicht mehr gewährleistet, da die Nichtganztagsschüler bereits Mittags nach Hause gehen, während die Ganztagsschüler in der Schule bleiben, was aber nicht in ihrer vertrauten Klassengemeinschaft geschieht. Außerdem wird die Ganztagsschule in offener Form oftmals nur als „Aufbewahrungsstätte“ für Schüler gesehen, quasi als Hort in der Schule und nicht als Feld pädagogischer Erfahrungsmöglichkeiten für Schüler.

Deutschland[Bearbeiten]

Das Ganztagsschulprogramm des Bundes, das Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) der Regierung Gerhard Schröders, galt als erfolgreich, allerdings übte der Bundesrechnungshof massiv Kritik aufgrund angeblichen Missbrauchs der vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel.[5] 2002 hatte Schröder vor der Wahl versprochen, vier Milliarden Euro in den Aufbau von rund 10.000 Ganztagsschulen zu investieren. Unterstützung durch die Bundesländer war zögerlich.[6] Später kritisierte Schröder in seiner Regierungserklärung vom 17. März 2005 den Umgang mit dem Geld im Vermittlungsausschuss; Kritiker stellen heraus, das Geld sei genutzt worden, um das hergebrachte System zu stärken, nicht aber zum Nutzen von Kindern und Jugendlichen.[7] Schließlich verunmöglichte die Föderalismusreform der Bundesregierung, ein erneutes Ganztagsschulprogramm vorzulegen.[6]

Die Anzahl der Befürworter von Ganztagsschulen steigt in Deutschland. Es gibt etwa 6400 Ganztagsschulen, vor allem in Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Verbreitung dieser Ganztagsschulen schritt ab dem IZBB-Förderprogramm des Bundes explosionsartig voran, was auf die Ergebnisse für Deutschland der letzten PISA-Studien zurückzuführen sein dürfte. Im April 2011 legte die SPD einen Stufenplan zum Ausbau der Kinderbetreuung vor. Er soll 23 Milliarden Euro kosten.[8]

Auch die Zahl der Ganztagskindergärten hat zugenommen.

2013 forderten einzelne Politiker unterschiedlicher Parteien, insbesondere der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel[9] und der stellvertretende CDU-Vorsitzende Thomas Strobl,[10] einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Ganztagsschule.

Ein flächendeckender Ausbau der gebundenen Ganztagsschule, in der die Teilnahme am ganztägigen Unterricht für alle Schüler verbindlich ist und die nur von 13 % aller Schüler (Stand: 2012) besucht wird, würde die Länder laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung bundesweit 9,4 Milliarden Euro kosten.[11]

Nordrhein-Westfalen[Bearbeiten]

In Nordrhein-Westfalen setzt die Landesregierung auf die Offene Ganztagsschule im Primarbereich. Bis 2007 sollen in jeder Kommune Ganztagsangebote für landesweit jedes vierte Grundschulkind entstehen. Diese fördert das Land gegenüber den Kommunen (den Schulverwaltungsämtern). Die Angebote sollen in Zusammenarbeit mit außerschulischen Trägern u. a. der Jugendhilfe, der Freien Wohlfahrtspflege, des Sports und der Jugendkulturpädagogik gestaltet werden. Die Trägerschaft der Offenen Ganztagsschule liegt allerdings bei einem freien Träger, nicht bei der Schule. Mit diesem Angebot „unter dem Dach der Schule“ wird die Schule als „Haus des Lebens“ angestrebt, in der langfristig Unterricht und außerunterrichtliche Angebote rhythmisiert durchgeführt werden – also nicht vormittags Unterricht und nachmittags Hausaufgabenbetreuung und Freizeitangebote.

Bis ins Jahr 2005 waren im Bereich der Sekundarstufe fast alle nordrhein-westfälischen Ganztagsschulen Gesamtschulen. Mit der Einführung des Abiturs nach 12 Jahren (bisher 13 Jahre) scheint hier eine neue Entwicklung einzusetzen. Da Gymnasien den gleichen Stoff in kürzerer Zeit vermitteln sollen, erhöht sich die Wochenstundenzahl für den einzelnen Schüler. Da man sich an den meisten Schulen dagegen aussprach, Kinder und Jugendliche täglich 7-stündig zu unterrichten, wurde vielerorts ein Ganztagsbetrieb eingeführt. Gesamtschulbefürworter befürchten nun einen weiteren Niveauverlust, da zu erwarten ist, dass die Ganztagsbetreuung bald kein Grund mehr für die Wahl eines Gesamtschulbesuchs begabter Schüler sein wird. Gerade bei Alleinerziehenden und Doppelverdienern war die Nachmittagsbetreuung ein Wahlmotiv.

