Grips-Theater

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Das Grips-Theater am Hansaplatz

Das Grips-Theater (Eigenschreibweise GRIPS Theater) ist ein Kinder- und Jugendtheater am Hansaplatz im Berliner Ortsteil Hansaviertel des Bezirks Mitte.

Geschichte[Bearbeiten]

Entstehung[Bearbeiten]

Im Jahr 1966 entstand das Theater für Kinder im Reichskabarett in Berlin. Das Reichskabarett war damals eine bekannte und erfolgreiche links gerichtete Kabarettgruppe. Einer der Autoren der Reichskabarett-Gruppe war Volker Ludwig. Im Sommer 1966 begann man damit, an den Wochenenden Theater für Kinder stattfinden zu lassen. Es begann damit, dass man das Märchen Der Teufel mit den drei goldenen Haaren kabarettistisch aufbereitete.

Nach und nach entwickelte man weitere für Kinder aufbereitete Stücke und immer mehr Aufführungen für Kinder fanden statt. Die Idee war, nicht einfach nur Märchen auf die Bühne zu bringen (das war zu der damaligen Zeit Standard-Programm beim Theater für Kinder), sondern phantasievolle Stücke aufzuführen, die eigens für Kinder geschrieben worden waren und den direkten Bezug der aktuellen Welt der Kinder mit in das Geschehen einbezog. Die Märchenvorlagen boten dies nur wenig bis gar nicht an.

Volker Ludwig und sein Bruder, der Karikaturist Rainer Hachfeld, schrieben 1968 das erste Kinderstück. Das vom Publikum viel beachtete Stück hieß Die Reise nach Pitschepatsch.

Im Jahr 1969 einigte man sich darauf, Theater für Kinder mehr gesellschaftskritisch aufzubereiten. Daraus entstand das erste sozialkritische Kinderstück Stokkerlok und Millipilli, ebenfalls von Volker Ludwig und Rainer Hachfeld. Dies war das erste Kinderstück des Ur-Grips-Theaters. Stokkerlok und Millipilli war ein großer Erfolg. Es wurde auf vielen Bühnen Deutschlands nachinszeniert und auch im Ausland aufgeführt. 1969 erhielt das Stück den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin.

Das damals noch recht neue Konzept des „modernen Kindertheaters mit sozialkritischem Hintergrund“ wurde nicht von allen positiv aufgefasst. In den Anfängen musste sich das Theater großer Kritik stellen. So wurde oft darauf verwiesen, dass die Kinder in den Stücken des Reichskabarett-Theaters für Kinder frech und respektlos gegenüber Erwachsenen waren. Doch die Emanzipation der Kinder und auch das Hinweisen auf ihre Rechte war konzeptionell so beabsichtigt. Besonders im konservativen Lager stieß dies nicht immer auf Gegenliebe.

Das Ensemble des Kindertheaters befragte oft sein Publikum (also die Kinder und Jugendlichen), um herauszufinden, was sie momentan beschäftigt. Die Rolle der Geschlechter (beispielsweise die typische Berufswahl der Mädchen: Hausfrau) in der Gesellschaft war ein großer Themenbereich. Dies griff die Truppe in den 1970er Jahren verstärkt auf. So entstanden Stücke, die sich stark mit den Problemen der Geschlechterrollen beschäftigten.

Abspaltungen[Bearbeiten]

Einige Schauspieler des Kindertheaters spalteten sich 1971 ab. Sie wollten ein Aufklärungsstück für Kinder erarbeiten. Die erste Aufführung wurde zum öffentlichen Eklat. Die Schauspieler nannten sexuelle Tabu-Wörter und versuchten einen recht hemmungslosen Umgang mit Sexualität aufzuzeigen. Die Truppe machte sich selbstständig. So entstand das Berliner Kindertheater Rote Grütze und ihr Theaterstück Darüber spricht man nicht. Und vor 30 Jahren das Erfolgsstück zur Aufklärung Jugendlicher: Was heißt hier Liebe? Die Geschichte von Paul und Paula.

