Grunge

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Dieser Artikel beschreibt den Musikstil. Zum US-amerikanischen Wrestler siehe Johnny Grunge.

Grunge (deutsch: ‚Schmuddel‘, ‚Dreck‘) ist ein seit etwa Anfang der 1990er-Jahre populärer Musikstil, dessen Ursprünge und Anfänge in der US-amerikanischen Undergroundbewegung lagen. Grunge wurde auch als Seattle-Sound“ bezeichnet und wird oft als eine Vermischung von Punkrock und Heavy Metal angesehen.[1][2][3]

Klangcharakteristik[Bearbeiten]

Der „Grunge-Sound“ beruht hauptsächlich auf dem Gitarrensound des Hard Rocks der 1970er-Jahre (deutlicher Einfluss zum Beispiel bei Pearl Jam) und der Ästhetik und den Lyrics des Punkrocks.[1] Während sich einige der Bands mehr in Richtung Metal (Soundgarden, Alice in Chains) bewegten und andere sich mehr dem Punkrock-Einfluss (Nirvana, Mudhoney, 7 Year Bitch) verschrieben hatten, so war tatsächlich bei allen Grunge-Bands aus Seattle der charakteristische „Seattle-Sound“ aufzufinden.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Begriff „Grunge“ kam als Umschreibung für einen Musiktyp erstmals in den 1960er- und 1970er-Jahren auf, um den Stil der Musik einiger Bands zu beschreiben. Damals wurde Grunge weniger als Subgenre gesehen, sondern als besonders markantes aber passendes Eigenschaftswort für einen rau und „dreckig“ wirkenden Klang. Neil Young (& Crazy Horse), The Stooges und The Velvet Underground beispielsweise fielen zu dieser Zeit im Vergleich zu anderen Bands des Rock-Genres besonders auf, da sie ziemlich experimentierfreudig waren, was Feedback-Effekte anging – akustische Rückkopplungen, besonders der E-Gitarre. Zudem wirkte ihr Gitarrenspiel oft weniger „sauber“ und „glatt“ als das der musikalischen Referenzen dieser Jahrzehnte. Vielmehr sollte der Klang roh und ungeschliffen wirken, was durch Einsatz von Verzerreffekten hervorgehoben wurde. Auch wurden die Aufnahmen in der Regel wenig bis gar nicht im Studio bearbeitet. Dadurch wirkte die Musik generell „unkonventionell“ und „unabhängig“. Dieser Stil prägte den Sound der Musikszene aus Seattle, welche Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre aufkam. Erst seit dieser Zeit und durch kontinuierlich steigende Popularität von Bands wie Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains oder Soundgarden wurde „Grunge“ auch als Begriff für ein Subgenre der Rockmusik verwendet.

Zu den ersten Bands, die in diesem Bereich experimentierten, gehörten Wipers und Mission of Burma, deren Stil in den späten 1970ern und frühen 1980ern dem vorherrschenden Punk-Publikum zu rockig oder, im Falle von Mission of Burma, zu komplex war. Später folgte Hüsker Dü, deren Ursprünge in der Punkszene lagen. Sie kombinierten die Energie des Punk-Rock mit dem komplexeren Songwriting des Rock und erreichten damit Mitte der 1980er-Jahre ein größeres Publikum. Einen Schritt weiter bewegten sich Dinosaur Jr., die mit ihrer Nähe zum klassischen Rock im Stil von Neil Young und einem extrem übersteuerten Gitarrensound mit Wah-Wah-Effekten, im Stil des Garagenrock der 1960er-Jahre auffielen. Weitere Einflüsse waren Sonic Youth, Big Black, Butthole Surfers und andere Vertreter des Noise-Rock. Die Veröffentlichungen ganzer Labels wie zum Beispiel Homestead Records, SST Records oder Amphetamine Reptile waren ausschlaggebend. Prägend für die Szene waren College-Rundfunksender, die diese Independent-Musik oft spielten, sowie der eher provinzielle Charakter der Region um Seattle, einer Gegend, in der nur unbekannte Musiker eine Auftrittsmöglichkeit suchten.

Mitte der 1980er bildete sich ein Kern in der Szene Seattles, zu dem neben Green River, Soundgarden und The U-Men auch The Melvins gehörten. Zu diesem Zeitpunkt entstand auch die Bezeichnung Grunge als Genrebegriff.

1988 wurde in Seattle der Sub Pop Singles Club gegründet – ein Plattenlabel, auf dem die ersten Aufnahmen lokaler Bands wie Tad, Mudhoney, Nirvana und Soundgarden erschienen. Ein großer Teil der Aufnahmen wurde von Jack Endino produziert, und es kristallisierte sich ein Klang heraus, den man für geeignet hielt, als „Seattle-Sound“ vermarktet zu werden. Ein Jahr später wurde ein Rockjournalist des britischen Melody Maker-Magazins auf diese Produktionen aufmerksam, worauf im März 1989 der umfangreiche Artikel „Seattle, Rock City“ erschien. In Seattle sorgte dieser Artikel für große Aufregung. Der Rest der Welt zeigte zunächst nur mäßiges Interesse. Das änderte sich schlagartig mit dem Erscheinen des zweiten Albums von Nirvana, Nevermind, im September 1991. Auslöser des Grunge-Hypes war der Song Smells Like Teen Spirit, der auf ebendiesem Album erschienen war. Dank des häufigen Einsatzes des Musik-Videos beim Musik-Fernsehkanal MTV avancierte er zum Hit. Die Musikindustrie und die Medien entwickelten fortan ein ausgeprägtes Interesse für die Musikszene in Seattle. Das Magazin Spin beschrieb es in der Dezember-Ausgabe von 1992 mit den Worten: „Seattle ist momentan für die Rockwelt, was Bethlehem für das Christentum ist.“ Bands ohne Plattenvertrag wurden plötzlich unter Vertrag genommen. Andere Bands, die schon bei einem Independent-Label unter Vertrag waren, wurden per Vertriebsverträge an die großen Plattenfirmen weitergereicht. Die Kommerzialisierung der Szene ging sehr schnell. Markante Bekleidungsstücke wie das Flanellhemd wurden als neue Mode verkauft. Dabei waren Flanellhemden im Alltag der Region von Seattle seit Jahrzehnten ein beliebtes Kleidungsstück bei Jung und Alt. So wurde ein banaler Alltagsgegenstand zum Dresscode der neuen Grunge-Szene.