Während die Quote der Fünftklässler mit gymnasialer Grundschulempfehlung im Jahr 2002 an nordrhein-westfälischen Gesamtschulen bei 3,5 % lag, rechnen Experten für 2010 mit unter 1 %.

Rheinland-Pfalz[Bearbeiten]

Rheinland-Pfalz hat als erstes Bundesland bereits im Jahr 2001 ein Ganztagsschulausbauprogramm gestartet, in dem auf der Basis eines pädagogischen Rahmenkonzepts 100 Prozent der zusätzlichen Personalkosten vom Land übernommen werden. Zusätzlich fördert das Land Bauinvestitionen und Ausstattung. Konzept des Ausbauprogramms ist es -orientiert an der Nachfrage der Eltern- Schritt für Schritt ein flächendeckendes "pädagogisch hochwertiges" Angebot an Ganztagsschulen zu schaffen. Bei den neu geschaffenen Ganztagsschulen handelt es sich um "Ganztagsschulen in Angebotsform", d.h. Eltern, die ein Ganztagsschulangebot wünschen, melden ihre Kinder für ein Schuljahr verpflichtend für vier Tage in der Woche von 8 bis 16 Uhr an. Die Teilnahme am Ganztagsschulangebot ist kostenlos. In der Terminologie der KMK gelten die Ganztagsschulen in der Angebotsform als „teilgebundene“ Ganztagsschulen. Durch den verbindlich festgelegten erweiterten Zeitrahmen können je nach Bedürfnissen und Interessen individuell abgestimmte Förderkonzepte Berücksichtigung finden. Für jede Ganztagsschule steht der Förderaspekt im Vordergrund aller pädagogischen Angebote, z. B. die Sprachförderung für Kinder aus Migrantenfamilien, die Leseförderung, Ausgleichsmaßnahmen bei ungünstiger Bildungsbiographie, die Förderung der Berufsfähigkeit oder auch geschlechtsspezifische Förderangebote. Besonderes Augenmerk richtet jede Ganztagsschule auf die Zusammensetzung der Lerngruppen und die Chancengleichheit. Im Schuljahr 2010/11 gibt es in Rheinland-Pfalz neben 72 verpflichtenden und 305 offenen Ganztagsschulen (davon 263 betreuende Grundschulen) 537 Ganztagsschulen in Angebotsform. Mit dem Ziel, ein bedarfsgerechtes und regional ausgewogenes Netz von Ganztagsschulen zu schaffen, werden ab dem Schuljahr 2011/12 weitere Schulen ein Ganztagsschulangebot zur Verfügung stellen. Seit dem Start des Ganztagsschulprogramms in Rheinland-Pfalz sind für den Betrieb der Ganztagsschule FSJler immer wichtiger geworden. Im Schuljahr 2012/13 unterstützten etwa 1100 FSJler den Ganztagsschulbetrieb in Rheinland-Pfalz.

Bayern[Bearbeiten]

Seit 2002 hat sich die Schullandschaft in Bayern im Bereich der Ganztagsschulen sehr verändert; ihre Zahl hat stark zugenommen:

  • 393 offene und gebundene Ganztagsschulen im Schuljahr 2002/03
  • 1.187 offene und 761 gebundene Ganztagsschulen im Schuljahr 2010/11

Die Teilnahme an schulischen Ganztagsangeboten soll Schüler nachhaltig in ihrer Entwicklung von kognitiven, sozialen und motivationalen Kompetenzen fördern. Im Bereich der Ganztagsschulen unterscheidet man in Bayern zwei Organisationsformen: Zum einen die Organisationsform der offenen Ganztagsschule, die ein freiwilliges schulisches Angebot darstellt, an dem Schüler im Anschluss an den Vormittagsunterricht zeitlich flexibel teilnehmen können und welches in klassen- und jahrgangsstufenübergreifenden Gruppen organisiert werden kann und zum anderen die Organisationsform der gebundenen Ganztagsschule, die ebenfalls ein freiwilliges schulisches Angebot darstellt, in dem die Schüler in Ganztagsklassen ein rhythmisiertes Unterrichtsangebot besuchen.

