Geschichte der O

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Geschichte der O (französisch Histoire d’O) ist ein 1954 erschienener erotischer Roman von Anne Desclos (bekannter als Dominique Aury), die ihn unter dem Pseudonym Pauline Réage veröffentlichte. Wegen seiner detaillierten Darstellung weiblicher Unterwerfung galt das Werk lange als ein Skandalbuch. Es übte auf die Entwicklung der erotischen Literatur großen Einfluss aus[1] und ist einer der bekanntesten sadomasochistischen Romane der Welt.

Inhalt[Bearbeiten]

Die submissive O, eine erfolgreiche Pariser Modefotografin, lässt sich von ihrem Geliebten René auf das abgeschiedene Schloss Roissy bringen. Es ist ein exklusives Privatanwesen, in dem sich Frauen dem Willen der Männer unterwerfen. Dort lässt sich O aus Liebe zu René zu einer perfekten Sub ausbilden. Im Rahmen ihrer Ausbildung wird sie gefesselt, ausgepeitscht und gelehrt, jederzeit und für jeden sexuell verfügbar zu sein. Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung stimmt sie dem Wunsch Renés zu, vorübergehend bei seinem väterlichen Freund Sir Stephen zu wohnen und sich dessen Wünschen bedingungslos zu fügen. Sir Stephen erweist sich als noch dominanter als René; O verliebt sich in ihn. Zum Beweis dieser Liebe unterzieht sie sich einer weiteren, noch strengeren Ausbildung in einem ausschließlich von Frauen bewohnten und geleiteten Anwesen namens Samois. Dort willigt sie unter anderem ein, Brandmale am Gesäß sowie Ringe an den Schamlippen als endgültige Zeichen ihrer Unterwürfigkeit zu erhalten.

Das Buch enthält den Hinweis auf ein gestrichenes Schlusskapitel: Darin kehrt O nach Roissy zurück und wird dort von Sir Stephen verlassen; in einer Alternativversion wünscht sich O – als sie sieht, dass Sir Stephen sie verlassen wird – ihren Tod, und Sir Stephen erteilt seine Zustimmung. Tatsächlich verfasste die Autorin Jahre später besagten Anhang, jedoch mit abweichendem Schluss (siehe unten: Bearbeitungen).

Einordnung und Hintergrund[Bearbeiten]

Der Roman stellt die Frage nach dem Verhältnis von Liebe und Unterwerfung beziehungsweise der freiwilligen „Aufgabe des eigenen Willens“. Alle Vorgänge werden ohne Erzählerkommentare aus der Perspektive der Heldin geschildert, deren Innenleben so auf subtile Weise geschildert wird, ohne dass ihr Verhalten moralisch bewertet oder anhand konventioneller Maßstäbe erklärt würde. Berühmt ist eine Vergewaltigungs- und Folterszene, in der sie beim Anblick der abgenutzten Pantoffeln ihres Geliebten daran denkt, ihm bei nächster Gelegenheit neue zu beschaffen.

In Sprache und Stilistik steht das Werk in der Tradition der klassischen französischen Literatur; das Buch kommt trotz der Thematik völlig ohne obszöne Wörter aus. Der essenzielle Kontrast zu geläufigen Schemata besteht darin, dass O sich bewusst und freiwillig in ihre Rolle fügt. Denn nichts geschieht, ohne dass sie zuvor ihr Einverständnis gibt, und sie bezieht gerade aus dieser formalen Unterwerfungssituation neues Selbstbewusstsein.