Nicht nur durch den Tod des Sängers Kurt Cobain von Nirvana im April 1994 fand Grunge ein jähes Ende. Ursache waren auch die immer größer werdenden persönlichen oder künstlerischen Differenzen innerhalb einiger Bands, die durch den Druck von außen (Presse, Medien) zusätzlich angeheizt wurden. Die Musikindustrie und die Medien ersetzten den Begriff Grunge durch den Begriff Alternative. Damit öffnete man die Szene für neue Bands und stilistische Varianten.

Kritik[Bearbeiten]

Der Grunge-Hype war bei den Kritikern ein beliebtes Angriffsziel. Die Entwicklung zeigt, wie die Musikindustrie mit einer handvoll Bands und deren Auftreten, in Bezug auf Aussehen und Attitüde, einen Hype produzierte, von dem sie noch heute zehrt. Doch neben dem erwünschten Aspekt, dem Eintreten in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung, kamen auch negative Aspekte hinzu. So kam es, dass sich nach dem Tode Cobains die meisten Grunge-Bands auflösten oder aus dem Blickfeld der breiteren Masse verschwanden.

Sämtliche Metal-Genres hatten mit dem Aufstieg des Grunge an Popularität verloren. Auf Nachfrage äußerte sich 1994 Joey DeMaio von Manowar über die Grunge-Szene: „Gibt es ein Wort für etwas, das rangmäßig noch unter Scheiße steht?“ Ob daraus der Frust über eigenen Popularitätsverlust spricht, oder ob es sich dabei um eine, für die Band typische, derbe Wahrung ihrer True-Metal-Attitüde handelt, sei dahingestellt.[4]

„Wir hatten das Gefühl, dass diese Seattle-Grunge-Bands all den Spaß im Rock'n'Roll getötet haben. Es gab keine Lichtshows mehr, keine coolen Klamotten, keine Effekte. Die Musiker zogen sich wie Penner an. Deshalb wurde auch der Hip Hop so groß. Da haben die Künstler wenigstens wieder über Bares und Bräute gesprochen, und nicht darüber, wie beschissen das Leben ist.“

Gene Simmons[5]

Dass Grunge so einen Rundumschlag bewirkte und den Massengeschmack so sehr veränderte, kam also auch für viele Musiker damals überraschend.[4] Neben Frust und negativer Kritik gab es jedoch auch positive Stimmen dazu. Etwa von John Such, dem ehemaligen Bassisten von Bon Jovi, der Grunge als „erfrischend“ lobte, oder auch von Sebastian Bach, der den neuen, anderen Klang begrüßte. Dass der Grunge etwa 1997 aus ähnlichen Gründen zu Grunde ging wie zuvor der Glam Metal, ist wohl Ironie. Der Metal Hammer - Redakteur und Autor Frank Thiessies fügt dazu süffisant an, dass heute Grunge, wenn auch als Alternative Rock betitelt, und Sleaze einträchtig nebeneinander existieren, wenn auch nicht wie zu den jeweiligen Glanzzeiten und wirft in den Raum, wieso denn niemand die Frage stellt, ob der Nu Metal dem Rock und Metal nicht noch viel schwerer zu schaffen gemacht hätte. Bedenklich erscheint aber die bereits Mitte der 1990er-Jahre große Distanz der Hörer zum Glam Metal. Viele schienen nun nicht mehr zugeben zu wollen, dass ihnen diese „stumpfe, klischeesatte, aber einfach umwerfende Räubermusik“ noch einige Jahre zuvor so wichtig gewesen war.[6]

Bedeutende Vertreter[Bearbeiten]

Bekannte Labels[Bearbeiten]

Grunge-Filme[Bearbeiten]

Bekannte Filme, die etwas mit der Grunge-Musik aus Seattle direkt zu tun haben oder beinhalten, sind z. B.:

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Allmusic.com (englisch, abgerufen am 19. März 2010)
  2. Grunge. In: Microsoft Encarta online
  3. Grunge auf Metal1.info (deutsch) (Version vom 3. Februar 2010 im Internet Archive)
  4. a b Grunge vs. Metal? - Das Nevermind-Nachbeben. In: Metal Hammer, Ausgabe Oktober 2011, S. 56.
  5. Grunge vs. Metal? - Das Nevermind-Nachbeben. In: Metal Hammer, Ausgabe Oktober 2011, S. 55.
  6. Frank Schäfer: 111 Gründe, Heavy Metal zu lieben, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010, S. 62.