Hans Baumann

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Dieser Artikel behandelt den Lyriker Hans Baumann. Für andere Personen des Namens siehe Hans Baumann (Begriffsklärung).

Hans Baumann (* 22. April 1914 in Amberg; † 7. November 1988 in Murnau) war während der Zeit des Nationalsozialismus ein deutscher Lyriker und Komponist von Fahrtenliedern und HJ-Liedern. Nach 1945 war er ein erfolgreicher Kinder- und Jugendbuchautor und Übersetzer.

Leben[Bearbeiten]

Baumann war der Sohn eines Berufssoldaten. Seine gymnasiale Bildung erfuhr er in einer Lehrerbildungsanstalt, dem heutigen Max-Reger-Gymnasium in Amberg, und er bestand 1933 das Abitur. Er war Mitglied im katholischen Jugendbund Bund Neudeutschland, später in der Hitler-Jugend. Baumanns kompositorisches Talent wurde bereits 1932 entdeckt, als er während einer Exerzitienübung einige eigene Lieder vortrug, darunter auch Es zittern die morschen Knochen, ein Lied, das 1935 zum Lied der Deutschen Arbeitsfront wurde. Der Jesuitenpater, der die Exerzitien geleitet hatte, gab Baumanns Lieder 1933 zum Druck.[1]

Im April 1933 trat Baumann der NSDAP bei und wurde mit Wirkung vom 1. Mai 1933 unter der Parteinummer 2.662.179 registriert.[2] Er wurde Jungvolkführer und Referent im Kulturamt der Reichsjugendführung.[1] 1933 wurde Baumann Lehrer in der einklassigen Volksschule[3] in Voithenberghütte bei Furth im Wald, ab Frühjahr 1934 war er Volksschullehrer in Berlin. Dort war er schriftstellerisch und journalistisch in der Reichsjugendführung tätig, 1935 zunächst als Mitarbeiter der Abteilung Laienspiele, später als Referent für auslandsdeutsche Kulturarbeit. 1935 bewarb er sich beim SS-Sturm 11/75 [2] und diente anschließend zwei Jahre bei der Wehrmacht in Potsdam.[3] 1937 wurde er SS-Anwärter.[2] Danach begann Baumann ein Studium, war aber zugleich weiter journalistisch-propagandistisch in der HJ-Führung aktiv. 1939 bis 1945 diente er als Kompanieführer,[1] meist in der Propagandakompanie 501 an der Ostfront. Im Oktober 1941 hielt Baumann beim von Goebbels organisierten Weimarer Dichtertreffen einen Vortrag Von den Bewährungen des Dichters.[1] Im selben Jahr erhielt er den Dietrich-Eckart-Preis für seinen Einsatz im Sinne des Nationalsozialismus.[1]

1945 kehrte Baumann zurück und wurde in Langres Kriegsgefangener. Dort lernte er die moderne amerikanische Literatur kennen, erwarb weitreichende Kenntnisse der russischen Sprache und erlernte verschiedene Berufe (u. a. Holzschnitzer in Oberammergau).

Ab 1949 war Baumann erneut schriftstellerisch und übersetzerisch tätig. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde Baumann zum erfolgreichen Autor von Jugendromanen und -sachbüchern. In den 1970er- und 1980er-Jahren standen die Bearbeitungen klassischer Sagen und Legenden für Kinder sowie eigene Werke für Kinder im Vordergrund. Darüber hinaus schuf Baumann Kompositionen von Kindergedichten und -liedern.

Geistige Einstellung[Bearbeiten]

Bestimmende Themen seiner frühen Dichtung waren der soldatische Gehorsam, die Frontkameradschaft und der ehrenvolle Tod fürs Vaterland. Die Pflichterfüllung von Bauern und Arbeitern, Revisionismus, die Expansion nach Osten und die Verherrlichung der Mütter als Garanten für die Erhaltung des Volkes waren weitere Leitgedanken aus seinem ideologischen Kanon, der ihn zu einem nationalsozialistischen Dichter machte.