Rezeption[Bearbeiten]

Susan Sontag nannte die Geschichte der O in ihrem Essay The Pornographic Imagination als ein Beispiel für die Legitimität anspruchsvoller Pornografie als eigenständiges literarisches Genre. Andrea Dworkin vertrat im Rahmen ihrer Kampagne gegen Pornografie im Allgemeinen und sadomasochistischer Literatur im Besonderen die These, die Figur der O sei durch einen männlichen Autor nur dazu geschaffen worden, die Unterwerfung der Frau zu propagieren. Frederick Wyatt vertritt die These, dass die offenkundige Unverwüstlichkeit der O, ebenso wie ihre Unverletzlichkeit gegenüber allen Unbilden den Genuss der sadomasochistischen Literatur erleichtern und sieht hier eine Nähe zur Funktion der Katharsis in der klassischen griechischen Tragödie.[2]

Entstehung und Verbreitung[Bearbeiten]

Der biografische Anlass für die Entstehung des Romans war die Liebe Dominique Aurys zu dem zwanzig Jahre älteren Schriftsteller und Literaturkenner Jean Paulhan. Nachdem sie die Wertschätzung ihres verheirateten Partners für die ihr zu diesem Zeitpunkt unbekannten Werke des Marquis de Sade erkannte, entschloss sich Aury, ein eigenes Buch zu schreiben und ihm jedes einzelne Kapitel nach dessen Vollendung zukommen zu lassen.[3] An seine Bemerkung anknüpfend, Frauen könnten keine entsprechende erotische Literatur schreiben, verfasste sie das Werk innerhalb von drei Monaten, um ihn an sich zu binden, was ihr auch gelang.

Der Roman erschien im Juni 1954 in einer Auflage von 2000 Exemplaren mit einem Vorwort von Paulhan im Verlag von Jean-Jacques Pauvert, zusätzlich wurden 600 nummerierte Exemplare gedruckt und mit einer Lithographie von Hans Bellmer versehen[4]. Zuvor war das Buch von zwei anderen Verlagen (Les Deux Rives und Gallimard) aus Furcht vor einem öffentlichen Eklat abgelehnt worden. Pauvert hatte bereits die gesammelten Werke de Sades verlegt und war aus diesem Grund mehrfach angeklagt worden.

Im Januar 1955 gewann das Buch den französischen Literaturpreis Prix des Deux Magots. Dies hielt die französischen Behörden jedoch nicht davon ab, gegen den Verleger des Werks wegen der Veröffentlichung obszönen Materials Klage einzureichen. Die Klage wurde von den zuständigen Gerichten zurückgewiesen, dennoch landete das Buch in Frankreich für mehrere Jahre auf dem Index. Der Verleger weigerte sich, den Behörden den tatsächlichen Namen der Autorin zu nennen. Aury selbst deckte ihre (spätestens seit den 1970ern gerüchteweise bekannte[5]) Autorenschaft erst 1994 öffentlich in einem Interview mit dem amerikanischen Magazin The New Yorker auf. Die Regisseurin Pola Rapaport schilderte 2004 in ihrer Dokumentation „The Writer of O“ die Geschichte des Geheimnisses durch eine Reihe von Interviews und Filmausschnitten.

Die erste deutsche Ausgabe erschien 1967 im Melzer Verlag, eigentlich spezialisiert auf Judaica. Der Verlag ging das Risiko einer Veröffentlichung des Romans bewusst ein, um einem drohenden Konkurs zu entgehen. Seit 2000 ist das Werk in einer Edition des Charon-Verlags mit Begleittext frei erhältlich und wird in großen Auflagen verkauft.

Als eigenständige Ausgabe bleibt der Roman in Deutschland als jugendgefährdend eingestuft („indiziert“). Eine seit Juli 2006 unter der Bezeichnung Bild-Erotik-Bibliothek veröffentlichte Literaturreihe der „Bild“ und der Verlagsgruppe Random House machte den Roman in einer gekürzten Edition einem breiten Publikum zugänglich. Das Werk wurde später in der Ausgabe der Bibliothek ebenfalls als jugendgefährdend eingestuft. Noch bevor die bereits 1967 und 1982 für andere Ausgaben ausgesprochene Indizierung wieder in Kraft trat, zog der Verlag das Buch vor der Entscheidung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zurück.

Ein Schweizer Sammler namens Nordmann erwarb 1994 das Manuskript des Romans für ca. 100.000 US-$ (etwa 65.000 €). Nach seinem Tod wurde ein Großteil der Sammlung, einschließlich des Manuskriptes von Geschichte der O, am 27. April 2006 bei Christie’s in Paris versteigert. Das Manuskript ging für 85.000 € an einen Unbekannten.