Die Einrichtung gebundener Ganztagszüge war im Rahmen der sogenannten Hauptschulinitiative zur Weiterentwicklung dieses Bildungsangebotes zunächst auf Hauptschulen, insbesondere an sozialen Brennpunkten, beschränkt. Entsprechend der Zielsetzung, mehr Ganztagsangebote in allen Schularten zu schaffen, hat die Bayerische Staatsregierung am 3. Februar 2009 ein Gesamtkonzept für einen flächendeckenden und bedarfsorientierten Ausbau der Ganztagsschulen in allen Schularten bis 2013 beschlossen. Mit Umsetzung dieses Konzeptes wird die gebundene Ganztagsschule zu einem regelmäßigen, zusätzlichen und schulischen Angebot für einen erheblichen Teil aller bayerischen Schulen. Die offene Ganztagsschule, deren Angebote bisher in der Trägerschaft von Kommunen oder freien Trägern stattfanden, wurde an staatlichen Schulen zum Schuljahr 2009/10 als schulische Veranstaltung in die Trägerschaft des Freistaates übernommen. Im 'Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen' wurde die Ganztagsschule als schulisches Angebot aufgenommen, das in gebundener oder offener Form auf Antrag des jeweiligen Schulaufwandsträgers eingerichtet werden kann.

Gebundene Ganztagsschulen in Bayern sind gemäß KMK-Definition teilgebundene Ganztagsschulen in Form von Ganztagszügen. Da die Teilnahme an einem gebundenen Ganztagsangebot freiwillig erfolgt, muss grundsätzlich jede gebundene Ganztagsschule in Bayern die Wahlfreiheit zwischen dem Besuch eines Halbtagsangebotes und dem Besuch eines gebundenen Ganztagsangebotes in jeder Jahrgangsstufe gewährleisten. Unter gebundener Ganztagsschule wird verstanden, dass ein durchgehend strukturierter Aufenthalt in der Schule an mindestens 4 Wochentagen von täglich mehr als 7 Zeitstunden für Schüler bis mindestens 16 Uhr grundsätzlich verpflichtend ist, die vormittäglichen und nachmittäglichen Aktivitäten der Schüler in einem konzeptionellen Zusammenhang stehen und der Unterricht in einer Ganztagsklasse erteilt wird. Der Pflichtunterricht ist somit in rhythmisierter Form auf Vormittag und Nachmittag verteilt. Über den ganzen Tag hinweg wechseln Unterrichtsstunden mit Übungs- und Studierzeiten und sportlich, musisch und künstlerisch orientierten Fördermaßnahmen. Gebundene Ganztagsschulen bieten differenzierte Fördermaßnahmen, den Unterricht ergänzende und individuelle Arbeits- und Übungsphasen, eine veränderte Lern- und Unterrichtskultur mit innovativen Unterrichtsformen (Projektarbeit, Wochenplanarbeit etc.), eine Mittagsverpflegung, einen pädagogisch gestalteten Neigungsbereich, die Öffnung von Schule unter Einbeziehung qualifizierter externer Partner und Angebote zur Förderung sozialer Kompetenzen. In der gebundenen Ganztagsschule werden überwiegend Lehrkräfte eingesetzt. Dazu kommen auch externe Kräfte, etwa für die Betreuung der Mittagszeit sowie für weitere Förder- und Betreuungsmaßnahmen. Der gesamte Tagesablauf wird hierbei von der Schule konzipiert und organisiert. Im Schuljahr 2010/11 sind an insgesamt 761 Schulen in Bayern Ganztagsklassen eingerichtet. Dabei haben die Hauptschulen mit insgesamt 408 Standorten den größten Anteil. Des Weiteren folgen 239 Grundschulen, 93 Förderschulen, 7 Gymnasien und 14 Realschulen. Gebundene Ganztagsschulen wurden bisher schwerpunktmäßig an Hauptschulen eingerichtet. Beginnend zum Schuljahr 2009/2010 wurden die Grund- und Förderschulen verstärkt in das Ausbauprogramm aufgenommen. Im Schuljahr 2010/11 besuchen etwa 38.000 Schüler eine gebundene Ganztagsklasse. Ab dem Schuljahr 2011/12 ist auch ein flächendeckender Ausbau im Bereich der staatlichen Wirtschaftsschulen, Realschulen und Gymnasien vorgesehen.