Der Name GRIPS[Bearbeiten]

Das Kindertheater zog 1972 in das Forum-Theater am Kurfürstendamm um. Da man nun nicht mehr in den Räumen des Reichskabaretts spielte, stand auch eine Namensänderung an. Ende Mai 1972 entschied man sich für den Namen GRIPS, der Spaß am Denken symbolisieren sollte. Der Grafiker Jürgen Spohn schuf das Logo dazu: ein schwarzes Gesicht mit dicker Nase, das aus einem Karton hervorlugt, auf dem das Wort GRIPS steht.

Umzug an den Hansaplatz[Bearbeiten]

Ein weiterer Umzug stand 1974 an. Man zog an den Hansaplatz, das Zentrum des südlichen Hansaviertels, einer Mustersiedlung der Nachkriegsmoderne. Das Gebäude war 1957 nach Plänen von Ernst Zinsser und Hansrudi Plarre im Rahmen der Internationalen BauausstellungInterbau“ errichtet worden; vor dem Kindertheater beherbergte es das Kino „Bellevue“. Am 30. September 1974 wurde das neue Haus eröffnet.

Die Räumlichkeiten wurden nach eigenen Vorstellungen umgebaut. Die Bühne wurde von den Zuschauerbänken umrahmt; es entstand eine Art Arena. Die Schauspieler waren somit mitten unter den Zuschauern. Es ist noch heute möglich, die Zuschauer an allen vier Seiten der Bühne zu platzieren; jedoch wird normalerweise eine Seite für die Hintergrundkulisse genutzt und die Zuschauer sind an drei Seiten platziert. Die Bühne ist nicht erhöht. Die Schauspieler und die Zuschauer in der ersten Reihe befinden sich somit auf einer Ebene. Das Haus kann um die 360 bis 400 Zuschauer aufnehmen. Den Eingang schmückt ein Mosaik mit einer Karikatur von Rainer Hachfeld.

Da das neue Gebäude räumlich mit der U-Bahn-Station Hansaplatz integriert ist, ist es den Besuchern problemlos möglich, das Theater mit öffentlichen Verkehrsmitteln aufzusuchen.

Mosaik am Grips-Theater, Altonaer Straße 22, im Hansaviertel

Erste Theaterstücke für Jugendliche[Bearbeiten]

Man hatte sich in der Vergangenheit eher auf Stücke für Kinder konzentriert. Doch auch die Probleme der Jugendlichen sollte Teil des Konzeptes werden. So entstand im Jahre 1975 das erste Theaterstück für Jugendliche mit dem Namen Das hältste ja im Kopf nicht aus.

Konflikte[Bearbeiten]

Mit diesem Stück begann eine öffentliche politische Diskussion über das Grips-Theater. So sprach die damalige Berliner CDU (seinerzeit in der Opposition) über das Grips-Theater als kommunistischen Kinderverderber. Auch in den Zeitungen des Springer-Verlages wurde das Theater damals stark angegriffen. Durch diese öffentlichen Diskussionen gab es einen interessanten Nebeneffekt für das Grips-Theater – es war in aller Munde. Das Grips-Theater wurde sehr bekannt. Das Publikum bescherte dem Haus fast allabendlich ausverkaufte Vorführungen.

Das Thema Hausbesetzer wurde 1981 im Jugendstück: Alles Plastik angeschnitten. Doch schon das reine Anschneiden dieses Themas reichte, um die Wogen der öffentlichen Diskussion (besonders im konservativen Lager) wieder aufsteigen zu lassen.

Stücke für Erwachsene[Bearbeiten]

Im Jahr 1980 gab es dann ein Stück für Erwachsene: Eine linke Geschichte ist ein kabarettistisch angelegtes Stück, in dem die Geschichte von drei Studenten nachgezeichnet wird, die geprägt wurde von der Studentenbewegung und dem „Deutschen Herbst“. Entsprechend der zeitgeschichtlichen Entwicklung wurde das Stück kontinuierlich fortgeschrieben und thematisierte so auch nachfolgende Ereignisse wie beispielsweise die deutsche Wiedervereinigung. Seit Herbst 2007 steht allerdings wieder die Urfassung von 1980 auf dem Spielplan.[1]

Linie 1[Bearbeiten]

Hauptartikel: Linie 1

Volker Ludwig schrieb 1985 die musikalische Revue Linie 1. Die Musik schrieben sein langjähriger Freund und musikalischer Kopf des Grips-Theaters Birger Heymann, sowie die Band No Ticket (Kranz, Keller, Kottman, Brandt, Wester, Witting). Die Premiere fand am 30. April 1986 statt. Es wurde der größte Erfolg des Grips-Theaters.