Zitate[Bearbeiten]

„‚Die Geschichte der O‘ hat den Weg für Pornografie in Deutschland freigeschlagen, nicht die Olympia Press.“

Jörg Schröder[6]

„Die Widersprüchlichkeit der geschlagenen Frau, auf der einen Seite Schmerz, auf der anderen Seite Lust, werden immer zugunsten ihrer eigenen Triebhaftigkeit gelöst, die durch sadomasochistische Praktiken befriedigt wird. Das hier skizzierte Frauenbild entspricht in keiner Weise dem sexuellen Empfinden von Frauen, es entspringt vielmehr der männlichen Phantasiewelt, auch wenn der Autor eine Frau sein soll.“

– Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien[7]

Bearbeitungen[Bearbeiten]

  • Das 1969 erschienene Kapitel Rückkehr nach Roissy stellt eine Fortsetzung der Geschichte der O dar; in neueren Ausgaben wird es dem Roman meist als Anhang beigefügt. Darin wird O erneut in das Schloss gebracht. Am Schluss erscheint die Polizei, die Sir Stephen wegen Mordes sucht. O wird anschließend von der Leiterin erklärt, sie sei nun frei; so sie wolle, könne sie jedoch auch bleiben. Die Autorin merkte dazu an, die Seiten seien „bewußt ein Abstieg, und sie dürfen niemals in die Geschichte der O einbezogen werden“.[8]
  • 1975 adaptierte der italienische Künstler Guido Crepax die Geschichte für einen zweiteiligen Comic. Peter Gorsen, zu damaliger Zeit Dozent für Kunst und visuelle Kommunikation an der Justus-Liebig-Universität Gießen schrieb nach dem Erscheinen des Comics: „Die Geschichte der O“ fällt meines Erachtens unter den Kunstvorbehalt des Grundgesetzes. Es richtet sich an eine „erwachsene“, gebildete, wenn nicht überhaupt künstlerisch interessierte Lesergruppe. […] Die Graphik erreicht bei Crepax ein handwerkliches Virtuosentum“. Wegen des sadomasochistischen Inhalts und expliziter Darstellungen wurde der Comic von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPS) auf den Index gesetzt. Die in Frankreich und Italien erschienene Comicversion, eine aufwändig im Siebdruckverfahren hergestellte signierte und nummerierte Edition mit Vorworten von Roland Barthes und Alain Robbe-Grillet gilt als der teuerste Erstdruck eines Comics.

Verfilmungen[Bearbeiten]

Der französische Regisseur Henri-Georges Clouzot plante jahrelang eine filmische Umsetzung des Stoffs. Die Verfilmung Die Geschichte der O 1975 von Just Jaeckin mit Corinne Clery und Udo Kier gilt als ein Klassiker ihres Genres, auch wenn sie zunächst hinter dem Erfolg des Buches zurückblieb. Einige Handlungsstränge und das Ende der literarischen Vorlage wurden sehr stark verändert. In Großbritannien war der Film durch das British Board of Film Censors bis zum Februar 2000 verboten. Der Produzent des Films von 1975, Éric Rochat, produzierte 1992 eine fünfteilige spanische Miniserie mit Claudia Cepeda in der Titelrolle[9].

Der vor allem durch seine beiden klassischen Pornofilme Deep Throat (1972) und The Devil in Miss Jones (1973) bekannte US-amerikanische Filmregisseur Gerard Damiano drehte 1975 The Story of Joanna, eine Variation der Geschichte des O-Themas. Der Film ist durch die Geschichte der O stark beeinflusst. Um möglichen Lizenzforderungen aus dem Weg zu gehen, änderte Damiano den Titel und schuf eine Melange aus einem Einzelkapitel des Klassikers und Jean-Paul Sartres Geschlossener Gesellschaft. Als Hommage an die Geschichte der O und deren Autorin produzierte der dänische Regisseur Lars von Trier 1979 einen Kurzfilm mit dem Namen Menthe – la bienheureuse. Im Jahr 2002 führte Phil Leirness in einer modernen englischsprachigen Adaption des Stoffes Regie; er fungierte auch als Co-Autor des Drehbuchs.