Konträr dazu lag der Schwerpunkt seines Schaffens nach dem Kriege auf der parabelhaften Erzählung historischer Ereignisse und der Konfrontation seiner Hauptfiguren mit Versuchung, Verführung und Zerstörung durch Macht und das Charisma realer Personen, wie in Ich zog mit Hannibal. Damit reflektierte er selbstkritisch auch sein Wirken während des Dritten Reiches, das bis heute umstritten ist.

Lied-Dichter für den Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Baumann schrieb und komponierte Lieder für die Hitler-Jugend und den Bund Deutscher Mädel, so z. B. das berühmt-berüchtigte Es zittern die morschen Knochen, aber auch zunächst als unverfänglich angesehene Lieder wie Hohe Nacht der klaren Sterne und Es geht eine helle Flöte. Von dieser Rolle distanzierte sich Baumann nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige Literaturkritiker stellten seine Absage allerdings in Frage, da Baumann in der literarischen Bewältigung seiner Tätigkeit im Dritten Reich die damaligen Machtträger durch Zuweisung einer mehr oder weniger großen Teilschuld an die Opfer zu entlasten suchte. Als Beispiel hierfür erlangte das im Zusammenhang mit der Verleihung des Gerhart-Hauptmann-Preises 1959 bekannt gewordene Drama Im Zeichen der Fische öffentliche Aufmerksamkeit. Dieses unter einem Pseudonym eingereichte Stück wurde von der Berliner Volksbühne ausgezeichnet, der Preis aber nach Bekanntwerden der Urheberschaft Baumanns 1962 wieder zurückgezogen.

„Nach Auskunft von Frau Elisabeth Baumann entstand das Lied ,Es zittern die morschen Knochen‘ mit den berüchtigten Versen ‚Heute gehört[4] uns Deutschland und morgen die ganze Welt‘ 1932 während einer Wallfahrt Hans Baumanns nach Neukirchen bei Heiligenblut. Damals war er Mitglied im katholischen Bund ‚Neu Deutschland‘. Große Karriere machte dieser Text ab 1934 in den Organisationen der NSDAP. Er gehörte zu den Standardtexten der Hitler-Jugend und der SA und wurde zum Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes. Baumann selbst nutzte es aufgrund seiner einflussreichen, beruflichen Stellung in der Reichsjugendführung sehr effektiv. 1993 setzte das Landgericht Hannover das Lied auf die Liste der verbotenen, nationalsozialistischen Kennzeichen.“

Lied-Dichter für die Nationalsozialisten; Amberger Zeitung vom 15. April 2005

Bis heute ist umstritten, ob vor 1945 häufiger „heute, da hört …“ oder „heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt“ gesungen wurde. Siehe dazu auch das Notizbuch eines Philologen von Victor Klemperer. Nach Hubertus Schendel, einem als Kind aus Deutschland ausgewanderten Kanadier, der sich aus Passion mit deutschem Liedgut beschäftigt und ein großes Archiv hat,[5] ist in 68 Prozent der Liederbücher aus der Zeit 1933 bis 1945 in seinem Archiv „Heute da hört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt“ zu lesen, worunter sich alle bei ihm vorhandenen Partei-, SA-, und SS Liederbücher befinden. Ohne Zweifel wurde in den Jahren des dritten Reiches von vielen „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ gesungen und so steht es auch in den restlichen 32 Prozent seiner Liederbücher, die bis auf eines erst ab 1934 veröffentlicht wurden. In zwei Liederbüchern aus dem Jahre 1936, Pflichtlieder der HJ (SV158a) und Singen im NSKK (SV209), ist sogar eine zusätzliche Strophe zu finden, welche eine Missdeutung eigentlich verhindern sollte: „Sie wollen das Lied nicht begreifen, / sie denken an Knechtschaft und Krieg, / derweil unsre Äcker reifen – / du Fahne der Freiheit, flieg!“[6]

Sein Erfolg als Autor von Jugendbüchern, die allesamt nach dem Krieg entstanden und vielfach übersetzt wurden, blieb hiervon unberührt, wie auch die internationale Anerkennung bewies.