Die offene Ganztagsschule ist ein freiwilliges schulisches Angebot der ganztägigen Förderung und Betreuung von Schülern der Jahrgangsstufen 5 bis 10. Eine offene Ganztagsschule kann an Hauptschulen, Förderschulen, Realschulen, Wirtschaftsschulen und Gymnasien eingerichtet werden. Für die Betreuung von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 1 bis 4 stehen neben den Kindertageseinrichtungen zusätzlich die Angebote der sogenannten Mittagsbetreuung und verlängerten Mittagsbetreuung zur Verfügung, die bereits an 71 % aller Grundschulen eine verlässliche Betreuung bis maximal 15.30 Uhr ermöglichen. Der Unterricht an offenen Ganztagsschulen findet wie gewohnt überwiegend am Vormittag im Klassenverband statt. Diejenigen Schüler, deren Eltern dies wünschen, besuchen dann nach dem planmäßigen Unterricht die jeweiligen Ganztagsangebote. Eine offene Ganztagsschule setzt voraus, dass an mindestens vier Wochentagen ein ganztägiges Angebot für die Schüler bereitgestellt wird, welches wöchentlich mindestens zwölf Stunden umfasst, dass an allen Tagen des Ganztagsschulbetriebes für die teilnehmenden Schülerinnen und Schülern ein Mittagessen bereitgestellt wird und dass die Bildungs- und Betreuungsangebote unter der Aufsicht und Verantwortung der Schulleitung organisiert und durchgeführt werden, und in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht stehen. Die offene Ganztagsschule bietet somit einen verbindlichen Leistungskatalog, der mindestens das Angebot einer täglichen Mittagsverpflegung, einer verlässlichen Hausaufgabenbetreuung sowie verschiedenartiger Neigungsangebote umfassen muss. Nach Möglichkeit soll das Angebot durch zusätzliche Lernhilfen und Förderangebote ergänzt werden. Die Teilnahme an den Angeboten ist freiwillig. Die Schüler bzw. deren Eltern entscheiden sich mit der Anmeldung für eine verbindliche Teilnahme für die Dauer eines Schuljahres. Die Mindestteilnahmeverpflichtung beträgt hierbei zwei Nachmittage pro Woche im Umfang von zusammen mindestens sechs Zeitstunden. Dieses Angebot ist für die Eltern, mit Ausnahme der Kosten für die Mittagsverpflegung, an staatlichen Schulen grundsätzlich kostenfrei. An manchen Schulen besteht darüber hinaus oftmals ein Bedarf für zusätzliche Betreuungsangebote, z. B. nach 16 Uhr oder am Freitagnachmittag. Solche Angebote können unter bestimmten Bedingungen eingerichtet werden. Hierfür kann unter Umständen ein Elternbeitrag anfallen. Mit Genehmigung der offenen Ganztagsschule seitens des Freistaats Bayern stellt dieser für jede gebildete Gruppe ein Budget für den Personalaufwand zur Verfügung. Die Gruppengrößen betragen bei den weiterführenden Schularten durchschnittlich 20 bei Förderschulen ca. 15 Schüler. Im Schuljahr 2010/11 nehmen etwa 72.000 Schülern an den Angeboten der offenen Ganztagsbetreuung teil. http://www.km.bayern.de/eltern/schule-und-familie/ganztagsschule.html

Pädagogische Angebote für die Ganztagsschule[Bearbeiten]

Die Deutsche Verkehrswacht (DVW) und die Unfallforschung der Versicherer (UDV) haben ein umfangreiches Angebot für Ganztagsschulen entwickelt und stellen eine Auswahl von Bausteinen für alle Schularten und -stufen im Internet zur Verfügung. Mit dieser Initiative wenden sich Verkehrswacht und die UDV an alle, die Projekte und Maßnahmen der Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung an Ganztagsschulen initiieren oder unterstützen möchten: Verkehrswacht-Mitarbeiter, Lehrkräfte und Schulleiter, interessierte Eltern sowie alle, die in lokalen Netzwerken zur Umsetzung von Projekten beitragen. Die zusätzliche Zeit, die Schüler in der Schule verbringen, bietet Raum für Themen der Verkehrserziehung und der Mobilitätsbildung – besonders im Sekundarbereich. Der Ganztag bietet Raum für ein breites Mobilitätsverständnis – weit über den Sicherheitsaspekt hinaus. Rad fahren, Inline-Skaten und verwandte Themen kommen dem Bedürfnis der Schüler nach Freizeitangeboten und AGs entgegen.

Das Angebot von UDV und DVW umfasst zahlreiche Sachinformationen und praktische Hinweise für Kursleiter und Unterstützer. Zu den einzelnen Bausteinen kann man Projektbeschreibungen im Internet abrufen.