Filmografie[Bearbeiten]

Trivia[Bearbeiten]

Vereinfachtes Modell des Ringes der O nach dem literarischen Vorbild mit der Triskele
  • In BDSM-Kreisen wird gerne der sogenannte Ring der O getragen. Dieser dient seit geraumer Zeit auch der Bondage-Szene als Erkennungszeichen und hat seinen Weg in den Mainstream gefunden.
  • Es wird angenommen, dass im sozialen Umfeld von Dominique Aury die französische Autorin Janine Aeply, Ehefrau des Malers Jean Fautrier und eine der Freundinnen Aurys, das Vorbild für die Romangestalt war.
  • Der Roman ist die Quelle einer großen Anzahl unterschiedlicher Begriffe, die in der BDSM-Subkultur weitverbreitet sind, hierzu gehört auch Samois, der Name des Anwesens der Buchfigur Anne-Marie, auf dem O gepierct und gebrandmarkt wird.
  • Eine Koinzidenz ist Tom Sharpes Der Renner, der von einem kontroversen erotischen Roman und der anonymen Autorin, einer hochangesehenen Literaturkritikerin, handelt.
  • Lars von Triers Film Manderlay wurde durch die Geschichte der O teilweise inspiriert.
  • Das 2002 erschienene Album O von Damien Rice verweist vermutlich auf die Geschichte der O. In dem Titel Amie wird The Story of O erwähnt.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Regine Deforges: Confessions of O, Conversations with Pauline Reage. Viking Press, ISBN 0670237205.
  • Fechter, Alexander: Konstruktion der Frauenfigur im sadomasochistischen Film am Beispiel der "Geschichte der O" / Alexander Fechter, 2007. - 112 Bl. Wien., Univ., Dipl.-Arb., 2008.
  • Régine Deforges, Pauline Réage: Die „O“ hat mir erzählt. Hintergründe eines Bestsellers. Charon, 2000, ISBN 3-931406-25-3 (Interview, „Die Geschichte der O“ und „Rückkehr nach Roissy“ in einem Band)
  • Christine Deja: FrauenLust und Unterwerfung. Geschichte der O und Neun Wochen und drei Tage. Kore Edition, 1991, ISBN 3-926023-31-7
  • Jessica Benjamin: Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Stroemfeld, 2004, ISBN 3-86109-168-2

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Observer, 25. Juni 2004, I wrote the story of O
  2. Frederick Wyatt: Der Triumph des Masochismus, oder das Alpha in der Geschichte der O, in Helm Stierlin, Wolfgang Kaempfer, Renate Böschenstein: Freiburger literaturpsychologische Gespräche, Bd. 7, Masochismus in der Literatur. Koenigshausen & Neumann, 1988, ISBN 3-88479-330-6
  3. vgl. BBC, 13. November 2001 The True Story of ‘The Story of O’ by Pauline Reage
  4. Angie David: Dominique Aury. Editions Scheer 2006. S. 14
  5. Interview mit Jacqueline Demornex für ELLE, Gespräch mit Régine Deforges. Siehe auch: Based on truth?
  6. Jörg Schröder, damals Hersteller bei Joseph Melzer und etwas später selbst Verlagsleiter der „Olympia Press Deutschland“, im Rückblick
  7. Indizierungs-Beschluss der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPS) vom 11. Juni 1983. Spruchgremium: Elke Monssen-Engberding (Vorsitzende der BPS), Thea Graumann (Schriftstellerin), Elke Krumpholz (Lehrerin).
  8. Régine Deforges, Pauline Réage: Die „O“ hat mir erzählt. Ullstein, Berlin 1991, ISBN 3 548 22556 X, S.279 oben
  9. http://www.ofdb.de/film/43005,Geschichte-der-O
  10. IMDb
  11. IMDb