Das Stück handelt von einer jungen Frau, die in Berlin ihren Freund sucht. Dabei fährt sie mit der Linie U1 der Berliner U-Bahn und trifft dort auf die verschiedensten Charaktere. Dies wird noch dadurch verschärft, dass die U1 damals den Spitznamen Orient Express trug, da sie am U-Bahnhof Schlesisches Tor endet, der mitten im damals noch von türkischen Einwanderern dominierten Ortsteil Kreuzberg liegt. Somit enthält Linie 1 – wie üblich für Grips-Stücke – auch sozialkritische Elemente. Allgemein stellt es aber ein amüsantes Porträt der Berliner Gesellschaft zur Mauerzeit dar.

Der Erfolg des Stückes hatte auch Schattenseiten: Wegen der technisch relativ aufwendigen und teuren Show konnte man mit dem Reinerlös der Kartenverkäufe die Kosten nicht mehr decken. Nachdem Volker Ludwig in einer Talkshow erwähnte, dass das Haus schließen müsse, wenn von politischer Seite keine Unterstützung käme, erhöhten die Behörden die Grundsubvention.

Das Stück wurde anfangs von allen großen Bühnen Deutschlands unbeachtet gelassen. Erst als das Staatstheater Stuttgart das Stück erfolgreich aufführte, zogen andere Bühnen nach. Bundesweit bekannt wurde Linie 1 dadurch, dass mehrere Lieder in der ARD-Satire-Sendung Scheibenwischer aufgeführt wurden. Später wurde es auch sehr erfolgreich in anderen Ländern aufgeführt.

Linie 1 war das meistgespielte deutsche Theaterstück seiner Zeit. Nach der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht ist es das erfolgreichste deutsche Musical. Volker Ludwig erhielt als Autor 1987 den Mülheimer Dramatikerpreis, die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Autoren.

Grips heute[Bearbeiten]

Neben dem großen Theater am Hansaplatz besitzt das Haus seit 1992 noch eine sogenannte ‚Studio- und Probenbühne‘. Bis 2009 wurden kleinere Inszenierungen noch in der Schillertheater-Werkstatt an der Bismarckstraße aufgeführt, doch seit 2009 befindet sich die zweite Spielstätte als „GRIPS MITTE im Podewil“ in der Klosterstraße. Pro Jahr veröffentlicht das Grips-Theater meist vier neue Stücke. Es gibt rund 300 Vorstellungen im Jahr.

Ensemble[Bearbeiten]

Schauspieler[Bearbeiten]

Das Grips-Theater hat auch bekannte Fernsehdarsteller hervorgebracht. So waren beispielsweise Dieter Landuris, Petra Zieser, Heinz Hoenig und Axel Prahl Schauspieler im Ensemble des Grips-Theaters. Auch Julia Blankenburg, Nadine Warmuth und Mathias Schlung gehörten zum Ensemble des Grips-Theaters.

Musiker[Bearbeiten]

Axel Kottmann, George Kranz und Matthias Witting, die zwischen 1978 und 1986 zum Ensemble stießen, bildeten von 1980 bis 1983 die Band Zeitgeist. Kranz ist darüber hinaus als Solomusiker erfolgreich. Weiterhin sind in der festen Grips-Band seit 1986, dem Start von Linie 1, Thomas Keller am Saxophon und Michael Brandt an der Gitarre zu hören. Diese Musiker haben die Musik von Linie 1 mitkomponiert und arrangiert.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Fischer: Das Grips-Theater und die Macht. In Birgit Haas (Hrsg.): Macht: Performativität, Performanz und Polittheater seit 1990. Königshausen & Neumann 2005, ISBN 3826030400, S. 183–196.
  • Gerhard Fischer: GRIPS. Geschichte eines populären Theaters (1966–2000). Iudicum Verlag 2002, ISBN 978-3-89129-741-4.
  •  Nackter Mann. In: Der Spiegel. Nr. 15, 1972, S. 60 (online).

Filme[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Grips-Theater – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. repertoire

52.51861111111113.341944444444Koordinaten: 52° 31′ 7″ N, 13° 20′ 31″ O