Österreich[Bearbeiten]

In Österreich gibt es eine intensive politische Debatte darüber, ob die generelle Einführung von Ganztagsschulen und Gesamtschulen sinnvoll sei. Eine Alternative zur Verbesserung des Schulsystems könnte die Erweiterung des Angebotes an Ganztags- und Offenen Schulen sein. Die erste Ganztagsschule in Wien war die Ganztagsvolksschule Köhlergasse, die 1990 fertiggestellt wurde.

Alfred Gusenbauer hatte sich in seinem letzten Nationalratswahlkampf (2006, SPÖ stimmenstärkste Partei nach Endauszählung) für eine Ganztagsschule eingesetzt. Allerdings hängt dies nicht nur von der SPÖ ab, sondern auch von dem Koalitionspartner ÖVP. Falls die Einführung einer Ganztagsschule tatsächlich kommen sollte, soll dies schrittweise geschehen, um die Schulen mit den technischen Mitteln (wie Aufenthaltsräumen, Küchen, etc.) auszustatten. 2001 startete ein Ganztagsschul-Programm. Zum Ziel setzte man sich bis 2006 den Aufbau 300 neuer Ganztagsschulen und erreichte eine Anzahl von 360 neuer GTS. Das nächste Ziel bis 2011 ist der Aufbau 200 weiterer GTS. Stand März 2007: 399 neue GTS.

Schweiz[Bearbeiten]

In der Schweiz verläuft die Diskussion im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen und der Gleichstellungspolitik. Sie steht im Zusammenhang mit der zunehmenden Inanspruchnahme familienexterner Tagesbetreuung im Vorschulbereich.

Im Juni 2005 erfolgte eine Interpellation im Nationalrat durch Silvia Schenker zur Förderung eines flächendeckenden Tagesschulangebots und andere familienunterstützende Tagesstrukturen. Die Antwort des Bundesrates vom September 2005 umfasste, leicht gekürzt, die folgenden Punkte:

  • Der Bundesrat ist der Ansicht, dass die Schaffung von Tagesschulen und anderer familienunterstützender Tagesstrukturen die Vereinbarkeit von Familie und Arbeitswelt wesentlich verbessert. Er teilt zudem auch die Einschätzung, dass solche Strukturen die Chancengleichheit im Bildungswesen fördern können.
  • Der Bund ist bereit, zusammen mit den Kantonen Daten zu erheben, die Antwortelemente für diese Problematik liefern können. Dies wird u. a. über weitere Pisa-Untersuchungen, aber auch über das periodisch von Kantonen und Bund gemeinsam durchzuführende schweizerische Bildungsmonitoring geschehen können.
  • Der Bundesrat stellt fest, dass sich die Entwicklung hin zu familienfreundlichen Schulorganisationsformen in letzter Zeit etwas verstärkt hat. Vorerst steht die Einführung von Blockzeiten und anderen Maßnahmen und weniger die Einführung von eigentlichen Tagesschulen im Vordergrund.
  • Die verfassungsmäßige Aufgabenteilung zwischen dem Bund und den Kantonen im Bildungswesen gibt dem Bund keine Möglichkeit, hier direkt regelnd oder fördernd aktiv zu werden. Gefordert sind also in erster Linie die Kantone.

In den Kantonen Aargau und Basel-Stadt gibt es konkrete politische Vorstöße. So reichte zum Beispiel der Verein für Tagesschulen in Basel im Dezember 2004 eine Initiative mit folgendem Wortlaut ein:

Der Kanton Basel-Stadt sorgt in jedem Schulkreis (Grossbasel-West, Grossbasel-Ost, Kleinbasel und Riehen) für mindestens ein Tagesschulangebot auf der Kindergarten- und der Primarstufe. Auf der Orientierungsstufe gibt es mindestens in einem Schulkreis ein Tagesschulangebot. Die Eltern beteiligen sich gemäß ihren finanziellen Möglichkeiten an den Betreuungs- und Verpflegungskosten.

Die Förderung der Tagesschulen verläuft in der Schweiz parallel zur seit etwa 2000 andauernden massiven Steigerung der Angebote im Bereich der Mittagstische. Auch ist eine gewisse Konvergenz der beiden Betreuungsformen feststellbar: Im Kanton Bern zum Beispiel werden Mittagstische schulnäher organisiert, so dass insgesamt ein Tagesschulkonzept entsteht, während in anderen Regionen Mittagstische zunehmend Aufgabenunterstützung und Nachmittagsbetreuung zum Teil bis 18 Uhr anbieten. Immer häufiger wird auch der Terminus Tagesstrukturen für die beiden Schülerbetreuungsformen verwendet, der darüber hinaus auch die Betreuungsform des Schülerhorts (ohne Mittagessen) miteinschließt.