In der Sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik wurden zahlreiche seiner Schriften auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[7][8][9][10]

Seine Lieder sind in Gruppen der extremen Rechten verbreitet, der Freibund und der Ring Freiheitlicher Jugend Österreich verwenden sein Lied Nur der Freiheit gehört unser Leben als Vereinshymne.[11]

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Lyrik[Bearbeiten]

  • Macht keinen Lärm, 1933
  • Der helle Ton, o.J.
  • Unser Trommelbube, 1934
  • Trommel der Rebellen, Liederbuch, 1935
  • Horch auf Kamerad, 1936
  • Wir zünden das Feuer, 1936
  • Kampf um die Karawanken, 1938
  • Der helle Tag, o.J. (um 1938)
  • (Hrsg.) Morgen marschieren wir. Liederbuch der deutschen Soldaten, 1939
  • Atem einer Flöte, 1940
  • Briefgedichte, 1941
  • Der Wandler Krieg. Briefgedichte, 1942
  • Die helle Flöte, 1948
  • 3 x 13 kleine Fische, 1964
  • Reisepass, 1978/1985

Dramen[Bearbeiten]

  • Rüdiger von Bechelaren
  • Alexander
  • Der Turm Nehaj, 1941
  • Im Zeichen der Fische, 1960

Kinder- und Jugendbücher[Bearbeiten]

  • Affengeplapper, 100 der schönsten Fabeln aus aller Welt
  • Bombo zaubert anders
  • Bergbauernweihnacht
  • Brennende Quellen
  • Buchstaben zu verkaufen
  • Das Einhorn und der Löwe
  • Das Everl und der Aff
  • Das gekränkte Krokodil
  • Das große Familienbuch für die Advents- und Weihnachtszeit
  • Das heimliche Haus
  • Das Karussell auf dem Dach
  • Das Karussell zur weiten Welt
  • Das Karussellgeheimnis
  • Das Kind und die Tiere
  • Das Liederboot
  • Das Riesenrhinozeros (mit Reiner Stolte)
  • Das Schaukelschaf
  • Das Schiffschaukelschiff
  • Der Bär und seine Brüder
  • Der bekränzte Spiegel
  • Der Drache von nebenan
  • Der große Alexanderzug
  • Der große Elefant und der kleine
  • Der grüne Esel. Sieben alte Fabeln neu erzählt
  • Der Junge aus dem Vogelnest
  • Der Kindermond
  • Der Löwe und die Maus
  • Der Mutter zulieb
  • Der rote Pull
  • Der Schatz auf der Dracheninsel. Mit Bildern von Manfred Schlüter.
  • Der Schimmel aus dem Bild
  • Der Sohn des Columbus
  • Der Weg zum Kap. Aus der Zeit Heinrichs des Seefahrers
  • Der wunderbare Ball Kadalupp
  • Der Zirkus ist da
  • Die Barke der Brüder
  • Die drei im blauen Luftballon
  • Die Feuerwehr hilft immer
  • Die Höhlen der großen Jäger
  • Die Kinder und der große Drache
  • Die Stadt der Tiere
  • Die Welt der Pharaonen
  • Dimitri und die falschen Zaren
  • Drei Bären im Bärenhaus
  • Drei Esel und ein Elefant
  • Ein Brief nach Buxtehude
  • Ein Fuchs fährt nach Amerika
  • Ein Kompaß für das Löwenkind
  • Ein Stern für alle
  • Fenny
  • Flügel für Ikaros
  • Gold und Götter von Peru
  • Hänschen in der Grube
  • Hasenwettlauf, aber ehrlich
  • Ich bin dabei
  • Ich zog mit Hannibal
  • Igel haben Vorfahrt Und 2 andere Geschichten
  • Im Lande Ur
  • In meinem Haus
  • Kasperle hat viele Freunde
  • Katzimir der Größte
  • Kleine Schwester Schwalbe
  • Kopfkissenbuch für Kinder
  • Krokodilvogel und Affenkind
  • Löwentor und Labyrinth
  • Mischa und seine Brüder
  • Pony Purr macht große Sprünge. Mit Bildern von Manfred Schlüter. Arena Verlag, Würzburg 1985
  • Penny
  • Redleg. Der Piratenjunge im Schottenrock
  • Schorschi der Drachentöter
  • Steppensöhne
  • Tina und Nina
  • Und wer fährt vorn?
  • Und wo wohnst Du?
  • Vom goldnen Licht
  • Vorstoß zum Pazifik
  • Warum Fiffi Fiffi heißt
  • Wer Flügel hat, kann fliegen
  • Wer rettet Eirene?
  • Wie kommt die Katze aufs Dach?
  • Wie Tierkinder schlafen
  • Wie Tierkinder spielen
  • Wolkenreise für den König

Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Das Regenbogentor (Russische Kinderreime)
  • Der Sonnenblumengarten (Russische Kinderreime)
  • Ein Reigen um die Welt – Gedichte aus 75 Sprachen
  • Gockelhahn und Hexenhaus (Russische Volksverse)
  • Russische Gedichte
  • Russische Lyrik
  • Das ganze Leben und ein Tag
  • Der Mückensammler
  • Dort, weit hinter dem Fluß
  • In der Mitte der Welt
  • Wolodjas Brüder
  • Der Kartoffelhund
  • Polarfuchs Napoleon III
  • Wasja kauft den Hund im Sack
  • Fünf Tauben und sechs Gauner
  • Das Kästchen
  • Das Quartett
  • Der Affenspiegel
  • Der Machthaber
  • Der Wißbegierige
  • Fischsuppe bei Demjan
  • Kleiner Weltspiegel
  • Wasserfall und Quell
  • Die Brüder des Zaren
  • Die Osterkerze
  • Drei Kranzkuchen und ein Kringel. Geschichten für Kinder
  • Gottes Erde

Literatur[Bearbeiten]

  • Agnes Biedermann: Hans Baumann im Banne der HJ. Gruppenlied unterm Hakenkreuz. Staatsexamensarbeit. Musikhochschule Karlsruhe 1997.
  • Winfred Kaminski: Heroische Innerlichkeit. Studien zur Jugendliteratur vor und nach 1945. Dipa, Frankfurt am Main 1987. (= Jugend und Medien; 14).
  • Sonja Kröger: Schatten der Vergangenheit. Leben und Werk Hans Baumanns. Universität Kiel, Kiel 1994.
  • Winfried Mogge: „Und heute gehört uns Deutschland …” Karriere und Nachwirkungen eines Liedes 1933–1993. In: Peter Ulrich Hein, Hartmut Reese (Hrsg.): Kultur und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Festschrift zum 65. Geburtstag von Arno Klönne. Frankfurt u.a. 1996, S. 101–109.
  • Marcel Reich-Ranicki: Der Fall Baumann. In: Marcel Reich-Ranicki: Literarisches Leben in Deutschland. Kommentare und Pamphlete. Piper, München 1965.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 32.
  2. a b c Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, CD-Rom-Lexikon, Kiel 2004, S. 260.
  3. a b Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, CD-Rom-Lexikon, Kiel 2004, S. 259.
  4. wörtl. Zitat der Quelle von 2005. Zu den zwei versch. Versionen siehe folgenden Abschnitt
  5. Hubertus Schendel (Delta, Britisch Columbia, Kanada): Eine Heimat für das deutsche Lied (PDF; 1,7 MB): Globus 1/2009
  6. Hubertus Schendel: Weiteres über das Lied „Es zittern die morschen Knochen“; (PDF; 51 kB) 6. Juli 2009, deutscheslied.com
  7. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-b.html
  8. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-k.html
  9. http://www.polunbi.de/bibliothek/1948-nslit-b.html
  10. http://www.polunbi.de/bibliothek/1953-nslit-b.html
  11. Kommentar Heribert Schiedels zum RFJ 2008