Frankreich[Bearbeiten]

Ganztagsschulen haben in Frankreich die längste Tradition in Europa. Sie bestehen dort schon seit 1880. Die Ganztagsschule beginnt mit der freiwilligen Vorschule (école maternelle), die ab September des Jahres, in dem das dritte Lebensjahr abgeschlossenen wird, bis zur gesetzlichen Schulpflicht mit sechs Jahren besucht werden kann. Diese ist gebührenfrei und wird von weit über 90 % der Dreijährigen besucht. Es schließen sich die Grundschule (école primaire), die Gesamtschule der Sekundarstufe (collège unique) und das Lycée beziehungsweise Berufsgymnasium an. Der Unterricht beginnt um 8.30 Uhr und endet um 16.30 Uhr, mit anschließenden Betreuungsmöglichkeiten in den Vor- und Grundschulen. Der Staat ist für eine lückenlose Betreuung der Schüler sowohl innerhalb als auch außerhalb des Schulgebäudes verantwortlich. Das nationale Unterrichtsministerium ist auch für das Kantinenessen zuständig, welches allen Kindern angeboten wird. Der zu zahlende Beitrag ist dabei nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt. Für Kinder aus Großfamilien ist das Essen kostenlos.[12]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kubina, Christian; Hans-Jürgen Lambrich, Hrsg., Die Ganztagsschule. Bestandsaufnahme - Grundlegung - Perspektiven, Wiesbaden 1991
  • Ladenthin, Volker; Rekus, Jürgen (Hg.): Die Ganztagsschule. Alltag, Reform, Geschichte, Theorie. Weinheim – München 2005
  • Ludwig, Harald: Entstehung und Entwicklung der modernen Ganztagsschule in Deutschland, 2 Bde, Köln 1993
  • Rekus, Jürgen (Hg.): Ganztagsschule in pädagogischer Verantwortung. Münster 2003.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Ganztagsschule – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Deutschland[Bearbeiten]

Österreich[Bearbeiten]

Schweiz[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatKMK-Definition von Ganztagsschule. GEW-NRW, archiviert vom Original am 20. Januar 2004, abgerufen am 6. April 2009 (PDF).
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatKatharina Wrohlich: Familie und Bildung in der Agenda 2010: Ziele, Maßnahmen und Wirkungen. In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung Vol. 77 Nr. 1, S. 90–97. DIW Berlin, 2008, abgerufen am 21. August 2009 (PDF; 123 kB). S. 93
  3. Katholischer Nachrichtendienst kath.net, http://www.kath.net/detail.php?id=11445
  4. Forum e, Verbandszeitschrift des VBE, September 2004, S. 6
  5. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatGanztagsschulprogramm – Musterbeispiel für kooperativen Föderalismus – Rechnungshofkritik völlig überzogen. www.tauss.de, 11. Mai 2006, abgerufen am 27. Januar 2010.
  6. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKeine konsequente Schulreform. Ganztagsschule Light. TAZ, 25. März 2008, abgerufen am 5. April 2009.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatBernhard Eibeck: Sanierung alter Strukturen statt Bildungsreform. Eine Zwischenbilanz des Investitionsprogramms für Ganztagsschulen. In: Sozialextra. Abgerufen am 6. April 2009 (PDF; 941 kB).
  8. spd.de 10. Mai 2011: Bis 2020: SPD will Rechtsanspruch auf Ganztagesangebote in Kitas und Schulen
  9. Rechtsanspruch auf Ganztagsschulen: Gabriel will Hausaufgaben abschaffen – für mehr Chancengleichheit. Focus, 1. September 2013, abgerufen am 2. September 2013.
  10. Betreuung von Schulkindern am Nachmittag: 70 Prozent der Eltern wollen Ganztagsschulen. Focus, 3. August 2013, abgerufen am 2. September 2013.
  11. Ausbau der Ganztagsschulen kommt voran, aber Studie bemängelt konzeptionelles Vakuum / Nur 13 Prozent der Schüler besuchen eine gebundene Ganztagsschule. In: Pressemeldung. Bertelsmann Stiftung, 5. Juni 2012, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  12. Mechthild Veil. 2002: "Ganztagsschule mit Tradition: Frankreich". Aus Politik und Zeitgeschichte. B41/2002